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Zum Teufel mit dem Turamichele

Warum man das Turamichele-Fest abschaffen sollte

Und wieder erhält Bernhard Schillers Turamichele-Essay einen aufregenden Aktualitätsbezug: Morgen ist nämlich „Turamichele-Tag“ 

Von Bernhard Schiller

Die Turamichele-Prozession: 162 Stiche gegen das Böse: (Foto: Stadt Augsburg))

Die Turamichele-Prozession: 162 Stiche gegen das Böse (Foto: Stadt Augsburg)

Es dauert nicht mehr lange, dann wird dem Publikum auf dem prominentesten Platz der Friedensstadt ein durchaus blutrünstiges Schauspiel geboten: Heerscharen von Kindern bejubeln einen Krieger, der seinem sich vor Schmerzen krümmenden Gegner mit Lanzenstichen „im Takt der Stundenschläge den Garaus macht“, wie es auf der Homepage der Stadt Augsburg hieß.
Das Turamichele-Fest ist eine gemeinsame Veranstaltung der City Initiative Augsburg (CiA) und der Stadt Augsburg. Ihre Erläuterungen zu Geschichte und Bedeutung des blutigen Puppenspiels im Perlachturm sind von frappierender Oberflächlichkeit gezeichnet. Ihnen genügt der Verweis zur 400-jährigen Tradition und die konsenstaugliche Formel vom „Sieg des Guten über das Böse.“ Genau diese Formel jedoch ist besonders kritikfähig. Zum einen, weil überall dort, wo Menschen metaphysische Kämpfe real umsetzen wollen (Beispiel Islamischer Staat), die größten Grausamkeiten zutage treten. Zum anderen, weil sich die moralische Architektur in einer dynamischen und offenen Gesellschaft nach 400 Jahren längst verändert haben sollte.

Um zu verstehen, weshalb das Turamichele in Augsburg dennoch durch Religions- und Weltkriege hindurch bis heute weiter morden darf, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen. Im Gegensatz zur Behauptung der Stadt Augsburg wird das Turamichele nicht erst seit den 1950er Jahren als großes Familienfest begangen. Zahlreiche Dokumente im Augsburger Stadtarchiv zeugen von der Kontinuität des Brauches seit dem Mittelalter und – insbesondere in seiner herausragenden Bedeutung für nationalsozialistische Durchhalteparolen in den 1940er Jahren. In einer Sondersendung des Deutschen Kurzwellensenders wurden zur Ermunterung der Frontsoldaten im Winter 1942 Aufnahmen vom Turamichele-Fest ausgestrahlt, die ein Journalist der Neuen Augsburger Zeitung an die Adresse der Kinder wie folgt kommentierte: „Da kann ich mir ja nun so ungefähr vorstellen, wie da unsere Soldaten in den Bunkern und Gräben und auf Vorposten spitzen werden, wenn plötzlich Euer „Eins-zwei-drei“ markerschütternd durch den Lautsprecher an ihr Ohr dringt.“

Bösartige Durchschlagskraft sprachen auch andere Nationalsozialisten dem Michaelsgeist zu: „Es ist der Michaelsgeist! Michael tritt sein göttliches Amt an. Er ist erwacht. Unser Volk wurde in unseren Tagen gewürdigt, die Waffen des Michael gegen das Untermenschentum zu führen.“  So predigte es ein Stuttgarter Pastor 1935 repräsentativ für all die anderen nationalsozialistischen Pastoren, Prediger und Propagandisten. Niemand anders als Adolf Hitler galt ihnen als der Erlöser, der gekommen war, den „Michaelsgeist“ zu reanimieren. Auch die NS-Presse schwärmte von der „Wiedergeburt vergangener Zeit“, als am 05. August 1934 30.000 Nationalsozialisten in Sonderzügen nach Ulm reisten, um im dortigen Münster eine monströse, stählerne Michaelsskulptur einzuweihen. Sie hängt dort bis heute.

Ein Schutzpatron des Heiligen Römischen Reichs und eine Identifikationsfigur einer sich darunter konstruierenden deutschen Nation

Warum sprachen die Nationalsozialisten von einer „Wiedergeburt“? Die Antwort ist unmittelbar mit der Augsburger Stadtgeschichte verknüpft und liegt vor den Toren der Stadt auf dem historischen Lechfeld begraben. Im Jahr 955 gewannen dort die Soldaten Ottos I. die Entscheidungsschlacht gegen die Krieger der Magyaren. Und weil die siegreichen Kämpfer, so die Legende, ein Bildnis des Erzengels Michael auf ihrem Banner trugen, galt dieser fortan als Schutzpatron des Heiligen Römischen Reichs und als Identifikationsfigur einer sich darunter konstruierenden deutschen Nation. Wie gelangte Michael aber auf das Banner der Soldaten? Der Engel Michael findet erstmalig namentlich Erwähnung im Buch des Propheten Daniel. Dort ist er die Schutzmacht des Volkes Israel. Der Name Michael (Mechila) bedeutet Vergebung. Er ist – wie alle Engel im jüdischen Glauben – kein eigenständiges Wesen, sondern ein Aspekt Gottes. Eine bildliche Darstellung zum Zwecke der Anbetung ist hier unvorstellbar und wäre verwerflicher Götzendienst, ebenso die Lehre vom Dualismus widerstreitender Mächte aus Licht und Dunkel, wie sie beim Turamichele propagiert wird.

Michaeliskult am Zeughaus: finstere Bronzezeugen eines verwerflichen Götzendiensts (Foto: B. Schiller)

Michaeliskult am Zeughaus: finstere Bronzezeugen eines verwerflichen Götzendienstes (Foto: B. Schiller)

Erst in der christlichen Bibel erhalten das Böse und das Gute jene dualistische, schwarz-weiße Ausprägung, wie sie in der Johannes-Offenbarung zu finden ist – in der Erzählung von der endzeitlichen großen Schlacht zwischen Michael und dem Teufelsdrachen. Als Papst Gelasius im Jahr 493 den 29. September zum Festtag des Erzengels Michael erklärte, verschmolzen die Eigenschaften der vorchristlichen Odinskrieger und die des christlichen Siegers über das Böse zu einer germanisch-messianischen Allianz. Zuvor feierten die Germanen an diesem Datum ihren obersten Kriegsgott Odin/Wotan. Der Name Wotan bedeutet Wüterich. Nach der wütenden Schlacht auf dem Lechfeld ging dementsprechend in der Vorstellung der deutschen Christenheit auch die Vision Israels („das von Gott „auserwählte Volk“) als fiebriger Wahn auf die deutsche Nation über. Der deutsche Michel entstand, also jener Mythos vom schlafenden Weltenretter, der beizeiten geweckt werden muss, um dem jeweiligen Satan den Garaus zu machen. Das Volk der angeblichen Christusmörder, die Juden, landete dabei nachhaltig auf der Seite des Teufels.
Vor genau 400 Jahren wurden Turamichele-Figuren in Augsburg erstmals schriftlich erwähnt. In einer Zeit, die auch und insbesondere in Augsburg aufgeladen war durch die Gegnerschaft von Protestanten und Katholiken. Damals war es die alljährliche weihevolle Aufgabe der Betschwestern des Klosters Maria Stern, das nackte Turamichele zum Festtag einzukleiden und bunt zu dekorieren. Naheliegend, dass der Engel – ähnlich der finsteren Michaelsbronze über dem Zeughaus-Portal – Symbol der Gegenreformation war und regelmäßig den lutherischen Teufel abstach. Jedoch, auch und gerade Protestanten atmeten Michaelsgeist voller Überschwang. Sie waren die gedanklichen Wegbereiter des deutschen National-Messianismus.

Nach 1822 diente das Turamichele als Projektionsfläche für Affekte gegen die verhasste Staatsregierung in München

Dichterfürst Friedrich Schiller (1759 – 1805) etwa kam zu dem Schluss, der Deutsche sei „erwählt von dem Weltgeist“. Sein Zeitgenosse Friedrich Schleiermacher (1768-1843), einer der bedeutendsten Pädagogen und protestantischen Theologen, nannte die deutsche Nation „ein auserwähltes Werkzeug und Volk Gottes“. Friedrich Perthes (1772 – 1843), damals einer der wichtigsten Verlagshändler, war überzeugt: „Wir Deutsche sind ein auserwähltes Volk, […] welches die Menschheit repräsentiert“. Der glühende Patriot und Frühnationalist Turnvater Jahn (1778-1852) konnte sich nicht zurückhalten und verlautbarte, dem deutschen Volk komme es zu, „des Weltbeglückers heiliges Amt“ auszuüben und kraft seiner „menschlichen Göttlichkeit“ die „Erde als Heiland zu segnen“. Papist oder Lutheraner – von der Schlacht auf dem Lechfeld bis in die Neuzeit jedenfalls war man im deutschen Kulturraum überzeugt, die Welt vom Übel erlösen zu müssen und das, neben aller Kathedertheologie und Kathederphilosophie, mittels roher Gewalt und stets unter Anrufung des Nationalheiligen Michael.

Das alles war den Aufklärern aus München egal. Als im Jahr 1806 die bis dato Freie Reichsstadt Augsburg unter die Hoheit des Königreichs Bayern geriet und fortan von München aus regiert wurde, sollte es auch mit dem Turamichele zu Ende gehen. An der Isar hatte man unter der Leitung des Grafen Montgelas begonnen, einen modernen, säkularen Staat zu schaffen, der mitunter die Abschaffung von Privilegien der Glaubensvertreter vorsah, sowie die Schaffung von Freiheitsrechten für die Mitbürger jüdischen Glaubens. Im Turamichele sah man deshalb ein voraufklärerisches Schauspiel und so wurde es kurzerhand verboten. Eine derartige Einflussnahme konnten die (durch Verlust ihres Standes als Freie Reichsstädter ohnehin schon schwer gedemütigten) Augsburger nicht akzeptieren und erstritten sich im Jahr 1822 ihren gewalttätigen Engel zurück. Nunmehr diente das Turamichele nicht mehr nur als Projektionsfläche für aggressive Affekte gegen Heiden und Andersgläubige, sondern auch gegen weltliche Feinde, in diesem Fall die verhasste Staatsregierung in München.

Erzengel Michael: Lautstark riefen die Soldaten des Ersten Weltkrieges nach ihrem Patron

1871 wurde Bayern Teil des neu gegründeten Deutschen Reichs, dem mit Wilhelm I. wieder ein Kaiser voranging. Dessen Enkel wurde ebenfalls Kaiser und suchte sich zur Legitimation seiner und des deutschen Volkes herausragender Stellung in der Weltgeschichte einen neuen Dämon, ein paar tausend Kilometer weiter entfernt: China! Wilhelm II. rief die Völker Europas zum Widerstand gegen die von ihm im damals üblichen Rassistenjargon so genannte „Gelbe Gefahr“ auf und ließ illustratorisch den heiligen, deutschen Michel die europäischen Nationen anführen. Er krönte das Kriegsgeschrei in seiner an die Schlachten des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation erinnernden, berühmten „Hunnenrede“ vom 27. Juli 1900: „Die Aufgaben, welche das alte römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen. Das Mittel, das ihm dies ermöglicht, ist unser Heer.“ 13 Jahre später ließ Wilhelm II. das gigantische Völkerschlachtdenkmal in Leipzig als Zeichen deutscher Befreiung einweihen. Riesige Reliefs zeigen dort einen menschengestaltigen Erzengel Michael als Schutzpatron der Deutschen. Darüber die steinerne Inschrift: „Gott mit uns.“ Der Deutsche Patriotenbund, Bauherr des Denkmals, nannte den Erzengel Michael stolz den „Kriegsgott der Deutschen“, der „alles vor sich niederwerfend dahinfährt.“ Traditionsbewusst und derart missionstrunken rannten dann die Krieger des neuen, alten Deutschen Reichs, den Auftrag zur endzeitlichen Erlösungsschlacht halluzinierend, in die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges. Lautstark riefen sie dabei nach ihrem Patron:

„St. Michel, hilf nun Deinem Volke!
Weih unsere Waffen,
Ein Großes zu schaffen!
Führ uns zum Siege! Zum Siege!“

Der Krieg führte in eine Katastrophe, der deutsche Glaube an den heiligen Auftrag blieb dennoch erhalten: Der deutsche Michel erwachte erneut und mit ihm Hitler. – Und heute? Die von Religionskriegen und apokalyptischen Szenarien geprägte Gegenwart erinnert in mancher Hinsicht an vergangen geglaubte Zeiten. Erneut sehen sich Menschen hierzulande Gefahren durch fremde Mächte ausgeliefert und suchen nach Bewältigungsstrategien – deutschtypisch polarisiert zwischen Welterlösungstum und aggressivem Nationalismus. Das fest ins kulturelle Erbe Deutschlands gebrannte Narrativ vom schlafenden Michel respektive der Lichtgestalt des Erzengel Michael und seinen finsteren Feinden wabert weiterhin im kollektiven Gedächtnis. Hieraus schöpfen diejenigen, die heute vorgeben, mit eines Volkes Stimme zu sprechen und ein „christliches“ Abendland zu verteidigen ihren Ungeist. Sie gewinnen den Mob und die Masse für sich und ihre Ziele, weil ihr Gegner (islamischer Terror) tatsächlich böse ist. Doch sie würden den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Solange Bräuche wie das Turamichele-Fest existieren, solange existiert auch der Nährboden für Antisemitismus, Rassismus und totalitäre Gewalt

Solange Bräuche wie das Turamichele-Fest unreflektiert Spuren in Gehirnen legen, solange existiert auch der soziokulturelle Nährboden für Antisemitismus, Rassismus und totalitäre Gewalt. Augsburg, als Friedensstadt, kann die Herausforderung annehmen. Das Turamichele ist kein Kinderfest. Kinder, zumal die kleinen, unterscheiden nicht zwischen Holzfiguren und Wesen aus Fleisch und Blut. Mit dem Turamichele wird am Rathausplatz nicht nur Gewalt als Mittel im Umgang mit Konflikten propagiert, sondern – vor allem – die euphorisch-mörderische, vollkommen mitleidslose und brutalstmögliche Vernichtung des Gegners. Das ist nicht bloß unzeitgemäß, das ist unmenschlich und unwürdig. Mitnichten handelt es sich beim Gegner des Turamichele um einen „Teufelsdrachen“, wie von den Veranstaltern suggeriert. Der Unterlegene hat Menschengestalt und wurde durch diverse Anleihen aus dem Bestiarium zum dunklen, schmutzigen Untermenschen stilisiert. Da sich Metaphysik und handfeste ökonomische Interessen generell zum mutmaßlichen Vorteil aller kombinieren lassen, freuen sich die Veranstalter auch in diesem Jahr, Kinder und Eltern „beim mittlerweile über 400 Jahre andauernden Kampf Gut gegen Böse und einem XXL-Shoppingerlebnis begrüßen zu dürfen“ (CIA). „Blutrausch trifft Kaufrausch.“ Viel mehr als Sarkasmus möchte man dieser Gedankenlosigkeit nicht hinzufügen.

Was bliebe übrig, würde dem Turamichele-Fest sowohl die eschatologische Überhöhung, als auch der blinde Kommerz entzogen? Nichts! Um im Zuge der allgemeinen Musealisierung auch das Turamichele in die Jetztzeit zu überführen, könnten neue Wege der interaktiven Auseinandersetzung mit dem Thema eingeschlagen werden. Vorstellbar wäre die Partizipation des Publikums, etwa indem Kinder die blutige Lanze mittels Wireless-Joystick selbst in den zappelnden Körper des Unterlegenen rammen.

Stattdessen könnten die Turamichele-Figuren (und dieser Vorschlag ist durchaus ernst gemeint) auch in ein richtiges Museum verfrachtet werden, um dort aus der Distanz, aber plakativ, die Unterschiede zwischen totalitär-messianischen Ideologien und einer säkularen, freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft zu demonstrieren. Für kontemplativ Veranlagte bietet die christliche Mythologie auch freundlichere Versionen der Konfliktbewältigung an. Wie zum Beispiel die friedensstiftende Legende der Martha von Bethanien, die den menschenfressenden Drachen Tarasque mit einem selbst gebastelten Kreuz aus Zweigen und ihrem sanften Gesang zähmte.



Zum Teufel mit dem Turamichele – Teil 2

Im 17. Jahrhundert Mittel religiöser Hetze, im bayerischen Königreich von Aufklärern verboten, bei Nationalisten und Nazis beliebt: Mit dem Turamichele feiert die Stadt Augsburg seit über 400 Jahren ein eigentümliches Fest zwischen religiöser Ideologie, deutschem Überlegenheitswahn und blindem Kommerz.

Von Bernhard Schiller

Merkmal zivilisierter Kulturen ist die Einhegung der Gewalt und darin die physische Verschonung des unterworfenen Feindes sowie seine Zuführung zu einem rechtsstaatlichen Verfahren. Nicht so beim Turamichele, das seinen Gegner im Übertötungsrausch dahinmetzelt und gegen Aufklärung und Kritik seit Jahrhunderten immun zu sein scheint.

Zeughaus

Michaeliskult am Zeughaus      (Foto: B. Schiller)

Als Einwand auf die in der DAZ erschienene Kritik am Turamichele-Fest schreibt ein gewisser „Professor Dr. Spätzle“ in der Neuen Szene: „Vielleicht mag mich die Geschichte widerlegen (…): Sollte es Gründe für ein etwaiges Wiederaufleben von Antisemitismus, Rassismus und totalitärer Gewalt geben, dann wird dafür nicht in erster Linie das Turamichele verantwortlich sein.“ Das klingt unter Berücksichtigung der schwäbischen Verniedlichungsform plausibel, ist in der gemutmaßten Monokausalität aber irreführend. Was bei der Bagatellisierung fiktionaler Gewalt und ihr innewohnender Teufelsdarstellungen allzu oft übersehen wird, ist das unendliche Geflecht ähnlicher Erzählungen, deren narrative Strukturen situativ in feindseligen Gewaltäußerungen zu Tage treten können. Beim Turamichele kommt erschwerend hinzu, dass es sich hier weniger um Fiktion im Sinne eines bestenfalls parabelhaften Figurentheaters handelt, als vielmehr um ein identitätsstiftendes Ritual, wiederholt im alljährlichen Zyklus.

Schwarze Pädagogik in der „Friedensstadt“

Diese Zusammenhänge sinnvoll einzuordnen, verlangt eine Begleitung durch Erwachsene, die Kindern beim kritischen Hinterfragen vorgefundener Konzepte behilflich sind. Doch es geschieht genau das Gegenteil: Der Versuch seitens der Veranstalter, durch ein von Kindern aufgeführtes Turamichele-Schauspiel pädagogisch gerecht zu werden, dient nicht Aufklärung und kritischer Auseinandersetzung, sondern neuer Verschleierung. Bei jedem Stich des Himmelsfürsten, wurde da erzählt, verschwinde eine Sorge. Mit aggressiven Allmachtsphantasien die Realität bewältigen? An Sorgen und Konflikten reift, wer sie leben lässt.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit läuft kein Kind, das um 10:00 Uhr das Turamichele beim Niedermetzeln angefeuert hat, um 16:00 Uhr auf dem Spielplatz Amok. Ein Nachspielen der Szene jedoch ist durchaus vorstellbar und jeder, der die unheilvollen Dynamiken in Menschen- beziehungsweise Kindergruppen kennt, kann die Frage, wen die Rolle des Unterlegenen trifft, zuverlässig selbst beantworten.

Der Gegner des Turamichele liegt auf dem Rücken zappelnd über der Zirbelnuss, sämtliche Gliedmaßen von sich gestreckt, die Kehle zeigt frei und verwundbar zum Sieger. Unterwerfungsgesten, die Verhaltensforscher und Hundebesitzer gut verstehen und die den Verzicht auf weitere Gewaltanwendung wortlos kommunizieren. Wieso also soll Kindern (und Erwachsenen) mit höchster Autorität und vom Turm herab veranschaulicht werden, jegliche Hemmung fallen zu lassen? Weil der ökonomische Zweck ein „heiliger“ ist? Entspricht das dem kulturellen Auftrag einer Stadt, die sich selbst „Friedensstadt“ nennt?

Erlebnismarketing instrumentalisiert die Kinder und den Frieden zur Herstellung erwünschter Emotionen

Stündlich, nachdem der Engel sein Opfer vernichtet hat, lassen die auf dem Rathausplatz eingepferchten Kinder sogenannte „Friedensgrüße“ steigen. In Richtung himmlischer Heerscharen. Auch die bunten Ballons haben ihre Unschuld verloren. Sie sind bedruckt mit den Schriftzügen eines Großkinos, eines Möbelhauses, den Stadtwerken, der Stadtsparkasse sowie der Augsburger Allgemeinen. Dabei werden weder Friedensgrüße noch Grüße verschickt, sondern es wird einfach nur auf billigste Weise Marketing gemacht. Einfach nur albern, wie es in der Neuen Szene heißt, ist die Inszenierung auf Augsburgs repräsentativem Platz aber nicht. Sie folgt einem durchdachten Kalkül. Die Kinder und der Frieden sind für das Erlebnismarketing der Veranstalter lediglich ein Mittel, um die konsumrelevanten Emotionen der Erwachsenen zu wecken. Die nämlich tragen das Geld in der Tasche, welches am Marktsonntag in den Kassen der örtlichen Geschäfte verschwinden soll.

Eine Diskussion, ob dieser Zweck nun richtig ist oder falsch, soll hier nicht abschließend geführt werden. Dass man dafür aber die für die menschliche Existenz so außerordentlich bedeutsamen Kategorien von Gut und Böse diskussionslos instrumentalisiert, ist bodenlos und nicht hinnehmbar. Eine Stadt, der es wirklich ernst ist mit dem Frieden, kann sich solches nicht dauerhaft leisten. Frieden ist keine Marke.

Hier wird nun endlich deutlich, wie das Problem des Turamicheles gelagert ist: Ohne die (traditionelle) Überhöhung vom Kampf des Guten gegen das Böse und ohne den (gegenwärtigen) zweckrationalen Mächten gehorchenden totalen Markt, stehen da zwei winzige Holzfiguren für nichts. Nichts, außer dem, was tatsächlich – und das heißt, mit intentionslosen Kinderaugen geschaut – zu sehen ist: Ein Mensch, der einen anderen erniedrigt und ohne das geringste Anzeichen von Zweifel oder Zurückhaltung erbarmungslos absticht. Selbst im Katechismus der für das Turamichele-Ritual ursächlich verantwortlichen katholischen Kirche heißt es, dass die „Tötung des Angreifers“ zwar in der Notwehr passieren könne, aber nie gewollt sein kann. Ansonsten käme sie einem vorsätzlichen Mord gleich. Es braucht schon sehr viel Willen zur Wirklichkeitskonstruktion, um im mehrfach stumpfsinnig zustechenden Turamichele etwas anderes zu sehen.

Albernheit, Relativierung und die Suche nach großen Erzählungen
Professor Spätzle hat also Recht, wenn er nach den Spuren fragt, die das blutige Puppenspiel heutzutage in Gehirne legt. Es sind Spuren, die zwischen relativistischer Albernheit, zwischen Nihilismus und allumfassender Konsumreligion changieren. Diese Spuren führen zur Gewalt. Nicht jetzt, nicht hier und nicht bei diesem Kind. Aber insgesamt, als thermische Voraussetzungen einer gesellschaftlichen Großwetterlage. Die politische Gegenwart ist von Krisen und zunehmender Instabilität gekennzeichnet. Menschen suchen Halt und scharen sich um verführerische Angebote. Da sind jene großen Erzählungen, sei es die vom islamischen Kalifat oder die vom Heiligen Römischen Reich, vulgo christlichen Abendland. Sankt Michael, Schutzpatron des letzteren, steht dafür (nicht nur) symbolisch.

Wer nur nach hinten schaut und nebenan, nach Sachsen oder Syrien, mit dem Finger projektiv auf die sichtbaren Teufel deutend, und denkt: „Aber wir doch nicht! Aber ich nicht!“, den widerlegt die Geschichte in ihren wiederkehrenden Zyklen. Antisemitismus – insbesondere – wird nicht eventuell wieder auflodern. Er ist längst da. Er kommt von innen mit dem erwachenden Michaelsgeist in wütenden Deutschen, er kommt von außen durch zahlreiche Zuwanderer, er kommt aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, getarnt als sogenannte „Israelkritik“.

Michaelskult: Christliche Judenfeindschaft von Anfang an

Das „Gerücht über die Juden“, wie der Philosoph Adorno den Antisemitismus nannte, nahm den für die abendländische Geschichte ausschlaggebenden Anfang mit der usurpatorischen Aneignung und Verfälschung der Michaelsidee durch das romanisierte und dann deutsche Christentum, inklusive der im Heiligen Römischen Reich pervertierten Volk-Gottes-Vorstellung. Bis heute gelingt es den Kirchen nicht, sich von dieser im Michaelskult bildlich präsenten, genuin antijüdischen Erbsünde radikal zu lösen. Die Augsburger Stadtgeschichte ist (von der Schlacht auf dem Lechfeld bis hin zur Gemeinsamen Erklärung der Rechtsfertigungslehre im Jahr 1999) untrennbar mit der Kirchengeschichte verknüpft.
Nachvollziehbar, dass es darum schwerfallen dürfte, ein empathiefeindliches Ritual, das derart fundamental in den genetischen Code der Stadt eingewoben ist, loszuwerden. Umso stärker würde deshalb eine konsequente Aktion wirken, welche die Turamichele-Figuren aus ihrem bisherigen Rahmen entfernt und in bessere Kontexte stellt.



Panther zu Hause weiterhin sieglos

Nach drei Niederlagen in Serie gegen Topteams der DEL ging es für die Augsburger Panther am gestrigen Freitag gegen Tabellenführer Düsseldorf. Doch das Team von Trainer Mike Stewart  kam über ein 1:1 nach 60 Minuten nicht hinaus. Den Siegtreffer in der Nachspielphase erzielte ein Düsseldorfer.

Trotz einer schwachen Offensivleistung der Panther war die Stimmung unter den 4521 Zuschauern im CFS-Stadion blendend Foto: DAZ-Archiv

Verletzungsbedingt verzichten mussten die Panther auch am 5. Spieltag weiter auf den Ex-Düsseldorfer Henry Haase und T.J. Trevelyan. Im Tor startete Olivier Roy. Von Beginn an entwickelte sich ein munteres Spiel auf Augenhöhe. Beide Defensiven verrichteten einen ausgezeichneten Job und ließen nur wenige Torschüsse zu. Auch zwei Unterzahlspiele nach Strafen wegen Stockschlags gegen LeBlanc (1. Minute) und McNeill (18. Minute) überstand der AEV mit starkem Penalty-Killing schadlos.

Zu Beginn des zweiten Abschnitts hatte die DEG zunächst mehr vom Spiel. Doch die Latte und Roy hielten das 0:0 fest. Und dann lief es auch vorne. In der 25. Minute traf Hafenrichter in seinem 150 DEL-Spiel für Augsburg nach tollem Zuspiel von LeBlanc aus kürzester Distanz zum 1:0. Danach waren die Panther das etwas bessere Team. Doch als Gogulla in der 32. Minuten  alleine vor Roy auftauchte und diesem mit einem Schuss neben den Pfosten keine Chance ließ, stand das Spiel wieder unentschieden. Daran änderte sich auch bis zum Ende des Mittelabschnittes nichts mehr.

Im letzten Drittel waren die Panther dann das dominantere Team, der Führungstreffer blieb Augsburg trotz bester Chancen aber verwehrt. So ging die Partie in die Verlängerung, in der Gogulla mit seinem zweiten Tor an diesem Abend der DEG den Zusatzpunkt sicherte.

AEV: Roy – Sezemsky, Valentine; Lamb, Tölzer; McNeill, Rekis; Rogl – White, LeBlanc, Hafenrichter; Schmölz, Gill, Holzmann; Payerl, Stieler, Fraser; Detsch, Ullmann, Sternheimer.

Nun stehen für die Panther fünf Auswärtsspiele in Serie auf dem Programm. Den Anfang macht das Match in Schwenningen am kommenden Sonntagnachmittag, danach geht es zu Bremerhaven, Ingolstadt, Iserlohn und Straubing. Ende Oktober ist diese Serie vorbei, dann haben die Augsburger sechs Mal in Folge Heimrecht.

 

 



„Tag der Hochzeit“: Ein klarer Fall für das Rechnungsprüfungsamt!

Darf die Stadt Hochzeitsgeschenke verlosen? Nein!

Kommentar von Siegfried Zagler

Wenn man die Zahl der Scheidungen durch die Zahl der geschlossenen Ehen dividiert, dann erhält man die sogenannte Scheidungsquote. 37,67 Prozent beträgt die Scheidungsquote im Jahr 2017 in Deutschland. Auf 10 Eheschließungen folgen zirka 4 Scheidungen. Eine seit Jahren abnehmende Zahl übrigens, was nichts daran ändert, dass der institutionalisierte Schwur auf eine lebenslange Bindung sehr oft an der Lebenswirklichkeit vorbeizielt, was auch Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl weiß, der bekannterweise eine Scheidung hinter sich gebracht hat.

Möglicherweise aber bildet gerade diese Erfahrung eine verstärkte Treuekompetenz heraus, die sich Paare zutrauen und widergespiegelt sehen wollen, wenn sie sich vor ihren Familien und Gott (also der ganzen Welt) im Rahmen eines festlichen Aktes das „Ja-Wort“ geben.

Dass dieser formale Festakt der Treue von politischen Akteuren und Repräsentanten der Stadt Augsburg vollzogen wird, ist ein Prozedere, das als Geschenk der Stadt an ihre Bürger zu betrachten ist. Ein Geschenk, das nach Verlosung verteilt wird. Verlosung? Geschenk? Geht das überhaupt? Die Antwort ist einfach: Nein!

Die Stadt ist zur Gebührenerhebung verpflichtet und darf sich nicht nach Gusto über die städtische Gebührenordnung hinwegsetzen. Nach der Rechtsauffassung eines von der DAZ befragten Experten sind Nutzungsentgelder Verwaltungsgebühren, die verpflichtend sind, weshalb die Stadt, falls sie ihre 16 „Werbe-Hochzeiten“ am gestrigen Freitag tatsächlich gebührenfrei vollzogen haben sollte, rechtswidrig gehandelt hat. Ein klarer Fall für das Rechnungsprüfungsamt!



Ausstellung: „Wasser Kunst Augsburg“ nur noch bis Sonntag

Nur noch bis Sonntag, 30. September, läuft im Maximilianmuseum die Sonderausstellung „Wasser Kunst Augsburg“.

Foto: DAZ-Archiv

Zur Finissage bleibt das Haus am Samstag bis 23 Uhr geöffnet. Besucher zahlen am Samstag und Sonntag nur 4,50 Euro statt 9 Euro Eintritt. Zum Ende der Ausstellung „Wasser Kunst Augsburg“, die leider nicht verlängert werden kann, sollen alle noch einmal die Möglichkeit bekommen, in die Geschichte der alten Reichsstadt einzutauchen. Dazu hat das Maximilianmusem am Samstag, 29. September, bis 23 Uhr geöffnet – mit Ciceroni-Führungen von 19 bis 23 Uhr. Am Sonntag gibt es zusätzliche Führungen um 12 Uhr, 13 Uhr und 14 Uhr.

An beiden Tagen ist der Eintritt auf 4,50 Euro reduziert. Der Katalog zur Veranstaltung kostet an beiden Tagen nur 19,95 Euro. Seit Mitte Juni zeigt das Maximilianmuseum, dass der Aufstieg der Stadt zu einem der bedeutendsten Kunst- und Handelszentren in Europa zu weiten Teilen mit der gelungenen Nutzung der hier reichlich vorhandenen Ressource Wasser zusammenhing. Nicht zuletzt deshalb bemüht sich die Stadt um den UNESCO-Welterbestatus.



Malzeit
300 Millionen
Buergerbueros