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Kommentar zu den Morden in Halle: Antisemitismus ist kein Randphänomen

Es ist an der Zeit, die Realität anzuerkennen. Judenhass ist kein Randphänomen, sondern entstammt dem kulturellen Erbe der sogenannten abendländisch-christlichen Tradition.

Jüdische Synagoge in Augsburg © Siegfried Kerpf/Stadt Augsburg

 

Kommentar von Bernhard Schiller

Jedes Mal, wenn ein Mensch durch die Hand eines Menschen zu Tode gebracht wird, wird die gesamte Menschheit verwundet. Der Mörder von Halle hat zwei Menschenleben auf dem Gewissen, weitere Menschen hat er schwer verletzt. Ihnen, die noch immer namenlos sind, und denjenigen, die mit ihnen verbunden sind, gehört alle Anteilnahme.

Nun regnet es wieder Floskeln und Performative. Alle seien geschockt, alle seien betroffen, der Anschlag wäre ein Anschlag auf alle. Aber das ist nicht richtig.

Manche feiern die Tat, einige werden sogar gleichgültig bleiben. Der Täter war fest entschlossen, Juden zu ermorden. Was nur deshalb nicht richtig funktionierte, weil die Synagoge fest verschlossen war. Kaum vorstellbar, wie die Situation im Inneren des Hauses gewesen sein muss. Menschen, die um ihr Leben fürchten mussten und nicht wussten, was draußen los ist, wie viele Angreifer es sind und wer kommt, um sie zu beschützen und zu verteidigen. Und ob überhaupt jemand kommt. Synagogen in Deutschland sind für nicht angemeldete Besucher verschlossen und werden mit Hilfe von Kameras, Wachleuten oder Polizisten geschützt. Das ist an sich schon skandalös, gehört aber zur Normalität in diesem Land wie Burgerrestaurants und Kirchweihen. Kaum jemand juckt‘s. Diesmal muss es anders sein.

Der Anschlag galt Juden. Das Datum war nicht zufällig gewählt. Jom Kippur, das Versöhnungsfest, ist der wichtigste jüdische Feiertag. Er markiert das Ende einer Zeit der Umkehr, der Vergebung von Schuld durch tätige Reue sowie des individuellen wie auch gesellschaftlichen Neubeginns. Genau diesen Tag scheint sich der Mörder ausgesucht zu haben, um an die Verbrechen anzuknüpfen, die von Deutschland ausgingen. Auch die Schüsse „auf eine Dönerbude“ galten keiner Bude, sondern Menschen und es liegt nahe, dass ein deutscher Neonazi, dessen Vorbild vermutlich der Mörder von Christchurch war, auch dieses Ziel nicht zufällig ins Visier nahm. Das darf bei allen berechtigten Reaktionen auf den antisemitischen Anschlag nicht unter den Tisch fallen.

Die Tat kam nicht „aus dem Bodensatz der Gesellschaft“, wie der FAZ-Redakteur Jasper von Altenbockum noch am selben Tag nahelegte. Im Gegenteil! Sie kam direkt aus der Mitte. Wären die Umstände nicht derart schlimm, man könnte flapsig formulieren: Jede Gesellschaft hat den Bodensatz, den sie verdient. Antisemitismus ist weder ein Problem von Zugewanderten noch von irgendwelchen Rand- oder Bodenexistenzen. Zwar kommen haufenweise Menschen aus bestimmten Weltregionen nach Deutschland, von wo sie antisemitische Einstellungen und Judenhass mitbringen. Doch wer sich mit der Geschichte des Antisemitismus beschäftigt, der kann erkennen, dass vieles davon als Re-Import nach Deutschland zurückschwappt.

Es war der Propagandaapparat des Deutschen Reichs, der zwischen 1933 und 1945 den modernen Judenhass medial in muslimische Länder impfte. Wenn es jetzt ein sogenannter Neonazi war, der Juden ermorden wollte, so knüpft er an die hiesige und keine andere Tradition an. Einen Bodensatz gibt es in jeder Gesellschaft. Aber nicht jede Gesellschaft findet die Verantwortung für massenhafte Pogrome, systematische Ermordungen und einen industriell organisierten Genozid in ihren Geschichtsbüchern. Der Terroranschlag von Halle straft all jene Lügen, welche die Bedrohung durch den Antisemitismus bisher heruntergespielt haben. Oder die Gefahr nur dann sehen wollten, wenn es ihnen gleichzeitig gegen Muslime ging. Oder die sie rationalisierten unter dem – in der Regel auf Halb- und Unwahrheiten beruhenden – Hinweis auf den arabisch-israelischen Konflikt.

Damit muss Schluss sein! Antisemitismus ist kein Randphänomen, er hat seine Wurzeln mitnichten im politischen Geschehen des Staates Israel und er wurde auch nicht von einer bestimmten politischen Partei erfunden.

Der Hass auf die Juden ist fest in die Tiefenstruktur der sogenannten westlichen Zivilisation eingeschrieben. Tiefenstruktur meint etwas gänzlich anderes als Bodensatz. Der Nationalsozialismus war kein Fremdkörper, der im Januar 1933 aus heiterem Himmel aufs deutsche Volk fiel und selbiges infolgedessen aus allen Wolken. Er war und ist das Produkt religiöser und philosophischer Traditionen, die im spezifisch deutschen Kontext spätestens zur Reformationszeit zusammentreffen und die ihren Weg durch Wissenschaft, Medien, Kunst, Literatur und Erziehung, sprich durch das Denken, die Sprache und das Verhalten der Menschen bis ins 20. Jahrhundert und in die Gegenwart hinein fortsetzen.

Diese Linien zu sehen, erfordert vielleicht etwas Mut und etwas Kraft, vielleicht aber auch nur den einfachen, willentlichen Entschluss samt der Bereitschaft, die Schmerzen der Selbstkritik zu tragen. Aber die Anerkennung dieses Tatbestands wäre die Voraussetzung für die tiefgreifende Veränderung des Selbstverständnisses der deutschen Gesellschaft, die ebendiese Gesellschaft auch im 75. Jahr nach dem Ende des Nazi-Regimes noch schuldig bleibt und die sie dringend braucht. Alles andere ist nur die hohle Rede von „Verantwortung“.

Wir sollten uns nichts vormachen. Von einem „Wehret den Anfängen!“ braucht niemand mehr zu sprechen. Es hat bereits begonnen. Der Staat muss handeln, selbstverständlich, das ist seine Aufgabe. Aber auch und ganz besonders muss die Zivilgesellschaft handeln, die in ihren Diskursen wesentlich bestimmt, welche Gewächse auf ihrem Bodensatz gedeihen.

 



Wahlkampf: SPD bemängelt Defizite der Augsburger Kulturpolitik

Der Wahlkampf macht es möglich: Die SPD benennt eine große Schwachstelle der Augsburger Stadtregierung, nämlich die Defizite in der Kulturpolitik.

Von Siegfried Zagler

Von der Kulturpolitik unterschätzt. Ein mögliches Museumsprojekt mit Potential: der Bahnpark

Mit Thomas Weitzel ist die Stadt Augsburg mit einem Kulturrefenten geschlagen, der kaum aktive Kulturpolitik macht, keine Vorstellungen und schon gar keine Pläne entwickelt. Dafür gibt es reihenweise Gutachten und einen städtischen Kulturentwicklungsplan, der nicht verhindern konnte, dass der Bahnpark in großen Schwierigkeiten steckt, die museale Darstellung des römischen Erbes darniederliegt, das Brechthaus inhaltlich wie baulich vor sich hinschläft, die Halle 116 nur sehr langsam als Erinnerungsort bezüglich der Naziverbrechen entwickelt wird, die Freilichtbühne sich inhaltlich wie baulich im Tiefschlaf befindet, der Streit um das Friedensfest zu eskalieren droht, das Brechtfestival künstlerisch abgestürzt ist und die Sanierung des Staatstheaters aus dem Ruder zu laufen droht.

Als wäre das nicht schlimm genug, verliert die Stadt Augsburg „kulturpolitisch Boden bei der Staatsregierung“, wie die SPD zutreffend erkannt hat und seit gestern via Pressemitteilung anprangert: „Sowohl die Situation um den Glaspalast, als auch um das Architekturmuseum stellt sich als unbefriedigend dar.“

Im Glaspalast bleibt die Stadt, nachdem sich die Bayrische Staatsgemäldesammlung zurückgezogen hat, als einsamer Mieter im ebenerdigen Museumsbereich der Walter-Immobilie zurück. Die Stadt muss nun die gesamte Miete und Betriebskosten tragen: zirka 600.000 Euro im Jahr. „So werden auf Kosten der Augsburger Bürger monatlich rund 20 000 Euro verbrannt, welche auf die Leerstände durch den Abzug der Sammlung zurückzuführen sind. Geld, das zum Beispiel für Projekte der freien Kunstszene gut angelegt wäre“, so Dirk Wurm (OB-Kandidat der SPD). Und schließlich schießt Wurm mit scharfer Munition gegen Weitzel: „Dass die Leerstände im Glaspalast keinerlei Einzug in das soeben öffentlich bilanzierte Kulturentwicklungskonzept zur Augsburger Museumslandschaft gefunden haben, lässt auf Nachlässigkeit in dem für dieses Thema verantwortlichen Kulturreferat schließen“, so Wurm.

Beim Architekturmuseum seien die Parallelen zum Glaspalast frappierend, hier zieht sich die TU München nach 25 Jahren aus der Trägerschaft des Museums zurück. „Schon über Jahre zeichnete sich ab, dass die TUM dieser Trägerschaft entweder nicht mehr gewachsen war oder ihren aus diesen erwachsenen Verantwortungen, aus anderen Gründen nicht gerecht werden wollte“ so Wurm, der sich darüber echauffiert, dass diese Entscheidung bei den CSU-Verantwortlichen im Ministerium und Rathaus unkommentiert bleibe. „Es macht den Anschein, dass es jenseits des Leuchtturmprojekts Staatstheater kein Interesse mehr an unseren kulturellen Schätzen gibt.“

Von der Kulturpolitik vernachlässigt: die Freilichtbühne © DAZ

Am morgigen Samstag findet zur Verabschiedung des Wahlprogramms ein extra dafür einberufener Parteitag der Augsburger SPD statt. Im Entwurf, der der DAZ vorliegt, steht unter Kultur (Seite 18 ff) zum „Leuchtturmprojekt Staatstheater“ folgendes: „Die schon jetzt immensen Kostensteigerungen bereiten uns Sorgen. Daher sind alle bestehenden Planungen auf den Prüfstand zu stellen, mit dem Ziel, ein qualitätvolles, den Ansprüchen einer vielfältigen Großstadt zu genügen und für die Stadtgesellschaft finanziell leistbares Staatstheater zu erhalten.“

Das ist eine Aussage, die die bisherige Planung in Frage stellt und den Sanierungsgrundsatzbeschluss des Stadtrats unter der Voraussetzung eines Kostendeckels von 187 Millionen verfestigt. Die SPD schreckt auch nicht davor zurück, in ihrem Wahlprogramm inhaltliche und personelle Vorstellungen zum Theater zu formulieren, die die laufenden Betriebskosten deutlich nach oben schrauben würden: „Das Augsburger Staatstheater eröffnet neue Perspektiven für die Stadt: dazu gehören internationale Gastspiele, ein größeres Orchester, Kompositionsaufträge an namhafte Komponisten und junge Talente. Wir fordern, dass die Theaterpädagogik deutlich ausgebaut wird. Das Repertoire des Staatstheaters soll sich für breitere Publikumsschichten öffnen und verstärkt Kooperationen enthalten.“

Einen großen Raum nimmt bei den Genossen auch das Brechtfestival ein, das fortentwickelt werden soll. Sie setzen sich dafür ein, den Augsburger Bert-Brecht-Kreis mit einem Vertreter/einer Vertreterin in die Jury für sein Engagement zu würdigen. Eine Forderung, die die jahrelangen Querelen zwischen den Bündnispartnern (CSU/SPD/Grüne) bezüglich dieser Jurybesetzung dokumentiert. Inhaltlich werden die zurückliegenden Brechtfestivals mit folgender Forderung kritisiert: „Eine Festivalzentrale ist erforderlich.“

Bahnpark und Freilichtbühne sind bisher im SPD-Wahlprogramm unberücksichtigt.