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Interview mit Stadt- und Verkehrsplaner Prof. Hartmut Topp

“Eine neue Tiefgarage ist wirklich fehl am Platze”

Professor Dr. Hartmut Topp ist ein international renommierter und hoch angesehener Stadt- und Verkehrsplaner.  Im Februar 2009 hatte er den Vorsitz in der Jury inne, die sich beim Planungswettbewerb bezüglich des Augsburger Königsplatzumbaus für den Wunderle-Entwurf entschied. Diese Planung gilt als Grundlage für die Umgestaltung des Augsburger Königsplatzes wie er heute ist.

DAZ: Herr Topp, Sie stellten im Januar 2009 den Siegerentwurf zum “Ideenwettbewerb Innenstadtumbau”, ein 160-Millionen-Projekt, das in Augsburg lange unter dem Begriff “Mobilitätsdrehscheibe” firmierte, mit folgenden Worten vor: “Augsburg hat sich mit dem Wettbewerb getraut, was sich bisher keine deutsche Stadt getraut hat”. Was genau hat denn die Stadt Augsburg gewagt?

Topp: Augsburg hat sich im Stadtzentrum früher als manche andere Stadt von der Fortführung der autogerechten Stadt verabschiedet. Neu war auch, dies über ein interdisziplinäres Wettbewerbsverfahren zu initiieren. Eine oft auf das Auto fokussierte Verkehrsplanung wurde entmonopolisiert und so wieder als Teil der Stadtplanung und des Städtebaus integriert – und dies im besten Sinne: Ambiente, Urbanität, Aufenthaltsqualität sind Schlüsselgrößen für die Attraktivität einer Stadt und damit letztlich auch für ihre wirtschaftliche Prosperität, und nur damit kann die Innenstadt peripheren Einkaufszentren Paroli bieten.

DAZ: In Augsburg wurde das wie und wo tatsächlich erreicht?

“Die Botschaft lautet: von einseitiger Funktionalität zur gelebten Stadt”

Topp: In der (teilweisen) Umsetzung des damaligen Siegerentwurfs wurde das zumindest für den Bereich des Kö in besserer Anbindung an die Altstadt erreicht. Mit der Idee des Fuggerboulevards könnte diese Erfolgsgeschichte auch heute noch weitergeführt werden. Der Wettbewerb war  die Initialzündung für die wahrscheinlich anders kaum ereichbare Weichenstellung von einseitiger Funktionalität zur gelebten Stadt – das ist die bis heute geltende Botschaft.

DAZ: Eine Botschaft, die abgeschwächt wurde: Einige Planungsaspekte, die zum Siegerentwurf gehörten, fielen dem Rotstift zum Opfer oder wurden von “Machbarkeitsstudien” ins Reich der Luftschlösser verwiesen. Dazu gehört ein sieben Kilometer langer Entlastungstunnel, eine Straßenbahnlinie durch die Karlstraße über den Oberen Graben, innerstädtisches Tempo 30. Der Fuggerboulevard, das große städtebauliche Versprechen des Projekts, wurde auf den St. Nimmerleinstag verschoben. Das ehrgeizige Projekt “Augsburg Fahrradstadt 2020” ebenfalls. Weil der Fahrradweg-Ausbau ins Stocken geriet, hat man die Latte einfach niedriger gehängt, sodass man bequem darüber steigen kann. Gilt das nicht für den gesamten Augsburger Innenstadtumbau?

“Beispiele sind Kopenhagen und Zürich. Warum sollte Augsburg nicht mit den Besten konkurrieren?”

Topp: Nein, Letzteres ist mir zu pessimistisch. So war der lange Entlastungstunnel nicht ausschlagebend für den Siegerentwurf, und heute wie damals ist er unnötig und kontraproduktiv für die gelebte Stadt mit künftig weniger Autoverkehr. Innerstädtisches Tempo 30 steht nach wie vor auf der Agenda und sollte umgesetzt werden zur Lärmminderung und zu verträglicherem und sichererem Miteinander von Fuß-, Rad- und Autoverkehr. Man sollte akzeptieren, dass manches länger dauert, und legen wir doch die Latte wieder höher – Beispiele sind Kopenhagen und Zürich. Warum sollte Augsburg nicht mit den Besten konkurrieren, das braucht natürlich Zeit.

DAZ: Herr Topp, ganz konkret: Was kann schädlich daran sein, wenn es knapp 700 mehr unterirdische Parkplätze in Augsburgs Innenstadt gibt?

Topp: Die Ausweitung des Parkraum passt einfach nicht zu dem von mir zuvor beschriebenen Paradigmenwechsel von der Autostadt zur nachhaltigen, lebenswerten Stadt. Ich habe nichts gegen Autos, und ich schätze ihre Vorteile. Aber Stadt, und Innenstadt insbesondere, vertragen nicht Übermaß und Dominanz des Autoverkehrs. In vielen Städten sind Parkbauten nur an Spitzentagen wirklich ausgelastet – ist das nicht auch in Augsburg so?

DAZ: Ja, das ist natürlich auch in Augsburg so …

Topp: Und das Argument, viele Parkbauten seien wenig attraktiv, sollte doch eher zu Sanierung des Bestandes führen statt zur Ausweitung des Parkraums. Parksuchverkehr ist immer wieder ein Argument, aber dagegen hilft ein gutes Leitsystem und künftig auch eine App zur Reservierung und Navigierung. Wir sollten überhaupt mehr fragen, wie Mobilität in Zukunft aussieht, denn die Lebensdauer einer Tiefgarage liegt locker bei 40/50 Jahren. Ja, so gesehen ist eine neue Tiefgarage der genannten Größe wohl wirklich fehl am Platze.

DAZ: Die Digitalisierung, die Discounter, die Shopping-Malls an den Rändern, die Auslagerungen von Behörden und Schulen, die  früher fast alle im Zentrum waren, und last but not least eine unattraktive Fußgängerzone haben für Leerstand und Kahlschlag, also sichtbare Probleme in der Augsburger Innenstadt gesorgt. Wie muss man dieser Entwicklung entgegenwirken?

“Leerstand ist eine Folge des Internethandels, da helfen Parkplätze wenig”

Topp: Leerstand, gerade auch im Einzelhandel, ist eine Folge des Internethandels, da helfen Parkplätze wenig bis überhaupt nicht. Wichtig sind Urbanität, Stadterlebnis und Aufenthaltsqualität – deshalb besuche ich die Innenstadt. Und ja, viele Fußgängerzonen sind gestalterisch in die Jahre gekommen. Gestaltungswettbewerbe haben sich auch in solchen Fällen sehr bewährt – ein aktuelles Beispiel ist die Schadowstraße in Düsseldorf. Es muss aus heutiger Sicht auch nicht immer die reine Fußgängerzone sein, das Miteinander verschiedener Verkehre in Shared-Space-Bereichen kann auch nach Ladenschluss in Kombination mit Gastronomie belebend wirken.

DAZ: Herr Professor Topp, vielen Dank für das Gespräch.

—- Fragen: Siegfried Zagler —- Fotos: Professor Dr. Hartmut Topp — (c) privat — Historischer Königsplatz vor der Phase der “autogerechten Stadt”.



Altersarmut

Augsburger Seniorenbeirat fordert eine existenzsichernde Rente

Trotz steigenden Wohlstands nimmt die Zahl der von Altersarmut betroffenen Menschen stetig zu 

Auch in Augsburg. Laut jüngstem Sozialbericht (Stand 2016) erhielten hier 3000 Personen Grundsicherung im Alter – Tendenz steigend. Der Seniorenbeirat der Stadt Augsburg will sich damit nicht abfinden. Er beschloss auf seiner jüngsten Sitzung, einen „Forderungskatalog zur Ausgestaltung einer existenzsichernden Rente“ zu erarbeiten.

Damit will der Seniorenbeirat seine Möglichkeiten nutzen, politische Unterstützung für eine grundlegende Reform der gesetzlichen Rentenversicherung zu gewinnen“, so der Vorsitzende des Seniorenbeirats Dr. Robert Sauter. Es sei nicht mehr hinnehmbar, dass Menschen die ihr ganzes Leben lang fleißig gearbeitet, aber im Niedriglohn wenig verdient haben, als Rentner direkt auf die Grundsicherung, also auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Mit der Einführung des Mindestlohns hat der Bundestag selbst das existenzsichernde Mindesteinkommen definiert. Daraus würde sich eine Mindestrente von rund 1100 Euro errechnen. Dass allein die Durchschnittsrente der Frauen mit 590 Euro deutlich unter der Grundsicherung liegt, sei für sich schon ein sozialpolitischer Skandal. Außerdem wies Robert Sauter auf die „schleichende Entwertung der gemeinsamen Verantwortung der Gesellschaft für die sozialen Aufgaben“ hin. Sie zeige sich in der Tendenz, Anteile der sozialen Altersversorgung aus der gesetzlichen Rentenversicherung in den Bereich der privaten Altersvorsorge zu verschieben, womit Geringverdiener aber regelmäßig überfordert würden.

Ziel müsse es sein, so Robert Sauter, dass mit der Rente der im Erwerbsleben erreichte Lebensstandard auch im Alter gesichert ist. „Seniorinnen und Senioren dürfen nicht als lästige und teure Gruppe von Sozialtransfer-Empfängern betrachtet werden, sie haben für den Bestand und die Weiterentwicklung des sozialen und kulturellen Lebens eine eigenständige Bedeutung.“

„Zukunftsfähig, könnte das Modell einer Mindest-Grundversorgung sein, die aus einer Grundrente in Höhe des steuerlichen Existenzminimums von derzeit 735 Euro und zusätzlich aus selbst erworbenen Rentenansprüchen besteht. Wir brauchen mehr als nur kosmetische Änderungen, nämlich einen qualitativen Sprung, um aus der heutigen, von vielen als beschämend angesehenen Grundsicherung auf eine existenzsichernde Rentenhöhe zu gelangen. Dafür müssen wir uns politisch einmischen“, so Robert Sauter.

Foto: (c) DAZ



Bürgerbeteiligung

Entwicklung der Museumslandschaft Bürgerbeteiligung: Online-Umfrage gestartet

Im Rahmen des Kulturentwicklungskonzepts für die Augsburger Museumslandschaft startet heute, Montag, 7. Mai, auch eine empirische Studie in Form einer Online-Umfrage.

Sie ist Teil des Bürgerbeteiligungsprozesses. Der Link zur Umfrage https://studies.bms-net.de/Umfrage wird über die digitalen städtischen Kanäle gestreut. Zudem werden 3000 Haushalte postalisch angeschrieben. An der Umfrage können alle Augsburgerinnen und Augsburger teilnehmen. Ziel der Umfrage ist, ein möglichst breites Stimmungsbild der Augsburger Bevölkerung zu deren Nutzung der kulturellen Einrichtungen zu erhalten. Wissenswert ist, was die Bürgerinnen und Bürger an den Augsburger Museen schätzen und wo es aus ihrer Sicht Potential zur Verbesserung gibt. In etwa 15 Minuten lassen sich die Fragen beantworten. Die Ergebnisse der Online-Umfrage fließen in den Beteiligungsprozess ein. —-

Foto: Schaezlerpalais Maximilianstraße/Augsburg (c) DAZ