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Danke Mesut!

„Geschenkte Perlen“, so nennt die DAZ „unaufgerufene Manuskripte“, also Texte ohne Auftrag, die aktuelle Themen bearbeiten und wie in diesem Fall auf angemessener Höhe das Heitere mit dem Bedenklichen kreuzen. Ein anderer Blick setzt manchmal einen Gedanken frei, den man selbst zwar irgendwie und irgendwo schon gefühlt, aber nicht gedacht hatte. Wolfgang Tauberts Text erfrischt und macht satt, passt also zum Wetter und zum Ferienbeginn wie eine Wassermelone, die unerwartet durch die Straße rollt. 

Saftladenland

Eigentlich müssten wir Mesut Özil sehr dankbar sein. Dafür, dass er mit ordentlicher Wucht in den „deutschen Gipfel“ getreten hat, in unsere angeblich so coole Eisbergspitze, bei welcher keiner mehr so recht wusste, was denn darunter liegt. Und jetzt fliegen uns die Brocken um die schwarz-rot-goldenen Ohren; ihm aber auch.

Deutschland. Integration. Migration. Billiglohn. Spott und Hohn. Sind wir jetzt erschüttert? Beleidigt? Hat dieser launische Mittelfeldkicker einen solchen Sturm entfacht, dass wir uns inzwischen in einer Abwehrhaltung wiederfinden? Wer ist denn „wir“? Sind wir überhaupt noch „wir“?

Zwei Weltkriege im vergangenen Jahrhundert. Der Holocaust. Die wilden 68er Jahre, die Rote-Armee-Fraktion, die Wiedervereinigung, vier Mal Fußball-Weltmeister, die politischen Zeitabschnitte herausragender Staatsführer wie Brandt, Schmidt, Kohl, na ja – und Schröder. Und nicht minder beachtliche Figuren wie Wehner, Strauß, Bahr, Scheel, Genscher – allesamt politische Schwergewichte.

Wir waren schon vor dem WM-Aus lethargisch

Und heute? Haben wir nur noch „Mutti“, der Rest besteht aus glattgeschliffenen Zuträgern, die um eine ermattete Königin übers Parkett schlurfen, als hätte es jeden Tag 40 Grad im Schatten. Wir waren schon vor dem WM-Aus nichts Gescheites mehr, dafür ein „Schland“ der ökonomisch schier brutalen Gegensätze: Da die Millionen-Herde von Hartz IV-Empfängern, nicht nur aus Flüchtlingen und Migranten bestehend, dort korrupte und kriminelle Gruppen und Grüppchen von Geldwäschern und Automanagern, eine nach wie vor klimazerstörende Industrie und fette Krankenkassen, denen es am liebsten wäre, wenn die Toten auch noch Beiträge zahlen könnten. Eine in sich selbst verliebte, teilweise braunäugige Justiz sowie politische Abschiebe- und Ordnungs-Hysteriker, die offenbar wirklich selbst daran glauben, dass wir nur noch bei einer totalen Überwachung (über)lebensfähig sind. Und genau in diese taumelnde Selfie-Lethargie hinein huscht nun ein Özil.

Alle sagen was, und wie viel sie sagen! Wöge jeder Buchstabe nur ein Gramm, wir würden uns binnen kürzester Zeit selbst erdrücken. Doch wer sagt wirklich etwas? Ist Löw einer, der etwas sagt? Haben seine Vasallen etwas zu sagen? Was sagen Bierhoff und Grindel, beides kapitalorientierte Witzfiguren einer Sportart, die das letzte „Lagerfeuer-Wir“ zum Marketing verkommen ließen. Doch dann Gruppenletzter, verdammt: Was haben wir jetzt, wer sind wir jetzt? Weder Papst noch Weltmeister, wir sind Versager, besser: „Wir sind jetzt Luschen“.

Wer meckert ist ein Nörgler

Es hat fast keiner gemerkt – wir sind in den letzten zehn, fünfzehn Jahren immer mehr zu einer Softeis-Nation geworden. Schläfrig und leicht zu ermüden: wird schon, passt schon, der Motor brummt, uns geht es gut, was sollten wir schon groß ändern? Wer meckert, ist ein Nörgler, ein Spielverderber, denn wir sind die Mitte Europas: Und die anderen sollen alle erst mal schön schauen, wie wir das so machen. Wir haben uns irgendwie (eines der Lieblingswörter von Herrn Löw) durch Raum und Zeit gedribbelt, auch, weil uns keiner so recht den Ball abjagen konnte. Außer wir uns selbst.

Und jetzt, in Russland, ist es passiert. Das Unfassbare, die schier apokalyptische Schmach und Niederlage. Ausgerechnet wir, die wir doch so anständig waren und immer noch sind. Die immer schon in riesigen Spenden-Aktionen geholfen haben, das weltweite Leid vieler Menschen zu lindern, die mitgeholfen haben, hunderttausende von Flüchtlingen aufzunehmen und dies noch tun, und die zu zigtausenden gegen Rechtsausleger und Rassismus auf die Straße gehen.

Das Schlimmste ist nicht die Eisbergspitze AfD, sondern der Eisberg selbst

Ja, das stimmt schon, diese grandiosen Seiten gibt es bei uns auch. Aber wer genau hinsieht, wird bemerken, dass viele der Helfer schon recht betagte Menschen sind – es sind die demokratisch Unermüdlichen, die, die niemals aufgeben und die gar nicht die Zeit dafür hätten, sich aus dem nächsten Supermarkt kastenweise Bier zu holen, um es in den Fußgängerzonen dieser Republik sinnlos wegzusaufen. Wir haben glücklicherweise viele mutige und fleißige Menschen in unseren Reihen, aber die gewaltige Mehrheit generiert sich aus ungesund lebenden Serienglotzern und keine-Ahnung-Stammlern. Das Schlimme ist nicht die Eisbergspitze AfD, das Schlimme ist der Eisberg selbst. Und dieser Eisberg besteht leider auch aus Millionen von pseudoliberalen Hipster-Nasenbohrern, die wohl der festen Überzeugung sind, dass ein Portemonnaie erst ab fünf Scheckkarten einen Sinn ergibt.

Wir wollten einmal die ganze Welt besiegen, jetzt ist die ganze Welt bei uns

Es gab niemand, der einem Mesut Özil ganz ehrlich schon vor dem Spiel gegen Mexiko gesagt hätte, dass dies seine letzte Chance wäre, um beweisen zu können, dass er vielleicht doch mehr kann als sich mit einem Despoten fotografieren zu lassen. Es gibt niemand, der sagt, dieses Deutschland hat sechs bis zehn Millionen Juden und Sinti und Roma und weitere Ethnien auf dem Gewissen, und dass dies eine einmalige karmische Gelegenheit des Schicksals sei, wenn wir das durch die Aufnahme verfolgter und armer Menschen ausgleichen könnten. Wir wollten einmal die ganze Welt besiegen, und jetzt ist die ganze Welt bei uns. Wobei es ganz so einfach auch nicht ist, zu sagen, man müsse die Nöte der Menschen in den Herkunftsländern bekämpfen – in Afrika beispielsweise müsste man wohl erst einmal die Hälfte der korrupten Regierungen wegsperren, damit sich dort überhaupt etwas tut.

Wir brauchen noch viel mehr Menschen, die engagiert mit anpacken, wenn es um die Gestaltung unseres gemeinsamen Lebens geht. Und das geht im Übrigen auch hervorragend mit vielen Menschen aus allen Teilen der Welt – diese wollen nichts Anderes als wir auch. Leben, arbeiten, lachen, gut essen und trinken, eine vernünftige Bildung, ein bezahlbares Gesundheitssystem und so fort. Im Grunde wäre es gar nicht so schwer. Ich kenne es noch so: Man spuckt in die Hände, und dann geht’s ab. Inzwischen aber spucken fast alle nur noch aufs Pflaster. Oder, wie Özil, wichtigtuerisch in den Medien umher. Trotzdem: Danke, Mesut. (Wolfgang Taubert)                   

 



Stadträte des Augsburger Kulturausschusses diskutieren über „Politik und Utopien“

„Politik und Utopien“ so das Thema eines Frühschoppen-Gesprächs mit den Mitgliedern des Augsburger Kulturausschusses.

Friedenstafel auf dem Rathausplatz (c) Stadt Augsburg/ Ruth Pössel

Im Rahmen des Kulturprogramms zum Hohen Friedensfest findet am Samstag, den 4. August, von 10 bis 12 Uhr ein Frühschoppen in Brechts Bistro (Auf dem Rain 6) statt. Es besteht die Möglichkeit zu einem Weißwurst-Frühstück oder einer vegetarischen Alternative. Von Politikern erwarten die Bürger Visionen für die Zukunft. Gleichzeitig werden die Volksvertreter mit utopischen Ideen konfrontiert, die nicht oder kaum realisierbar erscheinen. Bei diesem Frühschoppen diskutieren Mitglieder des Kulturausschusses des Augsburger Stadtrats über diesen Widerspruch. Was sind meine Utopien? Welche Ideen für die Zukunft bringen Kulturpolitiker in ihre Aufgaben und Zuständigkeiten mit ein? Mit welchen utopischen Vorstellungen müssen sie sich auseinandersetzen? Welche Utopien werden benötigt, um das Gangbare zu entwickeln? Wie sieht Augsburg in 5, 10, 20 oder 100 Jahren aus?

Moderation: Korbinian Grabmeier (Kulturbeirat Augsburg) Stadträte: Andreas Jäckel (CSU), Gabriele Thoma (SPD), Verena von Mutius (Grüne), Dr. Rudolf Holzapfel (Pro Augsburg), Oliver Nowak (Polit-WG).

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Das Augsburger Hohe Friedensfest am 8. August ist ein offizieller Feiertag, den es nur in Augsburg gibt. Die Stadt feiert diesen Tag mit einem mehrwöchigen Kulturprogramm, das noch bis zum 8. August zu Konzerten, Theater, Lesungen, Gesprächen, Filmen, Vorträgen, Festen, Workshops, Ausstellungen, Performances u.v.m. einlädt. Das Hohe Friedensfest wurde 2018 als „kulturelle Ausdrucksform“ in das Bayerisches Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen und für die Aufnahme ins bundesweite Verzeichnis nominiert. 



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