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„Die Gegenwart Europas ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution“

Am kommenden Donnerstag verleiht die Stadt Augsburg den Brecht Preis 2018 an Nino Haratischwili. Die Jury würdigt in einem Vorab-Statement ihre Schreibkunst als eine Kunst, die komplexe historische Prozesse in sinnlich fassbare Geschichte fasse. „Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen“, so die Jury in ihrer Begründung.

Nino Haratischwili Foto (c) Danny Merz Sollsuchstelle

Die 1983 in Tiflis geborene und heute in Hamburg lebende Dramatikerin, Romanautorin und Theaterregisseurin Nino Haratischwilli kam als Zwölfjährige mit ihrer Mutter 1995 erstmals nach Deutschland und gilt seit ihrem Studium an der Hamburger Theaterakademie mit ihren zahlreichen Theaterstücken, ihren Romanen aber auch mit ihren Inszenierungen, ihrer innovativen praktischen Theaterarbeit in der deutschen Theater- und Literaturlandschaft als großes Talent. Auch nach ihrem Regiestudium in Tiflis und Hamburg kehrte sie immer wieder in ihre georgische Heimat zurück. Sie ist eine Grenzgängerin zwischen Ost und West, die wie Bertolt Brecht das Schreiben als eine Suche und das Leben als Versuch gelten lässt.

Beschrieben werden Verwerfungen eines Jahrhunderts und deren Folgen für die politischen Krisen und Konflikte der Gegenwart

Spätestens seit dem Erscheinen ihres Roman „Das achte Leben (Für Brilka)“ ist Haratischwili auch einem breiten Publikum bekannt. In diesem 2017 mit großem Erfolg am Hamburger Thalia Theater für die Bühne bearbeiteten Roman schildert Haratischwili den Aufstieg und Fall des Kommunismus von der vorrevolutionären Zeit bis ins Europa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion aus der Perspektive einer georgischen Familie. Sie beschreibt die Freuden und Verwerfungen eines Jahrhunderts und deren Folgen für die politischen Krisen und Konflikte der Gegenwart. Im Gegensatz zu den Begründungen für so manch anderen Brecht-Preisträger fällt in diesem Jahr die Erklärung der Jury nachvollziehbar aus. Nino Haratischwili ist eine würdige Brecht-Preisträgerin.

Die Begründung der Jury:

„Nino Haratischwilis Romane und Theaterstücke lassen sich mit den großen Exildramen Bertolt Brechts in Verbindung bringen. Ihre Begabung, komplizierte historische Prozesse, Revolutionen und Kriege ebenso wie menschliches Versagen, Opportunismus und Machtmissbrauch sowie individuelle Katastrophen in sinnliche Geschichte und großartige Frauenfiguren zu fassen, erinnert an Brechts „Mutter Courage“ und seinen „Kaukasischen Kreidekreis“. Dabei erzählen die Geschichten und Figuren Nino Haratischwillis von den historischen und aktuellen Menschenströmen, die als Folge von Krieg und Revolution damals wie heute durch Europa ziehen. Während in „Die acht Leben (Für Brilka)“ in einem der Autorin eigenen, beeindruckenden epischen Pathos, das niemals den analytischen Blick verstellt, ein Jahrhundert aus osteuropäischer Sicht für uns Westeuropäer völlig neu erfahrbar wird. Dabei wird deutlich, dass es sich bei Haratischwili um eine genuine Theaterautorin handelt. Ein allwissendes Ich vermeidet sie in dieser großartigen Prosa ebenso wie ein Übermaß an Kulisse. In ihrem Theaterstück „Radio Universe“ (2010) attackiert sie uns in einer schmerztrunkenen Nacht mit dem Kaukasuskonflikt. Sie erzählt mit magischem Realismus von Anpassung, Verrat und Widerstand, Liebe, Hass und (Über-)Lebenswillen. Wie am Beispiel des Lebens der Tochter eines ehemaligen Dissidenten und ihren Dialogen mit der Pflegekraft Natalia im „Land der ersten Dinge“ (2014) oder des wütenden Monologes der Putzfrau Marusjas gegen die neuen Flüchtlingen in „Die Barbaren“ (2017), der als ein Teil des Projekt „Das Europäische Abendmahl“ am Wiener Burgtheater uns mit unserer eigenen Wohl(an)ständigkeit konfrontiert. Obwohl die Autorin in ihren Theaterstücken niemals den analytischen, vielfach schmerzlichen wie verstörenden Blick auf die Systeme scheut, ist sie fern jeglicher Selbstgerechtigkeit.“ – So die Erklärung der Jury.

Im Westen wie im Osten ist die Geschichte der Sowjetunion nicht aufgearbeitet

Zur Arbeit an ihrem, in seiner eigenwilligen Poesie und sprachlichen Schönheit faszinierenden Roman “Das achte Leben“ befragt, sprach sie in einem Radiointerview über ihre Motive und den intensiven Entstehungsprozess: „Nicht nur im Westen, auch im Osten ist die Geschichte der Sowjetunion in der Bevölkerung überhaupt nicht aufgearbeitet. Viele Vorgänge, die jetzt in Georgien und Russland stattfinden, habe ich nicht verstanden. Darum habe ich angefangen, mich mit der Geschichte zu befassen, ich wollte den Ursprung finden. Und so bin ich immer etwas weiter in die Zeit zurückgegangen, bis ich bei der Oktoberrevolution landete. Da fragte ich mich: Tu ich’s mir an? Ich hab’s mir angetan. Das Fatale an der westlichen Interpretation der Geschichte ist, anzunehmen, dass es eine Zäsur gab 1989. Das stimmt nicht, die Gegenwart Europas ist die Fortsetzung der Geschichte seit der Oktoberrevolution.“

Die Preisträgerin wird bei der Verleihung im Goldenen Saal persönlich anwesend sein. Andreas Platthaus, Leiter des Ressorts Literatur und literarisches Leben bei der FAZ hält die Laudatio. Das Theater Augsburg und das Walter Bittner Trio sorgen für die literarische und musikalische Umrahmung. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Der Eintritt ist frei. Nach dem feierlichen Akt findet ein Empfang im Oberen Flez des Rathauses statt.



Bundesliga im Umbruch – Oder die Frage, ob Andreas Rettig ein erstklassiger Manager ist

Oben ziehen immer die gleichen Klubs ihre Kreise. Das sorgt meistens für Langeweile. Doch im Tabellenkeller geht es spannend zu. Der Fußball ist eine Allegorie auf das Leben in der Moderne: Unten ist es aufregender als oben!

Von Siegfried Zagler

Eine großartige Fußballwoche fand am gestrigen Sonntag ihr Ende: Rom schaltet Barcelona in der Champions League aus, im gleichen Wettbewerb rettet sich Real Madrid in der Nachspielzeit mit einem umstrittenen Elfmeter, Klopps Liverpool düpiert Manchester City und Leipzigs Trainer Hasenhüttl vercoacht sich und RB wird in der Europa League nach einem großartigen Spiel von Marseille niedergerungen. Wer interessiert nach diesen rauschenden Nächten noch für die Niederungen des Abstiegskampfes? Das Schicksal der Kleinen mag hart und uninteressant sein, aber nicht langweilig.

Deutlich langweiliger geht es jedenfalls bei den drei europäischen Topligen in der Frage der Meisterschaft zu: Bayern München ist seit einer Woche Meister, Manchester City seit wenigen Stunden und Barcelona ist der Titel ebenfalls kaum noch zu nehmen. In der Bundesliga schien die Meisterschaft dieses Jahr nach fünf trostlosen Jahren wieder spannend zu werden, weil sich die Bayern nach dem Visionär Pep Guardiola mit Carlo Ancelotti einen Old-School-Übungsleiter leisteten, der an der Säbener Straße keinen Tritt finden sollte. Am 7. Spieltag lag Dortmund noch 5 Punkte vor den Bayern. Wer kann sich daran eigentlich noch erinnern?

Dann kam Jupp Heynckes nach München, gleichzeitig fiel die Borussia in ein Dembele-Loch – und die Deutsche Meisterschaft geriet zum 6. Mal in Folge zu einem weiteren Wim-Wenders-Film: zu einem Werk der gehobenen Langeweile.

Als Karl-Heinz Rummenigge nun kürzlich auf die Idee kam, dass mit der Aufhebung des 50+1 Kodex sich die Bundesliga für Großinvestoren öffnen müsste, um an der Spitze wieder konkurrenzfähig zu werden, wurde er erstens mit einer DFL-Abstimmung ausgebremst und zweitens mit dem Rettig-Satz veräppelt, dass er einmal ein guter Fußballspieler gewesen sei. Damit wollte ausgerechnet der Manager von St. Pauli zum Ausdruck bringen, dass Rummenigge bei seinen Leisten bleiben solle – und sich nicht für die komplizierten Laufwege von „Fremdgeld“ zu interessieren habe.

„Fremdgeld“ nannte einst Uli Hoeneß (vor seiner Landsberger Zeit) das Invest von Oligarchen, Scheichs und asiatischen Kapitalanlegern. Fremdes Geld schießt zwar auch Tore, bringe aber böses Kapital in die heile Fußballwelt, die zwar auch reich sei, aber eben anständig, weil sie sich ihren Reichtum aus sich heraus erwirtschafte. Hoeneß hat zweistellige Millionen-Gewinne seiner Börsengeschäfte nicht versteuert, während Rummenigge lediglich den illegalen Import von Luxusuhren zu verantworten hat. Womit gesagt sein soll, dass die beiden Bayernbosse in jeder Hinsicht in verschiedenen Ligen spielen und Rummenigge im Grunde selten weiß, wohin die Entwicklung des Profifußballs und somit auch die des FC Bayern gesteuert werden müsste.

Was ihn wiederum sehr mit Andreas Rettig verbindet, der immer noch denkt, er könne einen Fußballklub mit einem Nokia-Handy organisieren. Man mag es nicht beschreien, aber der Gedanke schmerzt, dass mit Kaiserslautern und St. Pauli zwei Urgesteine des deutschen Fußballs kurz davor sind, in die Untiefen der Dritten Liga zu verschwinden. Dabei haben sich nicht wenige Hamburger auf das erste Zweitliga-Derby zwischen St. Pauli und dem HSV gefreut. Sollte es nächste Saison nicht dazu kommen, läge es sicher nicht am Hamburger SV.

Nachdem chinesische Kapitalgesellschaften in Augsburg alteingesessene Unternehmen kaufen und schließen (Osram), beziehungsweise kaufen und fortführen (Kuka), würde es in der Fuggerstadt niemand wundern, würden sich chinesische Investoren um den FCA bemühen. 50+1 hin oder her. – Schließlich hat Walther Seinsch im Kleinen gezeigt, wie man diese Schrulle der Vereinsmeier und Traditionsliebhaber umschifft und obendrein wäre die Metropolenregion Augsburg für einen professionell geführten Fußballklub ausgesprochen geeignet. Allerdings müssten die FCA-Verantwortlichen noch reichlich Hausaufgaben erledigen, um in den Fokus des großen Geldes zu rücken. Eine volle Haupttribüne, ein volles Stadion und eine akzeptable Bratwurst wären möglicherweise keine schlechten Lockmittel, um endlich von der ewigen Saisonziel-Leier des Nichtabstiegs absehen zu können. „Abenteuer Nichtabstieg“ ist eben kein Abenteuer, sondern ein Elend, an dem nicht nur der VfL Bochum gescheitert ist.

Der FC Augsburg hat am vergangenen Freitag sein Saisonziel erreicht, ohne dass es für eine Zeitung oder ein Lokalradio eine Erwähnung wert gewesen wäre: Direkt können die Augsburger nicht mehr absteigen. Ein Abrutschen auf den Relegationsplatz ist zwar noch möglich, aber unwahrscheinlich. Im achten Jahr Bundesliga, in dem der FCA so gut wie sicher zu erwarten ist, sollte in Augsburg eine neue Stufe gezündet werden.

Nicht der Nichtabstieg sollte das Ziel sein, sondern eine Erfolgssicherung, die unabhängig vom Auf und Ab in der Tabelle greift und den FC Augsburg in einen höheren Orbit bringt. Der Unterbau steht inzwischen auf Bundesligahöhe, der FCA ist in dieser Hinsicht endlich angekommen und darf nun höhere Ziele ins Visier nehmen.

Eine sichere Umlaufbahn gibt es in der Bundesliga allerdings nicht, aber es gibt Vereine, die nach einem Abstieg gestärkt zurückkamen. Die Freiburger wissen das, die Berliner, die Frankfurter und möglicherweise trifft das auch auf die Hamburger zu, die in der ewigen Bundesligatabelle noch immer auf Platz 4 stehen und einst die Liga mit Stars prägten wie Willi Schulz, Uwe Seeler, Mani Kaltz, Kevin Keegen, Felix Magath oder Horst Hrubesch.

In Bayern hat der FC Augsburg Großklubs wie Nürnberg und 1860 München hinter sich gelassen und vielleicht bringt im nächsten Jahr Holstein Kiel als nördlichster Klub mehr Leben in die Liga als der HSV in den vergangenen Jahren. Tradition schießt im Gegensatz zu Geld und Fremdgeld nämlich keine Tore.



Vortrag: Der NSU-Komplex

Rechter Terror, staatliches Versagen und ein Mammut-Prozess – wie viel Aufklärung ist möglich? So die Kernfragen eines Vortrags von Tanjev Schulz. Die Veranstaltung findet am heutigen Montag, den 16. April um 19.30 Uhr im Augustana-Saal, Im Annahof statt.

Prof. Dr. Tanjev Schultz verfolgt als einer von wenigen Journalisten den NSU-Prozess von Anfang an und bis heute direkt im Gerichtssaal. Auf Einladung des Friedensbüros gibt er heute Einblicke in seine Beobachtungen und Einschätzungen. Hunderttausende Akten, mehr als 400 Prozesstage und zahlreiche Untersuchungsausschüsse: Die Aufklärung des »Nationalsozialistischen Untergrunds« (NSU) und seiner Verbrechen ist extrem mühsam und aufwendig. Noch immer sind bohrende Fragen nicht beantwortet. Im Rahmen der »Augsburger Reden. Vortragsreihe zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft« kommt mit Prof. Dr. Tanjev Schultz ein Insider zu Wort, der sich intensiv mit dem Themenkomplex befasst hat: Tanjev Schultz hat jahrelang über den NSU recherchiert und geschrieben, erst als Redakteur für die Süddeutsche Zeitung, seit 2016 als freier Autor und Professor der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

In diesem Jahr veröffentlicht Schultz sein Buch »Kollaps der Sicherheit« und erzählt die Geschichte des NSU als »die atemberaubende Chronik eines staatlichen Organversagens« (Droemer Knaur). Sein Vortrag gibt Einblicke in das Labyrinth aus publizistischen, parlamentarischen und strafrechtlichen Ermittlungen. Moderator der Veranstaltung ist Professor Dr. Dietmar Süß, er lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Augsburg.

Die Reihe »Augsburger Reden. Vortragsreihe zu Vielfalt und Frieden in der Stadtgesellschaft« widmet sich aktuellen Themen der Vielfalt in der Friedensstadt Augsburg. Sie möchte das Verständnis für gesellschaftliche Entwicklungen fördern und mögliche Handlungsoptionen beleuchten. Es sprachen bisher u.a. Christian Wulff, Norbert Lammert, Navid Kermani, Gesine Schwan, Wilhelm Heitmeyer und Ilya Trojanow. Verantwortlich ist das Friedensbüro im Kulturamt der Stadt Augsburg unter der Leitung von Christiane Lembert-Dobler mit einem Veranstaltungsnetzwerk aus Büro für Migration, Interkultur und Vielfalt, Universität, Volkshochschule und Evangelisches Forum Annahof. Tickets: 7/5 Euro (erm.). Mit Vorlage des Kultursozialtickets 1 Euro (nur Abendkasse) Einlass: ab 19.00 Uhr.



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