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Nachtrag zu Brechts „Maßnahme“ vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise

Glanz und Elend des Gegenwartstheaters waren in dem von Selcuk Cara für das Brechtfestival 2017 inszenierten Lehrstück Bertolt Brechts „Die Maßnahme“ zu erleben.

Von Dr. Helmut Gier

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(c) brechtfestival


Pathetische Momente durch sakral anmutende Choreographien sowie stimmliches und körperliches Verausgaben, großartige Musik, aufdringliche Symbolik (Schlauchboot und Weihrauchfass), die verfremdende Konfrontation der Werke großer Autoren mit den Werken anderer großer Autoren (die Lesung von Dostojewskis „ Der Großinquisitor“) rufen starke Eindrücke hervor und bleiben nicht ohne Wirkung. Wir sind damit allerdings am Gegenpol dessen angekommen, was sich Brecht selbst als Aufführungsstil für sein Lehrstück vorstellte: „Die dramatische Vorführung muß einfach und nüchtern sein, besonderer Schwung und besonders „ausdrucksvolles“ Spiel sind überflüssig.“

Mit der „Maßnahme“ hat sich der Regisseur ein besonders sperriges und umstrittenes Stück für die Eröffnung des Brechtfestivals 2017 ausgewählt. 1930 verfasst wurde es nach dem Stalinismus lange Zeit als Rechtfertigung für die Säuberungen und Liquidierungen dieser Epoche missverstanden. Nachdem seine Aufführung bis 1997 untersagt war, ist es heute eine herausfordernde Aufgabe, ein aktuelles, nicht nur historisches Interesse aus diesem wichtigen Werk Brechts herauszuschälen. Der Regisseur ist dabei der Gefahr nicht entgangen, den Bedeutungsgehalt der „Maßnahme“ allzu unvermittelt auf die gegenwärtige Weltlage, im wesentlichen die Flüchtlingskrise, hinzubiegen.

Das Schlauchboot ist dafür das zentrale Symbol. Nach seinem Einsatz in der vorgeschalteten Szene, in der Flüchtlinge an einem Strand landen, dient es im Lehrstück selbst den Kulis als Kahn. Anstatt bei den immer wieder stürzenden, ausgepeitschten Kahnschleppern Propaganda für den Kampf um eine Verbesserung ihrer Lage zu treiben, verfällt der junge Genosse entgegen der Anweisung der Agitatoren dem Mitleid und hilft den Kulis, was zu seiner Entdeckung und Verfolgung führt. Die Wirkintention des Regisseurs verdichtet sich in dieser Szene: den Mühseligen und Beladenen soll geholfen werden, ob sie den Kahn schleppen oder in ihm vor dem Elend fliehen. Damit bürstet er das Stück gegen den Strich. Denn in ihm wird ja gerade vorgeführt, dass Mitleid, Gerechtigkeits- und Ehrgefühl streng zu kontrollieren und im Kampf um die Änderung der Welt gegebenenfalls sogar zu unterdrücken sind, andernfalls ist die als Opfertod verstandene Erschießung des jungen Genossen nicht zu vermeiden.

Dieser unvermeidliche Grundkonflikt zwischen spontaner Mitmenschlichkeit und politischer Vernunft ist durchaus aktuell, wie die Diskussion um das gerade im Suhrkamp Verlag erschienene Werk des Kulturwissenschaftlers Fritz Breithaupt „Die dunklen Seiten der Empathie“ zeigt. In der Augsburger Inszenierung schiebt sich aber etwas kurzschlüssig eine politisch korrekte Weltsicht in den Vordergrund.

Damit zusammen hängt eine für das Verständnis der „Augsburger Maßnahme“ unverzeihliche Regieentscheidung: Den „Kontrollchor“ in großer Entfernung hinter einen Vorhang zu verbannen, nimmt dem Lehrstück die Struktur einer Gerichtsverhandlung, und damit geht die Struktur des Handlungselements „Spiel im Spiel“ verloren. Zudem reduziert sich dadurch die Textverständlichkeit auf ein Minimum, was gerade für ein Stück Brechts fatal ist. Der Kontrollchor ist in Brechts Lehrstück kein Chor im klassischen Sinn, sondern ein Teil des Spiels, ein Handlungselement, eine Rolle der Vernunft oder, um es im historischen Kontext zu sagen: die Stimme der Partei.

Die Größe und die Zeitlosigkeit von Brechts Maßnahme besteht darin, dass sich ein Zwiespalt zwischen dem abstrakten Konflikt und seiner auf den ersten Blick so unausweichlichen Logik seiner Lösung auftut, der  Aktualisierungs- und Umdeutungsversuche wie die Selcuk Caras als Möglichkeit zulässt, die aber in dieser Inszenierung mit zu einfachen Kunstgriffen unvermittelt herbeigezwungen werden. Das ist zu bedauern, denn mit der Wucht seiner großen Sprachgewalt hat Brecht dem jungen Genossen die immer gültige Stimme des Humanismus verliehen: „Denn der Mensch, der lebendige, brüllt und sein Elend zerreißt alle Dämme der Lehre“.

So mag es möglicherweise doch ein geheimes Einverständnis des gefeierten Augsburger Dichters mit einer Lesart der Augsburger Brechtfestivalproduktion 2017 geben, die als Botschaft mit seinen Worten verkündet, dass „jedem Elenden gleich und sofort und vor allem geholfen wird“.

Wer die Aufführung im Gaswerk gesehen hat, hat trotz der angeführten Schwächen keinen Grund, sein Kommen (nachträglich) zu bereuen. Schließlich lebt das Stück durch die Genialität des Textes und durch Hanns Eislers großartige Musik, die von Orchester und Chor (Leitung: Geoffrey Abbott) hervorragend interpretiert wurde. Nicht weniger imposant die Leistung der Schauspieler: Katharina Rivilis, Luise Wolfram und Volker Zack sowie Florian Mania. Hervorzuheben auch die künstlerische Leistung der “Vorleserin” Dagmar von Kurmin.

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Chor:
Jakob Baur, Ferdinand Conrad, Johanna Eichenseher, Korbinian Geirhos, Markus Günter, Mareen Heger, Anna Heim, Benedikt Klauser, Karoline Knauer, Daniel Leichtle, Iris Lichtinger, Luisa Lutz, Fabian Mohrweiß, Lisa Nistor, Hedwig Oschwald, Anna-Clara Pentz, Alexandra Pilotek, Julia Schmelt, Jürgen Schuster, Iris Speer, Dagmar Stefaniak, Susanna Stefaniak, Anna Tretter, Theresa Valtl.
Orchester:
Christian Bühn (Trompete 1), Constanze Gillmann (Trompete 2), Yannick Güntert (Horn 2), Alexander Herrmann (Schlagwerk), Wolfram Oettl (Klaiver), Barbara Schied (Posaune 2), Moritz Schilling (Pauke), Elisabeth Stacheter (Trompete 3), Angelica Tombs (Horn 1), Margarita Zeman (Posaune 1).
Jungschauspieler*innen (Flüchtlinge):
Jule Abt, Mika Dal Ponte, Milona Drcelic, Marie Friske, Clara Godlinski, Anna Hahn, Milena Haidinger, Nadine Hangele, Fati Kaba, Hannah Lang, Grace Malone, Jan Plausteiner, Marcel Prebeck, Maria Schönthier, Patricia Thoma, Bernhard Trum, Lukas Ullmann, Ruth Zelinsky, Simon Zimmermann.