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FCA gegen Leverkusen: Der erste Sieg gegen den letzten ungeschlagenen Gegner?

Am morgigen Samstag (15.30 Uhr) ist Bayer 04 Leverkusen zu Gast in Augsburg. Die Werkself hat gegen den FCA noch nie verloren: In 12 Bundesligapartien stehen 8 Bayer-Siege und 4 Unentschieden zu Buche. Nun gilt es den ersten Dreier für den FCA einzufahren.

Bayer belegt mit 15 Punkten den achten Tabellenplatz. Nach einem schlechten Start sammelten die Leverkusener in den vergangenen 5 Runden 11 Punkte und stehen nun in der Tabelle mit dem FCA auf Augenhöhe. Zieht man Bilanzen zu Rate, spricht wenig für den FCA, denn aus den letzten fünf Heimspielen erzielten die Augsburger sieben Punkte. Nur einmal ging der FC Augsburg in den vergangenen fünf Partien als Sieger vom Feld und während es beim FCA nach vorne eher schleppend zuging, funktionierte die Offensivabteilung von Bayer 04 Leverkusen zuverlässig wie ein MAN-Schiffsdiesel: 22 Tore in 10 Spielen. Dennoch bleibt bei einem Ertrag von bisher erst vier Zählern die Auswärtsbilanz bei Bayer ein Manko. Beide Mannschaften fuhren in dieser Saison bisher vier Siege ein. Die Vorzeichen sprechen für ein spannendes wie ausgeglichenes Spiel.

TV-Auftritte von Baier und Reuter

Augsburg ist sich erstens nicht sicher, ob Alfred Finnbogason spielen kann (Adduktorenprobleme) und zweitens nicht sicher, ob die Abwesenheit des Isländers tatsächlich ein sportlicher Verlust wäre. Fraglich ist auch ein möglicher Einsatz von Jan Moravek. Der Mittelfeldspieler sei „leicht angeschlagen. Für das Spiel wird es aber knapp“. Könnte der FCA Bayer schlagen, hätten die Augsburger bei jedem der aktuellen Bundesligisten mindestens einen Sieg zu verzeichnen.

Bei einem Sieg könnte der FCA nach der Länderspielpause am 18. November mit dem notwendigen Selbstvertrauen zu den Bayern fahren. Unabhängig vom Ausgang der Partie wird der FCA für seine bisher beste Bundesligaplatzierung durch zwei TV-Auftritte geadelt: Daniel Baier besucht am Sonntag, 5. November, die Live-Sendung „Blickpunkt Sport“ (ab 21.45 Uhr im Bayerischen Fernsehen) und spricht mit Markus Othmer über den aktuellen Saisonverlauf beim FC Augsburg. Am Montag, 6. November, ist Stefan Reuter ab 22.15 Uhr in die Live-Sendung „100 % Bundesliga – Fußball bei NITRO“ eingeladen. Gemeinsam mit dem Moderatoren-Duo Laura Wontorra und Thomas Wagner sowie dem Experten Steffen Freund blickt der FCA-Geschäftsführer Sport auf den abgeschlossenen Spieltag zurück.



Schwanensee: Gut und Böse sind einander täuschend ähnlich

Der neue Ballettdirektor startet die Saison mit einem frisch aufpolierten Klassiker

Klasse Musik, klasse Tänzer: Schwanensee Foto: Jan Pieter Fuhr

Klasse Musik, klasse Tänzer: Schwanensee Foto: Jan Pieter Fuhr


Der „Schwanensee“ ist der Inbegriff eines abendfüllenden Balletts. Ein Klassiker, der in der traditionellen Choreographie von Marius Petipa für Solisten und Ensemble höchste Herausforderungen bietet. Dass ein kleines  Ballettensemble wie das des Theaters Augsburg sich an diesen Gipfel heranwagt, zeigt, dass der neue Ballettdirektor Ricardo Fernando keine Scheu hat, das Althergebrachte neu aufzubürsten.

Da ist einmal die zeitlose Geschichte – das Gute und das Böse, die Kräfte, die nahe beieinander liegen und einander täuschend ähnlich sind. Die Suche des jungen Menschen nach Erfüllung zwischen dem Vorgegebenen und dem verlockenden Unbekannten. Und dann ist da die herrliche Musik von Tschaikowski, die untrennbar mit der Vorstellung von den Schwänen und dem bösen Zauberer verknüpft ist. Ricardo Fernando löst sich von Petipa und erzählt das Märchen neu. Es stehen ihm – anders wie in den großen Opernhäusern in Wien, St. Petersburg oder sonstwo – keine dreißig Schwäne für die „Massenszenen“ zur Verfügung. Das Stück wird zum Kammerspiel – aber darum nicht weniger eindringlich.

Zunächst liegt es daran, dass Fernando Längen streicht und die Handlung auf die Liebesgeschichte konzentriert. Prinz Siegfried (Marcos Novais) verliebt sich in den weißen Schwan Odette (Jiwon Kim) und wird dadurch blind für die Zwänge seiner höfischen Gesellschaft. Diese zeigt jedoch, anders als bei Petipa, statt des steifen Einherschreitens des würdigen Königspaares sehr dynamische Akteure. Irupé Sarmiento und Riccardo de Nigris als Königin und König bewegen sich lustvoll inmitten des ebenfalls ausgelassen (und bewusst komisch) tanzenden Hofstaates. Dennoch ist diese Welt nicht der Sehnsuchtsort des jungen Prinzen, sein Freund Benno (Alessio Monforte) ist das einzige Bindeglied zwischen den beiden Welten. Die schwarz gekennzeichneten Gegenspieler sind der Zauberer Rotbart (Lucas Alex da Silva) und der schwarze Schwan Odile (Karen Mesquita), von Ricardo Fernando bewusst mit einer anderen Tänzerin besetzt, wo traditionell nur eine die beiden gegensätzlichen Charaktere Odette/Odile verkörpert.

Doch da steht der Choreograph in einer langen Tradition – trotz seiner Bekanntheit ist das Ballett in mehreren Fassungen und Besetzungen gespielt und immer wieder verändert worden. Und auch das Ende ist nicht eindeutig – siegt das Gute oder das Böse? Fernando mag sich in Augsburg nicht entscheiden, er lässt das Publikum mit Münzen abstimmen, die in der Pause in eine „Urne“ geworfen werden. Erwartungsgemäß kam bislang immer das Happy End. Schade, gerne hätte man auch mal das andere gesehen. Es wäre eine Wette wert, ob es im Laufe der Spielzeit mal dazu kommen wird. Das Happy End nach erbittertem Kampf mit Rotbart kommt nicht ganz ohne etwas gezuckert märchenhaften Kitsch aus, aber sei`s drum.

Frei von Kitsch und bis ins Mark berührend ist die Musik von Tschaikowski. Domonkos Héja und die Augsburger Philharmoniker begleiten das Bühnengeschehen umsichtig und gefühlvoll. Da es ja im Martinipark keinen Orchestergraben gibt, sind sie (wenn auch etwas tiefer gelagert) für das Publikum ständig sichtbar und müssen die Balance der adäquaten Lautstärke finden. Herausragend die bei Tschaikowski so beliebten Harfenpartien und das Violinsolo, das die neue Konzertmeisterin Jung-Eun Shin mit Bravour und Schmelz lieferte.

Auch die Bühne fordert aufgrund reduzierter technischer Möglichkeiten Improvisationsgeist. Beim Schwanensee sind die allgegenwärtigen Videoprojektionen allerdings eher redundant bis störend, vor allem die Großaufnahmen einzelner Tänzer oder die Einblendung von echten Schwänen. Dennoch insgesamt stimmig, vor allem bei den Kostümen (Dorin Gal), die auch die Männer in Schwanenfedern stecken – Federn lassen müssen letztlich alle, ob schwarz oder weiß.

Der Ballettabend forderte das gesamte Ensemble, das sich dadurch dem Publikum in seiner neuen Zusammensetzung überzeugend präsentieren konnte. Auch eine Eigenart: Alle Hauptrollen sind mehrfach besetzt, was auf die Gleichwertigkeit der Tänzer verweisen soll. Oder die beliebige Austauschbarkeit. Das Publikum hat nur durch einen Zettel an der Garderobe die Möglichkeit, die aktuelle Abendbesetzung zu erfahren. Eine Vervielfältigung als Einlage im Programmheft wäre keine Verschwendung. Zumal die Neuen im Ensemble noch wenig bekannt sind. Doch als Ganzes zeigte sich die Ballettkompanie eingespielt und homogen. Das tröstete über weggefallene Petipa-Klassiker wie den Tanz der kleinen Schwäne hinweg. Überhaupt verzichtete Fernando bei seiner Choreographie weitgehend auf Spitzentanz, dieser bleibt Odette und Odile vorbehalten.

Fazit des Einstands: Ein frischer, frecher Ballettabend auf hohem Niveau, der den Schwanensee dennoch nicht neu erfinden will. Klasse Musik und klasse Tänzer. Märchenhaft schön. (Halrun Reinholz)





Kommentar zum Friedensfest: Von der Stadtchronik über die Kulturpalette ins Fußballstadion

Warum es peinlich ist, wenn sich die Stadt Augsburg eine neue Geschichte konstruiert
Kommentar von Siegfried Zagler
„Jede Revolution beginnt auf der Straße“, so lautete in den 90ern ein Werbeslogan für ein neues Luxusmodell von Mercedes Benz. Und wie so oft, wenn sich Werbeagenturen etwas ausdenken, liegt der Fehler nicht in der Verkürzung, sondern in schlichten Fehlinterpretationen des Weltgeschehens. Jede Revolution beginnt nämlich im Kopf, also im Denken von Menschen, die an der aktuellen Wirklichkeit leiden, weil sie eine Vorstellung davon haben, wie eine bessere Welt aussehen könnte und was dafür geschehen müsste. Martin Luther war so ein Mensch. Luther kritisierte und prangerte an, ohne eine Revolution anzetteln zu wollen. Luther war ein Rebell, der Reformen wollte und dafür eine blutige Revolution in Kauf nahm, weil er spürte, dass seine Macht auf der Straße lag – und er wusste, wie und wann man sie aufheben muss, um ein Wort von Hannha Arendt ins Feld zu führen.
Nicht Luthers 95 Thesen veränderten den Lauf der Geschichte, sondern die entstandenen Missstände in Adel und Klerus, die zu Schmerz und zu Aufständen führten. Luther führte keine Kriege, gab jedoch in seinen Schriften geistig „Feuer frei“, wie es später die französischen Revolutionäre taten, in deren Spuren Schlächter wie Mao und Stalin wandelten.
Könnte man den 500-jährigen Lauf der Geschichte der Zivilisation zurück zu Luther gehen, wäre dieser Weg von Blut getränkt. Musste es so kommen, wenn man die „Philosophie vom Kopf auf die Beine stellt“, wie Karl Marx es formulierte? Wenn sich die Struktur der Barbarei und des Unrechts nicht von innen heraus zerstört, weil sie noch zu stark ist und länger anhält als ein Menschenleben, dann erhält das historische Narrativ der Revolutionen meist eine romantische und humanistische Prägung, die nicht immer eindeutig haltbar ist – und somit einer Forschung bedarf.
Allerdings muss man Forschungsauslegungen gegenüber wachsam sein, wie zum Beispiel DAZ-Autor Bernhard Schiller, der in seinem Essay „Die Legende von der Friedensstadt“ nachweist, dass in Augsburg politisch motivierte Verklärungskampagnen Geschichtsaneigungsprozesse betrieben haben und betreiben, die nicht haltbar sind, wenn man sie mit den Erkenntnismöglichkeiten der wissenschaftlichen Geschichtsforschung überprüft.
Auf schwer erträgliche Weise erkennbar wurde das kürzlich beim städtischen Festakt „650 Jahre Fugger“ oder vor wenigen Tagen bei der Verleihung des Augsburger Friedenspreises. Es scheint fast so, als würden städtische Schreibstuben oder von der Stadt beauftragte Agenturen austesten, wie weit man Geschichtsfälschung treiben kann, um die bloße Historizität der Stadt in ein Label fügen zu können, das sich ökonomisch verwerten lässt und obendrein die Stadt in einen Kontext stellt, der sich bestenfalls für gruselige Märchenbücher eignet, wie man bei der Ausstellung „Wehrhaftes Augsburg“ beim Wasserwerk am Roten Tor verwundert zur Kenntnis nehmen muss.
„Es wird derzeit in Augsburg offenbar zur schlechten Übung, dass ein paar PR-Fuzzis via Oberbürgermeister in völliger Unbedarftheit eine neue Stadtgeschichte konstruieren wollen. Dazu gehört wohl auch, dass das Augsburger Friedensfest immaterielles Kulturerbe werden soll. Das wäre ja grundsätzlich keine schlechte Idee, verhöhnt allerdings in der aktuellen Konstruktion die zahllosen Opfer des konfessonellen Zeitalters und der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges. Diese Idee basiert auf einem fauligen Fundament, solange man sich der Klarstellung der Unfriedlichkeit Augsburgs in diesen Jahrhunderten (und auch danach) entzieht.“ So ein DAZ-Leser von vielen, die sich mit zahlreichen Zuschriften an den Herausgeber für Schillers Text bedankten. Zuschriften, die fast alle mit dem hoffnungsvollen Schluss endeten, dass man um himmelswillen nicht aufhören solle, auf diese dreisten Geschichtskonstruktionen hinzuweisen.

Nach der gescheiterten Bewerbung zur europäischen Kulturhauptstadt im Jahr 2004 setzte die Stadt Augsburg unter der damaligen Regenbogenregierung mit dem zuständigen Kampagnen-Intendanten Thomas Höft zur kulturellen Profilierung Augsburgs alles auf die kulturelle Verwertung einer Friedensstadt-Behauptung. Mit Hilfe des Mottos „Pax 2005“ wurde der Augsburger Religionsfrieden groß gefeiert, der sich damals zum 450. Male jährte. Sechs Jahre später fanden im Stadionneubau an der B17 drei Vorrundenpartien und ein Viertelfinale der Frauenfußball-Weltmeisterschaft statt. Und um aus der kurzfristigen medialen Aufmerksamkeit größtmöglichen Image-Profit schlagen zu können, wurde hierfür von den Kommunikationsexperten der nun von CSU/Pro Augsburg geführten Stadtregierung das Label „City of Peace“ erfunden und mit einem religiösen Motto („Geh hin und du wirst ein besserer Mensch!“) aufgeladen.

Der Weg des Friedensnarrativs aus der Stadtchronik über die Kulturpalette ins Fußballstadion untermauert die These, dass kleinstädtische Corporate Identity-Kampagnen Ausdrucksformen von Identitätsschwund sind. Werden diese Selbstzuschreibungsmuster ernstgenommen, legen sie das Gegenteil von jener kultureller Signatur frei, die die Kampagnenmacher entdeckt haben wollen und eben mit den Mitteln der Werbung verstärkt hervorheben wollen. Ähnliches lässt sich bei der städtischen Label-Behauptung in Sachen Brecht sagen. Kampagnen-Intendant Joachim Lang wurde von der Stadt mit zahlreichen Festivalleitungen belohnt, weil er Bertolt Brecht auf einen antihistorischen Sockel stellte, der touristisch verwertbarer schien, als die bekannten historischen Realien zu Augsburgs Dichtersohn. Die Stadt Augsburg macht sich selbst kleiner als sie ist mit ihren Selbstzuschreibungskampagnen, und zwar unabhängig davon, was gerade angesagt ist. („Fuggerstadt“, „Friedensstadt“, „Renaissance-Stadt“, „Mozartstadt“, „Brechtstadt“ etc.).

Geschichtsschreibung, schrieb der Philosoph Theodor Lessing (1872-1933), sei das Bedürfnis, „lebensnotwendige Illusionen zu schaffen“ und sei deshalb eine produktive Leistung der Phantasie, worin sich Wünsche und Sehnsüchte reflektieren würden. „Dort, wo aus dem Chaos der historischen Abfolgen und Zufälle nachträglich Sinn konstruiert wird, ist das Interesse an der Wahrheit gering oder doch zumindest sehr pragmatisch“, schreibt Bernhard Schiller in seinem DAZ-Essay, der, so die Hoffnung vieler DAZ-Leser am Tag des großen Reformationsjubiläums, den munteren Märchenerzählern in den städtischen Schreibstuben den Federkiel aus der Hand schlägt.

 



Die Legende von der Friedensstadt

Ein Friedenspreis im langen Schatten des Hasspredigers Luther, eine Stadt im Identitätswahn. Die Erzählung der „Friedensstadt Augsburg“ taugt bestenfalls als ahistorische Farce. Höchste Zeit für eine Hinterfragung von Anspruch und Wirklichkeit.

Von Bernhard Schiller

Dass von Zufall kaum die Rede sein kann, wenn ausgerechnet im staatlich verordneten Reformationsjubiläums- und sogenannten Lutherjahr der hochrangigste Lutheraner mit dem von der lutherischen Kirche verliehenen Friedenspreis ausgestattet wird, muss nicht mehr ausführlich wiederholt werden. Wohl aber die Frage nach den Grenzen der Glaubwürdigkeit. Mit der Glaubwürdigkeit beziehungsweise der Wahrheit ist es so eine Sache. Einerseits ist die Behauptung, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein, ursächlich für Gewalttat und Krieg. Das Postulieren von Wahrheit ist genau darum eine Lüge und grundsätzlich entlarvbar. Entlarvbar, weil wir andererseits annehmen dürfen, dass es die Wahrheit ist, wenn etwas nicht die Wahrheit ist.

Der Philosoph und Publizist Theodor Lessing (1872-1933) bezeichnete in seinem 1919 erschienenen Antikriegsbuch „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ die Geschichtsschreibung als das Bedürfnis und die Absicht „Illusionen zu schaffen“. Geschichtsschreibung, so der in deutschnationalen und völkischen Kreisen mehr als unbeliebte Lessing weiter, erfülle eine Sinn stiftende Funktion innerhalb der Gegenwart und sei daher eine „produktive Leistung der Phantasie, worin (…) Wunscherfüllung, Sehnsucht und Hoffnung sich bewähren“. Mit anderen Worten: Dort, wo aus dem Chaos der historischen Abfolgen und Zufälle nachträglich Sinn konstruiert wird, ist das Interesse an der Wahrheit gering oder doch zumindest sehr pragmatisch.

Mit dem identitätspolitischen Zinnober um die sogenannte „Friedensstadt Augsburg“ verhält es sich entsprechend. Der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 mag nachträglich zwar mit einiger Phantasie als Meilenstein auf dem Weg in die Rechtsstaatlichkeit gedeutet werden. Konkret – das heißt im Zeitraum seiner Wirksamkeit – bedeutete er jedoch lediglich eine realpolitische Notlösung zur Einhegung der Gewalt zwischen Protestanten und Katholiken. Die Konfliktlogik der damaligen Zeit bestand trotz der Regelung fort und so hielt der Reichs- und Religionsfrieden oberflächlich gerade einmal 62 Jahre. Dann war Schluss mit dem allzu weltlichen Kompromiss. Der Dreißigjährige Krieg wurde als Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten geführt. Insbesondere in Augsburg und dem hiesigen Umland auf grausamste und besonders verheerende Weise.

Wie man angesichts dieser historischen Sachverhalte auf einen Satz wie den folgenden kommt, ist mit den eingangs erwähnten Thesen Lessings schlüssig darstellbar. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises sagte Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl: „Spätestens seit jenen Tagen …, als im Jahr 1555 der Augsburger Religionsfrieden unterzeichnet wurde, steht unsere Stadt Augsburg unverbrüchlich für die Forderung nach Frieden und Toleranz im menschlichen Miteinander. Seither ist Augsburg Friedensstadt.“ Unverbrüchlich. Als ob es die Katastrophe von 1933 bis 1945 nicht gegeben hätte. Oder den Ersten Weltkrieg, der ausgerechnet in Augsburg für einen Aufschwung der Rüstungsindustrie gesorgt hatte. Jener Industrie, die gegenwärtig fröhlich Urständ feiert als entscheidender Standortfaktor im hiesigen Wirtschaftsraum.

Da gemäß des Lessingschen Grundsatzes („Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“) alles an Erzählung erlaubt ist, was gefällt, kann ein jeder ungezwungen behaupten, dass Augsburg seit 1555 Friedensstadt sei. Werden derartige Worte allerdings während einer offiziellen Zeremonie in einem goldfunkelnden Zentralheiligtum aus dem Munde eines mit ebenso goldenem Ornat behangenen Oberbürgermeisters gesprochen, erhalten sie materielle Wirksamkeit – ähnlich der Namenssprechung bei einer Taufe.

Seit jeher ist das die zentrale Aufgabe von Riten. Tradierte Normen und Glaubensinhalte werden mittels eines Zeremonienmeisters in einem symbolischen Akt erneuert, um sicherzustellen, dass das Volk nicht von dem vorgegebenen Pfad der Überlieferung (vulgo: der Wahrheit) abweiche. Eine erfolgreiche Machttechnik, die den Zusammenhalt der Gruppe und mit ihm den Fortbestand der jeweiligen Herrschaftsverhältnisse konservieren soll. Beide gemeinsam – der durch Ritualmagie hergestellte Gruppenzusammenhalt und die Stabilität der Machtverhältnisse – werden dann „Frieden“ genannt. Der Ausdruck „Friedensstadt“ ist deshalb genau genommen Chiffre für eine Erzählung, die sich zur Legende aufschwang.

Preisträger und Laudator benennen die Fakten

Ausgerechnet der Friedenspreisträger selbst stutzte in seiner Ansprache die Erzählung von der „Friedensstadt Augsburg“ und ihrem sogenannten „Augsburger Religionsfrieden“ aufs richtige Maß: „Die Stadt Augsburg steht für einen Friedensvertrag, der einen Konflikt zwischen Lutheranern und Katholiken eindämmen wollte, welcher in seiner Eskalation bereits viele Menschenleben gefordert hatte, und noch so viele mehr fordern sollte.“ Martin Junge, Generalsekretär der Lutherischen Weltbundes, nannte das enorme Konfliktpotential von Religionsgemeinschaften beim Namen und rief deren Vertreter zur Verantwortung dafür, die negativen Potentiale von Religion nicht zur Entfaltung kommen zu lassen und ihre politische Instrumentalisierung zu verhindern.

Ausgerechnet der Friedenspreisträger führt seinerseits in die Irre, wenn er behauptet, dass Religion „besonders dann“ „trennend wirke“, wenn sie „instrumentalisiert und politisiert“ würde. Zum einen hätte Junge den ihm von einem selbstreferenziellen Bündnis aus Politik und Kirchen im staatlich verordneten Lutherjahr verliehenen Friedenspreis an Ort und und Stelle zurückweisen müssen, würde er seinen eigenen Worten Glauben schenken. Zum anderen verschleiert der Lutheraner die Tatsache, dass Gefahr für das gesellschaftliche Zusammenleben nicht darin besteht, dass Religion politisiert oder instrumentalisiert wird. Stattdessen obliegt es der Politik beziehungsweise der rechtsstaatlichen Verfassung einer liberalen und demokratischen Gesellschaft, ihre Sakralisierung und den Griff religiöser Gruppen nach politischer Herrschaft abzuwehren.

Der Ausdruck „Augsburger Religionsfrieden“ steht exemplarisch für diese Form der Verschleierung. Bei dem im Jahr 1555 verabschiedeten Werk handelte es sich nicht um ein religiöses, sondern um ein reichsrechtliches Gesetz, das die Anhänger der „Augspurgischen Confessions-Religion“ in den weltlichen Landfrieden miteinbezog (§ 15). Ein Vertrag also, der nicht von, sondern für und wegen Katholiken und Protestanten zustande gebracht wurde. Ausdrücklich nicht miteinbezogen in den Landfrieden wurden sämtliche andere Religionsgemeinschaften (§ 17): „Doch sollen alle andere, so obgemelten beeden Religionen nicht anhängig, in diesem Frieden nicht gemeynt, sondern gäntzlich ausgeschlossen seyn.“ Diese gesetzliche Diskriminierung betraf nicht zuletzt Leib und Leben der Täufer (Mennoniten), die bereits in der Confessio Augustana von 1530 wörtlich „verdammt“ wurden und bis zum heutigen Tag werden.

Ausgerechnet der Laudator der Preisverleihung musste den Preisträger und alle Lutheraner sowie die anderen anwesenden Confessio-Verehrer auf diesen Tatbestand hinweisen. César Garcia, Generalsekretär der Mennonitischen Weltkonferenz, stellte am Höhepunkt seiner Laudatio unmissverständlich klar, dass Artikel 16 der Confessio Augustana aus der gewalt- und herrschaftsfreien Sicht der Mennoniten unvereinbar sei mit der Frage, wie Christen als Friedensdiener in ihren Gesellschaften wirken könnten. Der Artikel handelt von „Polizei und weltlichem Regiment“ und bestimmt, „daß Christen ohne Sünde in Obrigkeit, Fürsten- und Richteramt tätig (…), nach kaiserlichen und anderen geltenden Rechten Urteile und Recht sprechen, Übeltäter mit dem Schwert bestrafen, rechtmäßig Kriege führen“ können.

Als der Lutherische Weltbund mit Beteiligung seines heutigen Generalsekretärs im Jahr 2010 die Mennoniten um Vergebung für das an ihnen verübte Unrecht bat, war von einer inhaltlichen Reform des Augsburger Bekenntnisses nicht die Rede. Nach wie vor zählt die Confessio Augustana in der unveränderten Fassung von 1530 zu den verbindlichen Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirchen und überliefert das Ressentiment gegen Täufer und Juden in die Gegenwart. Kein Wunder also, dass Preisträger Junge in seiner Ansprache den Terminus vom „Sektierertum“ gebrauchte. Garcias Wink mit dem Zaunpfahl sollte bei denjenigen, welche so sehr um die permanente, rituelle Herbeiführung einer Friedensstadt-Tradition aus der Confessio Augustana bemüht sind, angekommen sein.

… kontrafaktische Engführungen, die zu Spekulationen verleiten

Neueste Forschungsergebnisse aus der Geschichtswissenschaft widersprechen den monokausalen Herleitungsversuchen der „Friedensstadt Augsburg“ aus dem Reichs- und Religionsfrieden von 1555 ohnehin fundamental. Der Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster und Experte für die Reformation, Matthias Pohlig, untersuchte Ursachen und Wirkungen der Reformation. Ihm zufolge lassen sich zwar kurzfristige, unmittelbare Folgen der Reformation wie die Kirchenspaltung, der Bauernkrieg oder die Karriere des Buchdrucks nachweisen. Ohne die Reformation, so Pohlig, hätte es auch die Anfänge einer Trennung von Religion und Politik nicht gegeben. Dass es aber einen linearen Weg vom Augsburger Reichs- und Religionsfrieden und vom Westfälischen Frieden (1648) zu Toleranz, Säkularisierung und einem modernen Verfassungsstaat gegeben habe, kann der Experte „mit Sicherheit“ ausschließen. Viele der Einschätzungen, die anlässlich des Reformationsjubiläums veröffentlicht würden, seien deshalb kontrafaktische Engführungen, die zu Spekulationen verleiten.

Hexenwahn und Judenhass – Augsburg war nicht friedlich

Die Behauptung, die Stadt Augsburg sei seit dem Jahr 1555 unverbrüchlich mit der Forderung nach Frieden verbunden und deshalb „spätestens seit jenen Tagen“ Friedensstadt, soll hier noch einmal anhand zweier Beispiele diskutiert werden:

Zu den Hassobjekten Martin Luthers zählten neben den Mennoniten zeitlebens auch die Juden und der Teufel beziehungsweise diejenigen, welche aus der Sicht des Reformators mit letzterem im Bunde standen. Alle drei Gruppierungen werden auch von der Confessio Augustana verurteilt. Das Schicksal der Juden in und um Augsburg sowie das Schicksal der vom Hexenwahn betroffenen Personen widerspricht der Darstellung, Augsburg sei spätestens nach 1555 zur Friedensstadt mutiert.

Bereits bis zum Jahr 1440 waren sämtliche Juden aus Augsburg vertrieben worden und aufgrund des Verbotes, sich im Umland niederzulassen, abgewandert. Erst ab 1569 ist jüdisches Leben wieder im westlichen Umland (Pfersee, Kriegshaber, Steppach) nachweisbar. Juden durften sich in dieser Zeit nur unter diskriminierenden Auflagen zeitweise im Stadtgebiet aufhalten. Im Jahr 1700 wurde versucht, ihnen das Betreten der Stadt dauerhaft vollständig zu verbieten. Dagegen intervenierte die habsburgische Regierung der Markgrafschaft Burgau, zu welcher Kriegshaber damals gehörte. Damit scheiterte der wenig friedliebende Versuch der Freien Reichsstadt Augsburg, judenfrei zu werden, an einer politischen Intervention von außen.

Das Verbot für Juden, sich im Stadtgebiet wohnlich niederzulassen, blieb trotzdem bis Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten. Dann folgte – wie auch andernorts im Zuge der Aufklärung – eine Episode der Emanzipation und einsetzenden Gleichberechtigung. Doch bereits im Jahr 1893 wurde in Augsburg ein Ortsverband der „Antisemitischen Volkspartei“ gegründet. Der Hass gegen die Juden, welcher sowohl von katholischer, als auch dezidiert von protestantischer Seite seit Jahrhunderten geschürt wurde, war auch im Augsburg des Deutschen Reichs und der Weimarer Republik virulent und entlud sich in neuerlichen Gewalthandlungen noch vor der Zeit des Nationalsozialismus.

Dasselbe Argument lässt sich aus einer Betrachtung der Augsburger Hexenprozesse gewinnen, welchen bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zahlreiche unschuldige Frauen, Männer und insbesondere Kinder zum Opfer fielen. Die Reichsstadt und das Hochstift Augsburg kamen im Vergleich zu anderen Gebieten des süddeutschen Raumes auf eine ungleich höhere Anzahl an Hexenprozessen, darunter fielen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts mit einem Anteil von 60 Prozent die Verfahren gegen sogenannte Kinderhexen. Das Durchschnittsalter der Kinder, welchen der Prozess wegen Hexerei gemacht wurde, lag bei elfeinhalb Jahren. Auch dafür fanden die Verfolger Legitimation bei Martin Luther, der in seinen Schriften die Tötung behinderter, seiner gelehrten Meinung nach vom Teufel gezeugter Kinder empfohlen hatte.

Tief verwurzelter Hexenglaube im Bewusstsein der Augsburger Obrigkeit

Insgesamt sind aus der Reichsstadt Augsburg 17 Hinrichtungen von als Hexen verunglimpften Menschen bekannt. Kinder wurden zwar nicht ermordet, aber zu Haftstrafen verurteilt. Die letzte Hinrichtung fand im Jahr 1745 statt und damit nicht nur rund 200 Jahre nach der Confessio Augustana und dem Augsburger Reichs- und Religionsfrieden, sondern vor allem auch zu einer Zeit, als in anderen Gebieten des Reiches der Hexenwahn abebbte oder bereits überwunden war. Längst hatte ein breiter Diskurs über die Unrechtmäßigkeit der Hexenverfolgung eingesetzt und in zahlreichen anderen Städten (beispielsweise mit Anton Praetorius in Birstein 1597, Friedrich Spee in Paderborn 1631, Christian Thomasius in Halle 1701) war Kritik an der Praxis verübt worden. In der „Friedensstadt“ Augsburg tat sich auf solche Weise kein namhafter Gelehrter hervor. Vielmehr waren ein tief verwurzelter Hexenglaube und die kollektive Angst vor dem „Bösen Feind“ integraler Bestandteil des Bewusstseins der damaligen Augsburger Obrigkeit und Bürgerschaft.

Dem Hexenwahn liegen mitunter reale, soziale und psychologische Phänomene zu Grunde. Gerade unter den „Teufelskindern“ kam es häufig zu Selbstbezichtigungen, wie sie auch heute von Opfern sexuellen Missbrauchs bekannt sind. Auf diesen Zusammenhang wird in verschiedenen Untersuchungen hingewiesen. Wo heute im besten Fall eine Kultur der Therapie, der Aufarbeitung und der strafrechtlichen Täterverfolgung stattfindet, standen im Augsburg der Frühen Neuzeit noch Stigmatisierung, Ausgrenzung und Bestrafung der Opfer. Dies war so möglich, weil das von den beiden großen Konfessionen bestimmte geistige Klima der Gesellschaft durch die permanente von den Kanzeln herab ausgeübte Einrede, dass da ein Teufel sei, solches zuließ. Der „Teufel“ ist ein Stellvertreter zur Verschleierung realer Gewalt und Verantwortlichkeiten. Eine Chiffre für Machttechnik und eine auf Verleugnung, Projektion und Sündenbockmechanismen aufgebaute Kultur.

Das „Lund-Prinzip“ und die Dämonisierung Israels

Zurück in die Gegenwart! Am 31. Oktober 2016 eröffnete Friedenspreisträger Junge im schwedischen Lund gemeinsam mit dem Bischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Jordanien und im Heiligen Land und Papst Franziskus das Jubiläumsjahr zur Reformation. In seiner Ansprache im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses ging Junge ausführlich auf dieses Ereignis ein und betonte, dass die gemeinsame Gedenkfeier viele Menschen, auch „kirchenferne“ angesprochen habe. Sie habe „ein Signal gesetzt“ dahingehend, dass „das Wesen von Religion und Glauben nicht spaltend, sondern verbindend“ sei. Auch benannte er sein sogenanntes „Lund-Prinzip“, das nach den Worten des Vorsitzenden der Friedenspreis-Jury, Regionalbischof Michael Grabow, ausschlaggebend für die Preisverleihung an Junge, den „Brückenbauer“ gewesen sei: „Wir wollen nicht mehr getrennt tun, was wir gemeinsam tun können.“

Bischof Younan, Junges ehemaliger Kollege als Präsident des Lutherischen Weltbundes, erhielt am 27. Juli – fast zeitgleich mit Junge also – den Friedenspreis der Niwano-Peace-Foundation in Tokio. Bei der Preisverleihung würdigte Junge als Laudator Younan für seine „kontinuierlichen Friedensbemühungen“.

Doch wie sehen diese Friedensbemühungen aus? In Younans Amtszeit fällt das von ihm am 11. Dezember 2009 unterzeichnete „Kairos-Palästina-Dokument“. Das ist ein Aufruf arabischer Christen, der für den Nahost-Konflikt einseitig den Staat Israel verantwortlich macht und seither als grundlegendes Propaganda-Instrument der weltweiten, antisemitischen BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) fungiert. BDS-Aktivisten sind beispielsweise für zahlreiche Übergriffe auf Juden in Universitäten in den USA, Großbritannien und Deutschland verantwortlich. Im „Kairos-Palästina-Dokument“ wird die israelische Besatzung Palästinas als „Sünde gegen Gott“ bezeichnet. Sie sei einziger Grund für den „palästinensischen Widerstand“. Eine Formulierung, die den islamischen Terror – wie auch das menschenverachtende, gegen das eigene Volk gerichtete Regime von Hamas und Konsorten – nicht nur verleugnet, sondern sogar sakralisiert. In seiner Dankesrede zur Verleihung des Niwano-Friedenspreises verharmloste Younan „die finstersten Auslegungen des Islam“ als Widerstand gegen den zionistischen Feind. Younan war der Erste, der die Confessio Augustana ins Arabische übersetzte.

Israel, der Christusmörder – mehr Dämonisierung geht nicht

Als Laudator würdigte Martin Junge vor einigen Jahren auch Younans arabisch-lutherischen Kollegen, Bischof Mitri Raheb, für seine „Friedensbemühungen“, als der im Jahr 2011 den Deutschen Medienpreis verliehen bekam. Auch Raheb ist Unterzeichner des Kairos-Palästina-Dokumentes und er geht noch weiter als Younan. Seine Agenda ist hauptsächlich darauf ausgerichtet, das „Leiden des palästinensischen Volkes“ mit dem gekreuzigten Christus zu identifizieren und den Staat Israel mit imperialistischen Besatzern. Auf seinem Twitter-Account bezeichnete Raheb am 07. Juli 2017 anlässlich einer gemeinsamen Kundgebung gegen Israel die „christlich-muslimische Einheit“ als „Werkzeug des Widerstandes“, die den wahren „Glauben im Gebiet des Imperiums“ demonstriere. Die Identifikation des Gekreuzigten mit dem palästinensischen Volk sei laut Raheb ein Bild, dass auch Muslime verstehen könnten. Israel, der Christusmörder – mehr Dämonisierung geht nicht.

Vielleicht versteht Junge seinen Umgang mit den beiden antizionistischen Preisträger-Kollegen als pragmatisch. Die aktuellen (in Junges Amtszeit fallenden) Resolutionen des Lutherischen Weltbundes zum Nahen Osten lassen indes andere Rückschlüsse auf das Friedensverständnis der Lutheraner zu. In den beiden Dokumenten vom 22. Juli 2015 und vom Juni 2016 wird der arabisch-muslimische Terror mit keinem einzigen Wort erwähnt, wohl aber die israelische Siedlungspolitik und Besatzung erneut einseitig als einziges Friedenshindernis dargestellt. Symbolträchtig wurde die Resolution von 2016 in der Lutherstadt Wittenberg verabschiedet. Darin wird auch die hoch umstrittene, weil diskriminierende Entscheidung der Europäischen Union, Produkte aus israelischen Siedlungen zwecks Boykott-Unterstützung zu kennzeichnen, begrüßt. Das von Junge beschworene Lund-Prinzip („Nicht getrennt zu tun, was man gemeinsam tun kann.“) erhält in diesem Kontext des muslimisch-christlichen Widerstandes gegen ein imaginiertes teuflisches, zionistisches Imperium eine wenig Frieden verheißende Bedeutung.

Fazit: Der Umschlag von Aufklärung in Unmündigkeit beginnt mit gedankenloser Identitätspolitik

Womit zum Schluss die Frage gestellt werden soll, was Frieden überhaupt ist oder sein kann. Der Augsburger Reichs- und Religionsfrieden von 1555 befriedete den Konflikt zwischen Protestanten und Katholiken nicht allein durch Regelungen zur Parität der beiden Konfliktparteien, sondern (darin inbegriffen) durch den ausdrücklichen Ausschluss sämtlicher anderer, nicht zur „regio“ gehörender Religionen. Hier war also nicht ein Frieden, der sämtliche Bestandteile der Gesellschaft umfasste, sondern ein Frieden, der die Einmütigkeit der Menge auf Kosten von diskriminierten Minderheiten herstellte. Insbesondere die Geschichte der Judenverfolgung in Deutschland bis hin zum Nationalsozialismus ist auf diesem Hintergrund zu lesen. Letztlich wurde die spätestens seit der Konfessionskriege und der Kirchenspaltung verloren geglaubte Einmütigkeit der Deutschen durch ein zwölf Jahre anhaltendes, gigantisches Opferritual namens Nationalsozialismus wiederhergestellt.

Um dem Frieden auf die Spur zu kommen, ist deshalb vor allem eine grundsätzliche Unterscheidung notwendig. Zwischen einerseits dem, was zwar „Frieden“ genannt wird, aber nichts anderes bezeichnet, als die durch Illusion, Machttechniken und die projektive Verwendung von Sündenböcken hergestellte Einmütigkeit der Menge, die der Verschleierung der eigenen Gewalt und der Absicherung hegemonialer und ökonomischer Verhältnisse dient. Und andererseits dem, was auch den Namen Frieden tragen könnte, also etwas, das im Recht und in Diskursen zum Tragen kommt, also einen Frieden der Kritik und einen der Wirklichkeit verpflichteten Dissens an Stelle einer totalitaristischen Brückenbauideologie stellt.

Falls es eine brauchbare Lehre aus der Geschichte gibt, dann die, dass der Umschlag von Aufklärung in Unmündigkeit mit gedankenloser Identitätspolitik („Wir sind Friedensstadt!“) und ahistorischer Tatsachenverschleierung beginnt.

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Quellen:

Burkhardt, J./ Haberer, St. (2000): Das Friedensfest. Augsburg und die Entwicklung einer neuzeitlichen Toleranz-, Friedens- und Festkultur; Berlin 2000

Hoffmann, C.A. et al. (2005): Als Frieden möglich war – 450 Jahre Augsburger Religionsfrieden;  Regensburg 2005, 1. Aufl.

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Lessing, Th. (1919): Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen; München 1983

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Roeck, B. (1989): Eine Stadt in Krieg und Frieden; Studien zur Geschichte der Reichsstadt Augsburg zwischen Kalenderstreit und Parität – Band I und II; Göttingen 1989



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