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Brechtfestival: Der gute Mensch von Downtown

Mit einem Stück „inspiriert von Brecht und der Bibel, von alten Quellen und neuen Katastrophen“ gastiert das Berliner Theater RamabaZamba mit großem Erfolg beim Brechtfestival

von Halrun Reinholz

Eva Matthes als Erzengel Gabriel (c) Melanie Bühnemann (brechtfestival)

Eva Matthes als Erzengel Gabriel (c) Melanie Bühnemann (brechtfestival)

In Brechts Stück „Der gute Mensch von Sezuan“ suchen die Götter einen guten Menschen in der Stadt und werden nach vielen Abweisungen im Haus der Prostituierten Shen Te fündig. Auch aus dem Alten Testament ist im Zusammenhang mit Sodom und Gomorra die Geschichte von Lot überliefert, der als einziger Gerechter mit seiner Familie vom Untergang verschont werden soll. Das Theater RambaZamba aus Berlin verknüpft dieses Thema auch noch mit dem Prolog aus Goethes Faust und der Wette des Teufels: Die Erzengel Gabriel (Eva Matthes) und Michael (Hans-Harald Janke) machen sich auf die Suche nach drei guten Menschen, damit Gott die Menschheit vor der Sintflut verschont. Fündig werden sie in „Down-Town“, ein Name in Anlehnung an die Besonderheit des Theaters RambaZamba, dessen Ensemble vorwiegend aus Menschen mit dem Down-Syndrom besteht.

1991 hat Gisela Höhne, Regisseurin und Dramaturgin, dieses ungewöhnliche Projekt ins Leben gerufen und seither hat das Theater seinen festen Platz in der Berliner Szene und gastiert auch immer wieder erfolgreich in anderen Städten. Wie jetzt eben mit einem abgewandelten Brecht beim Augsburger Brechtfestival.

Ensemble RambaZamba Theater Berlin: "Der gute Mensch von Downtown" (c) Christian Menkel (brechtfestival)

Ensemble RambaZamba Theater Berlin: "Der gute Mensch von Downtown" (c) Christian Menkel (brechtfestival)

Die Stücke des Theaters sind allesamt Stückentwicklungen, auch wenn es als Grundlage oft ein konkretes Werk gibt. Der gute Mensch von Sezuan scheint auch hier immer wieder durch, doch der Verlauf der Handlung ist wesentlich bestimmt von gegenwärtigen Themen und Belangen. Thematisiert wird auch die Behinderung der Darsteller: Dass es sich in der imaginären Stadt um Bewohner mit dem Down-Syndrom handelt, die sich im Lauf der Handlung von ihrer Betreuerin emanzipieren und selbständig einen Tee-Laden eröffnen. Wie Shen Te bei Brecht scheitern sie daran, dass man als guter Mensch ausgenützt wird und nichts für seinen eigenen Lebensunterhalt verdient. Deshalb müssen Besche Ju, Besche Ne und Besche Zo sich hin und wieder als „Bacha Posch“ (hier eine Art Guerillakämpfer mit Gesichtsmaske) verkleiden und ihre Schulden eintreiben.

Die drei Frauen (Juliana Götze, Nele Winkler und Zora Schemm) agieren als Hauptdarstellerinnen differenziert und mit professionellem Anspruch. Wie das gesamte Ensemble sind sie ausgebildet und offiziell als Schauspieler/innen beim Theater angestellt. Angelika Dubufé (Bühne) und Beatrix Brandler (Kostüme) sorgen für ein frisches, märchenhaftes Ambiente. Denn da es sich bei dem Stück um eine Parabel handelt, bietet sich eine märchenhaft-fantasievolle Ausstattung an. In diesem Sinn sorgen auch die Figuren der beiden Engel und des Teufels (Aaron Smith) ebenso wie die des ausbeuterischen Herrn LimBim (Joachim Neumann) für den  Spaß am Bühnengeschehen.

Die Zusammenarbeit mit prominenten Schauspielern (wie hier Eva Mattes) ist übrigens auch ein Markenzeichen des RambaZambatheaters, dadurch wird die Arbeit mit behinderten Schauspielern automatisch aus der „Nische“ des Laientheaters gehoben. Eine wichtige Rolle spielt bei den RambaZamba Stücken immer auch Musik (hier live: Ernst Bechert, Stefan Dohanetz, Moritz Höhne) und (Tanz-)Bewegung (Choreografie: Kerstin Rünzel). Bei aller Ernsthaftigkeit verschiedener Themenbereiche (Liebe, Freundschaft, Kinder – wie auch im Brecht-Stück vorhanden) wird aus Brechts Sezuan-Vorlage ein opulentes, gut gelauntes Märchen-Spiel in dessen positivem Sinn. Eine echte Bereicherung für das Augsburger Brecht-Festival.



Brecht-Lehrstück in der Bundesliga: FCA könnte Weinzierl auf Schalke stürzen

Gewinnt am kommenden Sonntag der FC Augsburg auf Schalke, darf man unverblümt davon sprechen, dass das Duo Heidel/Weinzierl gescheitert ist. Langsam müsste es nämlich den Verantwortlichen in Gelsenkirchen dämmern, dass sich die Erfolgsphänomene der kleinen Provinzen nicht in die große Provinz übersetzen lassen.

Von Siegfried Zagler

RB Leipzig als Systemfehler erkannt: Choreographie der Augsburger Ultras

Brecht'sche Dialektik in der Bundesliga: Choreographie der Augsburger Ultras


Die Fußballbundesliga bestätigte am 23. Spieltag eine schlichte Prognose bezüglich der Deutschen Meisterschaft: Niemand wird verhindern können, dass die Münchner im Mai 2017 zum 26. Mal in ihrer Klubgeschichte die Meisterschale in Empfang nehmen können. Damit wären die Bayern zum 5. Mal in Folge Deutscher Meister, und dies zum 5. Mal mit großem Abstand auf den Zweitplatzierten. Langweiliger kann ein Wettbewerb um die Spitze kaum sein!

Die Spannung bezüglich der Tabellenplätze, die für einen internationalen Wettbewerb qualifizieren, beginnt sich ebenfalls zu verflachen. Für die Champions League-Plätze kommen neben den Münchnern nur noch Leipzig, Dortmund und Hoffenheim in Frage. Hochspannung dagegen im Kampf um die Plätze, die für die Europa League qualifizieren. Für zwei Plätze kommen noch sieben, acht Mannschaften in Frage, da man durchaus damit rechnen darf, dass die beiden derzeitigen Platzhalter Berlin und Frankfurt nicht stabil genug sind, um ihre aktuelle Platzierung behaupten zu können.

Ein heißer Anwärter auf die Europa League bleibt Bayer Leverkusen, die trotz der 2:6 Klatsche in Dortmund mit 30 Punkten noch im Rennen sind. Mit Roger Schmidt stellte Bayer nach dem Dortmundspiel einen Trainer frei, der zu den wirklich guten seines Fachs gehört und hoffentlich bald wieder die große Bühne betritt. Auf Schalke könnte nämlich bald ein guter Trainer gebraucht werden.

Am kommenden Wochenende müsste Schalke 04 nur deutlich gegen den FCA verlieren, um sich ohne Wenn und Aber für den Abstiegskampf warm machen zu müssen. Der FCA liegt nach dem 23. Spieltag mit 28 Punkten in der Tabelle einen Punkt vor Schalke, deren Führungskräfte langsam verstehen sollten, dass sich Erfolge in der kleinen Provinz nicht so einfach auf die große Provinz übertragen lassen. Nach dem Scheitern Breitenreiters steht nun Markus Weinzierl zusammen mit Manager Heidel vor einem Scherbenhaufen.

Der Kampf um die Europa League geht fließend in den Abstiegskampf über, der wohl auf einen “Relegationsvermeidungskampf” hinausläuft, da die derzeitigen direkten Abstiegsplätze mit Darmstadt und Ingolstadt von zwei Mannschaften belegt werden, die trotz guter Leistungen keine Ergebnisse einfahren. Die fünf Punkte, die sich der FCA als Polster vor dem gefährlichen 16. Tabellenplatz zugelegt hat, sind kein Ruhekissen für das letzte Drittel der Saison, da die Mannschaften hinter dem FCA durchaus in der Lage sind, ihre Heimspiele zu gewinnen, weshalb man damit rechnen muss, dass Hamburg (23), Wolfsburg (23) und Bremen (25), ja und selbst Schalke (27) noch am FCA (28) vorbei ziehen könnten.

Nicht wirklich beruhigend ist auch der Gedanke, dass diejenigen Mannschaften, die sich vor dem FCA in der Tabelle befinden, entweder zu viele Punkte haben, um noch ernsthaft in Gefahr zu kommen (Frankfurt) oder in der Tat für eine Niederlagenserie und einen möglichen Absturz, wie ihn zum Beispiel der VfB Stuttgart in der vergangenen Saison hingelegt hat, sportlich zu stabil sind, wie zum Beispiel Mainz, Köln oder Freiburg.

Am kommenden Sonntag (15.30 Uhr) spielt der FCA gegen Schalke. Es handelt sich um ein “Lehrstück”, das man zu einem ausgelagerten Programmpunkt des Augsburger Brechtfestivals erklären sollte, da der Glanz und das Elend der Stadt Gelsenkirchen sich in einem Spiegel namens “Schalke” beinahe so verdichtet abbildet, wie der Untergang des Sowjetkommunismus im späten Werk von Bertolt Brecht.





Konstantin Wecker in der Langen Brechtnacht: „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“

Wecker trifft (auch) Brecht. Zum Brechtfestival zeigt sich ein gut gelaunter altersmilder Konstantin Wecker als geistiger Bruder von Bertolt Brecht

Von Halrun Reinholz

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Konstantin Wecker-Trio (c) Menkel (Brechtfestival)


Wenn eine Institution wie Konstantin Wecker nach Augsburg kommt, ist der Saal schnell ausverkauft. Auch wenn es gar kein Saal ist, sondern eher sowas wie ein Zelt. Der Scheibengasbehälter des ehemaligen Gaswerks ist eine der romantischen, weil kaum geheizten Spielstätten dieses Brechtfestivals und Konstantin Wecker eines der Top-Highlights. 1998 hat er, zum 100. Geburtstag des Dichters,  ein Album mit Vertonungen von Brecht-Gedichten herausgebracht, das ist der Aufhänger für diese Einladung. Wecker trifft Brecht. Aber vor allem trifft Wecker sich selbst an diesem Abend. In diesem Jahr wird er 70. Anlass genug, sein Leben Revue passieren zu lassen und seinen Überzeugungen nochmal Ausdruck zu verleihen. Konstantin Wecker, überzeugter Pazifist und Linker der alten Schule, hat aus seinem Herzen noch nie eine Mördergrube gemacht. Auch in Augsburg muss er sich nicht extra inszenieren. Seine Fans kennen ihn und er überzeugt wie immer schon mit Charme, poetischen Texten und seiner einmaligen Stimme. Die ist freilich nicht mehr so geschmeidig und melodiös wie vor zwei oder drei Jahrzehnten. Doch stattdessen plaudert er aus seinem Leben, liest aus einen Büchern und setzt sich immer mal wieder ans Klavier, um seine Virtuosität zu demonstrieren. Auch hat er sich für die musikalische Qualität mit guten Leuten umgeben: Am Klavier, wenn er es nicht selbst tut, begleitet ihn Jo Barnikel, im Hintergrund thront die virtuose Cellistin Fany Kammerlander.

Brecht ist auch präsent. Nicht nur mit den drei oder vier Liedern aus Weckers Brecht-Repertoire, sondern auch, weil Wecker tatsächlich ein Seelenverwandter des Dichters ist. „Wir brauchen wieder Dichter, die Stellung beziehen gegen das drohende Unheil. Poesie und Musik können vielleicht die Welt nicht verändern, aber sie können denen Mut machen, die sie verändern wollen.“ Dieses Credo lebt Wecker seit Jahrzehnten und viele seiner Lieder sind aus dieser Überzeugung heraus geschrieben. Wie das auf die Geschwister Scholl, eine der großzügigen Zugaben dieses Abends für das Augsburger Publikum. „Es geht ums Tun und nicht ums Siegen“, ist die Überzeugung, die Wecker damit verbreitet.

Weckers poetische Kapitalismuskritik, die nicht militant, sondern mit leisen Tönen daherkommt, hat sich nicht überlebt in all den Jahrzehnten. Sie ist aktueller denn je und deshalb wird auch Konstantin Wecker den Leuten auch weiterhin ins Gewissen reden und ihnen Mut machen. „Ich bin als Gutmensch beschimpft worden, darum möchte ich jetzt auch ein Gutmensch sein.“ Lächelnd sagt er das, altersmild, aber in der Überzeugung, richtig zu handeln. Das Publikum dankt es ihm mit endlosen Ovationen.



Der Auftritt der “Dakh Daughters” – ein Highlight der Langen Brechtnacht 2017

In der bis auf den letzten Platz besetzten Brechtbühne überzeugten die sieben furchtlosen jungen Schauspielerinnen aus der Ukraine im Rahmen der Langen Brechtnacht 2017 mit einer kraftvollen „Freak-Kabarett“-Performance und begeisterten das Publikum.

Von Andrea Huber

Dakh Daughters - Kiew, Ukraine (c) Andrea Huber

Dakh Daughters - Kiew, Ukraine (c) DAZ


Die Dakh Daughters gehören zu den Projekten des unabhängigen Zentrums für zeitgenössische Kunst “Dakh” in Kiew. Alle Mitglieder sind ausgebildete Schauspielerinnen. Die Freak-Kabarett-Truppe ist bereits legendär. Ende 2013 trat sie auf dem Hauptplatz in Kiew anlässlich des Euromaidan vor Massen von Menschen und der bewaffneten ukrainischen Miliz in Pelzmänteln auf und protestierte mit ihren Liedern gegen den Krieg. „Rosen/Donbass“ wurde zur Hymne des Widerstands.

Ihre Musik stellt einen Mix aus ukrainischer Folklore, Punk, Kabarett, Prog-Rock, Klassik und Sprechgesang dar. Mittlerweile stehen die Dakh Daughters mit ihrem „Freak-Kabarett“, wie sie ihren Stil selbst benennen, weltweit auf der Bühne und brachten Ende 2016 ihr erstes Album heraus.

In Augsburg bot das präsente junge Ensemble mit einer Kombination aus Musik, Theater und Kabarett mit Witz, Sarkasmus und viel Energie, manchmal aber auch filigran melancholisch Unterhaltung auf hohem Niveau. Mit gut fünfzehn Instrumenten – vom Kontrabass bis hin zur ukrainischen Naturtrompete – in rege untereinander wechselndem Duktus begleiteten sie ihren ausdrucksstarken Gesang und wählten zur Wiedergabe ihrer politisch engagierten Lieder differenziert mehrere Sprachen.

Die Dakh Daughters bewiesen auf erfrischende Art und Weise, wie gut sich Professionalität und Präsenz mit Esprit und der nötigen Freiheit für Theater und Experimente verbinden lassen. Einzig das Textverständnis litt durch die notgedrungen temporeichen Wortwechsel der Textübersetzungen auf der Leinwand, und rüttelte so ein wenig am Gesamtkunstwerk Musik – Schauspiel – Video- und Lichtkunst.



Lange Brechtnacht: Kurzweilige Lesch-Stunde auf hartem Fußboden

„Ändere die Welt, sie braucht es“ – Dieser Spruch aus Brechts “Maßnahme” und zugleich  Motto des aktuellen Brechtfestivals scheint auch das Motto von Sarah Lesch zu sein. Die Dreißigjährige stellte am Samstag im Augsburger Rathaus Songs ihrer beiden Alben „Lieder aus der schmutzigen Küche“ sowie „Von Musen und Matrosen“ im Rahmen der Langen Brechtnacht vor.

Von Dr. Sabine Eisenreich

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Sarah Lesch im Rathaus (c) Nina Hortig


Unterstützt wurde sie dabei von dem Augsburger Benni Benson. Rund 200 Zuhörer ließen sich ein auf ihre Ideen von selbstloser Liebe, wahren Wünschen und echtem Glück, aber auch von Heuchelei, Gedankenlosigkeit und Ignoranz, von Langeweile, Streit und Scheitern. Man nimmt ihr die Botschaft ab, die sie verkündet, denn in Nebensätzen tauchen Erfahrungen auf, über die man länger nachdenken könnte. „Jeder erfüllte Wunsch ist dann auch zu Ende“; und darum, so Sarah Lesch, könne sie „jeden Morgen beim Toastbrot neu überlegen“, was sie machen solle. Das Wichtigste sei, singt sie, dass man stets „Fuß vor Fuß“ setze und seinen eigenen Weg gehe.

Etwas „too much“ war die präsentierte Lebenserfahrung für eine Dreißigjährige, „too much“ die Jugendsprache für den Inhalt der Songs, „too much“ Groupie-Stimmung für Gitarre, Mundharmonika sowie Ukulele mit Gesang und „too much“ Stimmengewalt für eine so zierliche Frau. Viel zu beanstanden gab es also nicht wirklich. Die Texte waren lyrisch und die Botschaft ganz klar. Nicht umsonst ist Sarah Lesch Preisträgerin des Troubadour Chansonpreises, des FM4 Protestsongcontests, des Preises der Hanns-Seidel-Stiftung sowie des Udo-Lindenberg-Hermann-Hesse-Panikpreises 2016.

Und natürlich steht die Frage im Raum, ob es sinnvoll ist, Sarah Lesch im Rahmen eine Brechtfestivals auftreten zu lassen. Diese Frage hat sich die ambitionierte Lyrikerin – als solche hat sie sich wirklich präsentiert – wohl selbst gestellt, denn sie erzählte, dass sie als Jugendliche einen Gedichtband Brechts bekommen und beim Lesen festgestellt habe, dass das Porno sei – „nur in Kunst“. Fazit einer unvoreingenommenen Zuhörerin: Eine kurzweilige Stunde auf einem äußerst harten Fußboden.



Lange Brechtnacht: Lost in USA; das Hollywooder Liederbuch

Zur Langen Brechtnacht 2017 gestalteten Franz Xaver Schlecht, Bariton (Berlin) und Bernhard Haselmann, Klavier (Augsburg) im Kulturhaus Kresslesmühle einen Liederabend mit der Musik von Hanns Eisler und Texten von Bertolt Brecht aus dem Hollywooder Liederbuch. Njamy Sitson (Augsburg/Kamerun) ergänzte mit percussiven Einwürfen und Texten, Regie führte Rike Reiniger.

Von Andrea Huber

Franz Xaver Schlecht, Bernhard Haselmann, Njamy Sitson v.l. (c) A. Huber (DAZ)

Franz Xaver Schlecht, Bernhard Haselmann, Njamy Sitson v.l. (c) DAZ


Mit dem Hollywooder Liederbuch, einer Kunstliedsammlung mit Texten größtenteils von Brecht, die Hanns Eisler 1942/43 unter dem Eindruck des Lebens im Exil in der Nähe von Hollywood komponierte, wollte Eisler unter anderem seine Sehnsucht nach der für ihn verloren gegangenen kulturellen deutschen Identität und das Unverständnis für das Geschehen in Europa zum Ausdruck bringen. Die Hollywooder Lieder für Gesang und Klavier weichen in ihrer ursprünglichen Form und Besetzung nicht vom klassischen Kunstlied ab und weisen musikalisch eine breite stilistische Vielfalt auf. Von klassisch-romantisch bis freitonal geben sich die Klänge, teilweise auch an Unterhaltungsmusik wie Schlager oder Blues orientiert – manchmal sogar beides ineinander verwoben.

Franz Xaver Schlecht intonierte mit seiner Baritonstimme sicher, in klarem Textvortrag und die Stimmung der Lieder eingefangen, so gut das in der für einen Liederabend eher kompakten Akustik der Kresslesmühle möglich ist. Bernd Haselmann am Klavier begleitete einfühlsam und improvisierte bei manchen Stücken in Kooperation mit Njamy Sitson, zuweilen jazzorientert. Njamy Sitson (Augsburg/Kamerun) ergänzte mit improvisatorischen Einwürfen, teilweise auch liedbegleitend und gab auf verschiedenen Percussion-Instrumenten und singend nicht nur einen Einblick in sein multiinstrumentales Können, sondern reflektierte unter der Regie von Rike Reiniger durch Textvorträge zwischen den Liederblöcken die existentielle Ausnahmesituation Geflüchteter, übertragen von den 1940ern ins Jahr 2017.

Eigentlich ist der intime Theaterraum der Kresslesmühle mit den von zwei Seiten die Bühne umschließenden Publikumsreihen sehr persönlich – näher am Künstler sein geht kaum. Gerade deshalb wäre etwas mehr Interaktion und Kontakt zwischen Künstlern und Publikum wünschenswert gewesen. Man vermisste bezugnehmende Worte zu den einzelnen Liedern, und die im Programmheft angekündigte “szenisch verdichtete Form” beschränkte sich im Wesentlichen auf die abwechselnde Besetzung in den einzelnen Stücken und den unterteilenden Textvortrag von Njamy Sitson.

Daher wirkte die Zusammenstellung der Lieder am Samstag etwas willkürlich, was aber wohl bereits der collagenartigen Aneinanderreihung der Lieder im Hollywooder Liederbuch – es gibt keinen inhaltlichen Bezug der Lieder untereinander – geschuldet ist. Dennoch, durch die geschickte Liedauswahl für den Augsburger Auftritt wurden großflächig verschiedenste Musikstile abgedeckt – von der Romantik über freie Tonalität bis hin zum Jazz und das Publikum war um eine neue Erfahrung im Kunstliedbereich reicher.



Lange Brechtnacht: The same and the same and the same

Same Old Song: Belangloses in der Soho-Stage

Von Dr. Sabine Eisenreich

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Soho-Stage: ideale Lokalität, schwache Performance


Show me the way tot he next Whisky-Bar“ erscholl es in der langen Brechtnacht auf zehn verschiedene Weisen in der SOHO-Stage. Darum war die Veranstaltung auch übertitelt mit „Same Old Song“. Alt ist das Lied wirklich, denn der Alabama Song wurde erstmals 1927 in Bertolt Brechts Hauspostille veröffentlicht. Die heute üblicherweise gesungene Fassung ist aus demselben Jahr und stammt von Brecht (Text) und Kurt Weill (Musik). Der Text der Brecht/Weill-Oper “Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny” erzählt von sechs Mädchen, die ihre Heimat verloren haben, auf dem Weg in die Stadt Mahagonny. Mädchen, die ihre einzige Überlebenschance darin sehen, sich an Männer zu verkaufen. Sie verabschieden sich vom Mond und damit von der Hoffnung auf ein besseres Leben, auf romantische Liebe und die Geborgenheit eines Elternhauses.

„I tell you we must die“, erklang es immer wiederim Soho-Keller: Verschiedene KünstlerInnen versuchten eine eigene Interpretation des Underdog-Klassikers, wobei es leider keinem gelang, der von Weill konzipierten Solostimme Jennys auch nur annähernd nahezukommen. Es fehlte den einzelnen Darbietungen gerade die Vielschichtigkeit des Originals und die Sublimität der Botschaft. Die bekannteste Coverversion stammt von The Doors und wurde 1967 auf dem Album The Doors veröffentlicht. Jim Morrison änderte die zweite Zeile von „Show us the way to the next pretty boy“ auf „Show me the way to the next little girl“. Diese Form wählte der erste Künstler, der von einer älteren Dame am Klavier begleitet wurde und dem Song durch seine Tenor-Stimme eine beschwingt-feierliche, pathetische Note gab.

Dies war bereits auch das Highlight des Abends, der sich über mehr als zwei Stunden hinzog und zunehmend an Originalität verlor. Das junge Publikum mag diesbezüglich anderer Meinung sein, aber die Kombination von Tristess und Zynismus blitzte nur anfänglich auf in dieser Nacht, die Bert Brecht gewidmet war.  Dabei war die Lokalität außerordentlich gut gewählt: Das SOHO-Stage, ein heruntergekommener Kellerraum, der nur durch eine steile und dunkle Treppe erreicht werden kann, bietet außer seinem Rotlichtflair die muffige Enge eines Etablissements, das die Bezeichnung „Bar“ nicht verdient. Hier hätte der Originalsong tatsächlich aufgeführt werden können.

Am Samstag quetschten sich auf den etwa 50 Quadratmetern etwa 80 Jugendliche, die man lediglich mit rockigen und lauten Darbietungen fesseln konnte. Schade eigentlich, denn die Idee ist gut. Doch anscheinend passt ein Lyriker wie Bert Brecht auch heute nicht in die gängigen Formate sogenannter kultureller Veranstaltungen. Denjenigen, die sich für wirklich originelle Interpretationen des Alabama Songs interessieren, finden im Netz genug Anregungen: „Das Lied wurde bereits 1964 von Dave Van Ronk gecovert. Eine Coverversion von David Bowie übernahm die Originalzeile aus der Hauspostille „Show us the way to the next whiskey bar“, die in der Oper auf „Show me the way to the next whiskey bar“ geändert wurde. Der britische Jazzmusiker Mike Westbrook hatte das Stück in den siebziger Jahren regelmäßig in seinem Live-Repertoire. Weitere Versionen stammen unter anderem von Bette Midler, Dalida, The Young Gods, Tim Fischer, Abwärts, Johnny Logan, Viza, Guesch Patti & Scorpions, Eric Dolphy & John Lewis, Esther Ofarim, Marianne Faithfull, Milva und Marilyn Manson. Es gibt auch eine Instrumentalversion mit Akkordeon und singender Säge von Otto Lechner mit dem 1. strengen Kammerorchester (1991)“, so die Tipps der Online-Enzyklopädie Wikipedia.