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FCA: Die restlichen Spieltage der Bundesliga sind fix

Noch einmal muss der FCA am Freitagabend ran (in Wolfsburg), noch einmal zu Hause am Sonntag (15.30 Uhr gegen Mainz), die restlichen Partien finden samstags um 15.30 Uhr statt. Die Termine:

26  Sa., 10.03.2018, 15.30 Uhr  Hannover 96 – FCA

27  Sa., 17.03.2018, 15.30 Uhr  FCA – SV Werder Bremen

28  Sa., 31.03.2018, 15.30 Uhr  Bayer 04 Leverkusen – FCA

29  Sa., 07.04.2018, 15.30 Uhr  FCA – FC Bayern München

30  Fr., 13.04.2018, 20.30 Uhr  VfL Wolfsburg – FCA

31  So., 22.04.2018, 15.30 Uhr  FCA – 1.FSV Mainz 05

32  Sa., 28.04.2018, 15.30 Uhr  Hertha BSC – FCA

33  Sa., 05.05.2018, 15.30 Uhr  FCA – FC Schalke 04

34  Sa., 12.05.2018, 15.30 Uhr  SC Freiburg – FCA


FCA: Katastrophaler Kick gegen die Kraichgauer!

Nach der Achterbahnfahrt des FCA in der Rückrunde – Niederlagen gegen Gladbach, Leipzig und Stuttgart, dem super Spiel und 3:0 Sieg gegen Frankfurt und dem Unentschieden in Dortmund durfte man sich von dem Match gegen den Tabellennachbarn aus Hoffenheim eine Standortbestimmung erwarten. Nach dem katastrophalen Kick gegen die Kraichgauer, die vor 27100 Zuschauern mit einer hochverdienten 0:2 Niederlage endete, ist der Traum von Europa erst einmal ausgeträumt. Angesichts der langen Verletztenliste richtet sich der Blick wieder in den Tabellenkeller, zumal der Abstand zum Relegationsplatz bei neun noch ausstehenden Partien auf sieben Punkte geschrumpft ist.

Von Udo Legner

Mit dem allerletzten Aufgebot ging der FCA am 25. Spieltag in die Partie gegen die Hoffenheimer. Im Vergleich zum Montagsspiel in Dortmund rückten für Moravek, Framberger (beide verletzt) und Caiuby (Gelbsperre) Daniel Baier, Marcel Heller und – zur allgemeinen Überraschung -Kilian Jakob in die Startelf. Was FCA-Coach dazu bewogen hatte, das 20jährige Eigengewächs von 1860 München bei seinem Bundesligadebüt als gelernten Linksverteidiger neben Koo und Gregoritsch in die Offensive zu beordern, gehörte zu den vielen Ungereimtheiten des Auftritts des FC Augsburgs gegen die Nagelsmann-Truppe.

In den ersten zwanzig Minuten präsentierte sich der FCA noch einigermaßen passabel. Mit einer 4-2-3-1 Formation übernahmen die Augsburger die Initiative und suchten mit gewohnt körperbetontem Spiel den Weg in die Offensive. Doch gegen die tiefstehende Gästeabwehr taten sich die Augsburger schwer und entsprechend zerfahren war die Begegnung.

Von Angriffsfußball war hüben wie drüben wenig zu sehen. Ein paar harmlose Distanzschüsse der Hoffenheimer Angriffsspitzen Kramaric (17. Min.) und Gnabry (21. Min.) konnten bestenfalls als Aufwärmprogramm für FCA-Keeper Marwin Hitz bezeichnet werden. Mitten in diesem Geplänkel fiel zum Entsetzen der Augsburger Fans die 1:0 Gästeführung. Kramaric verlängerte eine Hübner-Flanke per Kopf perfekt ins Augsburger Tor (30. Min.) und erzielte damit im fünften aufeinanderfolgenden Spiel seinen sechsten Treffer.

Enttäuschung auf der ganzen Linie

PlatzMannschaftSpieleS-U-NTorePkt.
1.FC Bayern München 31 25-03-03 84:22 (+62) 78
2.FC Schalke 04 31 16-08-07 49:35 (+14) 56
3.Borussia Dortmund 31 15-09-07 61:41 (+20) 54
4.Bayer 04 Leverkusen 31 14-09-08 55:41 (+14) 51
5.1899 Hoffenheim 31 13-10-08 60:44 (+16) 49
6.RB Leipzig 31 13-08-10 47:47 (0) 47
7.Eintracht Frankfurt 31 13-07-11 41:40 (+1) 46
8.Borussia Mönchengladbach 31 12-07-12 42:48 (-6) 43
9.Hertha BSC 31 10-12-09 38:35 (+3) 42
10.VfB Stuttgart 31 12-06-13 29:35 (-6) 42
11.FC Augsburg 31 10-10-11 40:40 (0) 40
12.Werder Bremen 31 09-10-12 34:38 (-4) 37
13.Hannover 96 31 09-09-13 38:47 (-9) 36
14.VfL Wolfsburg 31 05-15-11 30:40 (-10) 30
15.1. FSV Mainz 05 31 07-09-15 32:49 (-17) 30
16.SC Freiburg 31 06-12-13 26:51 (-25) 30
17.Hamburger SV 31 06-07-18 24:48 (-24) 25
18.1. FC Köln 31 05-07-19 31:60 (-29) 22
Vorausgegangen war dem Führungstreffer der Hoffenheimer ein verkorkster Abschlag des FCA-Schlussmanns Hitz, was an diesem Samstagnachmittag irgendwie ins Gesamtbild des Augsburger Auftritts passte. Denn insbesondere Danso und Max überboten sich beim FCA-Fehlpass-Festival, sodass die Angriffswellen der Augsburger über die Außenbahnen meist schon mangels genauen Zuspiels nicht recht ins Rollen kamen und ein ums andere Mal verpufften. Nach dem Rückstand machte sich bei den Baum-Schützlingen Verunsicherung breit und es wurde immer deutlicher, dass Spielmechanismen und Laufwege in der neuen Formation nur selten stimmten. Vor allem Cauiuby fehlte an allen Ecken und Enden und wurde vor allem vermisst, wenn es darum ging, die hohen Verzweiflungsbälle aus der Verteidigung anzunehmen und kontrolliert weiterzuleiten.

So war es kein Wunder, dass sich die Augsburger bis zum Halbzeitpfiff kaum Torchancen erspielten und die Hoffenheimer das Spielgeschehen bestimmten.

Knock-out gleich nach der Pause

Die Hoffnung der Augsburger Fans auf eine Wende zum Besseren wurde bereits fünf Minuten nach Wiederanpfiff im Keim erstickt. Dem Hoffenheimer Konter zum 2:0 ging ein Ballverlust Martin Hintereggers voraus. Gnabry nahm das Geschenk an, schickte gekonnt Kramaric in den Augsburger Strafraum, der wieder auf Gnabry ablegte, der völlig freistehend keine Mühe hatte, die Führung der Gäste auszubauen (50. Min.).

Manuel Baum reagierte prompt, doch auch die Einwechslungen von Cordova (51. Min. für Jakob) und Parker (59. Min. für Danso) gaben dem Augsburger Offensivspiel keine neuen Impulse. Ein Abseitstor von Shawn Parker (70. Min.), das vom Unparteiischen zu Recht nicht gegeben wurde, war alles, was die Augsburger in der zweiten Hälfte zustande brachten.

Am nächsten Samstag (Anstoß 15.30 Uhr) kommt es zu einem weiteren Duell mit einem Tabellennachbarn. Nach dem desolaten Auftritt gegen Hoffenheim bleibt zu hoffen, dass der FCA gegen Hannover wieder in die Erfolgsspur kommt.

FC Augsburg: Hitz – Schmid, Danso, Hinteregger, Max, – Baier – Khedira – Heller,  Koo, Jakob – Gregoritsch.

Einwechslungen:

51. Cordova für Jakob

59. S. Parker für Danso

74. M. Richter für Heller



„Sezuan“ beim Brechtfestival: Von der Schwierigkeit, gut zu sein

Gastspiel beim Brechtfestival: Das Theater Bremen erzählt mit der viel beachteten Inszenierung von Alize Zandwijk des Stückes „Der gute Mensch von Sezuan“ von den Schwierigkeiten, ein guter Mensch zu sein.

Von Halrun Reinholz

Sezuan Gastspiel Theater Bremen im martini-Park (c) Theater Bremen

Gastspiel Theater Bremen mit „Der gute Mensch von Sezuan“ im martini-Park (c) Theater Bremen


Zu den Höhepunkten eines Festivals gehören hochkarätige Gastspiele. Viel davon war in diesem Jahr nicht zu sehen, aber immerhin hat Patrick Wengenroth für das Festival 2018 das Ensemble des Theaters Bremen eingeladen, das im Jahr 2016 eine hauseigene Variante von „Der gute Mensch von Sezuan“ auf die Bühne gebracht hat. Ein Stück, das wie kein anderes die Grenzen des „guten Menschen“ aufzeigt.

Alize Zandwijk behilft sich in der Besetzung der Prostituierten Shen Te und ihres „Vetters“  mit einer Doppelbesetzung. Doch nicht für die abgegrenzten Personen (gut/böse), sondern für  Shen Te selbst, die von zwei Personen dargestellt wird und damit ihre innere Zerrissenheit zur Schau stellt. Denn die Prostituierte ist die einzige, die den drei Göttern Unterkunft gibt in der Stadt. Diese belohnen sie reichlich, damit sie weiter Gutes tun kann, doch sie wird ausgenutzt und übers Ohr gehauen, sodass sie schließlich selber zur Schuldigen wird. Einzig der Trick mit dem erfundenen Vetter Shui Ta, der den harten Neinsager geben muss, rettet sie vor dem vollständigen Ruin. Mit diesem Stück hat Brecht den Prototyp des epischen Theaters und der dialektischen Kapitalismuskritik geschrieben. Ein Klassiker der Moderne, der immer wieder auf sehr unterschiedliche Weise inszeniert wurde.

Die doppelte Frauenbesetzung ist eine originelle Idee Alize Zandwijks, durchaus geeignet, die innere Zerrissenheit der guten Shen Te aufzuzeigen. Nadine Geyersbach und Fania Sorel könnten als Typen kaum unterschiedlicher sein, um diese Zweiteilung zu untermauern. Sehr störend war allerdings der starke niederländische Akzent von Fania Sorel, der ihre schauspielerische Leistung doch deutlich schmälerte. Die drei Götter, die zunächst als „normale“ Business-Typen auftauchen und sozusagen auf Geschäftsreise sind, wandeln sich schnell zu (in Fatsuits spielenden) saturierten Upper-Class-Menschen, die von der Realität völlig abgehoben sind und bei auftauchenden Problemen das Weite suchen. Warum zum Schluss zwei von ihnen mit Trump-Masken auftauchen und einer mit Donald-Duck-Maske, ist als Versuch des aktuellen Bezugs allerdings nicht wirklich nachvollziehbar.

Die zum Stück gehörige Musik von Paul Dessau wird in der Inszenierung ergänzt durch sehr verschiedene  Klänge, inklusive Hochzeits-Klezmer. Der Motor dafür ist der Tausendsassa Costa Beppe, der sein Ziel der Erbauung durch Musik lustvoll vorlebt: Er beherrscht mehrere Instrumente virtuos, kann die Gitarre selbst auf dem Rücken spielen, ist auch Teil des Bühnengeschehens und zeigt somit die Verwurzelung von Musik in allen Lebenslagen.

Der Vorhang zu und alle Fragen offen – diesen Original-Schluss des Stücks sparte sich die Inszenierung. Und doch zeigt sie eindrucksvoll das Dilemma der guten Tat, aber auch vom Fehlen der Werte. Brecht ist aktueller denn je.





Eilmeldung: SPD-Mitglieder stimmen für GroKo

Eine bundespolitische Entscheidung mit weitreichender Bedeutung ist gefallen: Die SPD-Mitglieder stimmten dem von der CDU/CSU und der SPD vorgestellten Koalitionsvertrag zu.



Bundeskanzlerin Angela Merkel   (c) DAZ

Bundeskanzlerin Angela Merkel (c) DAZ


Damit ist der Weg frei für eine weitere Legislaturperiode mit Kanzlerin Angela Merkel, die nun ihren Wählerauftrag vollziehen und eine Regierung bilden wird. Von den 463.722 Mitgliedern nahmen 78,39 Prozent an der Wahl teil, davon stimmten 66,02 Prozent für die Bildung einer Großen Koalition und 33,98 Prozent dagegen. Die SPD sei durch die GroKo-Abstimmung zusammengewachsen, so der desigierte SPD-Finanzminister Olaf Scholz. Der Vorsitzende der SPD-Jugendorganisation (Jusos), Kevin Kühnert betonte gegenüber den Medien, dass man keine schlechten Verlierer sei, aber eine grundlegende Erneuerung der SPD dringend notwendig sei. Spott kam von den Grünen: Es handelt sich um eine „Habemus-Koalition“, so Cem Özdemir. – Nun kann sich Angela Merkel am 14. März wieder vom Bundestag zur Kanzlerin wählen lassen. Die personelle Besetzung des Bundeskabinetts steht seitens der CDU fest: Peter Altmaier soll das Wirtschaftsministerium übernehmen. Kanzleramtsminister soll Helge Braun werden, Bildungsministerin Anja Karliczek. Julia Klöckner soll das Landwirtschaftsministerium übernehmen. Ursula von der Leyen bleibt Verteidigungsministerin. Das Gesundheitsministerium ist für Jens Spahn vorgesehen.

Um Kultur kümmert sich in der deutschen Regierung kein Ministerium, sondern eine Kulturstaatsministerin im Kanzleramt. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ist Monika Grütters (CDU) und sie soll es auch bleiben.

Weder die SPD noch die CSU haben ihre Personalvorstellungen konkret fixiert. Gesetzt sind allerdings Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) als Finanzminister, der laut Koalitionsvertrag keine neue Schulden machen darf und Horst Seehofer (CSU), der das Innenministerium sowie das neue Heimatministerium leiten soll.

Das Außenministerium geht an die SPD, ebenso die Ministerien für Arbeit, Finanzen, Familie, Justiz und Umwelt, weshalb nach Bekanntgabe dieser Verteilung die BILDzeitung titelte, dass Merkel die Regierung an die SPD verkauft habe. Für die CSU steht das Innenministerium zur Verfügung sowie die Ministerien für Verkehr/Digitales und Entwicklung.

Von Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl, der „maßgeblich am Koalitionsvertrag mitwirkte“ (Andrea Nahles) ist noch keine Stellungnahme bekannt.



FCA: Tauben im Gras

Der FC Augsburg verliert am 25. Spieltag der Fußball-Bundesliga gegen die TSG 1899 Hoffenheim 0:2. Die Tore der TSG erzielten Andrej Kramaric (30.) und Serge Gnabry (50.).

Von Siegfried Zagler

In Wolfgang Koeppens 1951 erschienenem Roman „Tauben im Gras“, den Marcel Reich-Ranicki zu den wichtigsten Nachkriegstexten zählte, geschieht alles zufällig. Die zahlreichen Romanfiguren bewegen sich durch ihr Leben wie Tauben im Gras, mit Bewegungsmustern, die für Außenstehende keinen tieferen Sinn erkennen lassen – und somit die Angriffsbemühungen der Augsburger Erstliga-Fußballer abbilden, die in den letzten vier Spielen ein Tor nach einer Ecke erzielten und in Richtung gegnerischen Strafraum derzeit kaum mehr zustande bringen als Wolfgang Koeppens Tauben im Gras.

Die knapp 20 Augsburger real existierende Stadion-Tauben zeichneten dagegen heute beim Bundesligaspiel des FC Augsburg gegen die TSG Hoffenheim ein erkennbares Muster der Unbeweglichkeit in den Rasen der WWK-Arena, da sie sich in der ersten Halbzeit immer dorthin vom Arena-Dach auf das Spielfeld stürzten, wo weit und breit niemand anzutreffen war, nämlich in der Gästehälfte.

Das Spiel ist schnell erzählt: Als Kramaric eine Hübner-Flanke per Kopf im Augsburger Kasten zur 1:0 Führung der Kraichgauer versenkte (30.), war den meisten unter den 27.100 Zuschauern klar, dass es sich um eine hochverdiente Führung handelte, die bereits zu diesem Zeitpunkt viel höher ausfallen hätte müssen, da die TSG bis dahin die zahlreichen technischen Fehler in der Spieleröffung sowie die fahrigen Ballverluste der Augsburger nicht zu bestrafen wusste.

Tauben im Gras WWK Arena (c) DAZ

Tauben im Gras WWK Arena (c) DAZ


Mit der Führung im Rücken agierten die Hoffenheimer schließlich selbstbewusster und machten kurz nach der Halbzeit den Sack zu: Gnabry marschierte schnell und dynamisch zusammen mit Kramaric über das halbe Feld in den Strafraum und erzielte mit einem wunderbaren Schulbuch-Konter das 2:0 (50.). Auch danach zeigte der FCA zu wenig Kreativität und sorgte mit seiner durchschlagenden Hilflosigkeit immer wieder für Raunen auf den Rängen.

Die Augsburger durften sich am Ende glücklich schätzen, dass die TSG ihren peinlichen Auftritt nicht angemessen bestrafte: Vier oder fünf Gästetore hätten dem Spielgeschehen eher entsprochen als das für den FCA schmeichelhafte 0:2. Der FCA holte in den letzten vier Spielen einen Punkt von 12 möglichen und agierte über weite Strecken der zurückliegenden 360 Minuten wie ein Absteiger. Ein Spielbericht von Udo Legner folgt am Sonntag.



Innenstadt versus Textilviertel – Die lange Brechtnacht 2018 – Ein Nachtrag

Am vergangenen Samstag, den 24. Februar, fand die „Lange Brechtnacht“ statt. Ein Konzert- und Performance-Format, kuratiert von Girisha Fernando, das an verschiedenen Orten zeitgleich zahlreiche Künstler präsentiert – im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals. Bei sibirischen Temperaturen galt es gleich zu Beginn, sich für eine der beiden Austragungsorte zu entscheiden: Innenstadt oder Textilviertel. Dass die eher progressiven Bands im TIM und im Provino Club auftraten, könnte eine Erklärung dafür sein, dass die Innenstadt am Samstagabend – auch angesichts der eisigen Temperaturen – wie leergefegt wirkte und die Besucherfrequenz in den Innenstadtlokalitäten nur mühsam in Schwung kam.

Von Andrea Huber und Johannes Meyer

Martin Kohlstedt Brechtbühne (c) Christian Menkel

Martin Kohlstedt Brechtbühne (c) Christian Menkel


Es sprach sich schnell herum, Martin Kohlstedt aus Thüringen ist ein echtes Erlebnis. Er macht Musik für Computerspiele und Imagefilme und spielt auf Festivals. Seine Stücke sind nie abgeschlossen, sondern entwickeln sich bei jedem Live-Auftritt weiter. Mit der Kombination aus Flügel und Synthesizern, die er mit weit ausgebreiteten Armen meist gleichzeitig bediente, bot er zusammen mit der Lichtshow ein echtes Spektakel. Leider war die Brechtbühne beim Wiederholungstermin nur halb gefüllt.

Das Weiße Lamm mit „Same Old Song“ füllte sich erst im Laufe der Veranstaltung, die Wiederholung war nur noch mäßig besucht. Die Stimmung im Publikum war gut und der Lokalität angepasst locker. Moderator und Sänger John Richard Jones (JJ Jones) gehört zu den „Hiergebliebenen“ der Stipendiaten des Künstlerhauses Villa Waldberta in München, die seither die hiesige Kultur- und Kunstszene bereichern. JJ Jones hatte 2013 in der Villa Waldberta die Idee für ein neues Veranstaltungsformat, bei dem einen ganzen Abend lang nur ein einziges Lied aus der Pop- und Rockgeschichte gespielt und von ihm moderiert wird: „Same Old Song“.

JJ Jones "Same old Song" Weißes Lamm(c) Christian Menkel

JJ Jones "Same old Song" Weißes Lamm(c) Christian Menkel


In Augsburg deutete das halbnackte Outfit des amerikanischen Sängers als Riesen-Baby in Plastik-Windel und mit Häubchen auf eine skurile Show hin. Verschiedene Interpreten aus München und Augsburg  präsentierten live ihre unterschiedlichen Versionen des Songs „The Winner takes it all“ von ABBA – vom eigens für die Brechtnacht arrangierten Drehorgelstück mit aufwändig gestanzter Papierrolle bis zur Gameboy-Version: Schräge eineinhalb Stunden, deren Qualität aber mit der Zeit abfiel, nicht zuletzt aufgrund der etwas langatmigen Moderation, die den anfänglichen Witz nicht halten konnte.

Liann, SingerSongwriter mit Band – auch aus München, wartete in der Soho Stage noch auf weitere Besucher, entschied sich dann aber zu einem Start mit gerade mal an die 15 Zuhörern. Nachdenkliche deutsche Texte, behutsame Musik und sogar zwei Songs extra zum Brechtfestivalmotto! Entdeckt wurde Liann beim SongSlam 2016 in Augsburg.

Daniel Kahn & The Painted Bird Mephisto (c) Christian Menkel

Daniel Kahn & The Painted Bird Mephisto (c) Christian Menkel


Ganz anders im Mephisto mit dem amerikanischen Sänger Daniel Kahn & The Painted Bird aus Berlin, die in klassischer Klezmerbesetzung eine mitreißende Mischung aus Klezmer, Folk und Punk boten. Einige aus dem Publikum sind gleich aus der ersten Vorstellung dageblieben, beste Stimmung sorgte für Tanz in den Seitengängen. Trotz offensichtlicher Erschöpftheit der Musiker nach zwei Konzerten am Stück begeisterte die Band noch nach Mitternacht mit mehreren Zugaben. Zum Schluss das Halleluja von Leonhard Cohen in einer schlichten jiddischen Interpretation von Daniel Kahn mit Sologitarre, das Publikum summte ergriffen mit.

Im Textil- und Industriemuseum (TIM) und im Provino Club direkt nebenan spielten über den Abend verteilt insgesamt sechs Bands.

Den eher ruhigen Anfang im TIM machte die Gruppe Wallis Bird um die gleichnamige Sängerin mit ihren MusikerInnen. Über den vor allem akustischen Klängen der Band, die in unterschiedlichen Stücken zwischen Blues, Pop und irischem Folk wandelten, baute die Frontfrau Wallis Bird ihre volle Stimme auf, um das noch ein wenig gefrorene Publikum aufzuwärmen. Schade war dabei, dass die langgezogene Halle des TIM noch nicht ganz gefüllt war und dass die sehr fulminante Anlage für ihre Stimme zu groß geraten schien. Aber insgesamt war es ein Anfang zum Wohlfühlen, der dem leider recht einheitlichen Publikum den Einstig in die lange Brechtnacht erleichtern sollte.

Beinahe zeitgleich startete im Provino Club – nur wenige hundert Meter vom TIM entfernt – der Konzertabend mit dem Musiker Albrecht Schrader. Und wenngleich der Ort Provino Club in gewisser Weise einen Gegenpol zum eher sterilen und weitläufigen TIM darstellt, waren auch dort beim ersten Konzert eher ruhige Töne zu hören. Der Hamburger sang seine leicht kühlen und melancholischen aber auch scharfsinnigen und ironischen Texte und begleitete sich dabei selbst mit jazzigen Melodien auf dem Klavier. Der Auftritt des aus der Sendung Neo Magazin Royal bekannten Albrecht Schrader kam bei den Gästen des Provino sehr gut an. Auch präsentierte er Textfragmente wie einen fiktiven Lebenslauf des in den 1950ern in Remscheid geborenen Bert Brecht, dessen Mutter auf den Namen Courage höre und dessen bester Freund ein netter Kerl aus der spanischen Stadt Sezuan sei. Man konnte beinahe den Eindruck gewinnen, er wollte irgendetwas erzählen und dabei möglichst oft den Namen Bert Brecht benutzen. Und das ausgerechnet in der Augsburger ‚Langen Brechtnacht‘!

Wieder zurück im TIM spielte ab 21:30 Uhr die Band Algiers aus Atlanta. Die um den Sänger und Keyboarder Franklin James Fisher zusammengestellte Gruppe präsentierte ein hervorragendes Konzert mit Musik aus einer Mischung von Post-Punk und psychodelischem Blues Rock mit vielen elektronischen Einflüssen. Mit ihren langen und ins Ekstatische laufenden Stücken brachten sie nicht nur das Publikum zum tanzen, sondern sollten auch einen musikalischen Höhepunkt des Abends darstellen. Sie waren gut, sie waren laut und die Gäste drängten sich zum Tanzen in den vordersten Reihen.

Zur selben Zeit begann die Gruppe Locas in Love ihren Auftritt im Provino Club. Und wie es der Sänger Björn Sonnenberg auf der Bühne ganz treffend formulierte, fühlte sich das für die Kölner Gruppe wie ein Heimspiel an. Die Band lieferte klassischen Indi-Pop und erinnerte dabei nicht selten an die Augsburger Band Anajo, mit der sie personelle Überschneidungen und auch gemeinsame Tourneen verbindet. Das Publikum im mittlerweile voll gewordenen Provino Club schien von den deutschsprachigen Texten und den sehr guten Musikern jedenfalls dermaßen überzeugt, dass die Band insgesamt sechs (!) Zugaben spielen musste. Gegen Ende des Konzerts bildete sich am Eingang des Clubs zum ersten Mal eine Warteschlange, weil die maximale Anzahl an Gästen im Club erreicht war.

Im TIM kam es dann um 23 Uhr zum geplanten Mainact des Abends: Die Antilopen Gang aus Aachen und Düsseldorf sollte die Halle für kurze Zeit in einen Hip-Hop-Club verwandeln und dabei auch die große Soundanlage für sehr dicke Bässe nutzen. Mit ihren teilweise sehr politischen Texten und durch ihr Engagement gegen Rassismus und für Menschenrechte wurde die Gruppe nicht nur Trägerin des Amadeu-Antonio-Preises, sondern kann zu den politischeren Gästen bei der Brechtnacht gezählt werden. Auch intellektuellen und/oder politischen Themen widmet sich die Band mit althergebrachtem, sehr lautem Gangster-Rap, was teilweise auch absurde, komische Züge annimmt. Mit ihrem energiereichen Bühnenauftritt brachten sie gestern im TIM so viele Leute zum tanzen, dass sich es das Ende des Abends dann doch noch ein wenig nach Party anfühlte.

Den Höhepunkt des Abends auf der Bühne im Provino Club sollte das Duo Eclecta aus der Schweiz liefern. Die zwei Bandmitglieder Andriana Bollinger und Marena Whitcher standen in auffällig glitzernden Outfits umringt von vielen Instrumenten auf der Bühne und boten einen sehr choreographierten Auftritt. Zu jedem Stück veränderten sie die Zusammensetzung der Instrumente. Heraus kam dabei eine sehr interessante und experimentelle Art von Indi-Musik mit Einflüssen des Jazz. Die englischen Texte wurden wahlweise gesungen oder gesprochen, wobei sie auch eigene Adaptionen von Stücken aus Opern Bert Brechts präsentierten. Auch weil die Band erst mit etwas Verspätung anfangen konnte und die Konzerte im TIM daher schon zu Ende gingen, füllte sich der Provino Club zu dieser Zeit sehr schnell und konnte dann länger keine Gäste mehr aufnehmen. Der Übergang von der letzten Band des Abends in die Aftershow-Party verlief fließend.

Insgesamt war die  Lange Brechtnacht im Textilviertel ein schöner Abend. Die Bands überraschten teilweise sehr positiv (Algiers), andere wirkten aber auch irgendwie zu groß und zu aufgeblasen für den Abend (Antilopengang). Und es bleibt natürlich die Frage: Was hat das alles mit Bert Brecht zu tun? Solidarität oder Egoismus? Die Lange Brechtnacht blieb die Antwort schuldig. Im TIM war die Stimmung irgendwie eigenartig, was wahrscheinlich an den weitläufigen Räumlichkeiten lag, aber auch an der Zusammensetzung des Publikums, das auch aus vielen Kulturschaffenden bestand.

Im Provino Club war zumindest die Stimmung viel gelöster, was wohl an der höheren Gemütlichkeit des Ortes, aber auch an dem jüngeren und lockeren Publikum gelegen hat. Allerdings war die dortige Musikauswahl vielleicht zu sehr auf Indi-Musik ausgerichtet. Und der rote Faden, der sich anhand des Titels Lange Brechtnacht 2018 vermuten lassen könnte, war auch hier nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Im Einleitungstext zur Brechtnacht (Programmheft) wird der Zusammenhang zu B.B. wie folgt dargestellt:



„Im grenzüberschreitenden Geiste Brechts schafft die Brechtnacht eine Plattform für innovative, genreübergreifende musikalische Aktivitäten. Zwischen progressiver, ambitionierter Popmusik, Avantgarde und interdisziplinärer Kunst präsentiert sie internationale wie nationale Künstler*innen aus unterschiedlichsten Stilistiken. Die Brechtnacht steht für Musik, die etwas bedeuten will, die Fragen stellt und Antworten sucht. Wem gehört die Welt? Wohin geht die Kunst? Brecht wusste die Macht der Musik als dramaturgisches Mittel und als Vehikel für seine Inhalte zu nutzen.“ ….. „Die Lange Brechtnacht ist eine musikalische Echokammer auf die Themen der Zeit und auf das diesjährige Festival-Leitmotiv „Egoismus vs Solidarität“.

—– Andrea Huber (Innenstadt),  Johannes Meyer (Textilviertel).



Fahrverbote: Grüne fordern Mobilitätswende

Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zu möglichen kommunalen Fahrverboten zeigt aus Sicht der Grünen Stadtratsfraktion, dass für den Schutz der Gesundheit der Bürger Maßnahmen getroffen werden müssen, die die Einhaltung der Grenzwerte dauerhaft sichern.

Innerstädtische Autobahnen, wie zB die Karlstraße sorgen für schlechte Luft in Augsburg

"Innerstädtische Autobahnen", wie zB die Karlstraße sorgen für schlechte Luft in Augsburg


„Fahrverbote wollen alle vermeiden und sie stehen in Augsburg aktuell auch nicht zur Debatte. Aber die beharrliche Weigerung der Autoindustrie, alte Dieselfahrzeuge auf ihre Kosten nachzurüsten, zwingt die Kommunen zum Handeln. Das Urteil führt hoffentlich zu einem Umdenken, gerade bei der CSU und ihrem Verkehrsminister, der diese Entwicklung immer blockiert hat.“ So Martina Wild, Fraktionsvorsitzende der Grünen im Stile einer Oppositionsführerin.

Stephanie Schuhknecht, Aufsichtsrätin der Stadtwerke Verkehrs GmbH und finanzpolitische Sprecherin der Grünen Stadtratsfraktion nimmt die Verkehrspolitik der lokalen CSU ins Visier: “Wir brauchen auch unabhängig von der NOx-Problematik in unseren Städten eine echte Mobilitätswende, wenn wir in Zukunft nicht im Auto- und Lieferverkehr ersticken wollen. Dazu reicht es aber aus unserer Sicht nicht, den Status Quo im Nahverkehr als „breit aufgestellt“ zu beschreiben. Das Nahverkehrsangebot muss besser und insgesamt auch günstiger werden, um Menschen zum Umstieg zu bewegen. Das geht nur mit mehr Zuschuss aus der Stadtkasse. Wir sind sehr gespannt, ob für die vielen beantragten Verbesserungen an der Tarifreform dann letztlich auch das Geld vom Stadtrat zur Verfügung gestellt werden wird, oder ob alles nur „Show“ war, um die Bürger zu beruhigen.“

Cemal Bozoglu

Cemal Bozoglu


Cemal Bozoglu, verkehrspolitischer Sprecher der Grünen, bläst ins gleiche Horn: „Die Semmeltaste war und ist eine völlig unnötige Subvention für den Autoverkehr, die den Anreiz setzt, mit dem Auto in die Stadt zu fahren, weil man ja kostenlos parken kann. So etwas sollte es angesichts der Luftprobleme im Jahr 2018 nicht mehr geben. Auch die Diskussion um neue Parkhäuser in der Innenstadt ist absurd. Die Passantenbefragung 2017 ergab sehr deutlich, dass Parken für Besucher der Innenstadt bei weitem nicht mehr als das dringlichste Problem angesehen wird. Was wir brauchen ist ein stärkerer Fokus auf die Fahrradstadt, der neben den Infrastrukturmaßnahmen endlich auch eine fahrradfreundliche Stimmung in der Stadt erzeugt und die Menschen aktiv zum Radeln animiert. Eine städtische Öffentlichkeitskampagne ist hier absolut überfällig.“

Die Augsburger Grünen sind seit Mai 2014 ein Teil des Augsburger Regierungsbündnisses und haben sich im Bündnisvertrag darauf festlegen lassen, die Haushaltsbeschlüsse der Stadtregierung (CSU/SPD/Grüne) mitzutragen.



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