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Verkehrspolitik: Harter Schlagabtausch in der Stadtregierung

In einem der wichtigsten Themen der Lokalpolitik, nämlich in der Verkrehrspolitik, ist ein heftiger und öffentlich ausgetragener Streit innerhalb der Augsburger Stadtregierung ausgebrochen: Der Vorschlag der Grünen Stadtratsfraktion, eine deutliche Erhöhung der Parkgebühren einzuführen, um damit zweckgebunden den ÖPNV zu fördern, bringt den SPD-Bündnispartner auf Palme: Fraktionsvorsitzende Margarete Heinrich bezeichnet diesen Vorschlag als „einen vorgezogenen Aprilscherz“.

Martina Wild

Martina Wild


Die Grüne Stadtratsfraktion möchte den ÖPNV im Vergleich zum MIV (Motorisierten Individual-Verkehr) stärken und forderte eine Anhebung und Ausweitung der Parkgebühren im Maß der Erhöhung der ÖPNV-Tickets und die Verwendung der Einnahmen aus Parkgebühren für eine nachhaltige Mobilität. „Eine Anfrage unserer Fraktion brachte zu Tage, dass die Parkgebühren im öffentlichen Raum in Augsburg seit 2012 nicht gestiegen sind, während ÖPNV-Tickets sich im Barverkauf um 18 Prozent und im Abo um 9 Prozent verteuert haben. Betrachtet man den Zeitraum seit 2002, dann wurden die Parkgebühren für die erste Stunde zwar um 33 Prozent erhöht, faktisch wurde die erste Stunde aber durch die Semmeltaste sogar 33 Prozent billiger und kostet bis heute ein Euro. Im gleichen Zeitraum stiegen die ÖPNV-Preise im Barverkauf um fast 70 Prozent und bei den Abos um 50 Prozent.“ So referiert Martina Wild, Fraktionsvorsitzende der Grünen in einer Pressemitteilung.

Dies sei das Gegenteil einer gezielten Förderung des ÖPNV. Der ÖPNV werde damit bei jeder Tarifsteigerung unattraktiver gegenüber dem Auto, so Wild, weshalb die Grünen fordern, die Parkgebühr in der Innenstadt auf 3 Euro pro Stunde anzuheben und die Semmeltaste ganz abzuschaffen. Damit wären die Parkgebühren in 16 Jahren in etwa so gestiegen wie die Abopreise im ÖPNV.

„Dass die SPD Unwahrheiten und Häme verbreitet, spricht für sich selbst“

Es sei unbestritten, dass „die Luftreinhalteprobleme in deutschen Städten hauptsächlich von privater PKW-Nutzung verursacht sind. Nur durch weniger und emissionsfreien PKW-Verkehr können wir diese Probleme dauerhaft lösen. Nur wenn wir den ÖPNV gezielt ausbauen, fördern und auch verbilligen, und gleichzeitig den Autoverkehr nicht mehr versteckt subventionieren, werden die Menschen auf den Umweltverbund umsteigen“, so Stephanie Schuhknecht, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, die sich über den SPD-Angriff folgendermaßen äußert: „Dass die SPD-Fraktion zu unseren Vorschlägen in ihrer gestern veröffentlichten Pressemeldung bewusst mit Unwahrheiten argumentiert und letztlich statt Inhalten nur Häme verbreitet, spricht für sich selbst.“

Schuhknecht bezieht sich dabei auf eine SPD-Pressemitteilung, in der die SPD-Fraktion auf die Grünen losgeht, als wären diese Forderungen der Grünen etwas Neues.

„Es sei schon bemerkenswert, wie die Grünen bei einem umweltpolitischen Thema so orientierungslos im Nebel herumstochern“, holzt SPD-Fraktionsvorsitzende Margarete Heinrich gegen die Grüne Fraktion und lässt an den Grünen im Augsburger Stadtrat kein gutes Haar:

Erst als die ersten Kritiken von Fahrgästen kamen, seien die Grünen aus Ihrem Winterschlaf aufgewacht, poltert Heinrich. Um mehr Fahrgäste für Bus und Tram zu gewinnen, sei es doch primär wichtig, den ÖPNV attraktiver und nicht das Autofahren teurer zu machen.

„Die Grüne Fraktion hat bei der AVV-Reform komplett versagt“

Margarete Heinrich

Margarete Heinrich


Die SPD-Fraktion kritiserte die AVV-Tarifreform von Beginn an und stimmte im Stadtrat gegen das umstrittene Reformwerk. Vergangene Woche hat die SPD-Fraktion eine öffentliche Fraktionssitzung durchgeführt, zu der der Verkehrsexperte Herbert König, ehemals Geschäftsführer des Münchner Verkehrsverbundes, als Referent eingeladen wurde. „Die Vorschläge, die aus den Reihen der Gäste und von König kamen, werde die SPD in den weiteren Diskussionsprozess einfließen lassen. Die Grünen haben bis dato noch keinen einzigen Verbesserungsvorschlag hinsichtlich der Attraktivität des ÖPNV gemacht“, so Heinrich weiter und holt zum Schluss noch zu einem Vernichtungsschlag aus: „Wenn die Erhöhung der Parkgebühren der einzige Vorschlag der Grünen zur Attraktivierung der AVV-Tarifreform ist, so stelle das ein Armutszeugnis dar. Die Grünen sollten sich besser direkt inhaltlich mit der Reform und den Kritiken der Fahrgäste auseinandersetzen. (…). Selbst die eigenen Parteimitglieder der Grünen haben erkannt, dass ihre Fraktion bei der AVV Tarifreform komplett versagt hat“, so Heinrich abschließend.



Opernpremiere am Theater Augsburg: La Forza del destino

André Bücker inszeniert die Macht des Schicksals als skurrilen Alptraum mit Kostümfest

Von Halrun Reinholz

La Forza del destino (c) Jan-Pieter Fuhr

La Forza del destino (c) Jan-Pieter Fuhr


Zur Abwechslung mal wieder eine „klassische“ Oper auf dem Augsburger Spielplan: Der Intendant persönlich bringt Verdis „Forza del destino“ auf die Bühne. Nun ist diese Oper noch viel weniger als andere für ihre schlüssige, geradlinige Handlung bekannt. Das Schicksal treibt seltsame Blüten und so viele dramatische Zufälle um Liebe, Freundschaft und Tod gibt es auch in Verdi-Opern eher selten. Doch der Komponist hat diese krude Handlung meisterhaft in Töne gesetzt, da kann man als Opernbesucher einiges in Kauf nehmen.

André Bücker geht bei seiner Inszenierung aufs Ganze: Er verlegt die Handlung nach Südamerika, in ein mafiotisches Koks-Dealer-Milieu. Das nicht  nur in dezenten Andeutungen, sondern mit martialischer Aufmachung, Tarnanzügen, Sonnenbrillen, Maschinengewehren und allem was so dazugehört. Das Koks wird von Laboranten im OP-Look hergestellt. Selbst die Mönche kommen in weißen, undefinierbar nach Schlafanzug aussehenden Kostümen daher und sind mit Sonnenbrillen und Gewehren ausgestattet. Die Kostüme der Bettler, die sich nicht dem Almosen gebenden Pater, sondern penetrant dem Publikum zuwenden, schwanken bewusst (?) unästhetisch zwischen Flower-Power-Hippie-Look und Müllsäcken.

Das „Schicksal“ geistert in Gestalt einer mexikanisch gekleideten Mumie über die Bühne und – man glaubt es nicht – sogar die unsäglichen peruanischen Ponchos unserer Fußgängerzonen fehlen nicht. Kostümbildnerin Suse Tobisch konnte sich hier offenbar nach Herzenslust austoben. Die Legitimation für all die Skurrilitäten bietet das Konstrukt der Inszenierung, die die ganze Handlung als „bösen“ Traum Leonores darstellt. Auch nicht ganz dezent, denn die Bühne ist dominiert von einem großen Bett in kitschiger Umgebung mit gelben Plastikstühlen und lebensgroßer Panther-Deko (Bühnenbild: Jan Steigert) und wenn die Traumgestalten auftauchen, sorgen Videoprojektionen der sich im Bett wälzenden Leonora dafür, dass auch jeder die Geschichte als Traum versteht. Noch deutlicher die Projektionen von mexikanisch gekleideten Skeletten, die die Zuschauer mit knochigen Fingern heranlocken wollen. Ein barockes Geisterspiel. Fast hat man den Eindruck, der Regisseur wollte die unsägliche Geschichte um Ehre und Rache ins Lächerliche ziehen, aber da fehlte dann letztlich der Mut zur Persiflage.

Die plakative Inszenierung hatte leider den Nachteil, dass sie zu oft von dem ablenkte, was (auch) in dieser Oper wesentlich ist: der Musik. Zumal man derzeit in Augsburg zuverlässig davon ausgehen kann, dass Sally du Randt die Partie der Leonora differenziert und mit Leichtigkeit zum Hörgenuss geraten lässt. Alejandro Marco-Buhrmester als ihr Bruder Don Carlo und Leonardo Gramegna als Don Alvaro hatten Mühe, die Augenhöhe mit der Primadonna zu wahren und auch Rita Kapfhammer als Kriegstreiberin Preziosilla fiel ab. Wobei erstaunen muss, dass die Hauptrollen in dieser Inszenierung überwiegend mit Gästen besetzt sind. Für das Schauspiel hatte Bücker sich in einem Interview ganz klar für ein kohärentes hauseigenes Ensemble positioniert, beim Musiktheater dagegen ließ man hervorragende Stimmen gehen, um sich nun mit Gästen zu behelfen. Das ist nicht sehr einleuchtend.

GMD Dominkos Héja und seine Philharmoniker gaben der Oper jedoch die instrumentale Würze in gewohnter hoher (hauseigener) Qualität und Chor wie Extrachor machten das komische Kostümspiel mit sichtlichem Vergnügen mit. Der Schlussapplaus erfolgte zu Recht ziemlich differenziert – deutlich pro Sänger und verhalten bei der Inszenierung.



Sanierung Gignoux-Haus: Wissenschaftler fordern Stadt zum Umdenken auf

Eine hochkarätige Gruppe von Wissenschaftlern – Historiker, Architekten, Professoren und Kunstpädagogen – versucht die Stadt mittels eines dramatischen Appells bei der Sanierung des Gignoux-Hauses zum Umdenken zu bewegen. Sie sehen die erhaltenswerte Substanz des Gebäudes der organisierten Zerstörung ausgesetzt. In ihrem Offenen Brief an die Regierung von Schwaben und Oberbürgermeister Kurt Gribl fordern sie, „dass im Hinblick auf die Bedeutung des Gignoux-Hauses eine erneute und intensive Diskussion über die Art und Weise der Sanierung erfolgen muss“. Der Offene Brief befindet sich als Link am Ende des Essays von Gregor Nagler, der in der DAZ bereits im Dezember 2017 erschien und aus aktuellem Anlass leicht gekürzt neu aufgelegt wird.

Die kommerzielle Unterwanderung und Trivialisierung des Gignoux-Hauses – oder die Geschichte vom Ausverkauf unserer Städte

Von Dr. Gregor Nagler
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Gignoux-Haus: „Ein Denkmal, wie es im Buche steht.“ (c) DAZ

Das so genannte „Gignoux-Haus“ wurde 1764-65 im Auftrag von Georg Christoph Gleich als Wohnhaus und Kattunmanufaktur errichtet. Der Architekt des Gebäudes, Leonhard Christian Mayr, wurde später, 1770-71, auch von Johann Heinrich Schüle mit dem Bau seiner Kattunmanufaktur am Roten Tor beauftragt. Georg Christoph Gleich war durch Heirat mit Anna Barbara Gignoux in den Besitz der Gignoux´schen Kattunmanufaktur gekommen, trieb diese jedoch 1770 in den Konkurs. Anna Barbara führte danach den Betrieb erfolgreich weiter. Das ehemalige Manufakturgebäude liegt an einer platzartigen Situation an der Gasse Vorderer Lech. Gegenüber sieht man noch Wohnhaus der Anna Barbara Gignoux, das 1782 vielleicht wiederum von Leonhard Christian Mayr umgebaut wurde.

Das dreigeschossige Gignoux-Haus entstand über winkelförmigem Grundriss durch Zusammenfügung mehrerer älterer Gebäude. Mit seinem Mansardendach und der vielleicht von Franz Xaver Feuchtmayer reich stuckierten Rokoko-Fassade stellt es architektonisch eine Ausnahmeerscheinung im alten Augsburger Handwerkerviertel dar. Nach dem Teilabbruch der Schüleschen Kattunfabrik handelt es sich um das bedeutendste Beispiel einer Augsburger Kattunmanufaktur aus reichsstädtischer Zeit. Zudem zählt die Architektur nach der des Schaezlerpalais zu den bedeutendsten Rokoko-Bauwerken der Stadt. Das Gignoux-Haus ist zum Teil über einem Kanal errichtet und damit ein hervorragendes Beispiel für die Nutzung der Energiequelle Wasser – ein Themenfeld, mit dem sich Augsburg als UNESCO-Weltkulturerbe-Stätte bewirbt.

Die alte Manufaktur wurde nach dem Tod von Anna Barbara Gignoux umgenutzt. 1822 zog die Gaststätte „Blaues Krügle“ ein, für die schließlich ein Tanz- und Aufführungsaal angebaut wurde. Am 10. Oktober 1945 fand hier die erste Aufführung des Augsburger Schauspielensembles statt.

Zu Recht steht das Gignoux-Haus als Einzelbaudenkmal auf der Denkmalliste: Es ist zum einen eines der ganz wenigen, von Außen gut erhalten spätbarocken Gebäude. Es erinnert an eine historisch wichtige Persönlichkeit, nämlich Anna Barbara Gignoux. Und es bewahrt geradezu Stadtgeschichte im Kleinen durch den vielschichtigen Baubefund als Ergebnis zahlreicher Umnutzungen und Umbauten. Das Gignoux-Haus ist also, wie man sagt, ein Denkmal wie es im Buche steht.

Der Bauausschuss

Am 14.12.2017 stellte Baureferent Gerd Merkle überraschend das Gignoux-Haus auf die Tagesordnung des Bauausschusses. Schließlich, so Merkle, sei Eile geboten, weil bereits Gesimse herunterfielen. Es ging darum, ein für Augsburg nicht sehr rühmliches Kapitel zu schließen.

Bereits im Jahr 2000 äußerte die Hasenbräu AG (Eberhard Schaub) die Absicht, das Gignoux-Haus zu verkaufen. Sie nahm jedoch ihr Vorverkaufsrecht nicht war. 2002 bot Eberhard Schaub an, das Gignoux-Haus mitsamt dem Foyer und dem Theatersaal in einfacher Form zu sanieren. Ein Vorhaben, das von Kulturbürgermeisterin Eva Leipprand gestützt wurde. Bedingung wäre ein mindestens siebenjähriger Mietvertrag gewesen, dem Intendant Ulrich Peters nicht zustimmen wollte; er pochte auf einer 3-jährige Interimslösung. Eva Leipprand verlängerte deshalb 2002 den Mietvertrag für das Schauspielhaus, um die Sparte zu sichern. 2005 schließlich wollte Eberhard Schaub das Gignoux-Haus schlussendlich verkaufen.

Mittlerweile war die Stadt wegen eines Bürgerbegehrens für eine neue Stadtbibliothek finanziell unter Druck. Sie ließ deshalb wiederum eine Möglichkeit zum Kauf des Gignoux-Hauses verstreichen, dies auf Empfehlung des Kämmerers Gerhard Ecker und des WBG Vorstands Edgar Mathe. Der stattdessen 2005 zum Zug gekommene Investor Kazim Capartas (KC Denkmalschutz GmbH/KC Holding) vermietete den Theatersaal weiterhin an die Kommune, führte die versprochene Sanierung jedoch nicht durch. Im Juli 2010 zog das Schauspiel wegen des mittlerweile prekären Bauzustandes aus. Die Kommune „übertrug“ gleichzeitig der KC Denkmalschutz GmbH ein Zwischengebäude (bis dahin städtisch), gewährte eine Zufahrtsrecht über öffentlichen Grund und bezuschusste 150.000 Euro, wohl um den Besitzer endlich zur Sanierung zu bewegen.

Warum regt sich der Denkmalschutz auf, wo doch Rettung in Sicht ist?

Diese wurde nicht angegangen, vermutlich weil die Stadt alle Druckmittel aus der Hand gegeben hatte. Nach dem Tod von Kazim Capartas 2012 erbte dessen minderjährige Tochter das Gebäude, der Bauunterhalt unterblieb weitgehend. Dennoch wurden die Wohnungen in den Obergeschossen sowie ein Restaurant im Erdgeschoss weiterhin genutzt. Im Frühjahr 2015 wurde das Gignoux-Haus verkauft, im Herbst kündigte der neue Besitzer den Mietern der Wohnungen, während das Restaurant sich weiterhin im Erdgeschoss befand. Mittlerweile ist das Gebäude im Besitz der FE-Immo-Projekt GmbH. Diese möchte hier Wohnungen einrichten.

Der Bauausschuss stimmte am 14.12.2014 gegen eine Stimme (Volker Schafitel*) für einen Vorschlag, den der Architekt der Investoren, Wolfram Keller, ausgearbeitet hatte und der von Baureferent und Stadtheimatpfleger zur Annahme empfohlen wurde. Ende gut, alles gut?

Die Frage, die in der „Angelegenheit Gignoux-Haus“ bisher offen geblieben ist, lautet: Warum regen sich die Denkmalpfleger jetzt auf, wo eine Rettung in Sicht scheint?

Denkmalschutz und Denkmalwerte

Denkmalschutz ist heute vielfach der Kritik ausgesetzt. Er sei gegen die Besitzer gerichtet, er sei teuer und letztlich „unnötig“. Bei der Beurteilung „nützlich“ oder „unnütz“ werden dann in erster Linie persönliche Werturteile wie „schön“ oder „hässlich“ an ein Bauwerk angelegt oder auch moralische Bewertungen abgegeben. So machte im Zuge der Debatte um die Stadttheater-Sanierung das Argument die Runde, das in den 1930er umgebaute Gebäude sei als „Nazi-Bau“ letztlich nicht schützenswert.

Besonders häufig werden aber kommerzielle Kriterien gegen den Denkmalschutz oder „die“ Denkmalschützer ins Feld geführt. Wenn sich Kommunen diesen Kriterien unterwerfen, verschwinden nicht selten Dokumente der Zeitgeschichte, deren Narrativ für das Verständnis der Gegenwart bedeutsam gewesen wären.

Dem heutigen Denkmalwert liegt der Gedanke zugrunde, dass Bauten genau wie Bücher oder Akten eben Quellen sind, die Zeugnis über Geschichte ablegen. Das heißt Kategorien wie „schön“ oder „hässlich“, „gut“ oder „böse“ spielen für den Denkmalwert nur bedingt eine Rolle. Viele NS-Bauten werden von der Denkmalpflege bewusst geschützt, um die Geschichte nicht zu verdrängen. Erhaltenswert ist eine Architektur nur in ihrer Gesamtheit, das „Innenleben“ kann dabei bedeutsamer sein, als die Fassade, es ist auf jeden Fall unabdingbarer Bestandteil eines Einzelbaudenkmals.

Der heute in Deutschland wirksame und gesetzlich verankerte Denkmalwert ist nicht universell, das heißt, in anderen Regionen der Welt können andere Kriterien gelten. So spielen in Asien die „Idee“ einer Architektur sowie der Prozess von Werden und Vergehen eine größere Rolle als in Europa. Der Denkmalwert ist auch nicht völlig statisch, er änderte sich mit dem gesellschaftlichen Kontext und wird sich auch in Zukunft wandeln, wobei sein Kerngedanke, die Bewahrung der Bausubstanz als Quelle, wohl in Europa weiterhin grundlegend bleiben wird. Schließlich und endlich sind Urteile von Denkmalpflegern auch nicht immer ganz über einen Kamm zu scheren; sie können je nach Denkmal und je nach der Situation, in der sie getroffen werden, unterschiedlich sein. In Bayern hat sich dabei gerade bei der Beurteilung, ob ein Bauwerk jetzt noch in die Denkmalliste aufgenommen werden soll, der Wunsch nach einem möglichst „ursprünglichen“ Erhaltungszustand herausgebildet.

Die Denkmalpflege entzieht das Denkmal der Heroisierung und einer starken kommerziellen Verwertbarkeit

Da werden etwa veränderte Fenster oder Türen als Argument gegen die Denkmalwürdigkeit angeführt. Dies steht dann nicht selten in einem „Spannungsverhältnis“ zur Vorstellung vom Denkmal als Quelle, weil bauliche Veränderungen oder Reparaturen ihrerseits ja auf die Geschichte des Bauwerks deuten.

Die Denkmalpflege hätte vermutlich in der Tat die Aufgabe, ihre Entscheidungen der Öffentlichkeit im Einzelnen besser zu erklären. Es gibt eben Bauwerke, bei denen es Substanz und Quellenlage zulassen, sich einem „Ursprungszustand“ anzunähern beziehungsweise diesen zu konservieren wie am Schaezlerpalais. Bei anderen ist gerade die sichtbare Baugeschichte denkmalwürdig, etwa am Augsburger Dom, den nun wirklich kein Denkmalschützer auf den Zustand des 11. Jahrhunderts rückbauen will.

Die Denkmalpflege entzieht das Denkmal der Heroisierung, sie entzieht es aber auch einer starken kommerziellen Verwertbarkeit – deshalb erscheint sie in einem globalisierten Kapitalismus anstößig

Der Denkmalschutz befindet sich auch deshalb in der Kritik, weil er so häufig vereinnahmt wird. Denkmalpflege ist ein Handeln der Gegenwart an Objekten der Vergangenheit, also ein konservierender Akt. Es liegt auf der Hand, dass „Nostalgiker“, konservative oder gar reaktionäre Menschen sich zu bestimmten Denkmälern hingezogen fühlen, sie häufig gleichsam heroisieren oder als „Schatzkästchen“ betrachten. Diese Betrachtungsweise wird dem Denkmal als Quelle aber nicht gerecht. Im Gegenteil möchte derjenige, der uneingeschränkt „stolz“ auf „sein“ Erbe seine möchte, alle Brüche eher ausblenden. Für ihn gibt es eine bequeme Alternative, nämlich die (harmonisierte) Rekonstruktion. Die Historie wird so zur Traumwelt, wie etwa am rekonstruierten Dresdner Neumarkt. Sie wird zudem kommerziellen Interessen gefügig gemacht. Fassaden in Pistaziengrün und Erdbeerrosa bilden dann die Trostpflaster für einen restlos auf Rentierlichkeit ausgerichteten Lebensraum mit Tiefgaragen, Luxuswohnungen und –läden.

Denkmalpflege versus „Stadt ohne Eigenschaften“

Den Personen, die sich als progressive Universalisten verstehen, erscheint die Denkmalpflege dagegen häufig „suspekt“. Denn Denkmalpflege bewahrt die einem Ort eigene Geschichte. „Ausschluss und Zurückweisung“schreibt der Architekt Rem Koolhaas, würden die alten europäischen Stadtbilder Einwanderern signalisieren. Als möglichen Ausweg sieht Koolhaas die „Stadt ohne Eigenschaften“ in der es keine Kategorien wie das „Eigene“ und das „Fremde“ mehr gäbe, der öffentliche Raum also ein von der Geschichte befreites, weißes Blatt ist. Auch dieses Denkmodell steht in der Gefahr, von einem Kommerz unterwandert zu werden der nunmehr als „Weltbürgertum“ daher kommt. Denn wo die Bewohner keinen Bezug mehr zu einem Ort haben, da werden sie nicht gegen dessen kapitalistische „Verwertung“ auf die Straße gehen.

Die heutige Denkmalpflege, wenn sie ernsthaft betrieben wird, entzieht das Denkmal jedoch einer Heroisierung als „Nationalheiligtum“; sie entzieht es aber auch einer starken kommerziellen Verwertbarkeit. Vor allem deshalb erscheint sie in einem globalisierten Kapitalismus anstößig. – Denkmalpflege indes ist gesetzlich verankert als Verpflichtung des Staates. Denkmäler gehören nicht den Besitzern allein, sie sind Ihnen in erster Linie überantwortet. Vor allem aber sind die geschützten ein gemeinsames Erbe – auch der künftigen Generationen. Sie entstammen immer Zeiten, die fremd sind und die man erst dann versteht, wenn man sich damit beschäftigt. Dabei spielt es keine Rolle, woher jemand kommt. Deshalb brauchen Denkmäler „Anwälte“. In Augsburg sollte zum Beispiel der Stadtheimatpfleger ein solcher Anwalt sein.

Heimatpfleger Schulz fiel dem Landesamt für Denkmalpflege in den Rücken

„Die Heimatpfleger beraten und unterstützen die Denkmalschutzbehörden und das Landesamt für Denkmalpflege in den Fragen der Denkmalpflege und des Denkmalschutzes. Ihnen ist durch die Denkmalschutzbehörden in den ihren Aufgabenbereich betreffenden Fällen rechtzeitig Gelegenheit zur Äußerung zu geben.

Stadtheimatpfleger in Augsburg ist Hubert Schulz. Sicherlich ist er einer der profiliertesten Architekten, die in Augsburg in den letzten Jahrzehnten wirkten. Seine Rolle als Heimatpfleger sieht er darin, ein „diskreter Moderator“ (AZ, 16. 09. 2011) und „Mitspieler“ (Presseclub Augsburg, 14.09.2011) zu sein. Im Rahmen des Bauausschusses vom 14.12.2017 legte Schulz dem Bauausschuss nahe, für die Veränderungen im und am Gignoux-Haus zu stimmen, weil damit „der Zustand des 18. Jahrhunderts“ wiederhergestellt werden würde. Anstatt seine beratende Funktion für die Denkmalpflege wahrzunehmen, stützte er die Argumentation des Baureferenten. Er fiel damit, so viel kann man sagen, seinen Kolleginnen und Kollegen vom Landesamt für Denkmalpflege und vom Bauordnungsamt in Augsburg in den Rücken, die sich gegen den Vorschlag ausgesprochen hatten. Was aber kann man dagegen haben, den Ursprungszustand des 18. Jahrhunderts wiederherzustellen?

Die aktuelle Situation

Hierzu muss man die Argumentation des Landesamts für Denkmalpflege und des Bauordnungsamtes im Detail kennen. Das Gignoux-Haus (1764/65 erbaut) wurde ursprünglich als Manufaktur genutzt. In ihm lag eine Wohnung vor allem aber befanden sich im Inneren ein großzügiges Treppenhaus und große Manufaktursäle. Bald nach dem Tod von Anna Barbara (1796) wurde das Haus nicht mehr als Manufaktur genutzt. Im 19. Jahrhundert wurde es deshalb schließlich im Inneren verändert.

Es wurden nicht nur, wie im Bauausschuss dargestellt „ein paar Wände“ eingezogen. Es wurde die gesamte Innendisposition verändert, Türen des 18. Jahrhunderts in die Wohnungen des 19. Jahrhunderts eingebaut und durch eine Ausstattung der Zeit ergänzt. Im Treppenhaus wurde der Lauf verschmälert und ein Stichflur eingezogen. Dies ist der eigentliche Baubefund: Außen bestimmt das 18. Jahrhundert das Erscheinungsbild, innen ist es ein Umbau des 19. in der Hülle des 18. Jahrhunderts, teilweise mit weiter verwendeten Elementen des Rokokos. Es sollte also klar sein, dass man durch das Ausbrechen von einigen Wänden (mitsamt der Barocktüren) nie und nimmer einen Zustand des 18. Jahrhunderts wiederherstellen kann. Dies wäre auch widersinnig: Man müsste wieder große Manufaktursäle schaffen, was kaum im Interesse des Investors liegen dürfte. Der eigentliche Grund für die Änderungen liegt nicht darin, dass Merkle, Schulz und Keller der Zustand des 18. Jahrhunderts so am Herzen läge. Hubert Schulz hat dies im Grunde auch angedeutet mit der Aussage, die Räume des 19. Jahrhunderts seien „unbewohnbar“. Es geht allein darum, das Gebäude so weit auszukernen, wie es dem Investor beliebt. Der Innendisposition (19. Jahrhundert) wird allein aus diesem Grund zerstört.

Sich dem kommerziellen Denken zu unterwerfen ist verwerflich

Die kommerzielle Unterwanderung und Trivialisierung wird auch anhand des Umgangs mit der Innenhoffront sichtbar: Das Landesamt für Denkmalpflege und das Bauordnungsamt genehmigten einen Balkon pro Wohneinheit. Im Bauausschuss wurden nun zwei Balkone pro Wohneinheit gestattet. Von einem sturen und kleinkarierten Verhalten der Denkmalpfleger kann in diesem Fall keine Rede sein. Vielmehr scheint der Investor kaum gesprächsbereit, denn selbst den barocken Farbbefund der Schaufassade will er nicht wiederherstellen. Dass ein Investor (naturgemäß) die bestmögliche, kommerzielle Verwertbarkeit anstrebt, ist nicht verwerflich. Der Bauausschuss aber hat sich zu seinem Steigbügelhalter gemacht.

Besonders schwer wiegt, dass der Stadtdenkmalpfleger mit seiner Aussage, man wolle den Zustand des 18. Jahrhunderts wiederherstellen, zumindest nicht präzise informiert hat. Hubert Schulz hat sich, ob bewusst oder unbewusst, nicht als Moderator gezeigt, sondern als Parteigänger. Dabei hätte man, wäre der Investor gesprächsbereit gewesen, sicher einen alle Seiten akzeptablen Kompromiss finden können.

Fazit: Ein Musterbeispiel dafür, wie der Ausverkauf unserer Städte funktioniert

Das Gignoux-Haus ist damit zum Musterbeispiel dafür geworden, wie der Ausverkauf unserer Städte funktioniert. Gerade in Deutschland, das so viel an historischer Bausubstanz durch den Zweiten Weltkrieg und die „Betonseelen“ der Nachkriegszeit verloren hat, ist dies bitter.

Schauen wir auf Augsburg, dann kann von einer „Macht“ der Denkmalpflege kaum gesprochen werden. Nur gut ein Prozent der Bausubstanz ist als Einzelbaudenkmal geschützt – das ist weit unterdurchschnittlich im Deutschland-Vergleich. Die Wohngebäude vom Rang des Gignoux-Hauses kann man an einer Hand abzählen. Der Politik aber, und vielleicht auch dem Großteil der Bürger, genügen ein paar schöne Fassaden. Das Denkmal soll bequem sein und wirtschaftlich nutzen. Es somit ist keine Quelle mehr, sondern Verfügungsmasse.

Die Mitverantwortung der Stadt für den Verfall des Gignouxhauses

Die Stadt Augsburg ist nicht unschuldig am jahrelangen Verfall des Gignoux-Hauses. Sie verzichtete auf ein Vorkaufsrecht und damit auf die Möglichkeit, eines der auffälligsten Profanbauwerke in der Innenstadt für eine würdige, öffentliche Nutzung zu sichern. Ihre devote Haltung der KC-Denkmalschutzgesellschaft gegenüber führte zum Verfall, dabei sieht das Denkmalrecht Zwangsmaßnahmen und sogar Enteignung vor, wenn der Besitzer seiner Verpflichtung zum Erhalt nicht nachkommt. Am 14.12.2017 hat der Bauausschuss dem (neuen) Investor wiederum zahlreiche „Hürden“ freigeräumt. Der Stadtheimatpfleger bediente sich dabei einer Erzählung vom „Ursprungszustand“, die scheinbar von der Liebe für oder vom Verständnis des Denkmals geprägt zu sein scheint, aber widerlegbar ist, wenn man sich nur fünf Minuten mit der Baugeschichte des Gebäudes auseinander setzt. Warum aber haben Baureferent und Stadtheimatpfleger nicht einfach zugegeben, dass Sie dem Investor entgegen kommen wollen, sondern eine seltsame Geschichte von einer Annäherung an den Ursprungszustand erzählt?

Zum Autor:

Gregor Nagler studierte Kunstpädagogik, Kunstgeschichte und Volkskunde in Augsburg. Seine Kompetenz erwarb er sich u.a. durch seine Doktorarbeit mit dem Titel “Über den Wiederaufbau Augsburgs nach dem 2. Weltkrieg”.



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