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Brechtfestival: Nachruf auf Brecht

Ein „familiäres Beisammensein“ im städtischen Wohnzimmer zum Abschluss des Festivals

Von Halrun Reinholz



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Max Moor, Meret Becker, Dominique Horwitz, Thomas Thieme, Joachim Lang (v.l.)


Die Technik im Goldenen Saal hat während des Brechtfestivals bereits Probleme bereitet, auch am Sonntagnachmittag wieder, als Festivalleiter Joachim Lang sich vom Augsburger Publikum mit einem „Nachruf auf Brecht“ verabschiedete. Mit ihm am Podium saßen prominente Gäste: Thomas Thieme, Meret Becker und Dominique Horwitz, charmant moderiert vom ttt-Mann Max Moor. Der Goldene Saal war mit Bedacht gewählt, wie Lang zugab:

Die gute Stube der Stadt. Gebaut, um der Welt zu zeigen, wie reich und mächtig Augsburg einst war. Der Nachruf auf Bert Brecht war als Schluss- und Höhepunkt  des siebten Festivaljahres von Joachim Lang konzipiert, der das Leben und Wirken Brechts nun von allen Seiten und zuletzt chronologisch beleuchtet hatte. Die Akteure waren alle nicht zum ersten Mal in Augsburg dabei. Sie waren immer bereitwillig gekommen, hochkarätige Zugpferde zur Freude des Brecht-affinen Publikums. So stand zwar formell Brecht im Mittelpunkt, aber man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass es eigentlich um die Leistungsschau des Festivalmachers ging. In vertrautem Plauderton erzählten die Schauspieler von  ihrer „Initialzündung“ in Sachen Brecht, Dominique Horwitz kokettierte gar damit, dass er ihn zunächst „nervig“ fand. Thomas Thieme, DDR-sozialisiert, hatte freilich einen anderen Zugang zu ihm als die „westlich kommunistisch“ erzogene Meret Becker. Der in Frankreich aufgewachsene Dominique Horwitz findet, dass Brecht in Deutschland zu wenig „mediterran“ interpretiert wird. Seine Darbietungen zeigten, dass er irgendwie versucht, dieses Mediterrane bei Brecht zu enthüllen. Vielleicht bleibt dabei aber auch ein bisschen Brecht auf der Strecke. Thomas Thieme, der mit „Baal“ und mit „Galilei“ bei Brechtfestivals beeindruckt hatte, versuchte sich als Sänger. Trotz der musikalischen Unterstützung durch seinen Sohn Arthur und trotz eindrucksvoller Inszenierung der „Kinderhymne“ hätte man sich gewünscht, er hätte gesprochene Texte gewählt. Meret Becker hatte tatsächlich in den Schubladen ihrer Kindheit gekramt und auf die klassischen „Brecht-Hits“ verzichtet. Sie zeigte sich erfrischend kreativ und brachte als Begleitung zu ihrem Gesang eine Säge gekonnt zum Klingen. Zum Abschluss trug sie das Gedicht vom „Kinderkreuzzug“ vor – nicht nur der aktuelle Bezug erzeugte bei den Zuschauern Gänsehaut. Drei ganz unterschiedliche Versuche an und über Brecht.

Zweifellos große Künstler, die da versammelt waren. Brecht-Kenner und Akteure mit viel Erfahrung. Aber man hatte trotzdem das Gefühl des Déjà-vu. Ähnliche Runden gab es jedes Jahr, die Künstler waren mit einigen Variationen immer die gleichen, eine „Stamm-Besetzung“ des Festivalleiters sozusagen. Deshalb der familiäre Abschied. Das Publikum feierte Lang und die Schauspieler und applaudierte dankbar,  oder gar demonstrativ?  Mal sehen, ob die „Familienverhältnisse“ sich im nächsten Jahr ein bisschen ändern.

—— Foto: Christian Menkel