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Faust auf der Brechtbühne: Alles Show und Entertainment

Mal wieder ein frischer Anstrich für den Klassiker Faust: Christian Weise belebt die Brechtbühne mit viel Technik, hervorragenden Darstellern und – Spaß. Denn alles ist Entertainment auf Erden und Mephisto wird zum Manager für ungewöhnliche Wünsche.

Von Halrun Reinholz

Oscar Olivo als Entertainer (c) Kai Wido Meyer

Ein Entertainer mit einem schwarzen Pudel auf dem Kopf klopft tagesaktuelle (Trump-) Sprüche in gekonntem Show-Amerikanisch und erzählt, wie Amerikaner sich einem Buch wie dem „Faust“ nähern: Sie warten, bis es verfilmt wird. Genau das wird nun auf der Brecht-Bühne zelebriert. Der legendäre Faust-Film von 1960 in der Regie von Gustaf Gründgens wird szenenweise an die Wand projiziert und von den Darstellern synchron nachgespielt. Bei dem Sprechtempo der Filmvorlage und dem gestenreichen „großen Spiel“ der Filmdarsteller ist das zuweilen eine echte Herausforderung, die nicht frei von Komik daherkommt.

Regisseur Christian Weise ist in Augsburg kein Unbekannter. Er hat bereits Brechts Heilige Johanna der Schlachthöfe poppig in Szene gesetzt und auch Tschechows Platonow war in einer sehr kurzweiligen Version zu erleben. Man weiß, dass Weise nicht dazu neigt, die Stücke zu ernst zu nehmen oder angesichts ihrer Bedeutung in Ehrfurcht zu erstarren. Auch beim sakrosankten Faust-Stoff konnte man das nicht erwarten. Dennoch ist es zunächst gewöhnungsbedürftig, sich in einer Entertainment-Show wiederzufinden, die die pathetisch-manierierten Film-Gesten legendärer Schauspieler karikiert. Das einerseits. Und andererseits: Weise nimmt den Faust sehr wohl ernst. Sowohl den Klassiker von Goethe, der bei aller Verfremdung hauptsächlich Originaltext aufweist, als auch die meisterhafte Inszenierung von Gründgens, die freilich auch einem anderen Zeitgeist entspricht. Auch dieser ist Thema der Inszenierung: Gründgens und die Marthe-Darstellerin Elisabeth Flickenschild werden auch in Interviews gezeigt, wo sie nach ihrer Haltung in der Nazi-Zeit befragt wurden. Die reine Kunst, heißt das wohl, abgehoben von der gesellschaftlichen Realität, gibt es nicht und die Anspielungen auf das heutige Amerika zeigen einen weiteren Aspekt davon. Aber Kunst als Gegenentwurf, das schon.

Jessica Higgins vor Gustaf Gründgens (c) Kai Wido Meyer

Ganz klar: Weise versucht (wie so viele), den Faust aus dem verstaubten Bücherschrank des Bildungsbürgertums zu holen und die zweifellos allzeit gültigen Fragen dieses Stoffes zeitgemäß zu stellen: Die Verantwortung des Wissenschaftlers, die Ethik des Zusammenlebens – das ist alles aktueller denn je. Borniertheit und Leichtsinn, Leichtgläubigkeit und Populismus gedeihen im „finsteren“ Mittelalter genauso wie in der Spaßgesellschaft des Entertainments. Deshalb wohl der Griff auf das Stilmittel des „Re-Enactments“, der „Nachstellung“ des Gründgens-Films. Der Regisseur spart nicht am Einsatz von Videotechnik – außer dem Gründgens-Film werden zuweilen auch die aktuellen Akteure per Live-Kamera (Laura Brucklachner) parallel an die Wand gebeamt. Aber auch Musik (live: Jens Dohle) und Soundeffekte sind wohl kalkulierte Elemente der Inszenierung. Diese lebt aber nicht zuletzt ganz entscheidend von den Darstellern, die die Idole auf der Leinwand imitieren, konterkarieren aber auch karikieren – ohne dabei despektierlich zu sein.

Wie meistens bei Faust ist der wahre Hauptdarsteller Mephisto, der „böse“ Gegenpart des ständig unzufriedenen Suchenden. Jessica Higgins verkörpert das Teuflische nicht nur mit schaurig-schöner Gesichtsbemalung, sondern auch mit High-Heels und selbstbewusst-flapsigem Auftreten durchaus kongenial zum großen Gründgens. Wie eine gute Managerin erfüllt sie klaglos die immer dreisteren Wünsche ihres „Chefs“ – sie hat ja schließlich eine Wette zu gewinnen. Alexander Darkow zeigt sich als facettenreicher Faust. Ute Fiedler ist trotz der blonden Perücke und ihrer mädchenhaften Figur doch ein sehr „reifes“ Gretchen. Bei der Liebesgeschichte übertreibt Weise etwas mit seinem Vexierspiel, lässt die Darsteller im „Schnelldurchlauf“ wie ein vorspulendes Band nur Wortfetzen sagen, reduziert den Zwiespalt der Gefühle auf ein nichtssagendes „Blabla“, wo durchaus dramatisches Potenzial und auch genügend Goethe-Text vorhanden gewesen wäre. Das ist schade, auch für die Darsteller. Spielen doch auch in der Welt des schönen Scheins die großen (wenn auch nicht immer echten) Gefühle eine wesentliche Rolle.

Immerhin hat Ute Fiedler in der Gefängnisszene Gelegenheit, ihr differenziertes Rollenverständnis zu zeigen und ernst genommen zu werden, sonst hätte man sie nur als dummes, leicht verführbares Blondchen in Erinnerung behalten. Die anderen Darsteller sind in wechselnden Rollen zu sehen. Besonders skurril: Klaus Müller (unter anderem) als Marthe mit roter Perücke. Gregor Trakis, Anton Koelbl und Marlene Hoffmann wechseln ebenfalls die Rollen und zeigen in dem Komödienspiel Frische und Vielseitigkeit. Der amerikanische Entertainer (Oscar Olivo als Gast) bildet die Klammer und unterbricht die Handlung immer wieder in Richtung Publikum. Dieses wird etwa dazu aufgefordert, den „Osterspaziergang“ karaoke-mäßig mitzusprechen, was übrigens weder dem Osterspaziergang, noch dem Stückverlauf wirklich gut tut.

Diese wiederholten Ausgriffe auf die Realität der Mitmach-Gesellschaft sind mal mehr, mal weniger gelungen und in ihrer Funktion nicht immer nachvollziehbar. Zuweilen hat man den Eindruck, es gehe dem Regisseur nur um Lacheffekte. Oder soll das nur darauf hinweisen, dass Faust ursprünglich vom Volkstheater kommt, von der Puppenbühne? Der gelernte Puppenspieler Weise sieht das vielleicht so. Aber es vereinfacht doch allzusehr. Auch hätte die Handlung nicht unbedingt auf unter zwei Stunden gestrafft werden müssen – auch wenn die Gegebenheiten auf der Brechtbühne für aufwendige Inszenierungen mit Umbaupause eher wenig geeignet sind.

Dennoch, bei allen Abstrichen ist der Abend ein Gewinn. Kein Faust für Puristen, aber einen Besuch wert. Und die Botschaft am Ende, ganz klar: Wenn Faust 2 verfilmt wird, folgt auch hier die Fortsetzung.