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Brechtfestival: “Fuck heroes, fight now.” – Ein feministischer Anti-Ödipus auf der Brechtbühne

Feminismus-Thementag beim Brechtfestival. Patrick Wengenroth nimmt Brechts ambivalentes Verhältnis zu Frauen zum Anlass, heutige Geschlechterverhältnisse aus feministischer Perspektive zu reflektieren. Mit dem Titel „Fuck Heroes, fight now.” war ein Gespräch über Gender und Gesellschaft auf der Brechtbühne angekündigt. Gezeigt wurde allerdings eine klassische Tragödie. Mit einem auf zwei Einzelfiguren aufgespaltenen Helden.

Von Bernhard Schiller

Foto: Programmheft Brechtfestival (c) John Cartwright & Michael Barker

Foto: Programmheft Brechtfestival (c) John Cartwright & Michael Barker


In der Hauptrolle: Laurie Penny, Journalistin, Autorin und laut Programmheft „wichtigste Stimme des jungen Feminismus“. Und Jack Urwin, kein Superlativ, aber dasselbe Betätigungsfeld wie Penny. – Urwin tritt auf als der vom Schicksal Gebleute. Seine Erzählung rührt durchaus an. Vater Urwin habe seinerzeit eine tödliche Herzkrankheit vor der Familie verleugnet aus Furcht davor, schwach und verletzlich zu erscheinen. Er starb, als Jack noch ein Kind war, dem daraus eine tiefe Wunde blieb. Die giftige Männlichkeit („toxic masculinity“) seines Vaters habe er geerbt. Er als er selbst an Depression erkrankte, habe er erkannt, dass die toxic masculinity kein innerfamiliäres Problem sei, sondern ein gesellschaftliches. Sämtliche Kinder, Jungen und Mädchen, seien vom Gift empathiefeindlicher Männlichkeitsideale betroffen.

Penny widersetzt sich den Göttern. Ihr zufolge sei das männlichkeitsbasierte Geschlechterverhältnis grundsätzlich von Misstrauen und Feindseligkeit bestimmt. Das Geschlecht sei eine „Zwangsjacke für die menschliche Seele“. Darum seien Geschlechter abzuschaffen. Weder Biologie, noch Kultur sollen den Menschen davon abhalten, frei zu sein. Mit Hilfe heutiger Technologien sei das ja auch kein Problem mehr.

Irwin will zunächst pragmatischer sein und lediglich das Gift pathogener Männlichkeitsideale ausschleichen. Allein, er spielt die Rolle des reflexiv-selbstkritischen Gendermannes so vortrefflich, dass für Pennys männerfeindliche, aggressive Abschaffungsphantasien zunehmend Raum entsteht. Und gehorcht so blind, Fatum bleibt eben Fatum, dem ihm bestimmten Los, gegensätzliche Regungen zu unterdrücken. Jeglicher Widerspruch würde als Beweis für Pennys Misstrauenstheorie gewertet.

Fuck and Fight – Vatermord und Mutterinzest

Also gelangen beide zur übereinstimmenden Diagnose: Die Welt ist vergiftet und das Gift heißt Mann. Auch bezüglich der Therapie besteht Konsens: „Feminismus für alle!“ Der dürfe nach Penny freilich nicht zahnlos daherkommen, müsse sich vielmehr seinen Biss, sprich die Aggressivität erhalten. Die Idee, statt Feminismus einen neutralen Begriff für die geplante Weltrevolution zu wählen, mit dem sich auch das Gros der Männer anfreunden könne, lehnt Penny entschieden ab. Feminismus solle, so Penny, kein sicherer Raum für Männer sein. Zynisches Gelächter im Publikum. Allerspätestens mit dieser Aussage verabschiedet sich die ohnehin mythische Darbietung endgültig ins dunkle Reich der Massen- und Tiefenpsychologie. Und es erfüllt sich der orakelhafte Veranstaltungstitel auf symbolischer Ebene: Fuck and fight – Vatermord und Mutterinzest. Der Mann muss abgeschafft werden zugunsten eines totalen Feminismus.

Ein Potpourri linker Klischees

Mehr ist über diese Veranstaltung, die über eineinhalb Stunden konsensuell dahinplätschert, nicht zu sagen. Zwischendurch werden von echten Schauspielern in propagandistische Länge gezogene, dem Applaus nach aber kundenwirksame Ausschnitte aus den Neuveröffentlichungen der beiden Hauptdarsteller vorgetragen. Von den in der Anmoderation versprochenen inhaltlichen Gegensätzen war kaum etwas zu spüren. Stattdessen lieferten Penny und Urwin ein einstimmiges Potpourri zeitgenössischer linker Klischees. Natürlich sei der Kapitalismus an allem schuld, natürlich seien Schwarze und Migranten (neben Frauen) Opfer, natürlich sei der alte, weiße Mann Alleintäter und wer, wenn nicht der amtierende US-Präsident sei die Leibhaftigwerdung all diesen Übels? Und natürlich regt sich kein Widerspruch im Publikum bei soviel unterkomplexer Selbstverständlichkeit.

Ein gelungener Nachmittag also vor allem für den Verlag, der die Veranstaltung ermöglichte und mit reich gedecktem Büchertisch zum Ideologiekonsum einlud. Beide, Penny und Urwin, erscheinen bei Edition Nautilus, einem linken Verlagshaus aus Hamburg, das mitunter Autoren aus dem Dunstkreis der RAF oder den notorischen Holocaustleugner Norman Finkelstein führt. Da fügt es sich trefflich ins Gesamtkonzept, wenn Laurie Penny nicht nur sozialistische, sondern auch dezidiert antisemitische Positionen vertritt.

Laurie Penny unterstützt antisemitische Kampagnen

Der Journalist Philip Meinhold hat Pennys Einlassungen zu Israel in der linken Wochenzeitung Jungle World („Feministin gegen Israel“, 17. März 2016) trefflich analysiert. Beispielsweise unterstützt Penny die antiisraelische Kampagne BDS (Boykott, Deinvestitionen, Sanktionen), ein internationales Sammelbecken für Judenfeindlichkeit jeglicher Coleur, das im Staat Israel ein böses, kolonialrassistisches Apartheidsregime sehen will und eine breite Delegitimierungskampagne betreibt. Die Aktivisten und Unterstützer der Kampagne sind dabei zumeist mit (ödipaler) Blindheit gegenüber dem faktischen Unrechtsregime von Hamas und Konsorten geschlagen.

Laurie Penny, die gleich zu Beginn der Veranstaltung mit Vehemenz betonte, sie sei unwillens, ihre feministische Opferperspektive zu verlassen, sitzt diesem Täter-Opfer-Fehlschluss auf und ist damit – stellvertretend für unzählige feministisch-antisemitische Diskurse – mehr in chauvinistischen Verblendungszusammenhängen gefangen, als einem Feminismus, der den Namen verdient, lieb sein kann. Menschen, die in ihrer Kindheit von Erwachsenen sexuell belästigt oder missbraucht wurden, lernen unter Zwang, die schlimme Wahrheit zu tabuisieren und sich stattdessen selbst als Schuldige auszumachen. Auf der symbolischen Ebene passiert dasselbe bei der irrationalen Israelkritik, die letztlich vor allem den aggressiven Abschaffungsphantasien mörderischer, patriarchalischer, frauenfeindlicher und homophober Kulturen Raum gibt.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Meredith Haaf, einer Journalistin für hippe, junge Formate und – warum auch nicht? – Feministin. Es bleibt am Ende nur die leise Hoffnung, dass es auch einen jungen Feminismus diesseits der hier präsentierten Absurditäten gibt. Pennys Gegenspielerin Merle Stöver vielleicht. Die verteidigt Israel. Nur hat sie eben gerade kein Buch zu verkaufen.



Brechtfestival ohne Brecht: Anmerkungen zum „Thementag Feminismus“

Die Person Brecht und sein Werk aus feministischer Sicht zu beleuchten, ist zweifellos eine reizvolle und ergiebige Aufgabe. Insofern hat ein Thementag Feminismus auf dem Brechtfestival auf jeden Fall seine Berechtigung. Geboten wurde jedoch an diesem Sonntag auf der Brechtbühne nichts anderes als eine feministische Selbstdarstellung aus dem Elfenbeinturm.

Kommentar von Halrun Reinholz

Wer nicht gut auf die Veranstaltung vorbereitet war oder die Bücher der beiden britischen Podiumsgäste nicht gelesen hatte, tat sich schwer, der ausschließlich und ohne Vorwarnung auf englisch geführten Diskussion über den aktuellen Feminismus auf der Brechtbühne zu folgen. Moderatorin Meredith Haaf vermittelte auch nicht den Eindruck, als wollte sie einem nur wenig wissenden Publikum die (wie angekündigt) „aktuellen Debatten zum Chauvinismus und Feminismus“ mit Hilfe ihrer zweifellos in der Szene bekannten Gesprächspartner(innen)  vermitteln. Mit einem Halbsatz erwähnte sie die „schrecklichen“ Dinge, die Brecht an Frauen geschrieben hatte, damit war der Brecht-Bezug auch schon abgetan. Es war aber offenbar auch kein Brecht-Publikum im Saal, sondern Kenner der Debatte und auch der beiden Protagonist(inn)en Laurie Penny und Jack Urwin, die nun ausgiebig und unmoderiert Raum erhielten, die (zunächst durchaus spannenden) Inhalte ihrer Bücher in ihrer Muttersprache zu präsentieren.

Erst nach geraumer Zeit wurden langatmige Passagen aus den Büchern auf deutsch von zwei Schauspielern vorgelesen, bevor die Publikumsfragen wiederum lange englische Statements (aber keine neuen Aspekte mehr) zur Folge hatten. Eine Seminar-Veranstaltung für einen universitären Rahmen – aber wieso beim Brechtfestival? Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Festivalleiter hier zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sein erklärtes Steckenpferd Feminismus im Brechtfestival mit „verwursten“ wollte.

Vielleicht fällt Wengenroth im nächsten Jahr jemand ein, der sich diesbezüglich mit Brecht beschäftigt hat. Dieser Thementag brachte keine Erkenntnisse über Brecht, sondern über das Missy Magazin. Das kennt auch nicht jeder. Bei allem Interesse am Feminismus: Hier war das Thema leider verfehlt.



„Kafkas Bruder“: Unterhaltsames zu den Parallelen von Kafka und Brecht

Zum Brechtfestival „verheben“ sich Dr. Michael Friedrichs und der Schauspieler David Dumas auf unterhaltsame Weise an zwei literarischen Schwergewichten

Von Halrun Reinholz

Michael Friedrichs (c) brechtfestival

Einige Formate des Brechtfestivals zeigen Kontinuität: So kommt auch in diesem Jahr in bewährter Manier im Hoffmannkeller (pardon, „Brechtkeller“ während der Festivalzeit) der Beitrag des Vorsitzenden des Augsburger Brechtkreises Dr. Michael Friedrichs. Es handelt sich dabei um eine “szenische Präsentation”, eine Art Vorlesung, die von Bildern und szenischen Darstellungen aufgelockert wird. Beim diesjährigen Brechtfestival nun zu Brecht und Kafka – auf den ersten Blick nicht wirklich naheliegend und deshalb ein “Kraftakt”, der zudem nicht viel Spaß verspricht. Doch dem Brechtforscher Friedrichs gelingt es, auf unterhaltsame Weise den Bogen aufzuzeigen, der die beiden Autoren verbindet. Immerhin handelt es sich um „Schwergewichte“ der modernen deutschen Literatur, wie Friedrichs gleich zu Beginn mit Augenzwinkern anmerkt –  zumindest, was die Menge an Papier ausmacht, das von ihnen und über sie bedruckt worden ist.

Brecht-Silhouette nach dem Scherenschnitt von Lotte Reiniger (c) Stadt Augsburg

Irritierenderweise beginnt der Vortrag dann mit einem Filmausschnitt, der zunächst weder mit Brecht, noch mit Kafka in  Verbindung gebracht werden kann. Ein Märchenfilm des Regisseurs Carl Koch aus dem Jahr 1926 über einen orientalischen Prinzen, für den dessen Frau Lotte Reiniger Scherenschnitte angefertigt hat. Diesen Film hat Brecht in Berlin nachweislich gesehen und erwogen, Kafkas „Verwandlung“ auf dieselbe Weise zu verfilmen. Dieses Projekt kam nicht zustande, aber der Kontakt zwischen Brecht und dem Ehepaar Koch hatte zur Folge, dass Lotte Reiniger auch Brechts Silhouette als Scherenschnitt gestaltete – jeder Augsburger kennt die roten Brecht-Figuren im Stadtbild, die darauf zurückgehen. – Aber keiner kennt die Urheberin!

Brecht hat Kafkas Werk nachweislich gekannt, was bei dessen Tod 1924 noch nicht selbstverständlich war. 1923 hätte es sogar die theoretische Möglichkeit eines Treffens gegeben, da sich beide zur gleichen Zeit in Berlin aufhielten, wie Friedrichs spitzfindig nachweist. Doch erst später hat Brecht an Kafka Interesse gezeigt. Einiges von Kafka wurde erst posthum veröffentlicht und dann wohl von Brecht rezipiert. Nach dem Krieg unternahm Brecht eine Reise nach Prag und begab sich dabei auch nachweislich auf die Spuren Kafkas.

Soweit die eher dürren Fakten, denen Friedrichs mit Hilfe von Bildmaterial ein bisschen Kontur gibt. Im Gegensatz zu früheren Veranstaltungen dieser Art kann er hier nicht auf Liedtexte Brechts zugreifen, deshalb liest David Dumas mal mit steifem Hut (als Kafka), mal mit Schirmmütze (als Brecht) Texte. Und tatsächlich zeigen sich gewisse Parallelen in der Denkweise – beispielsweise bei der entmythisierenden Sichtweise auf die Szene aus der Odyssee  mit dem Gesang der Sirenen. Möglicherweise, aber das sind nur Spekulationen von Friedrichs, die auch Brechts Keuner-Figur miteinschließen: Heißt Brechts „Keuner“ oder „Herr K.“ nicht zufällig so, sondern in Anlehnung an Josef K. aus Kafkas „Prozess“? Auch die Traumszene des Soldaten im Dreigroschenroman weist beachtlichen Anklang an eine Szene aus dem “Prozess” auf.

Offensichtlich scheint, dass die zum Finale von Friedrichs (mit Schirmmütze) und Dumas (mit steifem Hut) vorgelesenen Textstücke austauschbar wären. Also doch sowas wie ein Bruder von Kafka, dieser Brecht?!



Ausstellung: „Augsburg macht Druck“ im Diözesanmuseum St. Afra

Mit der Sonderausstellung „Augsburg macht Druck“ vom 10. März bis 18. Juni beleuchtet das Diözesanmuseum St. Afra die Anfänge des Buchdrucks in einer Metropole des 15. Jahrhunderts.

Die Ausstellung widmet sich zum bevorstehenden Jubiläum „550 Jahre Buchdruck in Augsburg“ den frühen Augsburger Drucken bis 1500 und zeigt bedeutende Buchschätze aus dem gesamten Spektrum der damaligen Zeit. Sie entstand als Gemeinschaftsprojekt der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg, der Universitätsbibliothek Augsburg und des Diözesanmuseums.

Mit dem Anwachsen der bürgerlichen Bevölkerung in den Städten im 15. Jahrhundert und der damit verbundenen steigenden Anzahl an Universitäten sowie des sich Bahn brechenden Humanismus wuchs auch die Nachfrage nach Büchern. Die Erfindung des Johannes Gutenberg in Mainz, das Drucken mit beweglichen Lettern, die beliebig immer wieder neu zusammengefügt werden konnten, kam deshalb zur richtigen Zeit. Bereits fünf Wochen nach Gutenbergs Tod (3. Februar 1468) erschien in Augsburg, einer Stadt mit damals etwa 20.000 Einwohnern, das erste gedruckte Buch – noch bevor man in Nürnberg, Paris, Venedig und Rom druckte.
Als erster Drucker war 1467 Günther Zainer aus Straßburg nach Augsburg gekommen, in dessen Offizin nicht nur lateinische, sondern zunehmend auch Texte in der Volkssprache erschienen. Der Erfolg überzeugte die Druckerkollegen: Bis 1480 kam es in Augsburg zu knapp 200 Ausgaben volkssprachiger Werke, in den folgenden 20 Jahren wuchs der Prozentsatz sogar noch: Bis 1500 erschienen 800 volkssprachige von insgesamt 1350 Drucken in Augsburg, also deutlich über die Hälfte. Damit war dieses bedeutende Marktsegment zu einer Domäne der Augsburger Drucker geworden. Zu diesen volkssprachigen Drucken zählen auch Bibeln: Von zwölf oberdeutschen Bibeldrucken vor 1500 kamen sieben allein aus Augsburger Pressen. So war Augsburg bis zu Martin Luthers Bibelübersetzung auch führend im volkssprachigen Bibel-Druck.


“Die führenden Politiker unserer Friedensstadt haben kläglich versagt”

Ein Jahr danach: Mit Populismus gegen Populismus – oder: Wie die Friedensstadt Augsburg vor einem Jahr an ihrem Fundament sägte

Von Peter Grab

Donald Trump (USA), Wladimir Wladimirowitsch Putin (Russland), Jarosław Kaczyński (Polen), Viktor Orbán (Ungarn), Marine le Pen (Frankreich), Geert Wilders (Holland), Recep Tayyip Erdogan (Türkei), Frauke Petry (Deutschland) – es werden immer mehr Namen genannt, wenn es heißt, die Rechten sind auf dem Vormarsch. Ob und inwieweit dies besorgniserregend ist, hängt nicht zuletzt davon ab, mit welchen Mitteln und Maßnahmen gegen Rechtspopulismus agiert wird und ob dabei eben die Grundwerte eingehalten werden, deren Nichteinhaltung durch die Rechtspopulisten als Grund für den Kampf gegen Rechts angeführt wird.

Auch die Stadt Augsburg hatte vor knapp über einem Jahr eine diesbezügliche Bewährungsprobe durchzustehen – und die führenden Politiker unserer Friedensstadt haben kläglich versagt. Das Versagen ist in diesen bewegten Zeiten noch nicht einmal ungewöhnlich. Denn immer mehr Deutsche geraten aufgrund ihrer Sorgen um die Zukunft unserer und anderer Demokratien in den Sog undemokratischer Ansichten oder gar Entscheidungen.

Beide Seiten (also die Rechten und die Kämpfer gegen die Rechten) verbindet, dass sie sich in der Regel dessen gar nicht bewusst sind, Grundsätze der Demokratie auszuhöhlen und diese somit – womöglich dauerhaft – zu beschädigen. Der Schutz der Meinungs- und Redefreiheit beispielsweise ist für viele nicht mehr heilig geschweige denn unantastbar. Der Schutz dieses so wichtigen Demokratieprinzips funktioniert aber nur, wenn er auch dann gilt, wenn Feinde der Meinungsfreiheit eben diese für ihre Zwecke in Anspruch nehmen – eine echte Demokratie muss dies aushalten können!

Natürlich darf das Recht der Meinungsfreiheit nicht über anderen elementaren Grundrechten stehen. Aber es ist in einer funktionierenden Demokratie nun einmal der Judikative zu überlassen, wo Meinungsfreiheit an ihre Grenzen stößt. Keinesfalls dürfen Politiker diese Entscheidung treffen und die Auslegungshoheit beanspruchen, was Meinungsfreiheit ist und was nicht.

Wer die Abwägung von Grundrechten nicht den Gerichten überlässt, macht sich mitschuldig am zunächst langsamen, später sich immer schneller fortsetzenden Zerfall demokratischer Grundwerte. In diesem Sinne verstehe ich die Sorgen des Verwaltungsgerichts Augsburg, das am 12. Februar 2016 dem Oberbürgermeister die Leviten las, als es in seinem (voraussehbaren und der AfD sehr nützlichen) Urteil verlauten ließ, dass „eine gelebte freiheitliche demokratische Grundordnung“ sich „gerade in der Auseinandersetzung mit selbst kaum mehr erträglich erscheinenden Meinungsäußerungen“ erweise. „Eine Grenze sei begründet in möglicherweise volksverhetzenden Äußerungen, die hier gerade nicht erreicht zu sein scheine. Die Antragsgegnerin (Stadt Augsburg; Anmerkung d. Red.) könne sich in Bezug auf die inkriminierten Äußerungen auch nicht schlicht auf eine Wiederholungsgefahr berufen. (…) Die Nutzungsuntersagung [des Rathauses] könne auch nicht mit Sicherheitsgründen aufrechterhalten werden.“

Zur von der Stadtregierung herangeführten Expertise des Historikers Dr. Wolfgang Wallenta „Das Augsburger Rathaus als Friedensort“ watschte das Gericht die Stadtregierung ebenfalls ab. Es urteilte genau entgegen gesetzt den Ausführungen der Stadtregierung: „Die Ausführungen der Antragsgegnerin (Stadt Augsburg), u. a. dass der Neujahrsempfang der Antragsteller (AfD-Stadträte) im Rathaus ‚zu einer Verletzung des historisch gewachsenen und städtische Identität bildenden Formats der Friedensstadt Augsburg – untrennbar mit dem Rathaus verbunden – führen würde, gehen damit ins Leere. Im Gegenteil [sic!] bleibt festzustellen, dass gerade ‚die Tradition des Augsburger Rathauses als Friedensort‘ (s. Expertise des Dr. Wallenta) und die in dieser Expertise u. a. getroffenen Aussagen – ‚Das Rathaus war ein öffentlicher Ort, der es gebot, sich gegenseitig zu respektieren und zu akzeptieren, auch wenn man zuhause den konfessionellen ‚Gegner‘ verteufelte und ihm die Pest an den Hals wünschte. Der Goldene Saal ist ein fantastisches Beispiel von Toleranz, von Ausgeglichenheit …‘ (vlg. II.2. der Expertise) – dafür sprechen, auch den Antragstellern als (gewählten) Stadtratsmitgliedern einer Wählergruppe dieselben Rechte zur Abhaltung einer Veranstaltung einzuräumen wie den übrigen im Stadtrat vertretenen Fraktionen und Wählergruppen.“

An anderer Stelle musste das Augsburger Gericht die CSU-geführte Stadtregierung gar daran erinnern, dass „die Augsburger CSU … beim Neujahrsempfang 2016 den Bayerischen Finanzminister Markus Söder eingeladen“ hat, „der bei seiner Rede auf das ‚Flüchtlingsthema‘ eingegangen ist und z. B. erneut eine Obergrenze für die Aufnahme von Flüchtlingen forderte.“ Dass ausgerechnet der höchste Repräsentant der Friedensstadt Augsburg außerdem darauf hingewiesen werden musste, dass bei der Benutzungsordnung des Rathauses „der Grundsatz der Parteienfreiheit, die Meinungsfreiheit und das allgemeine Persönlichkeitsrecht zu beachten ist“, ist ein starkes Stück.

Die Versagung des Rathauses für die AfD-Frontfrau als Hauptrednerin eines Neujahrsempfangs war somit eine populistische Entscheidung von Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl, ohne jegliche Rechtsgrundlage. Eine Entscheidung, die auch ihr Ziel bei großen Teilen der Bevölkerung nicht verfehlte. Kurzum: Populismus gegen Populismus. Die mahnenden Stimmen waren viel zu wenige, da man sich lieber im Mainstream der angeblichen wahren Wahrung der Demokratie sonnte. Viel zu selbstverständlich nahm die Friedensstadt die Beschädigung der Demokratie in Kauf, denn in der Euphorie gegen Rechts war es nicht mehr möglich, die wahren Werte der Demokratie gebührend zu verteidigen. Ich betone: in der „Friedensstadt“ Augsburg.

Unsäglich viel Porzellan wurde da zerschlagen, unerträglich viel Friedensarbeit der Jahre zuvor wurde obsolet. Und während man in den alljährlichen Friedensstadt-Festivals die Bedrohung von Demokratien oder die Einforderung der Meinungs- und Redefreiheit in allen Ecken der Welt bespricht und besingt, ist bis heute bei keiner Friedensstadt-Veranstaltung das falsche Vorgehen der Stadtregierung in diesem Zusammenhang thematisiert oder diskutiert worden. Inwieweit dies dem Anspruch des Labels Friedensstadt gerecht wird, ist zu hinterfragen. Aber wir haben ja genügend andere Länder, deren Verstöße gegen die Meinungs- und Redefreiheit wir anprangern können.

Übrigens hat der Oberbürgermeister am 12. Februar 2016 im Goldenen Saal trotz den massiven Richter-Rügen vom selben Tage betont, „er würde im Wiederholungsfall wieder genauso handeln“. Ihm sei wichtig, „dass von der Stadt Schaden abgewandt werde, da diese schutzbedürftig sei.“ Ist denn die Demokratie nicht noch schutzbedürftiger, der wir die aktuelle Prosperität der Friedensstadt Augsburg verdanken? Offenbar haben die mahnenden Worte des Verwaltungsgerichts ihre Wirkung verfehlt.

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Zum Autor:

Peter Grab war von 2008 bis 2014 Bürgermeister sowie Kultur- und Sportreferent der Stadt Augsburg. Bei der Kommunalwahl 2014 verlor Pro Augsburg, dessen Frontmann Peter Grab war, die Hälfte ihrer Stadtratssitze. Nach einer publik gewordenen Sexaffäre verließ Grab die Bürgervereinigung Pro Augsburg, weshalb er nun als fraktionsloser Stadtrat für die Bürgervereinigung WSA im Stadtrat sitzt und als Einzelstadtrat im Rahmen seiner Möglichkeiten hartnäckig und detailliert Oppositionspolitik betreibt. Im vergangenen Februarstadtrat hielt er eine beachtenswerte Rede zur Haushaltspolitik der Stadtregierung.