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Fusion: Bürgerinitiative scheitert mit Klage gegen Stadtratsentscheidung

Das Augsburger Verwaltungsgericht erklärt Ablehnung des ersten Bürgerbegehrens „Augsburger Stadtwerke in Augsburger Bürgerhand“ für rechtmäßig.

Mit der heutigen Klageabweisung durch das Verwaltungsgericht Augsburg war die Ablehnung der Durchführung eines Bürgerentscheids („Augsburger Stadtwerke in Augsburger Bürgerhand“) in der ersten Fassung durch den Stadtrat rechtskonform.  „Damit wurde die Rechtsauffassung der Stadt Augsburg bestätigt. Durch das Urteil des Verwaltungsgerichts wird auch deutlich, dass die Stadtratsentscheidung den für einen Bürgerentscheid einschlägigen rechtlichen Vorgaben entsprochen hat“, so Augsburgs Oberbürgermeister Dr. Kurt Gribl. Hintergrund dieser Stellungnahme ist eine Klage der Bürgerinitiative, die sich gegen eine geplante Fusion zwischen Erdgas Schwaben und der Energiesparte der Stadtwerke mit einem Bürgerbegehren gestemmt hatte, dessen vorausschauende Fragestellung samt Begründung vom Stadtrat für unzulässig erklärt wurde.

Daraufhin startete die Bürgerinitiative ein zweites Begehren, das vom Stadtrat zugelassen wurde und zu einem Bürgerentscheid führte, der die Fusionspläne der Stadtregierung verhinderte.



Brechtfestival: Arturo Ui zum Abschluss

Die Inszenierung aus Weimar überzeugte nur im zweiten Teil

Von Frank Heindl

Arturo-Ui-Regisseur Christoph Mehler (Foto: Brechtfestival).

Arturo-Ui-Regisseur Christoph Mehler (Foto: Brechtfestival).


Trust, das sei, erklärt der Duden, der „Zusammenschluss mehrerer Unternehmen unter einer Dachgesellschaft, meist unter Aufgabe ihrer rechtlichen und wirtschaftlichen Selbstständigkeit, zum Zwecke der Monopolisierung.“ Dass auch ein Staat wie ein Wirtschaftsunternehmen funktioniert und dass mithin der Faschismus eine wenn nicht zwingende, so doch logische Option des Kapitalismus sein kann – das ist eine der Thesen, die Brecht mit seinem Stück über den „Aufstieg des Arturo Ui“ darlegen wollte. Zum Abschluss des Brechtfestivals zeigte ein Gastspiel die Ui-Inszenierung des Deutschen Nationaltheaters Weimar.

Um es gleich vornweg zu sagen: Die erste Hälfte der Inszenierung hätte sich am liebsten erspart, wer zwei Tage vorher und ebenfalls im Großen Haus Christian Friedels radikal gekürzte, aber umso prägnantere Inszenierung desselben Stück gesehen hatte. Diese rasante und spannungsgeladene Interpretation im Hinterkopf, erschien die erste Stunde der Weimarer Fassung geradezu langweilig. Präzise hielt  sich diese Fassung an Brechts Text, doch schon beim Prolog angefangen wurde der uninspiriert und künstlich aufgesagt – um nicht zu sagen: heruntergehaspelt – und dann auch noch mit schwachen Kalauern à la „Arturo Ui – uiuiuiuiui!“ angereichert. Im Gegenzug machte sich Regisseur Christoph Mehler nicht mal die Mühe, Begriffe wie die „Thompson-Kanone“ in ein verständliches Gegenwartssprache zu übersetzen – als ob man das Maschinengewehr der 20er-Jahre-Gangster nicht einfach Maschinengewehr hätte nennen können.

Gangsterdrama im Outfit der Unternehmensberatung



Ähnlich uninspiriert fühlte sich die Inszenierung in vielen Teilen an, bis hin zur gefahrvoll dräuenden Hintergrundmusik, die so oft gar nicht dem entsprach, was da auf der Bühne gezeigt wurde, bis hin auch zu sehr viel Geschrei, dessen Inhalt möglicherweise bedrohlicher geklungen hätte, wäre er leise vorgetragen worden. Ein verbindlicher Tonfall hätte auch weit besser zum übergeordneten „Unternehmensberatungs-Outfit“ gepasst, das Mehler dem Gangsterdrama verpasst hatte: Eine große Tafel im Hintergrund annoncierte treffend die Begriffe jener Branche, die die Methoden wirtschaftlicher Eroberung, seien sie noch so erpresserisch, mit euphemistischen Wohlfühlparolen à la „Investment“, „Emotion“, „Performance“ oder „Credibility“ verbrähmt.

Je mehr sie sich auf die Suche nach einer eigenen Sprache machte, desto stärker wurde die Inszenierung. Anleihen beim Stummfilm, als man Ui in Anlehnung an Charlie Chaplins „Großen Diktator“ mit einem Kohlkopf Weltherrscher spielen ließ, zeigten erstmals das Bestreben Mehlers, mehr zu zeigen als den historischen Brecht. Anders als bei Chaplin, wo der Luftballon-Erdball schließlich einfach platzt, zerschmettert der Weimarer Ui nicht nur seinen Kohlkopf in rasend-sadistischer Wut, sondern wirft die Reste dann auch noch einem seiner menschlichen Bluthunde zum Fraß vor – ein drastisches Bild und doch harmlos in Anbetracht dessen, was auf Ui-Hitlers Machtergreifung folgen sollte. Nun wurde jedenfalls die Inszenierung nach und nach mutiger, wurden im Bühnenhintergrund Fackeln entzündet, die durchaus gegenwartsbezogene Bilder evozierten.

„Zugriff“ – und Österreich wird vergewaltigt



Während Ui sich in einen modernen Wirtschafts-/Politik-Manager verwandelte, verteilten sich Zustimmung brüllende Claqueure im Publikum, ertönen „Jetzt wird aufgeräumt“-Rufe und wird der „Zugriff“ angekündigt und wenig später der „Anschluss“ Österreichs in erneut eindeutigen Bildern als Mixtur aus Verführung und Vergewaltigung gezeigt: Während Betty Dullfeet sich noch ernsthaft sträubt, entkleidet sie sich doch gleichzeitig schon, und bemerkt zu spät, wem sie das Bett bereitet hat. Kurz darauf schon liegt sie auf dem Leichenstapel, den Ui an den Bühnenrand schleppt, bevor er vom meterhohen Rednerpult herab sarkastisch und im Besitz der Macht verkündet: „Nun dürft ihr wählen.“ Seinen „Trust“ hat Ui nun, über den wirtschaftlichen Zusammenschluss ist er zum politischen Monopol gelangt – Mehlers Inszenierung sparte, wie zuvor die von Friedel, die historisch detaillierten Bezüge und Anspielungen Brechts aus und machte Ui zum heutigen Manager eines verbrecherischen Polit-Syndikats. An der Spitze dieses „Staats-Trusts“ angekommen, kann Ui nun er seiner geopolitischen Ziele von Minneapolis über Damaskus bis New York verkünden. Warum diese Aufzählung allerdings in den RAF-Schlachtruf „Der Kampf geht weiter“ mündet, mag verstehen wer will.

Reger Applaus für eine Inszenierung, die im ersten Teil enttäuschte, im zweiten deutlich Fahrt aufnahm und als Schluss des Brechtfestival 2016 noch einmal Diskussionsstoff bot.



Brechtfestival: Steinbrocken von Brecht und anderen

Musikkabarettist Gunzi Heil sucht Brecht zwischen Jim Morrison und Konstantin Wecker

Von Halrun Reinholz

Gunzi Heil

Gunzi Heil


Der Mann mit den langen blonden Haaren sitzt am Klavier und haut in die Tasten – auch dann, wenn er eigentlich grad was erzählt. Von Brecht und seinem Grabstein, aber da hat er schon den Stein losgetreten, der das Kabarettprogramm über fast zwei Stunden als Fixpunkt begleitet: Alles lässt sich auf Steine zurückführen und der Kabarettist sieht es als seine Aufgabe an, die Brocken, die uns Brecht mit seinem Werk „hingeworfen“ hat, zu sichten und in neue Zusammenhänge zu bringen. Galileo Galilei zum Beispiel, der hat auch Steine vom Turm herab geworfen, um seine Theorie zu beweisen. Und Einstein, ein weiterer Wissenschaftler, hat auch den Stein im Namen. Brecht sei quasi „der Einstein der neuen Bühnenform“ geworden und Vorbild für viele, die heute noch an seinem Werk zehren – etwa Drafi Deutscher mit seinem bekannten  „Mineralienkunde-Lied“, wo bestimmte Steine zu Bruch gehen. Mit atemberaubenden Tempo knüpft Gunzi Heil die Fäden der Assoziation – natürlich nicht nur verbal, sondern mit bester Musikuntermalung. Von „Rock around the clock“ bis Peter Maffay („Und es war Sommer“) ist der Weg nicht weit: Maffays Lied ist nur eine Adaption des Pflaumenbaum-Gedichtes mit der weißen Wolke und weiter geht es „über den Wolken“ bis zu den „weißen Wolken“ (mal nicht Tauben), die „müde“ sind. Von der Liebe zum Geld, als Helge Schneider verkleidet gab er „Vom Geld“ zum besten. Vom Geld zum Trinken (ein Lied zur Klampfe mit der Bierflasche „gezupft“ , davor noch „the way to the next whisky bar“), zum Krieg, zur Flucht, zur Zivilcourage (Konstantin Weckers Willi), zum Frieden, zum „Stern, der deinen Namen trägt“. Selbst von „Atemlos“ konnte  eine Brücke zu Brecht gebaut werden, denn „Helene war wichtig für Brecht“. Mit intelligentem Witz zeigte der studierte Literaturwissenschaftler, dass er sich bei Brecht auskennt, die Brücken wirkten niemals verkrampft. Höhepunkt der Darbietung war zum Schluss die Performance von „Professor Zweistein“ auf der Puppenbühne, der über die „dritten Zähne“ des Haifischs kalauerte und das „Kukident-Zeitalter der Brechtforschung“ verkündete, das jedoch keinesfalls ohne „Brechtreiz“ sei.  Ein vergnüglicher Sonntagvormittag am letzten Tag des Brechtfestivals.



Lange Brechtnacht: Tango im Hoffmannkeller und überall lange Schlangen

Was hat Brecht mit Tango zu tun? Na ja, auch Tango entstand in den Rotlichtbezirken, in einem Ambiente, das auch Brecht gern zur Folie nahm. Mackie Messer in Buenos Aires? Warum nicht?

Der Schauspieler Sebastian Arranz, seit letztem Jahr schon Ensemblemitglied des Theaters, ist zufällig Argentiner. Deshalb kam er wohl auf die Idee, den Gästen des Brechtfestivals „Más que Tango“   mehr als Tango, näher zu bringen.  Zum Glück weihte er das Publikum zunächst ein und übersetzte den Text, den er danach auf  spanisch sang. Jorge L. Borges besingt den Zuhälter Nicanor Paredes und da ist Mackie Messer nicht weit. Und übrigens kann Sebastian Arranz, der Latin-Lover Typ und Frauenschwarm des Ensembles  den auch. Begleitet wurde er natürlich stilvoll auf dem Bandoneon von seinem Landsmann Ezekiel Lezama Camilli,  aber auch von Iris Lichtinger am Klavier und Martin Franke auf der Geige. Ein sehr reizvolles musikalisches Programm, weit ab vom Tango-Klischee.

Impressionen von der Brechtnacht: Viel Angebot, aber auch Engpässe

Wer es nicht rechtzeitig zum Hoffmannkeller geschafft hatte, für den gab es noch die Chance einer zweiten Vorstellung um 22 Uhr. Auch in Brechts Bistro mussten viele enttäuscht wieder abziehen, bereits mehr als eine Stunde vor dem Auftritt von Christel Peschke mit Geoffrey Abbott war alles dicht. Die beiden Vorstellungen im Großen Haus, zunächst Christian Friedel, danach Sophie Hunger, waren ebenfalls voll. Vor dem Theater musste man durch die „Bertolt-Brecht-Straße“ mit Hiphop-Vorführungen, im Theaterviertel stieß man auf die Künstler von Rapucation und Pan.Opticum. Das frühe Programm der Brechtbühne (Hikmet/Brecht), in die sich viele mangels Alternative verirrten, konnte wohl nur bedingt überzeugen, zumindest  gab es eine große Besucherfluktuation. Das ist der Reiz, aber auch der Fluch des Überangebots, dass man als Besucher ständig  dem Angebot hinterher hechelt, um dann doch vor verschlossenen Türen zu stehen. Ob im Jazz-Club oder den verschiedenen Kneipen im Theaterviertel – überall viel Volk unterwegs, bis tief in die Nacht. Diese war recht mild, vielleicht hat es sich tatsächlich gelohnt, das Brechtfestival nach hinten zu verschieben. Ein ruhender Pol war die „Zentrale“ im Alten Stadtarchiv, wo es zumindest zuverlässig Ess- und Trinkbares gab (hervorragende Pizzakreationen, leider ohne Perspektive in Augsburg).



Brechtfestival: Was plant Bananenbär?

Genosse BB unter Beobachtung der Stasi: Auch beim diesjährigen Brechtfestival scheuten die bluespots Productions keinen Aufwand, um das Thema des Brechtfestivals „spielend“ nachvollziehbar zu machen.

Von Halrun Reinholz

Es heißt, Bertolt Brecht sei nach Augsburg zurückgekehrt, um sich hier in die Kulturszene einzumischen. Ist das wahr? Und kann das der DDR schaden? Um das Geschehen mit Argwohn zu beobachten, hat sich der Staatssicherheitsdienst in Augsburg einquartiert. In der „Zentrale“ laufen die Ermittlungsfäden zusammen. Jede Beobachtung ist wichtig, deshalb werden IMs rekrutiert und mit Aufgaben versehen. „Im festen Vertrauen auf Ihre politisch operative Zusammenarbeit“ erhält IM „Lachnur“ Aufträge, um „Bananenbär“ zu beobachten. „Morgen 11 Uhr geheimer Termin von BB bei der Stadtsparkasse zwecks Geldzuwendungen. Tarnen Sie sich als Azubi.“ Ein V-Mann bei der Bank wird als Ansprechpartner empfohlen. Es geht schließlich um die alles entscheidende Frage: Ist BB ein Staatsfeind oder ein Staatsfreund?

„Das große Spitzel Spiel“ hat das Ensemble bluespots productions zum Brechtfestival 2016 inszeniert. In der „Stasi-Zentrale“ (das alte Stadtarchiv kann die Atmosphäre abgewohnter Büroräume wunderbar vermitteln) wird die Frage des Verhältnisses von Brecht und der DDR thematisiert. Was die IMs zusammengetragen haben, soll in der Langen Brechtnacht ausgewertet werden. In allen Räumen findet Aktion statt. Eine (sehr laute) Musikperformance verarbeitet gesprochene Tondokumente von Bertolt Brecht mit Gitarrenbegleitung und endlosen Wiederholungen kreativ. Eine „Schlangentänzerin“ schlängelt sich durch die Zentrale. In einem Raum wird Brecht geprobt: Puntila und sein Knecht Matti. Ein Bücherregal lädt zum Schmökern ein: Alles von oder über Brecht. Daneben hängen Kopfhörer, man hört Gesprächen zu, die wo auch immer stattfinden. Der Höhepunkt ist natürlich das reich mit DDR-Devotionalien ausgestattete Büro des Stasi-Chefs, den Linus Förster mit grauer Perücke und Schnurrbart autoritär mimt. Beim „Verhör“ leuchten seine Brillengläser furchterregend, denn da sind Lampen integriert. Das Formular, das man als IM unterschreiben muss, hat einen beeindruckenden DDR- Stempel. Der „dienstbeflissene Hauptmann Wuttke“ mit Hut und (Tarn-) Mantel sorgt für den geregelten Ablauf der IM-Befragungen und Rekrutierungen. BB selbst (Leif Eric Young) ist anwesend und liest, von IM Uwe unterstützt, ungläubig aus Berichten über ihn vor. Wie bei der „Exil“-Erfahrung im Bahnpark im letzten Jahr fließen Realität und Fiktion zusammen. Real ist jedenfalls das Angebot an Essen und Getränken in der Zentrale. Letztere durchaus DDR-nostalgisch: Köstritzer Schwarzbier, Erlauer Stierblut. Das Essen zum Glück nicht: Die kreativen Pizzas der Firma MAKI (leider nicht in Augsburg ansässig) waren für so manchen Festivalbesucher durchaus ein Grund, die Zentrale zwischendurch öfter aufzusuchen: „Kässpatzen-Pizza mit karamelisierten Zwiebeln“, „Leberkäs-Pizza mit Mango Chutney“ oder „Ziegenkäse-Pizza mit Rote Bete“, alle mit dem „handgemachtesten“ (und köstlichen) Teig der Stadt, kann man selten irgendwo bekommen.

Wie es ausging mit Bananenbär? Laut  Abschlussbericht ist er zu 37% ein Staatsfreund und zu 37% ein Staatsfeind. 25% der IM konnten „keine politische Haltung Brechts im Sinne der anzustrebenden Weltkulturrevolution erkennen“. Fazit der Stasi: Die kulturelle Revolution in Auxburg steht noch bevor. Oder, um es mit Brecht zu formulieren: Vorhang zu und alle Fragen offen.

——Foto: Nina Hortig