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Überholte Überlieferung

Zum Teufel mit dem Turamichele

Warum man das Turamichele-Fest abschaffen sollte

Und wieder erhält Bernhard Schillers Turamichele-Essay einen aufregenden Aktualitätsbezug: Morgen ist nämlich „Turamichele-Tag“ 

Von Bernhard Schiller

Die Turamichele-Prozession: 162 Stiche gegen das Böse: (Foto: Stadt Augsburg))

Die Turamichele-Prozession: 162 Stiche gegen das Böse (Foto: Stadt Augsburg)

Es dauert nicht mehr lange, dann wird dem Publikum auf dem prominentesten Platz der Friedensstadt ein durchaus blutrünstiges Schauspiel geboten: Heerscharen von Kindern bejubeln einen Krieger, der seinem sich vor Schmerzen krümmenden Gegner mit Lanzenstichen „im Takt der Stundenschläge den Garaus macht“, wie es auf der Homepage der Stadt Augsburg hieß.
Das Turamichele-Fest ist eine gemeinsame Veranstaltung der City Initiative Augsburg (CiA) und der Stadt Augsburg. Ihre Erläuterungen zu Geschichte und Bedeutung des blutigen Puppenspiels im Perlachturm sind von frappierender Oberflächlichkeit gezeichnet. Ihnen genügt der Verweis zur 400-jährigen Tradition und die konsenstaugliche Formel vom „Sieg des Guten über das Böse.“ Genau diese Formel jedoch ist besonders kritikfähig. Zum einen, weil überall dort, wo Menschen metaphysische Kämpfe real umsetzen wollen (Beispiel Islamischer Staat), die größten Grausamkeiten zutage treten. Zum anderen, weil sich die moralische Architektur in einer dynamischen und offenen Gesellschaft nach 400 Jahren längst verändert haben sollte.

Um zu verstehen, weshalb das Turamichele in Augsburg dennoch durch Religions- und Weltkriege hindurch bis heute weiter morden darf, müssen wir einen Blick in die Geschichte werfen. Im Gegensatz zur Behauptung der Stadt Augsburg wird das Turamichele nicht erst seit den 1950er Jahren als großes Familienfest begangen. Zahlreiche Dokumente im Augsburger Stadtarchiv zeugen von der Kontinuität des Brauches seit dem Mittelalter und – insbesondere in seiner herausragenden Bedeutung für nationalsozialistische Durchhalteparolen in den 1940er Jahren. In einer Sondersendung des Deutschen Kurzwellensenders wurden zur Ermunterung der Frontsoldaten im Winter 1942 Aufnahmen vom Turamichele-Fest ausgestrahlt, die ein Journalist der Neuen Augsburger Zeitung an die Adresse der Kinder wie folgt kommentierte: „Da kann ich mir ja nun so ungefähr vorstellen, wie da unsere Soldaten in den Bunkern und Gräben und auf Vorposten spitzen werden, wenn plötzlich Euer „Eins-zwei-drei“ markerschütternd durch den Lautsprecher an ihr Ohr dringt.“

Bösartige Durchschlagskraft sprachen auch andere Nationalsozialisten dem Michaelsgeist zu: „Es ist der Michaelsgeist! Michael tritt sein göttliches Amt an. Er ist erwacht. Unser Volk wurde in unseren Tagen gewürdigt, die Waffen des Michael gegen das Untermenschentum zu führen.“  So predigte es ein Stuttgarter Pastor 1935 repräsentativ für all die anderen nationalsozialistischen Pastoren, Prediger und Propagandisten. Niemand anders als Adolf Hitler galt ihnen als der Erlöser, der gekommen war, den „Michaelsgeist“ zu reanimieren. Auch die NS-Presse schwärmte von der „Wiedergeburt vergangener Zeit“, als am 05. August 1934 30.000 Nationalsozialisten in Sonderzügen nach Ulm reisten, um im dortigen Münster eine monströse, stählerne Michaelsskulptur einzuweihen. Sie hängt dort bis heute.

Ein Schutzpatron des Heiligen Römischen Reichs und eine Identifikationsfigur einer sich darunter konstruierenden deutschen Nation

Warum sprachen die Nationalsozialisten von einer „Wiedergeburt“? Die Antwort ist unmittelbar mit der Augsburger Stadtgeschichte verknüpft und liegt vor den Toren der Stadt auf dem historischen Lechfeld begraben. Im Jahr 955 gewannen dort die Soldaten Ottos I. die Entscheidungsschlacht gegen die Krieger der Magyaren. Und weil die siegreichen Kämpfer, so die Legende, ein Bildnis des Erzengels Michael auf ihrem Banner trugen, galt dieser fortan als Schutzpatron des Heiligen Römischen Reichs und als Identifikationsfigur einer sich darunter konstruierenden deutschen Nation. Wie gelangte Michael aber auf das Banner der Soldaten? Der Engel Michael findet erstmalig namentlich Erwähnung im Buch des Propheten Daniel. Dort ist er die Schutzmacht des Volkes Israel. Der Name Michael (Mechila) bedeutet Vergebung. Er ist – wie alle Engel im jüdischen Glauben – kein eigenständiges Wesen, sondern ein Aspekt Gottes. Eine bildliche Darstellung zum Zwecke der Anbetung ist hier unvorstellbar und wäre verwerflicher Götzendienst, ebenso die Lehre vom Dualismus widerstreitender Mächte aus Licht und Dunkel, wie sie beim Turamichele propagiert wird.

Michaeliskult am Zeughaus: finstere Bronzezeugen eines verwerflichen Götzendiensts (Foto: B. Schiller)

Michaeliskult am Zeughaus: finstere Bronzezeugen eines verwerflichen Götzendienstes (Foto: B. Schiller)

Erst in der christlichen Bibel erhalten das Böse und das Gute jene dualistische, schwarz-weiße Ausprägung, wie sie in der Johannes-Offenbarung zu finden ist – in der Erzählung von der endzeitlichen großen Schlacht zwischen Michael und dem Teufelsdrachen. Als Papst Gelasius im Jahr 493 den 29. September zum Festtag des Erzengels Michael erklärte, verschmolzen die Eigenschaften der vorchristlichen Odinskrieger und die des christlichen Siegers über das Böse zu einer germanisch-messianischen Allianz. Zuvor feierten die Germanen an diesem Datum ihren obersten Kriegsgott Odin/Wotan. Der Name Wotan bedeutet Wüterich. Nach der wütenden Schlacht auf dem Lechfeld ging dementsprechend in der Vorstellung der deutschen Christenheit auch die Vision Israels („das von Gott „auserwählte Volk“) als fiebriger Wahn auf die deutsche Nation über. Der deutsche Michel entstand, also jener Mythos vom schlafenden Weltenretter, der beizeiten geweckt werden muss, um dem jeweiligen Satan den Garaus zu machen. Das Volk der angeblichen Christusmörder, die Juden, landete dabei nachhaltig auf der Seite des Teufels.
Vor genau 400 Jahren wurden Turamichele-Figuren in Augsburg erstmals schriftlich erwähnt. In einer Zeit, die auch und insbesondere in Augsburg aufgeladen war durch die Gegnerschaft von Protestanten und Katholiken. Damals war es die alljährliche weihevolle Aufgabe der Betschwestern des Klosters Maria Stern, das nackte Turamichele zum Festtag einzukleiden und bunt zu dekorieren. Naheliegend, dass der Engel – ähnlich der finsteren Michaelsbronze über dem Zeughaus-Portal – Symbol der Gegenreformation war und regelmäßig den lutherischen Teufel abstach. Jedoch, auch und gerade Protestanten atmeten Michaelsgeist voller Überschwang. Sie waren die gedanklichen Wegbereiter des deutschen National-Messianismus.

Nach 1822 diente das Turamichele als Projektionsfläche für Affekte gegen die verhasste Staatsregierung in München

Dichterfürst Friedrich Schiller (1759 – 1805) etwa kam zu dem Schluss, der Deutsche sei „erwählt von dem Weltgeist“. Sein Zeitgenosse Friedrich Schleiermacher (1768-1843), einer der bedeutendsten Pädagogen und protestantischen Theologen, nannte die deutsche Nation „ein auserwähltes Werkzeug und Volk Gottes“. Friedrich Perthes (1772 – 1843), damals einer der wichtigsten Verlagshändler, war überzeugt: „Wir Deutsche sind ein auserwähltes Volk, […] welches die Menschheit repräsentiert“. Der glühende Patriot und Frühnationalist Turnvater Jahn (1778-1852) konnte sich nicht zurückhalten und verlautbarte, dem deutschen Volk komme es zu, „des Weltbeglückers heiliges Amt“ auszuüben und kraft seiner „menschlichen Göttlichkeit“ die „Erde als Heiland zu segnen“. Papist oder Lutheraner – von der Schlacht auf dem Lechfeld bis in die Neuzeit jedenfalls war man im deutschen Kulturraum überzeugt, die Welt vom Übel erlösen zu müssen und das, neben aller Kathedertheologie und Kathederphilosophie, mittels roher Gewalt und stets unter Anrufung des Nationalheiligen Michael.

Das alles war den Aufklärern aus München egal. Als im Jahr 1806 die bis dato Freie Reichsstadt Augsburg unter die Hoheit des Königreichs Bayern geriet und fortan von München aus regiert wurde, sollte es auch mit dem Turamichele zu Ende gehen. An der Isar hatte man unter der Leitung des Grafen Montgelas begonnen, einen modernen, säkularen Staat zu schaffen, der mitunter die Abschaffung von Privilegien der Glaubensvertreter vorsah, sowie die Schaffung von Freiheitsrechten für die Mitbürger jüdischen Glaubens. Im Turamichele sah man deshalb ein voraufklärerisches Schauspiel und so wurde es kurzerhand verboten. Eine derartige Einflussnahme konnten die (durch Verlust ihres Standes als Freie Reichsstädter ohnehin schon schwer gedemütigten) Augsburger nicht akzeptieren und erstritten sich im Jahr 1822 ihren gewalttätigen Engel zurück. Nunmehr diente das Turamichele nicht mehr nur als Projektionsfläche für aggressive Affekte gegen Heiden und Andersgläubige, sondern auch gegen weltliche Feinde, in diesem Fall die verhasste Staatsregierung in München.

Erzengel Michael: Lautstark riefen die Soldaten des Ersten Weltkrieges nach ihrem Patron

1871 wurde Bayern Teil des neu gegründeten Deutschen Reichs, dem mit Wilhelm I. wieder ein Kaiser voranging. Dessen Enkel wurde ebenfalls Kaiser und suchte sich zur Legitimation seiner und des deutschen Volkes herausragender Stellung in der Weltgeschichte einen neuen Dämon, ein paar tausend Kilometer weiter entfernt: China! Wilhelm II. rief die Völker Europas zum Widerstand gegen die von ihm im damals üblichen Rassistenjargon so genannte „Gelbe Gefahr“ auf und ließ illustratorisch den heiligen, deutschen Michel die europäischen Nationen anführen. Er krönte das Kriegsgeschrei in seiner an die Schlachten des mittelalterlichen Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation erinnernden, berühmten „Hunnenrede“ vom 27. Juli 1900: „Die Aufgaben, welche das alte römische Reich deutscher Nation nicht hat lösen können, ist das neue Deutsche Reich in der Lage zu lösen. Das Mittel, das ihm dies ermöglicht, ist unser Heer.“ 13 Jahre später ließ Wilhelm II. das gigantische Völkerschlachtdenkmal in Leipzig als Zeichen deutscher Befreiung einweihen. Riesige Reliefs zeigen dort einen menschengestaltigen Erzengel Michael als Schutzpatron der Deutschen. Darüber die steinerne Inschrift: „Gott mit uns.“ Der Deutsche Patriotenbund, Bauherr des Denkmals, nannte den Erzengel Michael stolz den „Kriegsgott der Deutschen“, der „alles vor sich niederwerfend dahinfährt.“ Traditionsbewusst und derart missionstrunken rannten dann die Krieger des neuen, alten Deutschen Reichs, den Auftrag zur endzeitlichen Erlösungsschlacht halluzinierend, in die Schlachtfelder des Ersten Weltkrieges. Lautstark riefen sie dabei nach ihrem Patron:

„St. Michel, hilf nun Deinem Volke!
Weih unsere Waffen,
Ein Großes zu schaffen!
Führ uns zum Siege! Zum Siege!“

Der Krieg führte in eine Katastrophe, der deutsche Glaube an den heiligen Auftrag blieb dennoch erhalten: Der deutsche Michel erwachte erneut und mit ihm Hitler. – Und heute? Die von Religionskriegen und apokalyptischen Szenarien geprägte Gegenwart erinnert in mancher Hinsicht an vergangen geglaubte Zeiten. Erneut sehen sich Menschen hierzulande Gefahren durch fremde Mächte ausgeliefert und suchen nach Bewältigungsstrategien – deutschtypisch polarisiert zwischen Welterlösungstum und aggressivem Nationalismus. Das fest ins kulturelle Erbe Deutschlands gebrannte Narrativ vom schlafenden Michel respektive der Lichtgestalt des Erzengel Michael und seinen finsteren Feinden wabert weiterhin im kollektiven Gedächtnis. Hieraus schöpfen diejenigen, die heute vorgeben, mit eines Volkes Stimme zu sprechen und ein „christliches“ Abendland zu verteidigen ihren Ungeist. Sie gewinnen den Mob und die Masse für sich und ihre Ziele, weil ihr Gegner (islamischer Terror) tatsächlich böse ist. Doch sie würden den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

Solange Bräuche wie das Turamichele-Fest existieren, solange existiert auch der Nährboden für Antisemitismus, Rassismus und totalitäre Gewalt

Solange Bräuche wie das Turamichele-Fest unreflektiert Spuren in Gehirnen legen, solange existiert auch der soziokulturelle Nährboden für Antisemitismus, Rassismus und totalitäre Gewalt. Augsburg, als Friedensstadt, kann die Herausforderung annehmen. Das Turamichele ist kein Kinderfest. Kinder, zumal die kleinen, unterscheiden nicht zwischen Holzfiguren und Wesen aus Fleisch und Blut. Mit dem Turamichele wird am Rathausplatz nicht nur Gewalt als Mittel im Umgang mit Konflikten propagiert, sondern – vor allem – die euphorisch-mörderische, vollkommen mitleidslose und brutalstmögliche Vernichtung des Gegners. Das ist nicht bloß unzeitgemäß, das ist unmenschlich und unwürdig. Mitnichten handelt es sich beim Gegner des Turamichele um einen „Teufelsdrachen“, wie von den Veranstaltern suggeriert. Der Unterlegene hat Menschengestalt und wurde durch diverse Anleihen aus dem Bestiarium zum dunklen, schmutzigen Untermenschen stilisiert. Da sich Metaphysik und handfeste ökonomische Interessen generell zum mutmaßlichen Vorteil aller kombinieren lassen, freuen sich die Veranstalter auch in diesem Jahr, Kinder und Eltern „beim mittlerweile über 400 Jahre andauernden Kampf Gut gegen Böse und einem XXL-Shoppingerlebnis begrüßen zu dürfen“ (CIA). „Blutrausch trifft Kaufrausch.“ Viel mehr als Sarkasmus möchte man dieser Gedankenlosigkeit nicht hinzufügen.

Was bliebe übrig, würde dem Turamichele-Fest sowohl die eschatologische Überhöhung, als auch der blinde Kommerz entzogen? Nichts! Um im Zuge der allgemeinen Musealisierung auch das Turamichele in die Jetztzeit zu überführen, könnten neue Wege der interaktiven Auseinandersetzung mit dem Thema eingeschlagen werden. Vorstellbar wäre die Partizipation des Publikums, etwa indem Kinder die blutige Lanze mittels Wireless-Joystick selbst in den zappelnden Körper des Unterlegenen rammen.

Stattdessen könnten die Turamichele-Figuren (und dieser Vorschlag ist durchaus ernst gemeint) auch in ein richtiges Museum verfrachtet werden, um dort aus der Distanz, aber plakativ, die Unterschiede zwischen totalitär-messianischen Ideologien und einer säkularen, freiheitlich-demokratisch verfassten Gesellschaft zu demonstrieren. Für kontemplativ Veranlagte bietet die christliche Mythologie auch freundlichere Versionen der Konfliktbewältigung an. Wie zum Beispiel die friedensstiftende Legende der Martha von Bethanien, die den menschenfressenden Drachen Tarasque mit einem selbst gebastelten Kreuz aus Zweigen und ihrem sanften Gesang zähmte.



Zum Teufel mit dem Turamichele – Teil 2

Im 17. Jahrhundert Mittel religiöser Hetze, im bayerischen Königreich von Aufklärern verboten, bei Nationalisten und Nazis beliebt: Mit dem Turamichele feiert die Stadt Augsburg seit über 400 Jahren ein eigentümliches Fest zwischen religiöser Ideologie, deutschem Überlegenheitswahn und blindem Kommerz.

Von Bernhard Schiller

Merkmal zivilisierter Kulturen ist die Einhegung der Gewalt und darin die physische Verschonung des unterworfenen Feindes sowie seine Zuführung zu einem rechtsstaatlichen Verfahren. Nicht so beim Turamichele, das seinen Gegner im Übertötungsrausch dahinmetzelt und gegen Aufklärung und Kritik seit Jahrhunderten immun zu sein scheint.

Zeughaus

Michaeliskult am Zeughaus      (Foto: B. Schiller)

Als Einwand auf die in der DAZ erschienene Kritik am Turamichele-Fest schreibt ein gewisser „Professor Dr. Spätzle“ in der Neuen Szene: „Vielleicht mag mich die Geschichte widerlegen (…): Sollte es Gründe für ein etwaiges Wiederaufleben von Antisemitismus, Rassismus und totalitärer Gewalt geben, dann wird dafür nicht in erster Linie das Turamichele verantwortlich sein.“ Das klingt unter Berücksichtigung der schwäbischen Verniedlichungsform plausibel, ist in der gemutmaßten Monokausalität aber irreführend. Was bei der Bagatellisierung fiktionaler Gewalt und ihr innewohnender Teufelsdarstellungen allzu oft übersehen wird, ist das unendliche Geflecht ähnlicher Erzählungen, deren narrative Strukturen situativ in feindseligen Gewaltäußerungen zu Tage treten können. Beim Turamichele kommt erschwerend hinzu, dass es sich hier weniger um Fiktion im Sinne eines bestenfalls parabelhaften Figurentheaters handelt, als vielmehr um ein identitätsstiftendes Ritual, wiederholt im alljährlichen Zyklus.

Schwarze Pädagogik in der „Friedensstadt“

Diese Zusammenhänge sinnvoll einzuordnen, verlangt eine Begleitung durch Erwachsene, die Kindern beim kritischen Hinterfragen vorgefundener Konzepte behilflich sind. Doch es geschieht genau das Gegenteil: Der Versuch seitens der Veranstalter, durch ein von Kindern aufgeführtes Turamichele-Schauspiel pädagogisch gerecht zu werden, dient nicht Aufklärung und kritischer Auseinandersetzung, sondern neuer Verschleierung. Bei jedem Stich des Himmelsfürsten, wurde da erzählt, verschwinde eine Sorge. Mit aggressiven Allmachtsphantasien die Realität bewältigen? An Sorgen und Konflikten reift, wer sie leben lässt.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit läuft kein Kind, das um 10:00 Uhr das Turamichele beim Niedermetzeln angefeuert hat, um 16:00 Uhr auf dem Spielplatz Amok. Ein Nachspielen der Szene jedoch ist durchaus vorstellbar und jeder, der die unheilvollen Dynamiken in Menschen- beziehungsweise Kindergruppen kennt, kann die Frage, wen die Rolle des Unterlegenen trifft, zuverlässig selbst beantworten.

Der Gegner des Turamichele liegt auf dem Rücken zappelnd über der Zirbelnuss, sämtliche Gliedmaßen von sich gestreckt, die Kehle zeigt frei und verwundbar zum Sieger. Unterwerfungsgesten, die Verhaltensforscher und Hundebesitzer gut verstehen und die den Verzicht auf weitere Gewaltanwendung wortlos kommunizieren. Wieso also soll Kindern (und Erwachsenen) mit höchster Autorität und vom Turm herab veranschaulicht werden, jegliche Hemmung fallen zu lassen? Weil der ökonomische Zweck ein „heiliger“ ist? Entspricht das dem kulturellen Auftrag einer Stadt, die sich selbst „Friedensstadt“ nennt?

Erlebnismarketing instrumentalisiert die Kinder und den Frieden zur Herstellung erwünschter Emotionen

Stündlich, nachdem der Engel sein Opfer vernichtet hat, lassen die auf dem Rathausplatz eingepferchten Kinder sogenannte „Friedensgrüße“ steigen. In Richtung himmlischer Heerscharen. Auch die bunten Ballons haben ihre Unschuld verloren. Sie sind bedruckt mit den Schriftzügen eines Großkinos, eines Möbelhauses, den Stadtwerken, der Stadtsparkasse sowie der Augsburger Allgemeinen. Dabei werden weder Friedensgrüße noch Grüße verschickt, sondern es wird einfach nur auf billigste Weise Marketing gemacht. Einfach nur albern, wie es in der Neuen Szene heißt, ist die Inszenierung auf Augsburgs repräsentativem Platz aber nicht. Sie folgt einem durchdachten Kalkül. Die Kinder und der Frieden sind für das Erlebnismarketing der Veranstalter lediglich ein Mittel, um die konsumrelevanten Emotionen der Erwachsenen zu wecken. Die nämlich tragen das Geld in der Tasche, welches am Marktsonntag in den Kassen der örtlichen Geschäfte verschwinden soll.

Eine Diskussion, ob dieser Zweck nun richtig ist oder falsch, soll hier nicht abschließend geführt werden. Dass man dafür aber die für die menschliche Existenz so außerordentlich bedeutsamen Kategorien von Gut und Böse diskussionslos instrumentalisiert, ist bodenlos und nicht hinnehmbar. Eine Stadt, der es wirklich ernst ist mit dem Frieden, kann sich solches nicht dauerhaft leisten. Frieden ist keine Marke.

Hier wird nun endlich deutlich, wie das Problem des Turamicheles gelagert ist: Ohne die (traditionelle) Überhöhung vom Kampf des Guten gegen das Böse und ohne den (gegenwärtigen) zweckrationalen Mächten gehorchenden totalen Markt, stehen da zwei winzige Holzfiguren für nichts. Nichts, außer dem, was tatsächlich – und das heißt, mit intentionslosen Kinderaugen geschaut – zu sehen ist: Ein Mensch, der einen anderen erniedrigt und ohne das geringste Anzeichen von Zweifel oder Zurückhaltung erbarmungslos absticht. Selbst im Katechismus der für das Turamichele-Ritual ursächlich verantwortlichen katholischen Kirche heißt es, dass die „Tötung des Angreifers“ zwar in der Notwehr passieren könne, aber nie gewollt sein kann. Ansonsten käme sie einem vorsätzlichen Mord gleich. Es braucht schon sehr viel Willen zur Wirklichkeitskonstruktion, um im mehrfach stumpfsinnig zustechenden Turamichele etwas anderes zu sehen.

Albernheit, Relativierung und die Suche nach großen Erzählungen
Professor Spätzle hat also Recht, wenn er nach den Spuren fragt, die das blutige Puppenspiel heutzutage in Gehirne legt. Es sind Spuren, die zwischen relativistischer Albernheit, zwischen Nihilismus und allumfassender Konsumreligion changieren. Diese Spuren führen zur Gewalt. Nicht jetzt, nicht hier und nicht bei diesem Kind. Aber insgesamt, als thermische Voraussetzungen einer gesellschaftlichen Großwetterlage. Die politische Gegenwart ist von Krisen und zunehmender Instabilität gekennzeichnet. Menschen suchen Halt und scharen sich um verführerische Angebote. Da sind jene großen Erzählungen, sei es die vom islamischen Kalifat oder die vom Heiligen Römischen Reich, vulgo christlichen Abendland. Sankt Michael, Schutzpatron des letzteren, steht dafür (nicht nur) symbolisch.

Wer nur nach hinten schaut und nebenan, nach Sachsen oder Syrien, mit dem Finger projektiv auf die sichtbaren Teufel deutend, und denkt: „Aber wir doch nicht! Aber ich nicht!“, den widerlegt die Geschichte in ihren wiederkehrenden Zyklen. Antisemitismus – insbesondere – wird nicht eventuell wieder auflodern. Er ist längst da. Er kommt von innen mit dem erwachenden Michaelsgeist in wütenden Deutschen, er kommt von außen durch zahlreiche Zuwanderer, er kommt aus der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft, getarnt als sogenannte „Israelkritik“.

Michaelskult: Christliche Judenfeindschaft von Anfang an

Das „Gerücht über die Juden“, wie der Philosoph Adorno den Antisemitismus nannte, nahm den für die abendländische Geschichte ausschlaggebenden Anfang mit der usurpatorischen Aneignung und Verfälschung der Michaelsidee durch das romanisierte und dann deutsche Christentum, inklusive der im Heiligen Römischen Reich pervertierten Volk-Gottes-Vorstellung. Bis heute gelingt es den Kirchen nicht, sich von dieser im Michaelskult bildlich präsenten, genuin antijüdischen Erbsünde radikal zu lösen. Die Augsburger Stadtgeschichte ist (von der Schlacht auf dem Lechfeld bis hin zur Gemeinsamen Erklärung der Rechtsfertigungslehre im Jahr 1999) untrennbar mit der Kirchengeschichte verknüpft.
Nachvollziehbar, dass es darum schwerfallen dürfte, ein empathiefeindliches Ritual, das derart fundamental in den genetischen Code der Stadt eingewoben ist, loszuwerden. Umso stärker würde deshalb eine konsequente Aktion wirken, welche die Turamichele-Figuren aus ihrem bisherigen Rahmen entfernt und in bessere Kontexte stellt.



DEL

Panther zu Hause weiterhin sieglos

Nach drei Niederlagen in Serie gegen Topteams der DEL ging es für die Augsburger Panther am gestrigen Freitag gegen Tabellenführer Düsseldorf. Doch das Team von Trainer Mike Stewart  kam über ein 1:1 nach 60 Minuten nicht hinaus. Den Siegtreffer in der Nachspielphase erzielte ein Düsseldorfer.

Trotz einer schwachen Offensivleistung der Panther war die Stimmung unter den 4521 Zuschauern im CFS-Stadion blendend Foto: DAZ-Archiv

Verletzungsbedingt verzichten mussten die Panther auch am 5. Spieltag weiter auf den Ex-Düsseldorfer Henry Haase und T.J. Trevelyan. Im Tor startete Olivier Roy. Von Beginn an entwickelte sich ein munteres Spiel auf Augenhöhe. Beide Defensiven verrichteten einen ausgezeichneten Job und ließen nur wenige Torschüsse zu. Auch zwei Unterzahlspiele nach Strafen wegen Stockschlags gegen LeBlanc (1. Minute) und McNeill (18. Minute) überstand der AEV mit starkem Penalty-Killing schadlos.

Zu Beginn des zweiten Abschnitts hatte die DEG zunächst mehr vom Spiel. Doch die Latte und Roy hielten das 0:0 fest. Und dann lief es auch vorne. In der 25. Minute traf Hafenrichter in seinem 150 DEL-Spiel für Augsburg nach tollem Zuspiel von LeBlanc aus kürzester Distanz zum 1:0. Danach waren die Panther das etwas bessere Team. Doch als Gogulla in der 32. Minuten  alleine vor Roy auftauchte und diesem mit einem Schuss neben den Pfosten keine Chance ließ, stand das Spiel wieder unentschieden. Daran änderte sich auch bis zum Ende des Mittelabschnittes nichts mehr.

Im letzten Drittel waren die Panther dann das dominantere Team, der Führungstreffer blieb Augsburg trotz bester Chancen aber verwehrt. So ging die Partie in die Verlängerung, in der Gogulla mit seinem zweiten Tor an diesem Abend der DEG den Zusatzpunkt sicherte.

AEV: Roy – Sezemsky, Valentine; Lamb, Tölzer; McNeill, Rekis; Rogl – White, LeBlanc, Hafenrichter; Schmölz, Gill, Holzmann; Payerl, Stieler, Fraser; Detsch, Ullmann, Sternheimer.

Nun stehen für die Panther fünf Auswärtsspiele in Serie auf dem Programm. Den Anfang macht das Match in Schwenningen am kommenden Sonntagnachmittag, danach geht es zu Bremerhaven, Ingolstadt, Iserlohn und Straubing. Ende Oktober ist diese Serie vorbei, dann haben die Augsburger sechs Mal in Folge Heimrecht.

 

 



Kommentar

„Tag der Hochzeit“: Ein klarer Fall für das Rechnungsprüfungsamt!

Darf die Stadt Hochzeitsgeschenke verlosen? Nein!

Kommentar von Siegfried Zagler

Wenn man die Zahl der Scheidungen durch die Zahl der geschlossenen Ehen dividiert, dann erhält man die sogenannte Scheidungsquote. 37,67 Prozent beträgt die Scheidungsquote im Jahr 2017 in Deutschland. Auf 10 Eheschließungen folgen zirka 4 Scheidungen. Eine seit Jahren abnehmende Zahl übrigens, was nichts daran ändert, dass der institutionalisierte Schwur auf eine lebenslange Bindung sehr oft an der Lebenswirklichkeit vorbeizielt, was auch Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl weiß, der bekannterweise eine Scheidung hinter sich gebracht hat.

Möglicherweise aber bildet gerade diese Erfahrung eine verstärkte Treuekompetenz heraus, die sich Paare zutrauen und widergespiegelt sehen wollen, wenn sie sich vor ihren Familien und Gott (also der ganzen Welt) im Rahmen eines festlichen Aktes das „Ja-Wort“ geben.

Dass dieser formale Festakt der Treue von politischen Akteuren und Repräsentanten der Stadt Augsburg vollzogen wird, ist ein Prozedere, das als Geschenk der Stadt an ihre Bürger zu betrachten ist. Ein Geschenk, das nach Verlosung verteilt wird. Verlosung? Geschenk? Geht das überhaupt? Die Antwort ist einfach: Nein!

Die Stadt ist zur Gebührenerhebung verpflichtet und darf sich nicht nach Gusto über die städtische Gebührenordnung hinwegsetzen. Nach der Rechtsauffassung eines von der DAZ befragten Experten sind Nutzungsentgelder Verwaltungsgebühren, die verpflichtend sind, weshalb die Stadt, falls sie ihre 16 „Werbe-Hochzeiten“ am gestrigen Freitag tatsächlich gebührenfrei vollzogen haben sollte, rechtswidrig gehandelt hat. Ein klarer Fall für das Rechnungsprüfungsamt!



Ausstellung: „Wasser Kunst Augsburg“ nur noch bis Sonntag

Nur noch bis Sonntag, 30. September, läuft im Maximilianmuseum die Sonderausstellung „Wasser Kunst Augsburg“.

Foto: DAZ-Archiv

Zur Finissage bleibt das Haus am Samstag bis 23 Uhr geöffnet. Besucher zahlen am Samstag und Sonntag nur 4,50 Euro statt 9 Euro Eintritt. Zum Ende der Ausstellung „Wasser Kunst Augsburg“, die leider nicht verlängert werden kann, sollen alle noch einmal die Möglichkeit bekommen, in die Geschichte der alten Reichsstadt einzutauchen. Dazu hat das Maximilianmusem am Samstag, 29. September, bis 23 Uhr geöffnet – mit Ciceroni-Führungen von 19 bis 23 Uhr. Am Sonntag gibt es zusätzliche Führungen um 12 Uhr, 13 Uhr und 14 Uhr.

An beiden Tagen ist der Eintritt auf 4,50 Euro reduziert. Der Katalog zur Veranstaltung kostet an beiden Tagen nur 19,95 Euro. Seit Mitte Juni zeigt das Maximilianmuseum, dass der Aufstieg der Stadt zu einem der bedeutendsten Kunst- und Handelszentren in Europa zu weiten Teilen mit der gelungenen Nutzung der hier reichlich vorhandenen Ressource Wasser zusammenhing. Nicht zuletzt deshalb bemüht sich die Stadt um den UNESCO-Welterbestatus.



„Tag der Hochzeit“: OB und Bürgermeister schließen 16 Ehen

Am Tag der Hochzeit wurden heute 16 Ehen geschlossen, das Fürstenzimmer im Augsburger Rathaus wurde ganztägig zum Trausaal. Oberbürgermeister Kurt Gribl, Bürgermeisterin Eva Weber und Bürgermeister Stefan Gribl trauten am heutigen Freitag alle halbe Stunde ein Hochzeitspaar.

Florina und Julian Crimu wurden von Bürgermeister Dr. Stefan Kiefer als eines von sechs Paaren getraut Foto: Ruth Plössel/Stadt Augsburg

Das Fürstenzimmer im Rathaus war am heutigen Freitag, 28. September ein Ort der Eheschließungen: Von 9 bis 19:30 Uhr nahm die Augsburger Stadtspitze 16 Trauungen im Halbstundentakt vor. Den Anfang machte Bürgermeister Dr. Stefan Kiefer, der von 9 bis 12 Uhr sechs Paare traute. Weitere sechs Paare übernahm Bürgermeisterin Eva Weber von 14 bis 17 Uhr. Am Abend war Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl an der Reihe, der von 17:30 bis 19:30 Uhr bei vier heiratswilligen Paaren die Eheschließung vornahm.

„Wir möchten mit dem ‚Tag der Hochzeit‘ Bürgerinnen und Bürgern in unserer Stadt diese Möglichkeit geben. Denn Heiraten ist für sehr viele Menschen ein einmaliges Ereignis. Und wenn die Eheschließung dann noch von den obersten Repräsentanten der Stadt vorgenommen wird, macht das den Tag sicher noch unvergesslicher“, so die Bürgermeisterin Eva Weber.

Für 16 Paare wird dieser Wunsch heute Wirklichkeit. Sie wurden im Vorgespräch im Standesamt auf den Tag der Hochzeit hingewiesen und beraten. Dabei wurde festgelegt, um welche Uhrzeit welcher Bürgermeister die Eheschließung vornimmt. „Trauungen sind auch für mich immer wieder schöne Momente. Und wenn Emotionen im Spiel sind, wenn sich das Brautpaar dann das „Ja“-Wort gibt, dann weiß ich, dass ich die richtigen Worte gefunden habe“, beschreibt Bürgermeisterin Eva Weber das Zeremoniell.



Kulturpolitik

Staatstheater Augsburg: Stiftungsrat hält erste Sitzung

Das „Staatstheater Augsburg“ ist mit dem heutigen Tag in Stein gemeißelt

Stiftungsrat der Stiftung Staatstheater Augsburg (v. l.): Staatsintendant André Bücker als Stiftungsvorstand. Für die Stadt Augsburg die Stiftungsräte Kulturreferent Thomas Weitzel, Zweite Bürgermeisterin Eva Weber und Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl. Für den Freistaat Bayern die Stiftungsräte Prof. Dr. Marion Kiechle, MdL Bernd Kränzle und Tobias Haumer als Vertreter des Finanzministeriums. Friedrich Meyer, Geschäftsführender Direktor des Staatstheaters ist ebenfalls Stiftungsvorstand. Foto: Ruth Plössel/Stadt Augsburg

„Mit der heutigen Sitzung haben wir entscheidende Grundlagen geschaffen, damit das Staatstheater Augsburg seine Arbeit pünktlich zu Beginn der neuen Spielzeit aufnehmen kann“, so Bayerns Kunstministerin Prof. Dr. med. Marion Kiechle heute bei der konstituierenden Sitzung des Stiftungsrats der Stiftung Staatstheater Augsburg. Das Gesetz über die Stiftung Staatstheater Augsburg ist zum 1. September 2018 in Kraft getreten. Das Gremium als zentrales Organ der Stiftung wurde paritätisch mit Vertretern der Stadt Augsburg und des Freistaats Bayern besetzt. Für den Freistaat sind neben Frau Staatsministerin Prof. Dr. med. Marion Kiechle der Landtagsabgeordnete Bernd Kränzle sowie Dr. Tobias Haumer als Vertreter des Finanzministeriums als Mitglieder des Aufsichts- und Kontrollorgans benannt. Für die Stadt Augsburg sitzen neben Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl die zweite Bürgermeisterin Eva Weber und Kulturreferent Thomas Weitzel im Stiftungsrat.

„Dass das Theater nun als Staatstheater Augsburg in die neue Spielzeit geht, hat allen Beteiligten höchste Aufmerksamkeit für das Projekt abverlangt. Jetzt sind die neuen Verantwortlichkeiten zwischen Freistaat und Stadt geklärt. Auf dieser Basis wird die Spitzenqualität aller Theater-Sparten gesichert und in die Zukunft geführt“, so Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl.

Der Stiftungsrat bestellte den Staatsintendanten André Bücker sowie den Geschäftsführenden Direktor des Theaters, Friedrich Meyer, als Stiftungsvorstand. Weitere wichtige Tagesordnungspunkte waren die Festsetzung des Wirtschaftsplans für 2018/19 sowie der Erlass der Stiftungssatzung, mit der die Struktur und Arbeitsweise der Stiftung festgeschrieben wird.

„Das Staatstheater Augsburg wird ein Glanzpunkt in der Kulturstadt Augsburg und der gesamten Metropolregion werden. Ich bin mir sicher, dass die bisherige erfolgreiche Arbeit des Theaters mit der Unterstützung des Freistaats fortgesetzt und weiter ausgebaut werden kann“, so Staatsministerin Marion Kiechle abschließend.

 



Debatte

Vom Mönch zum Mohren zur Möhre

Warum eine Debatte über die Bezeichnung „Mohr“ notwendig ist

Von Claas Henschel

Büsten an der Hotelfassade © DAZ

Mitte Juli startete die Augsburger Jugendgruppe von Amnesty International eine Petition, die die Umbenennung des bekannten Augsburger Hotels „3 Mohren“ in „3 Möhren“ forderte. Über die sich daraus entwickelnde Debatte berichteten Radiosender, Zeitschriften und Blogs aus dem Umland sowie aus ganz Deutschland. Die meisten dieser Beiträge verrissen die Amnesty-Petition als unsinnig, übersahen dabei aber das satirische Element des Umbenennungsvorschlags und verkannten die verschiedenen Dimensionen der Diskussion um das Hotel „3 Mohren“. Eine Diskussion, die nicht neu ist.

Doch warum sollte man diese Debatte überhaupt führen? Die häufigsten Kommentare fragten sinngemäß danach, ob Amnesty nichts Wichtigeres zu tun habe. Ein zunächst einleuchtendes Argument, erscheint doch in Zeiten von Klimawandel, Terrorismus und Altersarmut dies eher wie ein Nischenthema. Leider ist diese scheinbar rationale Fokussierung auf die wichtigen Probleme unserer Zeit ein Scheinargument, mit denen gerade jede Art von Diskussion über kulturelle und soziale Probleme gerne zurückgehalten wird. Das gleiche Argument lässt sich historisch ebenso bei Themen wie Frauenwahlrecht, Sozialversicherungen oder Umweltschutz wiederfinden, Errungenschaften also, die wir heutzutage als zentral ansehen und nicht missen wollen würden.

Das Thema scheint doch von Bedeutung zu sein, wenn sich so viele Menschen dazu äußern möchten

Weiterhin wird der „Jugend von heute“ oft vorgeworfen, sie wäre zu apolitisch und würde sich für nichts mehr interessieren. Wenn „die Jugend“ sich dann eines Themas annimmt, dann ist es auch noch das falsche Thema (Was natürlich hauptsächlich Menschen entscheiden, die weder vom Thema Rassismus betroffen sind noch sich damit lange auseinandergesetzt haben). Geschichtsvergessenheit und mangelnde Recherche wird Amnesty unterstellt. Und dies von AutorInnen, deren Rechercheleistung scheinbar darin bestand, den Abschnitt „Historie“ auf der Internetseite des Hotels „3 Mohren“ zu lesen, sich aber nicht mit den historischen Hintergründen des Begriffs sowie den dahinterstehenden Themen wie Rassismus, Sklaverei und Rassenbiologie auseinandergesetzt haben. Von „Gesinnungsterror“ wurde gesprochen, was in mir den Wunsch auslöst, dass Petitionen wirklich das Mittel der Wahl aller Terroristen wären. Ob denn die Amnesty Jugendgruppe nichts Besseres zu tun hätte wurde gefragt – von Menschen, die scheinbar nichts Besseres zu tun hatten als ihrer Aufregung auf Facebook freien Lauf zu lassen. Das Thema scheint also doch von Bedeutung zu sein, wenn sich so viele Menschen dazu äußern möchten.

Eine Debatte über Rassismus ist wichtiger denn je

Gerade in Zeiten der verstärkten Zuwanderungen von Menschen unterschiedlicher Kulturen und auch Hautfarben nach Deutschland ist eine Debatte über Rassismus und unseren Umgang miteinander wichtiger denn je. Weiterhin handelt es sich um eine Debatte, der man sich in Deutschland über kurz oder lang stellen werden muss. Denn der Blick nach Kanada, in die USA oder nach Großbritannien zeigt, dass dort die Debatten um Rassismus, das koloniale Erbe und Alltagsdiskriminierung viel weiter sind als hierzulande. Auch hier lassen sich Parallelen zu früheren Diskussionen um Umweltschutz oder Frauenrechte ziehen, in denen diese Länder eine Vorreiterrolle einnahmen. In Deutschland dagegen wird ein alltagsnahes Aufarbeiten der kolonialen Vergangenheit gerade erst angestoßen.  

Außerdem ist ein offener Umgang mit dem Thema insbesondere für Augsburg wie auch für das Hotel 3 Mohren wichtig. Augsburg als Friedensstadt, Heimat der Patrizierfamilie der Welser, der ersten deutschen Kolonisatoren, deren Kolonisationsversuch auf der Gedenktafel in der Annastraße übrigens immer noch gedacht wird, und als eine Stadt mit einer vielfältigen Bevölkerung ganz unterschiedlicher Herkunft hat gute Gründe, sich des Themas anzunehmen. Und das „3 Mohren“ selbst als eines der renommiertesten Hotels der Stadt und Franchise einer internationalen Hotelkette, wird sich gerade aufgrund seiner internationalen Kundschaft in Zukunft einige Kritik gefallen lassen müssen.

Es handelt sich um eine Fremdbezeichnung, die von den Betroffenen nicht selbst gewählt wurde

Beginnen wir aber zunächst beim Namen und fragen uns, warum am Wort „Mohr“ Anstoß genommen werden kann. Für viele Menschen in Deutschland erscheint dieses Wort wie eine neutrale Bezeichnung für Menschen mit dunkler Hautfarbe. Für einige ist das Wort durch populäre Figuren wie den Sarotti-Mohr vielleicht sogar positiv besetzt. Dieser ist übrigens seit bereits über 10 Jahren goldfarben und ein „Sarotti-Magier“ statt „Sarotti-Mohr“. Dennoch ist es eine Fremdbezeichnung, die von den Betroffenen nicht selbst gewählt wurde, sondern ihnen von Europäern übergeholfen wurde. Dass viele Betroffene dies als beleidigend empfinden, ist insbesondere für viele weiße Europäer nur schwer nachzuvollziehen. Dies liegt historisch darin begründet, dass es insbesondere Europäer waren, welche mit den Reisen von Kolumbus begannen, nicht nur Berge, Inseln und sogar ganze Kontinente nach sich zu benennen, sondern auch anderen Menschengruppen Namen zuzuweisen.

Der Begriff raubt Geschichte wie Idendität und macht die Betroffenen zu einer Leinwand

Die Europäer selbst waren fast nie in der Situation, dass sie von außen unterworfen und ihnen fremdsprachige Bezeichnungen zugewiesen wurden, welche sich bis heute halten. Viele dieser Namen mögen anfänglich noch neutral konnotiert gewesen sein, wie zum Beispiel zweifelsfrei die Bezeichnung „Kanake“, haben sich aber durch die weltweite Sklaverei, Kolonialismus und die Rassenbiologie ins Negative gekehrt. So ist der in Deutschland durch die Karl-May-Nostalgie sehr positive Begriff „Indianer“ auch eine Fremdbezeichnung, die nur auf den Irrtum zurückgeht, dass Kolumbus in Indien angekommen sei. Und wenn die meisten Deutschen damit eher Dinge wie Freiheit oder ein unbeschwertes Leben in der Natur verbinden, so wird der Begriff von den indigenen Bewohnern der Amerikas massiv abgelehnt. Denn abgesehen von negativen Assoziationen wie der vermeintlichen Primitivität und Blutrünstigkeit verkennt das Klischee des stolzen und naturverbundenen „Indianers“ die reale Vielfalt der Sprachfamilien und Kulturen, welche allein in Nordamerika existierten und noch heute leben. Es ignoriert ihre aktuelle Lebenswirklichkeit und Probleme, aber auch die Veränderungen und Entwicklungen ihrer Kulturen. Denn dieses stereotype Bild von der indigenen Bevölkerung friert sie in einem zeitlosen, quasi-kindlichen Zustand ein, aus dem sie sich scheinbar nicht „herauswachsen“ können. So raubt ihnen der Begriff zugleich ihre Geschichte und heutige Identität und macht somit die indigene Bevölkerung zu einer Leinwand, auf die wir unsere eigene Unzufriedenheit mit unserem Leben und europäische Zivilisationskritik projizieren können.

Zum Neger, zum Mohr haben wir sie erst gemacht

Ähnlich ist es mit dem „Mohr“ und seinem verpönteren Begriffscousin, dem „Neger“. Gern wird gesagt, „aber das sind doch Neger, warum sollen wir sie nicht mehr so nennen“. Aber zum „Neger“ bzw. zum Mohr haben wir Europäer sie erst gemacht, als wir eine gigantische Vielfalt von Menschen unterschiedlicher Sprachen, Religionen und Kulturen in eine Kategorie zusammenwarfen, deren einzige Gemeinsamkeit war, dass ihre Haut dunkler war als unsere. Und als „Neger“ und „Mohren“ haben Europäer sie auch zu Millionen versklavt, rassenbiologisch ihre scheinbare Minderwertigkeit „bewiesen“, ihre Unterdrückung religiös begründet und sie auf den Plantagen zu Tode gearbeitet. Daran mag Deutschland weniger beteiligt gewesen sein als Spanien oder Großbritannien, dennoch waren auch deutsche Händler, Soldaten, Seemänner und Forscher im Kolonialismus aktiv. Deutschland bzw. genauer gesagt Kurbrandenburg betrieb Sklavenhandel und in deutschen Kolonien wurde die indigene Bevölkerung systematisch durch Zwangsverträge enteignet. Als diese sich bewaffneten, um sich dagegen zu wehren, wurde ihre Heimat verwüstet sowie ganze indigene Familien in lebensfeindliche Wüsten vertrieben oder in Vorläufer der Konzentrationslager gesperrt und getötet.

All dies geschah mit der Begründung, dass es ja nur „Wilde“, „Hottentotten“ oder „Neger“ waren, mit denen ein „zivilisiertes“ Auskommen oder gar ein Zusammenleben unmöglich sei. Das Wort „Mohr“ erscheint dagegen fast harmlos. Es lässt eher an die „Kammermohren“ denken, die besonders im 18. Jahrhundert an europäischen Höfen als Diener beliebt waren. Oft waren sie in orientalistische Gewänder gekleidet, die nichts mit ihrer Herkunft zu tun hatten und aufgrund der damaligen Begeisterung für „orientalische“ und „türkische“ Moden gewählt wurden. Diese Kleidung kann man immer noch im mittlerweile goldfarbenen Sarotti-Magier erkennen. Dabei wird meist vergessen, dass diese „Kammermohren“ aufgrund ihres exotischen Aussehens vor Gästen zur Schau gestellt wurden und oft Sklavenkinder waren, die von den europäischen Fürsten gekauft wurden. Die meisten von ihnen blieben ihr Leben lang Kuriositäten und ihre Geschichten sind für uns verloren. Einzelne dagegen machten Karriere, wie Abraham Petrowitsch Hannibal, ein Urgroßvater von Alexander Puschkin, oder Anton Wilhelm Amo, der in Halle über die Rechtstellung der Mohren in Europa schrieb und an der Universität Wittenberg seine Doktorwürde erhielt. Doch trotz ihrer Leistungen konnten sie jederzeit wieder zu „Wilden“ herabgesetzt werden wie Angelo Soliman, Freimaurer und Kindererzieher der Fürsten von Liechtenstein, der nach seinem Tod ausgestopft und als „Afrikaner“ mit Federschmuck und Lendenschurz im Kaiserlichen Naturalienkabinett in Wien ausgestellt wurde.

All diese Sterotype sind rassistisch

Im Vergleich zum „Neger“ wirkt der „Mohr“ in der historischen Betrachtung beinahe friedlich. Ähnlich dem „Insulaner“ oder dem „Indianer“ wird er häufig als unbeschwertes und lebensfrohes, aber auch verantwortungsloses Kind der Tropen dargestellt, welches nur seinen Vorlieben folgend in den Tag hineinlebt. In allen Fällen sind diese Stereotype von Menschen anderer Hautfarbe jedoch nur zwei Seiten einer Medaille: Auf der einen der gefährliche Wilde, also der skalpierende „Indianer“, der kannibalistische „Insulaner“ oder eben der lüsterne, primitive und faule „Neger“, auf der anderen Seite der edle Wilde, also der stolze Winnetou, die harmonisch lebenden Einwohner Tahitis oder der folgsame Hofmohr. Somit sind alle diese Stereotype rassistisch, denn sie reduzieren die bezeichneten Personen auf wenige Eigenschaften nur aufgrund ihrer Herkunft und ihrer Hautfarbe. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts wurden diese rassistischen Vorstellungen dann von Autoren wie Georges Luis Buffon oder Arthur de Gobineau, aber auch Carl von Linné und Immanuel Kant verwissenschaftlicht und die Betroffenen als eigene, von den Europäern unabhängige und unterlegende Rasse definiert, der diese Eigenschaften angeboren sind. Dies war die Geburtsstunde des modernen Rassismus.

Es geht nicht darum, ob der Besuch der abessinischen Mönche verbürgt ist

Bei der Diskussion um den Namen „3 Mohren“ geht es also zentral nicht darum, ob der Besuch der drei abessinischen Mönche historisch verbürgt ist, wie es Dr. Günter Hägele ja sehr ausführlich in der Augsburger Allgemeinen dargelegt hat. Sondern um den historischen Ballast an negativen Bedeutungen, mit dem dieser Begriff in seiner Geschichte beschwert wurde und der ihn in den Augen der meisten Betroffenen heutzutage diskreditiert.

Logo des Hotels © DAZ

Doch nicht der Name des Hotels ist das größte Problem, sondern dessen aktuelles Logo. Denn dieses zeigt nicht die drei abessinischen Pilger, welche der Legende nach im Hotel abstiegen, sondern „3 Mohren“, welche keine Individualität mehr besitzen und rein auf ihre Gesichtszüge, Haare und Hautfarbe reduziert werden. Sie haben dadurch nichts mehr gemeinsam mit den drei Büsten der Mönche, welche auch an der Fassade angebracht sind. Und sie haben natürlich auch nichts zu tun mit der Legende zum Ursprung des Hauses. Insbesondere Gäste als Nordamerika und Afrika werden das Logo des Hotels als das erkennen, was es ist: als ein der rassistischen Bildsprache und Literatur des 18. und 19. Jahrhundert entlehntes Symbol für den minderwertigen „Neger“ und somit selbst rassistisch.

Dabei handelt es sich nicht um hypothetische Gäste, sondern konkrete Personen, wie beispielsweise den Kameruner Philosoph und diesjährigen Jakob-Fugger-Gastdozent Achille Mbembe. Im Gegensatz zum Namen ist das Logo keine Tradition des Hotels, sondern eine Neuerfindung aus der 2. Hälfte des 20. oder dem Anfang des 21. Jahrhunderts. Traurigerweise waren manche der älteren Logos sogar weniger rassistisch, wie beispielsweise die Einladungskarten von 1956 aus der offiziellen Chronik des Hauses zeigen. Diese beinhalten zwar auch die drei schwarzen Köpfe in der Seitenansicht, bedienen dabei aber deutlich weniger die klischeehafte Darstellung der krausen Haare oder der dicken Lippen. Somit hat man bei der Neugestaltung des Hotels ein rassistischeres Logo gewählt. Im Hotel 3 Mohren wird man sich dieses Problems wohl auch bewusst sein, jedenfalls ist dies in meinen Augen die einzige Erklärung, warum das Logo des Hotels sowohl auf der Fassade wie auch auf dem offiziellen Internetauftritt des Hotels nicht mehr erscheint. Innerhalb des Hotels dagegen ist es immer noch präsent und auf Kaffeebechern, Regenschirmen, Badtüren, Telefonen, Bettdekorationen und Notausgangsplänen zu finden.

Gern wird bei Debatten wie dieser dann die Frage gestellt, was man überhaupt noch sagen darf. Ist es noch erlaubt, von Jägerschnitzeln, Hamburgern, Indianern oder ähnlichem zu reden, da sich ja jemand beleidigt fühlen könnte. Diese Art von Argument übersieht leider den Unterschied zwischen Begriffen, die eventuell jemanden beleidigen könnten und Begriffen, deren beleidigende und diskriminierende Bedeutung vielfach festgehalten wurde. Ein Jäger wird aufgrund seiner Aktivitäten Jäger genannt und ein gebürtiger Hamburger wird sich selbst wohl auch als solcher bezeichnen. Keiner wird sein Leben durch die Existenz namentlich passender Speisen gefährdet sehen. Fast niemand dagegen wird sich selbst als „Mohr“ oder „Indianer“ bezeichnen, denn zum „Mohren“, „Indianer“ wie auch zum „Neger“ wurden Menschen erst durch europäische Forscher und Entdecker gemacht.

Einen aus Bayern stammenden Menschen als Bayer zu bezeichnen ist unproblematisch so lange diese Person sich auch so sieht

Es kommt also darauf an, ob es sich um eine Selbst- oder Fremdbezeichnung handelt. Einen aus Bayern stammenden Menschen als Bayer zu bezeichnen, ist unproblematisch, so lange die Person sich selbst auch so sieht. So mancher Franke, Schwabe oder Oberpfälzer würde dieser Fremdbezeichnung dagegen wohl empört widersprechen. Wenn wir nun eine über 600 Jahre lange Geschichte von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus als Hintergrund eines Begriffes haben, so ist wohl verständlich, wenn sich Betroffene gegen diese Bezeichnungen wehren. Wenn wiederholt argumentiert wird, dass man im Bekanntenkreis doch betroffene Menschen habe, die sich nicht daran stören oder man sich untereinander sogar mit diesen Begriffen aufzieht, so tut dies wenig zu Sache. Denn wenn es für alle Beteiligten in Ordnung ist, so darf man sich im Freundeskreis bezeichnen wie man will. Nur weil manche Freunde den Autor dieser Zeilen als „Ossi“ oder „Saupreiß“ bezeichnen dürfen, bedeutet das noch nicht, dass ich mir diese Bezeichnung in der Öffentlichkeit gefallen lassen oder die Verbreitung von Klischees über diese Gruppenzuordnung sonderlich schätzen würde.

Außerdem geht es bei Debatten um antirassistische oder inklusive Sprache nicht darum, Wörter zu verbieten, aus dem allgemeinen Sprachschatz zu streichen oder gar Geschichte auszulöschen. Niemand würde verlangen, dass Menschen ihren Nachnamen ändern, weil sie „Mohr“ oder „Schwarz“ heißen. Es geht vielmehr darum, dass wir uns der historischen Hintergründe und der vielfältigen und oft auch beleidigenden Bedeutungen vieler Wörter bewusst werden und gemeinsam darüber diskutieren, wie, wann und ob die Verwendung eines Begriffes angemessen ist. Dabei gehört es dazu, den Argumenten von Betroffenen zuzuhören und sich nicht gegen eine Veränderung mit dem Argument zu positionieren, dass man etwas immer schon so gemacht hätte und es deswegen Tradition sei.

Denn dieses Verständnis von Tradition macht alles, was alt ist, automatisch zum unverzichtbaren Teil unserer Kultur und übersieht die Vielzahl an Verhaltensweisen und Institutionen, die aus gutem Grund abgeschafft wurden: Leibeigenschaft, Ständegesellschaft, Sklaverei oder die rechtliche Benachteiligung der Frau, um nur ein paar zu nennen. Bei all diesen Fällen wurde im Zuge ihrer Abschaffung ebenfalls argumentiert, dass diese zur Tradition der Gesellschaft gehören und nicht aufgehoben werden könnten, ohne dass unsere Kultur, Gesellschaft oder Lebensart dadurch Schaden nehmen würde.

Es geht also nicht darum, Wörter wie „Mohr“ aus der Sprache zu streichen, sondern sie besser zu verstehen, um mit ihnen angemessen umgehen zu können. Momentan bestehen der Hotelname und das Logo des „3 Mohren“ noch unkommentiert, ohne dass auf die historischen Hintergründe des Begriffes hingewiesen und seine rassistischen Dimensionen betont werden. Diese Vorwürfe könnte die Hotelleitung konstruktiv aufnehmen und beispielsweise die Bedeutung des Wortes „Mohr“ auf ihrer Internetseite erklären sowie ihr aktuelles Logo anpassen, wie sie es ja bereits angekündigt hat. Dann müsste sie auch nicht zu erklären versuchen, warum dieses traditionsreiche, gastfreundliche und weltoffene Haus in seinem Logo aus den drei abessinischen Mönchen auf einmal kraushaarige, dicklippige, identisch aussehende „Mohren“ gemacht hat und damit auf die Bildsprache von Sklavenhändlern und Kolonialisten zurückgreift.

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Zum Autor:

Claas Henschel arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte an der Universität Augsburg und ist aktives Mitglied bei „Augsburg Postkolonial“



Bundesliga: München lässt gegen FCA Federn

FCA holt Punkt in München

Der FC Augsburg erreicht nach einer kämpferischen Glanzleistung und mutigem Pressing beim FC Bayern ein 1:1 Unentschieden. Arjen Robben erzielte vor 75.000 Zuschauern in der ausverkauften Allianz Arena die Führung der Münchner (48.), Felix Götze drückte nach einem Neuer-Fehler den Ball mit der Brust über die Torlinie der Münchner (87.).

Dank einer hohen Laufbereitschaft und einer herausragenden Torhüterleistung (Andreas Luthe) und dem nötigen Quäntchen Glück stand es nach 45 Minuten 0:0, da die Bayern im letzten Drittel der ersten Halbzeit einige Chancen liegen ließen: Wagner (34., 41., 42.), Renato Sanches (37., 44.) sowie Gnabry, dessen Schrägschuss Luthe großartig um den Pfosten lenkte (44.). Der FC Augsburg hatte nach vorne kaum Szenen, hätte aber bereits in der 6. Minute in Führung gehen können, als Caiuby zu eigensinnig abschloss, statt den besser postierten Max zu bedienen.

Zu Beginn der zweiten Halbzeit enteilte Gnabry der FCA-Abwehr und legte auf Robben ab, der sich das Spielgerät im FCA-Strafraum zurechtdribbelte und überlegen das 1:0 für München erzielte (48.). Danach zeigten sich die Augsburger kurzfristig unsortiert, fanden aber schnell wieder zu ihrer Ordnung zurück und verstanden es, die Münchner von ihrem Strafraum fernzuhalten. Unermüdlich liefen die Augsburger Spieler die ballführenden Münchner an und verteidigten phasenweise mittels Manndeckung sehr hoch. Nach vorne ging vom FCA aber selten Gefahr aus, weshalb die Augsburger einen schweren Patzer von Nationaltohüter Manuel Neuer benötigten: Neuer ließ eine Ecke von Max durch die Hände gleiten, Gouweleeuw gab den Ball kontrolliert zurück in die Mitte, wo ihn der eingewechselte Felix Götze aus kurzer Distanz mit der Brust einnetzte (87).

In den letzten Minuten verteidigte der FCA geschickt und der Augsburger Anhang war nach dem Schlusspfiff völlig aus den Häuschen. FCA-Keeper Andreas Luthe war der Spieler des Spiels und hielt mit einer famosen Leistung den Punkt des FCA fest. Auf der Pressekonferenz kam FCA-Trainer Manuel Baum ins Schwärmen: „Wenn du bei Bayern München etwas holen willst, brauchst du Mut und Glück. Diese Kombination hatten wir heute. Wir sind mit Überzeugung ins Spiel gegangen und haben die Bayern über 90 Minuten angepresst. Es war richtig stark, was wir auf den Platz gebracht haben.“

Am kommenden Sonntag empfängt der FCA den FC Freiburg (18 Uhr).

FCA: Andreas Luthe; – Raphael Framberger; Jeffrey Gouweleeuw; Martin Hinteregger; Philipp Max; Rani Khedira; – Daniel Baier; Jan Moravek; Michael Gregoritsch; – André Hahn; Francisco da Silva Caiuby;

Eingewechselt: Felix Götze (61.); Sergio Córdova (77.);

Ausgewechselt: Jan Moravek (61.); Michael Gregoritsch (77.); –

Auswechselbank: Fabian Giefer (TW); Jonathan Schmid; Kevin Danso; Marco Richter; Georg Teigl;

Tore:

0:1 Arjen Robben (48.)
1:1 Felix Götze (87.)



Ein Fest für das Staatstheater Augsburg

Mit dem traditionellen Theaterfest zur Spielzeiteröffnung wurde im nun schon vertrauten Martinipark die neue Spielzeit eingeläutet. Fast so wie immer – aber doch mit einigen neuen Akzenten. Und mit dem neuen Logo des Staatstheaters Augsburg.

Theaterfest im Martinipark – Ballettensemble unter Ricardo Fernando: „Winter“ von Vivaldi © Jan-Pieter Fuhr

André Bücker wirkte entspannt, als er auf der Bühne im Martinipark die Spielzeitshow moderierte. Die Schwierigkeiten des Interims sind zwar immer nochvorhanden, es stehen weiterhin Umzüge bevor, aber immerhin darf man sich nun mit dem Titel „Staatstheater“ schmücken. Und als Sahnehäubchen dann kurz vor Spielzeitbeginn die Meldung: Eines der neuen Ensemblemitglieder, die Mezzosopranistin Natalya Boeva, gewann den ersten Preis im ARD-Musikwettberwerb. Die Preisgekrönte war allerdings nicht in der Spielzeitshow zu sehen oder zu hören, die wie in jedem Jahr dem Publikum ein paar Appetithäppchen aus den bereits in Vorbereitung befindlichen Produktionen servierte. Doch das Musiktheater hat auch sonst aufgestockt und die teils unerfreulichen Abgänge der letzten Spielzeit ausgeglichen: Die sehr junge Olena Sloia stieg gleich mit der „Hölle der Rache“ in die Gunst des Augsburger Publikums ein, die sie auch demnächst als Königin der Nacht in der Zauberflöte singen wird. Kate Allen bot im Kontrast dazu eine Arie (wenn man das so nennen kann)  aus der Oper JFK von David T. Little an, die als europäische Erstaufführung in Augsburg zu sehen sein wird. Auch die Oper „Dalibor“ von Smetana ist ein Schmankerl der neuen Spielzeit. Zwar hat der neue Spielplan wieder ein bisschen mehr Bekanntes und Vertrautes zu bieten, doch André Bücker bekannte sich zur Spielzeiteröffnung noch einmal explizit zu seinem Konzept, Neues und selten Gespieltes im Fokus der Auswahl zu haben. Im Musiktheater ist das vertraute außer der Zauberflöte auch Donizettis Don Pasquale, aus dem sowohl das Orchester mit der Ouverture als auch die bereits in der letzten Spielzeit zum Publikumsliebling avancierte Koreanerin Jihyun Cecilia Lee eine Kostprobe gaben.

Das Schauspielensemble präsentierte sich zunächst mit der unterhaltsamen Polizisten-Szene aus dem bereits in der letzten Spielzeit angelaufenen Shakespeare-Stück „Viel Lärm um nichts“.  Die erste Schauspielpremiere der Spielzeit wird bereits am nächsten Wochenende die „Orestie“ sein, ein 2500 Jahre alter Stoff, der nichts von seiner Aktualität und der Befindlichkeit des Rechtsstaates eingebüßt hat, wie der Intendant präzisierte. Eine besondere Herausforderung verspricht eine weitere Premiere des Schauspiels: Peter Shaffers „Amadeus“, der den meisten Zuschauern von der Verfilmung durch Milos Forman bekannt sein dürfte. Anatol Käbisch und Katharina Rehn gaben als Mozart und Konstanze gemeinsam mit Thomas Prazak als Salieri Einblick in die Produktion.

Besonderen Applaus ernteten die Darbietungen des Ballettensembles. Ballettdirektor Ricardo Fernando hat sich als abendfüllendes Spektakel der neuen Spielzeit die Vier Jahreszeiten vorgenommen. Die von Vivaldi, aber auch die von Philip Glass, dessen Musik zum Ballett „Hamlet“ das Augsburger Publikum noch in sehr positiver Erinnerung hat. Zur Spielzeitshow gab es schon mal den „Winter“ von Vivaldi zu sehen. Danach noch einen Pas de deux mit den Neuzugängen Samuel Maxted und Karen Mesquito.

Der zweite Teil der Show war der Verleihung der Theaterpreise für die vergangene Spielzeit gewidmet. Diese seit Jahren vom Augsburg-Journal und dem Förderverein der Theaterfreunde ausgerichtete Gala soll ein Zeichen der Wertschätzung für das Theater sein. Ein Künstler jeder Sparte erhält nach der Auswahl durch die siebenköpfige Jury ein Preisgeld von 1000 Euro, wie der Vorsitzende der Theaterfreunde Rolf D. Neuburger dem Publikum erklärte. Die Prämierten des Abends sind Jihyun Cecilia Lee für das Musiktheater, Thomas Prazakfür das Schauspiel und Ji Won Kim Doede für das Ballett. Den Publikumspreis erhielt Ricardo Fernando für seine umjubelte Schwanensee-Inszenierung, die zur Freude des Publikums wieder aufgenommen wird. Der Sonderpreis ging an die Produktion „Herz aus Gold“, die Fugger-Geschichte, die im Sommer ihre Uraufführung auf der Freilichtbühne hatte und trotz aller Skepsis beim Publikum bestens ankam. Texter Andreas Hillger und Komponist Stephan Kanyar zeigten sich erfreut über die Resonanz des Auftragswerks in der Fuggerstadt Augsburg und auch Laudatorin Theresia Gräfin Fugger von Glött bestätigte die positive Resonanz in den Familien der Fugger-Nachfahren. Nach der Preisverleihung war zu erfahren, dass Rolf Neuburger den Vorsitz der Theaterfreunde nach sieben Jahren in jüngere Hände legen möchte. Eigentlich wollte er das auf der Bühne kundtun, doch im Geplauder mit seinem alten Weggefährten Walter Schilffarth wurde das vergessen. Klaus Vogelsang, Theaterbeauftragter der Universität, wird sich als sein Nachfolger fortan bemühen, den Mitgliederstamm des Fördervereins zu verjüngen – was gerade auch im Hinblick auf die Begleitung der Theatersanierung als wichtig erachtet.

Theaterfest 2018 – Martinipark © Jan-Pieter Fuhr

Die Spielzeitshow war wie immer nur der Höhepunkt eines ganzen Theaterfest-Tages, an dem von Kinderspielen über Speed-Dating, Geländeführungen, Tanzkursen, Bands auf der Wiesenbühne, Familienkonzert, Aufführungen von Schulchören, Theaterauftritten von Gästen und Ballett-Nachwuchs alles Mögliche zur Belustigung des Publikums geboten war. Die Resonanz konnte sich auch Dank des unerwartet guten Wetters sehen lassen. Erst während der Verleihung des Theaterpreises zog der Sturm über Augsburg und der Regen trommelte auf das Hallen-Dach. Nicht ganz so schlimm wie im letzten Jahr bei der Premiere von Momo, offenbar hat man inzwischen Maßnahmen zum Schallschutz getroffen. Deshalb alles in allem ein vielversprechender Start in die neue Spielzeit, die nach langer Abstinenz den Theaterhunger wieder aufleben lässt.

 



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