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Brechtfestival: Das ABC der Solidarität oder die Geschichte eines Desasters

Was unter dem Titel „Das ABC der Solidarität“ am vergangenen Sonntag in der Brechtbühne im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals als Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung angekündigt war, geriet zu einem Desaster, das in seiner Absurdität den Tiefpunkt des Festivals markieren könnte, stünde selbiges zu diesem Zeitpunkt nicht erst am Anfang. Belastend für den Fortgang des Festivals kam ein Nachtreten von Festivalleiter Wengenroth hinzu.

Von Bernhard Schiller

Kathrin Röggla, Vizepräsidentin der Berliner Akademie der Künste, der emeritierte Professor für Ästhetik und Kulturvermittlung, Bazon Brock sowie die Bloggerin Stefanie Sargnagel waren geladen, um ausgehend von Brechts Text „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ über das „Verhältnis von Egoismus und Solidarität heute“ zu diskutieren. Moderiert werden sollte das Ganze von Knut Cordsen, Moderator der „Kulturwelt“ bei Bayern2. Aber Cordsen moderierte nicht.

Womit das Hauptproblem umrissen wäre. Wenn man einen intellektuellen Riesen wie Brock neben eine Internetberühmtheit (Sargnagel) setzt und wünscht, dass beide auf Augenhöhe diskutieren, dann ist das ein kühnes Vorhaben. Gesellt man denjenigen mit Kathrin Röggla zudem ein zwar kluges, aber ebenso leises Stimmchen bei und lässt die Moderation ausfallen, entsteht wenig, außer Unheil, das dann auch seinen Lauf nahm. So breitete zunächst Bazon Brock seine Argumente aus, nicht nur zutiefst überzeugt davon, sondern augenscheinlich auch von seiner Rolle als „Polemosoph“, einem mit Überzeugung Streitenden. Bis er durch eine Intervention aus dem Publikum unterbrochen wurde.

Seine Thesen vom freien Spiel der kapitalistischen Kräfte und der kompetitiven Gegnerschaft als Werkzeug, um den sozialen Frieden zu gewährleisten, blieben unerhört. Brock formulierte beinahe christlich: „Fördere Deinen Konkurrenten“. Die  neurechte „Identitäre Bewegung“ und alle, die in identitätspolitischen Zusammenhängen denken, bezeichnete er wörtlich als „Deppen“, weil sie in ihrer Feindseligkeit nicht verstünden, dass Identität erst durch die Absetzung vom Anderen entstehe. Wer eine Identität haben wolle, brauche den Anderen, die andere Identität. Brocks stärkste These war aber die zur Wahrheit. Kurz gesagt: Das menschliche Verlangen nach Wahrheit sei zwar eine Denknotwendigkeit, aber es sei ebenso gefährlich. Aufgabe unserer Zeit sei es, „die Kritik der Wahrheit durchzusetzen“. Nur so könne der „Profibürger“ entstehen, wie Brock den Menschen nennt, der sich nicht von Ärzten, Religionen, der Industrie mit fragwürdigen Wahrheiten füttern lasse. „Niemand“, so Brock, „kann aus der Wahrheit leben.“ Ein dialektisches Vergnügen.

Offensichtlich war aber nicht einmal Festivalleiter Wengenroth im Bilde darüber, wer die Protagonisten seiner Veranstaltung waren. Wie sonst lässt sich seine Einlassung im Interview mit dem Deutschlandradio nachvollziehen, in welchem er Brock als Hauptverantwortlichen am kollektiven Desaster ausmacht, ihm „monolithische Diskussionsverweigerung“ und „Wissenschauvinismus“ vorwirft? Wengenroth verteidigt weiter die aus seiner Sicht „defensive Gesprächskultur“ der beiden Frauen.

Ein interessanter Standpunkt nach einer Veranstaltung, die Objektivität und fake news zum Gegenstand hatte. Man kann natürlich auch zu einer anderen Einschätzung gelangen. Sargnagel konnte Brocks scholastischen Argumente zum Verhältnis von Identität und Menschenwürde nicht folgen. Das im Nachhinein als „Wissenschauvinismus“ und „theoretisches Schwanzrauspacken“ (Sargnagel ebenfalls gegenüber Deutschlandradio) zu bezeichnen, verrät lediglich eigene Bildungsdefizite. Zudem war es Kathrin Röggla, die Sargnagels Replik an Brock kassierte, indem sie ihr ins Wort fiel.

Von Röggla mehr zu hören, wäre wiederum schön gewesen. Als sie die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt des Widerstandes stellte, einem „Problem, dem wir alle unterworfen“ seien, hätte die Diskussion auch in Richtung Publikum geöffnet werden können. Doch wo der Moderator schweigt, kann sich nichts entwickeln. Brock beschwerte sich über zu wenig Redezeit. Sicher eine subjektive Einschätzung, die man ihm aber kaum anlasten kann. Es wäre die Aufgabe der Moderation gewesen, das Gespräch gemeinsam ihm anhand eines roten Fadens und in Richtung der Anderen zu entwickeln. Kathrin Röggla hätte ihm argumentativ Kontra bieten können, was in wenigen raren Momenten deutlich wurde. Doch Röggla suchte lieber die Nähe zum Publikum, dass längst Brock zum Sündebock erkoren hatte und auf diese Weise die „Moderation“ übernahm.

Sargnagel wirkte in dem Ganzen etwas deplaziert mit ihrer zunächst humoristischen, zunehmend eher obsessiven Analyse der Neuen Rechten, die in erster Linie Brocks Thesen zur Identität zu bestätigen schienen. Brock unterbrach Sargnagels Vortrag barsch, indem er ihn zu einem „Vorlesewettbewerb“ deklassierte. Völlig Unrecht hatte er damit nicht. Das Publikum wartete da längst auf Erlösung. Am Schluß spottete Sargnagel noch in dem ihr eigenen Pöbeljargon gegen den 82-jährigen Brock: „Das machen wir dann draußen vor der Tür aus.“ Ein intellektuelle und zivilisatorische Kapitulation. Der alte, weiße Mann scheint vogelfrei zu sein. Das hatte Sargnagels Schwester im Geiste, die letztjährige Brechtfestivalkatastrophe Laurie Penny, ja schon am selben Ort gefordert.

Trotz der Gefahr eines „extremen Wissenschauvinismus“ verdächtigt zu werden, soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass das Wort „Moderation“ lateinischen Ursprungs ist und nicht nur „Lenkung“ bedeutet, sondern auch „Mäßigung“. Die moderierende Instanz sorgt für ein moderates Miteinander. Das ist das kleine Einmaleins der Solidarität.



„Das unterscheidet das Denken vom Geschwätz“

INTERVIEW MIT BAZON BROCK

Literarisches Podium „Das ABC der Solidarität“ - Brechtbühne; Bazon Brock, Stefanie Sargnagel, Knut Cordsen (Moderation), Kathrin Röggla (v.l.); Foto (c) Christian Menkel

Literarisches Podium „Das ABC der Solidarität“ - Brechtbühne; Bazon Brock, Stefanie Sargnagel, Knut Cordsen (Moderation), Kathrin Röggla (v.l.); Foto (c) Christian Menkel


Bazon Brock war in den Achtzigern zusammen mit Joseph Beuys ein Superstar des deutschen Feuilletonbetriebs. Aus der Position der Stärke, die bei Brock durch die Höhe der Intellektualität zu definieren ist, erforschte Brock die Substanz der Kunst und die Möglichkeiten der Erkenntnisfähigkeit – stets provokativ und treffsicher, ohne ins Dozieren abzudriften. In den vergangenen Jahren ist es ein wenig ruhiger um den emeritierten Ästhetikprofessor geworden. Auf dem Augsburger Brechtfestival sorgte Bazon Brock mit seinem Auftritt für Wirbel. Womit das zu tun haben könnte, analysiert Brock im Gespräch mit DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler.

DAZ: Ausgehend von Brechts Essay „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“ sollten im Rahmen des Augsburger Brechtfestivals zwei Autorinnen und ein Autor ein Thesenpapier zum Verhältnis von Egoismus und Solidarität entwickeln und vortragen und anschließend darüber einen Diskurs führen. Dazu kam es nicht. Die Autorinnen waren Kathrin Röggla und Stefanie Sargnagel, der Autor Sie, Herr Brock. Woran lag es, dass die Veranstaltung nicht so über die Bühne ging, wie es sich die Festivalmacher vorgestellt hatten?

Brock: Ich habe völlig klare Positionen gleich zu Anfang wiedergegeben. Diese Positionen sollte man als Resultat langen Nachdenkens erkennen können. Wer sie nicht versteht, versteht auch Brechts Aufsatz nicht. Verabredet war, dass ich zu Beginn des Gesprächs die Grundsatzpositionen in einem mindestens 15 Minuten langen Statement vorgeben dürfe. Sonst wäre ich gar nicht zur Veranstaltung erschienen. Auf der Bühne wurde dann diese Zusage für null und nichtig erklärt.

DAZ: Patrick Wengenroth (Künstlerischer Leiter des Augsburger Brechtfestivals) bezeichnete Ihre Vorgehensweise als eine „Art monolithische Diskussionsverweigerung“. Man könne, so Wengenroth, überlegen, ob das „per se ein Problem von alten Menschen ist oder von Herrn Brock im Persönlichen“. – Er sei trotz allem froh, dass Stefanie Sargnagel und Kathrin Röggla sich nicht verhärten ließen, so Wengenroth, der Ihre Vortragsweise als „Wissens-Chauvinismus“ bezeichnete, während die eher defensive Gesprächskultur der Autorinnen stärker auf einen offenen Diskurs abziele. Dazu ein Wort von Ihnen…

Zum „Wissens-Chauvinismus“ bezichtigt man immer andere dessen, was man sich selbst vorzuwerfen hat

Brock: Wenn Wengenroth überhaupt bei seinem Begriffssalat genießbar bliebe, sollte er beweisen, worin denn der Diskurs zwischen den beiden Frauen bestanden hätte, den er behauptet. Ich konnte eine Diskussion zwischen den beiden nicht erkennen. – Zum „Wissens-Chauvinismus“: bekanntermaßen bezichtigt man immer andere dessen, was man sich selbst vorzuwerfen hat. Im Wegenroth’schen Sinne ist er als Festivalleiter ein „Kompetenz-Chauvinist“, weil er die Autorität für Entscheidungen in Anspruch nahm. So wie es seine Aufgabe ist zu entscheiden, ist es meine Aufgabe, auf Wissen zu bestehen, damit eine Diskussion nicht ins Belieben abdriftet. Die Altersdiskriminierung von Wengenroth wie von Frau Sargnagel, die sogar meinen baldigen Tod herbeiwünscht, erweist die beiden als Meinungsterroristen, die auf Wissen nichts geben, weil sie nicht darüber verfügen.

DAZ: Wie sieht Ihre These zu Brechts Fatzer-Text aus? Besser gefragt, was würden Sie herausarbeiten, müssten Sie diesen Text in eine Bühnenform bringen? Und noch eine Frage hinterher: Finden Sie die Fragestellung des Brechtfestivals (Brauchen wir mehr Egoismus oder mehr Solidarität?) nicht ein wenig naiv?

Die Entgegensetzung von Egoismus und Solidarität ist bloßes Gewäsch

Bazon Brock Brechtbühne (c) Christian Menkel

Bazon Brock Brechtbühne (c) Christian Menkel


Brock: Seit Schillers „Die Räuber“, auf die sich Brecht ja ausdrücklich bezieht, wird etwa politischer Aktionismus gerne als bloßer Profilierungsegoismus der Akteure diskreditiert. Das ist eine Abwehrreaktion von Leuten, die selber nichts zu sagen haben oder wagen. Wer gegen das allgemeine laute Schweigen den Mund aufmacht, kann nach der Meinung dieser Feiglinge nur sich selbst auszeichnen wollen. Das ist eine Position von Charakterschwachen. Also ist die Entgegensetzung von Egoismus und Solidarität bloßes Gewäsch.

DAZ: Wie müsste man Brecht mit Substanz in die Welt tragen?

Brock: Meine zentrale These lautet, dass wir heute nicht mehr wie in Brechts Zeiten die Wahrheit gegen Ideologien zu verteidigen haben, sondern die Wahrheit in ihren grausamen Konsequenzen kritisieren müssen. Wer die medizinische Wahrheit einer Krankheitserregung erkannt hat, geht zum Arzt, um sich gerade nicht der Wahrheit des Geschehens zu unterwerfen, sondern gegen sie vorzugehen. Das nennt man ‚Kritik der Wahrheit‘.

DAZ: Die man auch auf der Bühne dramatisieren kann …

Brock: Ja. Besser als Brecht kann man das Thema nicht auf die Bühne bringen: Das Problem des Jasagens und der kollektiven Maßnahmen zur Erzwingung von blindem Gehorsam haben wir in dem von Buckwitz geleiteten Brecht-Theater in Frankfurt um 1960 herum mit eigenen szenischen Entwürfen für die Gegenwart aufschließen wollen. Wir nannten das ‚Action-Teaching – Lehren und Lernen als Aufführungskünste‘, wie Robert Filliou formulierte.

DAZ: Vom Augsburger Brechtfestival gingen sehr früh (weit vor Wengenroth) merkwürdige Botschaften aus. Eine davon: Brecht sei kein Kommunist gewesen, worüber wir aber jetzt nicht sprechen müssen. Was mich jedoch brennender interessieren würde: Sehen Sie in Brechts Werk eine Text-Ethik, die die politische Rezeption überdauern wird? Und noch eine Frage hinterher: Was gibt es bei Brecht zu bewundern, was auszuhalten?  Was ist erkaltet, was brennt noch?

Brock: Die fabelhafte Brecht-Biografie von John Fuegi bietet alles notwendige Wissen zur Beantwortung dieser Frage: Was Thomas Mann den „Geist der Erzählung“ nannte, also die innere Logik des Argumentierens unter der Herrschaft der Grammatik und ästhetischer Darstellungszwänge, entspricht Brechts Ethos. Er nennt das zwar noch Dialektik, meint damit aber anderes als selbst ein Marcuse in den 60er Jahren zu erfassen vermochte. Brecht wusste, dass Affirmation nicht bloße bedenkenlose Zustimmung ist, sondern das Resultat gedanklicher Operationen.

DAZ: Man muss sich Brecht als Intellektuellen vorstellen, dem man auf der Ebene des Denkens begegnen muss. Okay, aber was bedeutet Denken für Sie? Worin unterscheidet es sich vom Geschwätz im Netz und anderswo?

Denken ist ein Mut erforderndes Abenteuer des Geistes, bei dem man nicht weiß, wo man landen wird

Brock: Wir starten mit einer Behauptung, gegen die wir Einwände zusammentragen, um dann aus der Kritik eine neue Basis für weitere Behauptungen und Gegenmeinungen zu schaffen. Jasagen oder Affirmation ist also nur möglich nach langem Hin und Her der Argumente. Das unterscheidet das Denken vom Geschwätz und zeigt es als ein Mut erforderndes Abenteuer des Geistes, bei dem man nicht weiß, wo man landen wird. Die Verkommenheit der heutigen Geisteswelt zeigt sich darin, dass wir heute immer schon vorher sagen können müssen, was das Resultat unserer Forschung sein wird, weil wir ohne Bekenntnis zu diesem logischen Unfug kein Geld für die Forschung bekämen. Gerade deswegen kommt bei der so finanzierten Forschung nichts heraus, was auch nur ansatzweise den Brechtcharakteren nahekäme.

DAZ: Sehen Sie durch den Triumph des Gelabers und die Vermehrung des Unterkomplexen die Tradition des Denkens und den Geist der Aufklärung in Gefahr?

Brock: Es ist nicht nur eine Gefahr, sondern längst Realität. Es gibt keine Professoren mehr, die sich zur profora, also zum Wissen des Nichtwissens bekennen dürften. Die Universitäten sind als Forschungseinrichtungen nicht mehr existent und die Professoren sind nur noch die Funktionsträger wirtschaftlicher Interessen.

DAZ: Deshalb brennt Brecht heute noch. Herr Brock, ihr bürgerlicher Name lautet Jürgen Johannes Hermann Brock. Sie haben die Vornamen gestrichen und daraus „Bazon“ gemacht, was im altgriechischen „Schwätzer“ bedeutet. Wie kam es dazu?

Das alles sind Positionen, die ein Leiter eines Brechtfestivals hätte kennen müssen

Brock: Den Namen Bazon erhielt ich als Schimpfnamen, den ich gegen die Diskriminierer von Sprachenthusiasmus und Wissenshunger wendete. Denn unter den altgriechischen Sophisten bezeichnete der Name nicht einen Schwätzer, sondern einen Redner, der für die Interessen konkreter Menschen eintrat, anstatt sich wie die Platoniker nur um die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu kümmern. Prototyp für das sophistische Verständnis sind Anwälte vor Gericht, die in der gegnerischen Auseinandersetzung Sachverhalte klären, anstatt dogmatisch eine alles bezwingende Wahrheit zu behaupten. Auch heute werden Interessensvertreter als Interessensverräter diskreditiert, anstatt ihnen mit gleichstarken gegnerischen Positionen entgegenzutreten. Das alles sind Positionen, die ein Leiter eines Brechtfestivals hätte kennen müssen.

DAZ: Dem sie konkret den Vorwurf machen …

Brock: Ich werfe den Kritikern der Veranstaltung in aller Radikalität vor, dass sie in keinem einzigen Fall auch nur ansatzweise eine meiner Behauptungen als falsch widerlegt haben. Das allein wäre die Basis für Kritik.

DAZ: Herr Brock, vielen Dank für das Gespräch. —— Fragen: Siegfried Zagler



And the Winner is….“Best of Poetry Slam“ beim Augsburger Brechtfestival

Der neue Meister des „Best of Poetry Slam“ beim Brechtfestival 2018 in Augsburg heißt Philipp Herold aus Heidelberg, einer der facettenreichsten Slam-Poeten seiner Generation. Er setzte sich im Finale gegen Quichotte aus Köln durch.

Von Andrea Huber

David Friedrich mit Tanasgol Sabbagh, Quichotte, Philipp Herold und Temye Tesfu (c) Christian Menkel

David Friedrich mit Philipp Herold, Quichotte, Tanasgol Sabbagh und Temye Tesfu (v.l.) - Musiker im Bild: Kilian Bühler, Girisha Fernando - Foto (c) Christian Menkel


Überwiegend junge Besucher strömten am Dienstagabend, den 27.2. ins ausverkaufte Parktheater, um beim „Best of Poetry Slam“ in Augsburg dabei zu sein. Im Rahmen des Brechtfestivals traten vier der besten Bühnenpoeten des deutschsprachigen Raums gegeneinander an: Tanasgol Sabbagh, Quichotte, Philipp Herold und Temye Tesfu – unter anderem mit Texten zum Festivalmotto „Egoismus versus Solidarität“. Jeder Teilnehmer hatte anstatt der üblichen fünf Minuten zehn Minuten Zeit, um dem Publikum zu zeigen, warum sie oder er zurecht zu den Besten der Slamszene zählt.

David Friedrich, Autor und Moderator und vor allem einer der erfolgreichsten Poetry-Slammer im deutschsprachigen Raum (deutschsprachiger Meister 2017), moderierte den Abend mit Witz und Esprit und führte schlagfertig und gleichsam charmant durch den knapp dreistündigen Wettbewerb.

Die musikalische Umrahmung übernahmen die Augsburger Musiker Girisha Fernando (Bass und Kurator der Veranstaltung), Jochen Helfert (Piano) und Kilian Bühler (Schlagzeug) mit chilliger, spontan improvisierter sowie eigens für den Abend arrangierter Musik, im Stil zwischen zeitgenössischer Pop- und Soulmusik und dem Jazz angesiedelt.

In der ersten Runde (Vorrunde) der vier Giganten bewerteten ausschließlich die fünf von Moderator David Friedrich ausgewählten Juroren aus dem Publikum, die sich auf Anfrage zur Verfügung stellten. Schade, dass Spoken-Word Poetin Tanasgol Sabbagh mit ihren berührenden Texten nicht weitergekommen ist, und auch Slam Poet und Sprechlyriker Temye Tesfu mit seinem temporeichen Vortrag keinen weiteren Auftritt bekam. Aber so sind die Regeln, die beiden ermittelten Vorrundensieger mit den meisten Gesamtpunkten der Juroren, Quichotte und Philipp Herold, traten nach der Pause erneut an und lieferten sich und dem Publikum ein spannendes Duell, bei dem sie je einen unbegleiteten und einen mit Live-Musik korrespondierenden Text vortrugen. Der traditionelle Preis, die Flasche Whiskey, ein übernommenes Ritual aus Amerika, wurde von David Friedrich schon mal als zusätzlichen Anreiz bereitgestellt.

And the Winner is…

Im Finale durfte das Publikum mit der Intensität des Applauses entscheiden, wer bei „Best of Poetry Slam“ die Bühne als Sieger verlässt. Philipp Herold bekam eindeutig den Zuspruch.

Special guest Troy of Persia als Sänger und die Band gaben dem Slam-Finale die besondere Note zur ohnehin rundum gelungenen Veranstaltung.



Gribl: Fahrverbote bleiben Ultima Ratio

Nach der Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts, dass Fahrverbote für Dieselautos ein zulässiges Mittel zur Schadstoffreduzierung sind, gab Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl ein Statement ab. Gribl setzt neben Fahrverboten auch auf alternative Maßnahmen zur Stickoxyd-Reduzierung.

Luftbildplan

Luftbildplan


„Grenzwerte für Schadstoffe haben ihren Sinn und müssen zum gesundheitlichen Schutz der Bevölkerung eingehalten werden. Es ist Aufgabe der Kommunen, dafür zu sorgen“, so Augsburger Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl zum Urteil des Bundesverwaltungsgerichts für Diesel- Fahrverbote. Gleichzeitig sei aber auch Mobilität ein wertvolles Gut. Deshalb müsse die Verhältnismäßigkeit des Vorgehens gewahrt werden.

Nach dem Richterspruch des Bundesverwaltungsgerichts sind Fahrverbote für ältere Dieselfahrzeuge in besonders mit Stickoxyd (NOx) belasteten deutschen Städten ein rechtlich zulässiges Mittel, das in die jeweiligen Luftreinhaltepläne aufgenommen werden kann. Die Anordnung eines Dieselfahrverbots obliegt den Kommunen. Damit, so Oberbürgermeister Dr. Gribl, führe das Urteil zu jenen Problemen, die bereits zuvor auf kommunaler Ebene befürchtet worden seien.

Versäumnisse der Autoindustrie dürfen nicht zu Lasten der Kommunen gehen

Mit Blick auf die ehrgeizigen EU-Richtlinien zur Luftqualität mit Grenzwerten für Stickstoffdioxid oder Feinstaub, verweist er darauf, dass auf Bundes- und Landesebene Handlungsinstrumente zur Umsetzung der Richtlinien und zur Durchsetzung der Fahrverbote fehlen: „Städte sollen die Luft rein halten und für den Gesundheitsschutz der Bewohner sorgen. Aber die Städte können nicht den Schadstoffausstoß von Fahrzeugen reduzieren – das ist Aufgabe der Autohersteller. Sie müssen Diesel-Fahrzeuge so nachrüsten, dass die versprochenen Grenzwerte bei Schadstoffen eingehalten werden. Versäumnisse der Automobilindustrie dürfen nicht zu Lasten der Kommunen und ihrer Bürger gehen. Eine bessere Luftqualität in den Städten lässt sich nur erreichen, wenn an der Quelle angesetzt wird, damit Autos, Laster und Busse weniger Schadstoffe ausstoßen. Städte, die Fahrverbote verhängen müssen, brauchen außerdem eine vollziehbare Rechtsgrundlage“, so Gribl.
Stadt erarbeitet einen Masterplan zur Senkung der Stickoxid-Belastung

Mit Blick auf Augsburg verweist OB  Griblauf alternative Maßnahmen zum Diesel-Fahrverbot, das in seinen Augen eine „Ultima Ratio“ bleiben müsse. Die Stadt erarbeitet bis 31. Juli 2018 einen Masterplan zur Senkung der Stickoxid-Belastung, in dem Maßnahmen gebündelt und deren Wirksamkeit bewertet werden. Dazu zählen etwa „intelligente Ampeln“ zur flüssigen Verkehrsregelung genauso, wie die Förderung der Elektro- Mobilität. Aktuell hat Augsburg ein Konzept zum Aufbau von Ladeinfrastruktur für Elektrofahrzeuge aufgelegt. Es enthält Kriterien für einen bedarfsgerechten, effizienten, zuverlässigen und sicheren Aufbau der Lademöglichkeit im öffentlichen und privaten Raum. „Wir haben in Augsburg die Busflotte bereits auf Erdgas umgerüstet. Auch die Umweltzone samt Geschwindigkeitsbegrenzungen ist eingeführt. Diese Maßnahmen tragen zusammen mit Impulsen der Fahrradstadt 2020 und einem breit aufgestellten öffentlichen Nachverkehr zur Luftreinhaltung in der Stadt bei“, so Gribl.


Schwabens SPD wählt Harald Güller zum Listenführer für die Landtagswahl

Die schwäbische SPD geht mit einem erprobten Team in den Bayerischen Wahlkampf, stellt aber auch junge Talente auf

Schwabens SPD hat ihre Kandidaten für den Landtag aufgestellt. Erwartungsgemäß gab es auf den vorderen Listenplätzen kein Gerangel. Die Genossen gehen mit dem erfahrenen Augsburger Harald Güller auf Platz 1 in den Wahlkampf, auf Platz 2 steht Simone Strohmayr. Auf den weiteren Plätzen folgen Paul Wengert, Ilona Deckwerth und Herbert Woerlein, alle amtierende Landtagsabgeordnete. Als sechste Kandidatin folgt die Augsburger Stadträtin Margarete Heinrich, die sich als Fraktionsvorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion in Augsburg gute Chancen ausrechnet, den Einzug in den Landtag zu schaffen. „Die anderen reden von Heimat, wir kümmern uns darum, dass es den Menschen gut geht“, so Harald Güller.



Sprechstunde bei Eva Weber

Bürgermeisterin und Wirtschafts- und Finanzreferentin Eva Weber steht wieder für Bürgergespräche zur Verfügung

Bürgermeisterin und Wirtschafts- und Finanzreferentin Eva Weber lädt interessierte Bürgerinnen und Bürger im Rahmen einer Bürgersprechstunde zu einem persönlichen Gespräch ein. Es findet am Montag, 5. März, von 16 bis 17 Uhr im MehrGenerationenTreffpunkt (MGT) Lechhausen (Blücherstr. 1) statt. Die Bürgersprechstunde ist keine öffentliche Veranstaltung. Es wird deshalb um vorherige telefonische Anmeldung unter 0821 324 1557 gebeten.



FCA holt Punkt in Dortmund

Der FC Augsburg hat sich zum Abschluss des 24. Spieltags am Montagabend einen Auswärtspunkt in Dortmund gesichert. Der BVB und der FCA trennten sich vor 54.300 Zuschauern leistungsgerecht mit einem 1:1-Unentschieden. Marco Reus brachte die Borussen in der 16. Minute in Führung, Kevin Danso erzielte in der zweiten Halbzeit nach einer Schmid-Ecke das 1:1 (73.).

BVB gegen FC Augsburg

BVB gegen FC Augsburg 1:1


FCA-Trainer Manuel Baum veränderte seine Startelf gegen Dortmund im Vergleich zur 0:1-Niederlage gegen Stuttgart auf zwei Positionen: Für den gelbgesperrten Kapitän Daniel Baier spielte Jan Moravek in der Mitte den Ballverteiler. Jonathan Schmid spielte auf der rechte Seite für Heller, der sich zunächst mit der Bank zufriedengeben musste.

Die erste Halbzeit ist schnell erzählt: Dortmund tat sich in der Offensive gegen die tief stehende Augsburger Fünferkette schwer, zumal der FCA auch aggressiv und früh das Aufbauspiel der Dortmunder störte. Doch ein Ballbehauptungsfehler der Augsburger Offensive sorgte für die einzige bemerkenswerte Torchance der ersten Halbzeit: Nach einem schnellen Konter erzielte Marco Reus das 1:0 für den BVB, obwohl die Hereingabe bereits von Hinteregger geklärt schien (16.). Dortmund erhöhte nach der Führung den Druck, ohne im Strafraum für Gefahr zu sorgen. Der FCA beschränkte sich auf Nadelstiche und blieb ebenfalls harmlos.

PlatzMannschaftSpieleS-U-NTorePkt.
1.FC Bayern München 31 25-03-03 84:22 (+62) 78
2.FC Schalke 04 31 16-08-07 49:35 (+14) 56
3.Borussia Dortmund 31 15-09-07 61:41 (+20) 54
4.Bayer 04 Leverkusen 31 14-09-08 55:41 (+14) 51
5.1899 Hoffenheim 31 13-10-08 60:44 (+16) 49
6.RB Leipzig 31 13-08-10 47:47 (0) 47
7.Eintracht Frankfurt 31 13-07-11 41:40 (+1) 46
8.Borussia Mönchengladbach 31 12-07-12 42:48 (-6) 43
9.Hertha BSC 31 10-12-09 38:35 (+3) 42
10.VfB Stuttgart 31 12-06-13 29:35 (-6) 42
11.FC Augsburg 31 10-10-11 40:40 (0) 40
12.Werder Bremen 31 09-10-12 34:38 (-4) 37
13.Hannover 96 31 09-09-13 38:47 (-9) 36
14.VfL Wolfsburg 31 05-15-11 30:40 (-10) 30
15.1. FSV Mainz 05 31 07-09-15 32:49 (-17) 30
16.SC Freiburg 31 06-12-13 26:51 (-25) 30
17.Hamburger SV 31 06-07-18 24:48 (-24) 25
18.1. FC Köln 31 05-07-19 31:60 (-29) 22
N
ach der Pause zeigten sich die Augsburger aktiver und drängten auf den Ausgleich. Philipp Max brachte eine von vielen Flanken vor das Tor, wo Schmid mit dem Kopf auf den langen Pfosten verlängerte – knapp vorbei (56.). Der FCA schien Oberwasser zu bekommen. Nach einem Schmid-Freistoß von der rechten Seite köpfte Martin Hinteregger am Tor vorbei (65.). Der BVB überließ dem FCA die Initiative und unternahm viel zu wenig, um die Führung auszubauen. Beide Mannschaften zeigten sich im Spiel nach vorne zu ungenau und zu einfallslos im letzten Drittel.

„Der doppelte Danso“ sollte schließlich den Augsburger Ausgleich besorgen. Jonathan Schmid zirkelte eine Ecke in den Fünfer, Kevin Danso entwischte Sokrates und köpfte aus kurzer Distanz Richtung Bürki. Den ersten Ball parierte Bürki, der das Leder Danso vor die Füße prallen ließ, diesen Ball konnte Danso zum 1:1 verwerten (73.).

Danach sollte nicht mehr viel passieren. – Der FCA verteidigte in der Schlussphase entschlossen und ließ nichts Nennenwertes zu. Augsburg trifft am kommenden Samstag (15.30 Uhr) zu Hause auf die TSG Hoffenheim.



FCA: ÖDP sieht Nachtlandeverbot ausgehebelt

Die Aufhebung des Nachtlandeverbots zugunsten des FCA wird zum Politikum

Christian Pettinger

Christian Pettinger


Nach dem Auswärtsspiel des FCA bei Borussia Dortmund am Abend des 26.02.2018 werden die Spieler und Betreuer des FCA noch in der Nacht zurückkehren und auf dem Augsburger Flughafen landen. Hierzu musste das Luftfahrtamt Südbayern eine Ausnahmegenehmigung erteilen und das Flughafenpersonal wird eine Sonderschicht einlegen. Laut einer Presseerklärung des Vereins hat sich dafür auch die Stadt Augsburg eingesetzt. Dieser Sachverhalt hat nun Stadtrat Christian Pettinger (ÖDP) auf den Plan gerufen und zu einer Anfrage veranlasst.

„Ich frage mich, wieso sich ein Vertreter der Stadt Augsburg gegen ein bestehendes Nachtlandeverbot eingesetzt hat, nur um einer Sportmannschaft bei ihren Terminproblemen unter die Arme zu greifen. Ich sehe hier jedenfalls keinen Notfall gegeben, der ein solches Vorgehen rechtfertigen würde.“ Vielmehr öffne dieses Vorgehen Tür und Tor, um den lärmgeplagten Anwohnern des Augsburger Flughafens zukünftig bei ähnlicher Bagatellanlässen die Nacht zum Tag zu machen.

Pettinger hat in diesem Zusammenhang eine Anfrage an Oberbürgermeister Dr. Gribl gestellt, in der er wissen will, wer seitens der Stadt Lobbyarbeit geleistet hat und mit welcher Begründung. Insbesondere interessiert Pettinger die dabei zugrundeliegende Abwägung der berechtigten Ruheinteressen der Anwohner versus Sonderflugerlaubnis für den FCA. Daneben stellt sich für ihn auch die Frage der Kosten für die Sonderschicht, die das Flughafenpersonal leisten muss. „Der Flughafen kostet unsere Stadtkasse jährlich runde 2 Millionen Euro. Ich sehe nicht, dass wir dann noch Zusatzgeld für das Privatvergnügen einer Profifußballmannschaft zuschießen müssen“, so Pettinger. Inwieweit der aktuelle Fall als Einzelereignis zu werten sei oder nur als Spitze des sprichwörtlichen Eisberges, will Pettinger durch die Frage nach ähnlichen Ausnahmegenehmigungen in der Vergangenheit geklärt wissen. „Ich werde jedenfalls nicht einfach zuschauen, wenn hier das bestehende Nachtlandeverbot nach und nach aufgeweicht werden soll“, so Pettinger.



Brechtfestival: Plauderei zur Eröffnung

Warum die Sehnsucht nach einer spießigen Gala aus der Ära Lang aufkam

Kommentar von Halrun Reinholz

Brechtfestival 2018: Eröffnungstalk (c) Christian Menkel

Brechtfestival 2018: Selbstgefälliger Eröffnungstalk mit Andre Bücker, Thomas Weitzel und Patrick Wengenroth (c) Christian Menkel


Statt einer Eröffnungsgala, wie man das so zum Brechtfestival gewöhnt ist, ging es in diesem Jahr im Martinipark mit der Premiere des Lehrstücks „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ gleich in medias res. Nicht gleich, denn ein bisschen Vorgeplänkel musste schon sein im Foyer des Martiniparks. Immerhin gab es erstmal Sekt für alle zum Aufwärmen, und danach trafen sich drei Herren zum „Talk“ auf der Bühne.

Kulturreferent Thomas Weitzel, Intendant André Bücker und Festivalleiter Patrick Wengenroth fanden Worte des Lobes füreinander, ohne wirklich eine Botschaft zum diesjährigen Brechtfestival zu übermitteln. Alles locker und flockig, da kam fast schon Sehnsucht nach einer spießigen Gala aus der Ära Lang auf. Patrick Wengenroth hatte doch noch eine Überraschung auf Lager, nämlich den (Komiker? Kabarettisten?) Johannes Dullin, der nach der Fatzer-Premiere das Programm „Komm und bring einen Freund mit“ bestreiten sollte. Eine kleine Kostprobe sollte er schon vorab geben, aber da fiel dem Festivalleiter ein, dass er noch den vielen Mitarbeitern, Helfern und Sponsoren zu danken hat und deshalb stand Dullin erst einmal etwas verloren auf der Bühne.

Das Clowneske, dem Brecht angeblich auch sehr zugeneigt war, sollte der Aufhänger sein für das Engagement Dullins und seine „groteske Kunst“ zum Brechtfestival. Leider erwies sich weder die Kostprobe noch das volle Programm im Foyer als besonders komisch und ein Zusammenhang zu Brecht war schon gleich gar nicht zu erkennen. Das Augsburger Publikum zeigte sich bei diesem Programmpunkt jedenfalls wenig amüsiert.





Fatzer-Premiere zum Brechtfestivalauftakt: Häschen, hüpf!

Drei Kritiker sorgen möglicherweise für drei unterschiedliche Kritiken. Die DAZ hat sich vorgenommen, die Augsburger Dramatisierung eines der bedeutsamsten Bühnentexte so genau wie möglich unter die Lupe zu nehmen. DAZ-Herausgeber Siegfried Zagler machte den Anfang, hier nun die Kritik von Halrun Reinholz.

„Der Untergang des Egoisten Fatzer“ zum Auftakt des Brechtfestivals erschließt sich dem Publikum nur mühsam

Von Halrun Reinholz

Revolution-Scrabble: Schwache Regiearbeit, starke Schauspielerleistung - Foto: Jan-Pieter Fuhr

Nicht wirklich aufschlussreich: Fatzer im Martini Park - Foto: Jan-Pieter Fuhr


Eine leere Bühne, im Hintergrund große Buchstaben: REVOLUTION in Spiegelschrift. Diese drehbaren Buchstaben sind das dynamischste am Bühnenbild von Oliver Kostecka in Christian von Treskows Inszenierung von Brechts Textfragment „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – abgesehen von Video-Einspielungen, die sich aber angesichts der grassierenden Video-Flut bei Theaterinszenierungen in Grenzen halten und tatsächlich sinnvoll auf das Kriegsgeschehen an der Front verweisen.

Fatzer und seine drei Mitstreiter Koch, Büsching und Kaumann sind Deserteure im Ersten Weltkrieg, die in ihrem Versteck darauf warten, dass der Krieg zu Ende geht und dass die Revolution ausbricht, der „Krieg im Inneren“. Doch stattdessen gibt es Krieg unter ihnen, sind sie im Ausnahmezustand der Isolation und des permanenten Hungers einerseits aufeinander angewiesen, andererseits misstrauisch. In der Gruppe hebt sich Fatzer (Kai Windhövel) ab, der die Führungsrolle übernimmt und gleichzeitig auch für sich in Anspruch nimmt, eigenständig zu handeln. „Wir haben auf dich gewartet“, so der Tenor der anderen drei, und Fatzer antwortet nur: „Ich bin jetzt da.“ Kai Windhövel gibt den Egoisten in etwas heiser-schreiender Manier, wie auch insgesamt das Schreien Programm zu sein scheint in diesem Polit-Lehrstück.

Aus dem überbordenden, dennoch fragmentarisch gebliebenen Brecht-Text hat Heiner Müller seinerzeit eine dramaturgische Form geschaffen. Die Augsburger Inszenierung greift wiederum auf Brechts Material zurück, aus dem Dramaturgin Sabeth Braun einen „stringenten Handlungsverlauf“ zusammenstellt. Ohne erkennbare Chronologie sind Koch (Klaus Müller), Büsching (Sebastian Müller-Stahl) und Kaumann (Gerald Fiedler) immer wieder den Alleingängen Fatzers ausgesetzt. In einer dramaturgischen Schlüsselszene wird Fatzer von den Fleischern verprügelt und die drei stehen vor der Entscheidung, ob sie einschreiten sollen. Der intellektuelle Gegenspieler Fatzers ist Koch, der nicht nur in dieser Szene die Begründung für  die Handlungen liefert. Die Darsteller, allen voran Klaus Müller, sind dabei überzeugend. Auch die Nebendarsteller mit teils mehrfachen Rollen – Ute Fiedler, Linda Elsner und Anatol Käbisch – flankieren das Geschehen mit wandlungsfreudiger (wenn auch oft plakativer) Emphase.

Dennoch kommt die Botschaft kaum beim heutigen Zuschauer an. Das Motto des diesjährigen Brechtfestivals hat hier Anleihe genommen: Egoismus versus Solidarität. Das Fatzer-Fragment, das in der Reihe der Brecht´schen Lehrstücke steht und wie etwa „Die Maßnahme“ mit Polit-Chören und Agitprop die Seelen der Zuschauer erreichen will, ist mit dieser Simplizität zum Scheitern verurteilt. Hier wäre es Aufgabe der Inszenierung gewesen, vom konkreten Geschehen im Ersten Weltkrieg hinauszugreifen auf die Gegenwart des globalisierten Kapitalismus, über einen weiteren Krieg und den real existierenden Sozialismus in Osteuropa hinweg. Die plakativen marxistischen Sprechchöre erweisen sich da eher als hinderlich für die zeitlosen Botschaften Brechts, die freilich auch im Fatzer vorhanden sind. Als Brückenschlag in die Gegenwart soll wohl der Punkrock-Song von Slime „Zu kalt“ verstanden werden. Der Egoist Fatzer greift dafür in der Manier eines Schlagerstars zum Mikro mit Sinn für die große Bühne und hat damit den Effekt für das Stück schon wieder verschenkt. Viel einfühlsamer erweisen sich da die musikalischen Einspielungen von Girisha Fernando und Andreas Rosskopf.

Die Drehbuchstaben in Spiegelschrift sind letztlich auch nicht wirklich aufschlussreich. Aus der spiegelbildlichen Revolution ergeben sich Wörter wie „Lover“ „Over“ oder auch „Not“.  Genau so kryptisch das Ende im kollektiven Hasenkostüm. Das Programmheft verweist auf Joseph Beuys, der den Hasen sozusagen als Gegenpart des Humanismus, als das Kreatürliche, immer wieder Auf(er)stehende sieht, das „aus seiner Kuhle hüpft“. So wird es wohl sein.