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„Die eigentlichen Einwanderer sind die Maschinen“

Wird es in Zukunft noch genug Arbeit geben? Oder wird die Digitalisierung den Menschen aus Arbeitsprozessen fast komplett ausschließen? Vor rund 400 Gästen im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses sprachen Philosoph Prof. Peter Sloterdijk und Prof. Gordon Rohrmair, Präsident der Hochschule Augsburg, bei der Auftaktveranstaltung des vom Freistaat Bayern und der EU geförderten Weiterbildungsprojekts „TEAM 4.0.“ über die Herausforderungen der Gegenwart.

Peter Sloterdijk im Goldenen Saal

Peter Sloterdijk im Goldenen Saal Foto: Regio Augsburg Wirtschaft GmbH


„Eine Gesellschaft, die keinen Verpackungsverschluss an der Kondensmilch hinbekommt, der beim Öffnen nicht spritzt, wird auch so schnell keine künstliche Intelligenz schaffen, die die Welt auslöscht“, witzelte Rohrmair eingangs, um als IT-Experte bei der Bewertung zukünftiger Entwicklungen am Arbeitsmarkt aus gewerkschaftlicher Sicht eine düstere Prognose zu geben: „Die gleiche Wertschöpfung wird in absehbarer Zeit von der Hälfte der Mitarbeiter erbracht werden.“ Treiber dieser Entwicklung ist nicht nur die rasant wachsende Effizienz in der Produktion, die durch Digitalisierung und Industrie 4.0. weiter vorangetrieben wird. Auch neue digitale Geschäftsmodelle wie Amazon oder UBER drehen an der Effizienzschraube: Als Plattform-Innovationen zielen sie darauf, die Märkte transparenter zu machen. Was für den Kunden gut sei, erhöhe den Druck auf die Zulieferer der angebotenen Leistungen enorm und krempelt ganze Branchen um.

Seit der Antike haben Gesellschaften neue Qualifikationen erwerben müssen

„Der Ausdruck digitale Transformation täuscht darüber hinweg, dass es eigentlich eine Metamorphose ist. Von einer neuen Technologie führt also kein Weg zurück“, so Prof. Rohrmair. In der Dimension sei der Wandel vergleichbar mit der Erfindung der Dampfmaschine, die durch die Ablösung der Muskelkraft einen enormen Wohlstandsschub bewirkt habe. „Nun stehen wir vor der Erweiterung der geistigen Kraft“, prognostizierte Rohrmair. Dies erfordere den Aufbau völlig neuer Qualifikationen, wie zum Beispiel bei der Medienfähigkeit und beim Umgang mit einer Vielzahl komplexer Informationen. Dass beschleunigte Strukturrevolutionen klassische Merkmale der Zivilisationsgeschichte sind, arbeitete Peter Sloterdijk heraus: „Wir leben in einer Generation, die von dem Gefühl heimgesucht wird, dass ihr Leben von einer Zäsur durchschnitten wird, die ihresgleichen sucht.“ Aber seit der Antike hätten ganze Gesellschaften neue Qualifikationen erwerben müssen, so etwa im alten Athen, das erstmals eine umfassende Alphabetisierung seiner Bürger anstrebte. Heute stehe die Gesellschaft vor der Herausforderung einer Art „Hyperalphabetisierung“ um die Fertigkeiten „Lesen – Schreiben – Programmieren“. Dass diese beschleunigten Entwicklungen Menschen beunruhigen, liege in der Natur des Menschen.

Der Mensch ist das Tier, das ausweicht, weil es mit einem angeborenen Gefühl Schmerz zu erwarten ins Leben startet

„Menschen sind geborene Eskapisten, der Mensch ist das Tier, das ausweicht, weil es mit einem angeborenen Gefühl Schmerz zu erwarten ins Leben startet“, so Sloterdijk. Dass wir mit unserem „Sinn für das Unheimliche“ nicht immer richtig liegen, zeige unsere häufig falsche Überschätzung von Risiken. „Es ist mir leider nicht immer gelungen, selbst hochrangigen Politikern den Unterschied zwischen Risiko und Gefahr begreiflich zu machen“, resümmierte der Philosoph. „Das Hauptereignis unserer Generation ist Migration. Seit dem 18. Jahrhundert haben wir eine beispiellose Abwanderung aus der Landwirtschaft in die Städte erlebt“ und heute erfolge eine „robotische Invasion“, denn „die eigentlichen Einwanderer sind Maschinen“. Am Beispiel der Automobilindustrie erklärte Sloterdijk, wie wir bereits gelernt haben, uns an eine „Invasion smarter Maschinen“ anzupassen: „Wir haben heute in Deutschland bei 82 Millionen Einwohnern 45 Millionen zugelassene Fahrzeuge – diese Fahrzeuge sind irgendwoher gekommen, dies ist als eine Art Einwanderung zu beschreiben.“ Redewendungen in Bezug auf unser Auto wie „Ich stehe da hinten“ würden zeigen, dass eine Identifizierung mit Maschinen im Bereich der Automobile weit fortgeschritten sei. Für die Akzeptanz weiterer Maschinen in Zukunft sei auch entscheidend, wie die „robotische Einwanderung fiskalisch interpretiert werden und als Nettobeitragszahler erschlossen werden kann.“

Deutschland ist auch ein Auswanderungsland für Maschinen

Deutschland sei mit seinem Exportüberschuss aktuell auch ein Auswanderungsland für Maschinen, deswegen stellt sich derzeit die Situation für den Produktionsstandort Augsburg noch etwas anders dar. Der Mangel an adäquat qualifizierten Fachkräften sei aktuell ein Produktionshemmnis für zahlreiche Unternehmen. „Wir können diesen Fachkräftemangel nicht lösen, indem wir nur Fachkräfte von außen hinzuziehen. Wir werden nicht umhin können, unser eigenes Potenzial zu qualifizieren“, fügte Andreas Thiel, Geschäftsführer der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH hinzu. ————-

Das Projekt TEAM 4.0 soll Beschäftigte auf die technologischen Umbrüche am Arbeitsmarkt vorbereiten und wird getragen von der Hochschule Augsburg, der Regio Augsburg Wirtschaft GmbH und dem BBZ Berufsbildungszentrum. Es wird in den nächsten drei Jahren Weiterbildungen rund um das Thema Arbeit 4.0. anbieten. Es wird aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds in Bayern und aus Landesmitteln des Bayerischen Staatsministeriums für Arbeit und Soziales, Familie und Integration gefördert. Projektträger ist die Hochschule Augsburg, Projektpartner sind das Berufsbildungszentrum Augsburg der Lehmbaugruppe gGmbH sowie die Regio Augsburg Wirtschaft GmbH. Kooperationspartner sind die weiteren Partner des TEA-Netzwerkes der Transfereinrichtungen Augsburg, das Anwenderzentrum Material- und Umweltforschung der Universität Augsburg, das FZG Projekthaus Augsburg sowie die Fraunhofer-Einrichtung für Gießerei-, Composite- und Verarbeitungstechnik IGCV und das Zentrum für Leichtbauproduktionstechnologie des DLR in Augsburg.



Stadtrat: Süchtigen-Treff in Dinglerstraße ohne Mehrheit

Der geplante Süchtigen-Treff in der Dinglerstraße 10 wird im Augsburger Stadtrat keine Mehrheit finden.

Dinglerstraße 10: Nur noch die SPD will den Süchtigen-Treff an diesem Ort

Dinglerstraße 10


Dies ergab eine DAZ-Recherche am Rand der gestrigen Stadtratssitzung. Die Pläne von Ordnungsreferent Dirk Wurm, in einer ehemaligen Kneipe in der Dinglerstraße 10 einen betreuten Treffpunkt mit niederschwelligen Kulturangeboten einzurichten, haben sich spätestens nach den drei städtischen Informationsveranstaltungen in Oberhausen erledigt: CSU und Pro Augsburg sind geschlossen dagegen und mit den Stimmen der Stadträte Peter Grab (WSA), Volker Schafitel (FW), Markus Bayerbach (AfD) und Thorsten Kunze (parteilos) befindet sich das Projekt, über das der Stadtrat am 21. Dezember entscheiden wird, in einer stabilen Ablehnungszone, zu der auch die sieben-köpfige Fraktion der Grünen zählt, auch wenn sie das nicht groß herausstellt.

Die Grünen sehen nämlich durchaus die geplante Verortung dieses Angebots als problematisch, stehen aber inhaltlich zum Konzept eines betreuten Süchtigen-Treffs und sehen sich aus diesem Grund in der Moderationsrolle. Käme es aus parteipolitischer Sturheit zu einer Kampfabstimmung, bestünde nach Auffassung der Grünen die große Gefahr, dass sich das Projekt überhaupt nicht mehr realisieren ließe.

Am vergangenen Montag wurde der sogenannte „Koalitionsausschuss“ wegen der Eröffnung des Christkindlesmarktes abgesagt. Am Dienstagabend beschloss die CSU auf ihrer Fraktionssitzung gegen das Projekt zu stimmen und gestern bekräftigte Pro Augsburg nochmal auf Anfrage konsequent den geplanten Standort Dinglerstraße abzulehnen. Am kommenden Mittwoch wird Dirk Wurm noch einen Bericht im Allgemeinen Ausschuss abgeben. Am 21. Dezember soll der Stadtrat über den Standort abstimmen.

Peter Grab wies in der Aussprache zum Nachtragshaushalt 2017/18 darauf hin, dass im Doppelhaushalt der Stadt zwar 140.000 Euro für den „Mosaikstein“ Süchtigen-Treff eingestellt worden seien, „sonst aber nichts, obwohl Ordnungsreferent Wurm angekündigt habe, dass bezüglich eines Gesamtkonzeptes am Oberhauser Bahnhof etwas läuft“. Grabs Antrag, für ein „Gesamtkonzept Helmut-Haller-Platz“ eine Haushaltsstelle zu bilden, wurde gegen neun Stimmen abgelehnt.



Modular-Festival findet 2018 im Wittelsbacher Park statt

Der Augsburger Stadtrat hat auf seiner gestrigen Sitzung beschlossen, dass das Modularfestival 2018 im Wiitelsbacher Park stattfindet.



Modular 2017 im Wittelsbacher Park

Modular 2017 im Wittelsbacher Park


Das Modular-Festival, das dieses Jahr wegen Lärmbelästigung in die Kritik kam, soll 2018 noch einmal im Wittelsbacher-Park stattfinden. Kulturreferent Thomas Weitzel erklärte, dass man aufgrund der Bedenken der Anwohner mit den Machern des Festivals gesprochen habe. Es seien alternative Standorte „sehr seriös geprüft“ worden, etwa die Messe. Allein aus logistischen Gründen seien diese Standorte nicht in Betracht zu ziehen. Man versuche, das Gaswerk-Areal zum Festival-Gelände zu entwickeln. Auch die große Bühne soll dort aufgestellt werden können.

Umweltreferent Reiner Erben erklärte, dass die Veranstalter schon in diesem Jahr hohe umweltrechtliche Auflagen zu erfüllen hatten und diese auch erfüllt haben. Margarete Heinrich (SPD) stimmte zu, dass die Auflagen gut eingehalten wurden. Sie regte an, dass man auch zeitnah über 2019 und 2020 sprechen müsse, da der Stadtjugendring Planungssicherheit brauche. Gabriele Thoma (SPD) nannte die Umsetzung des Umweltschutzkonzeptes durch den SJR „beispielhaft“. Verena von Mutius (Bündnis 90/Die Grünen) hob hervor, dass das Festival auf einem sehr hohen Niveau stattgefunden habe. Andere Veranstalter sollten sich am SJR orientieren. Darum könne sie der Veranstaltung im Landschaftsschutzgebiet zustimmen.

Der ehemalige Umweltreferent Reiner Schaal (CSU) ging das Thema anders an: „Der historische Stadtgarten war immer dazu da, um die Leute zu belustigen.“ Als in den 1980er-Jahren das Landschaftsschutzgebiet eingeführt worden sei, habe man aber genau von diesem Belustigungs-Charakter Abstand genommen. Diese Rechtsverordnung habe heute noch Bestand. Bereits beim ersten Modular gab es Diskussionen, ob dieses Festival dort stattfinden dürfe. Wenn er aber der Durchführung 2018 jetzt zustimme, müsse er überlegen, ob die politische Entscheidung von einst heute noch Bestand habe. Man solle sich an das halten, was einst beschlossen wurde, oder grundsätzlich etwas anderes beschließen. Oberbürgermeister Kurt Gribl hob hervor, dass es 2018 noch einmal deutlich höhere Auflagen geben werde als in diesem Jahr. (Quelle: liveticker/Stadt Augsburg)