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Was schert sich der Markt um die Menschenwürde?

Kinoverleiher Michael Hehl stellt den bemerkenswerten Film „Der Wert des Menschen“ im Liliom vor.

Von Sophia Winiger

Wie nimmt einer die Welt wahr, der seit fast zwei Jahren keine Arbeit findet? Der zu alt ist für eine neue Laufbahn, aber zu jung für die Rente? Dem die kalte Distanziertheit des kapitalistischen Systems entgegenschlägt, in Form sich häufender Absagen, schrumpfender Finanzen, erzwungener Verkäufe, sodass in der Existenznot das Lebenswerk den Bach hinunterzugehen droht? Und wie nimmt die Welt so jemanden andererseits wahr? Deckt sich das Bild? Stéphan Brizés Drama „Der Wert des Menschen“ befasst sich porträthaft mit dem Kampf gegen eine Situation, deren Last den Protagonisten kampfunfähig zu machen droht. Am Samstag hat der Augsburger Kinoverleiher Michael Hehl „seinen“ neuen Film im Liliom vorgestellt. Anschließend gab es ein Publikumsgespräch.

Held oder Antiheld?

Michael Hehl

Michael Hehl


Thierry Taugourdeau (Vincent Lindon) steht im Zentrum des Films. Er wirkt passiv, ist schweigsam in sich gekehrt – hat er aufgegeben, oder ist „Ihr könnt mir alle kreuzweise den Buckel runterrutschen“ auch eine Kampfhaltung? Thierry ist 50 Jahre alt, seit 20 Monaten auf Arbeitssuche, hat eine Frau und einen behinderten Sohn zu versorgen. Gutmütig erscheint er, als er für die Berufslaufbahn seines Sohnes einen weiteren Kredit aufnimmt, aller Schwierigkeiten zum Trotz. Ausnutzbar, unterordnend aber auch, als die Bankangestellte ihm zusätzlich eine Lebensversicherung aufdrücken will: „Was ist wenn Ihnen etwas zustößt? Ich meine ja nur.“ – „Mhm.“ Als Zuschauer hält man Thierrys Phlegma kaum aus, nicht weil man ihn verachtet, sondern weil er trotz allem der Sympathieträger, der Gute in der Geschichte ist, den man wachrütteln und wieder in den Vollbesitz seiner Handlungsmöglichkeiten bringen will. (mehr …)