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Lange Brechtnacht: Arturo Ui auf den Punkt

Christian Friedel schälte den Kern aus Brechts Hitler-Drama



Das war knapp, hart, deutlich. In einer auf nur eine Stunde Spielzeit zusammengestrichenen Fassung zeigte der Schauspieler Christian Friedel Brechts „Aufstieg des Arturo Ui“ radikal auf den Punkt gebracht und schälte dabei auch den Kern heraus: Brecht ging es ja nicht nur um eine Nacherzählung von Hitlers Aufstieg, sondern auch um eine Parabel auf Faschismus und Raubtier-Kapitalismus schlechthin.

Von Frank Heindl



Vom Blumenkohl zur Weltherrschaft: Christian Friedels „Arturo Ui“ ließ offen, ob Ui „nur“ Hitler ist oder ob er für das System des Faschismus schlechthin steht. (Foto: Frank Heindl).

Vom Blumenkohl zur Weltherrschaft: Christian Friedels „Arturo Ui“ ließ offen, ob Ui „nur“ Hitler ist oder ob er für das System des Faschismus schlechthin steht. (Foto: Frank Heindl).


Wenn man letzteres in Betracht zieht, dann ist es eigentlich kein Problem, die ganzen detaillierten historischen Bezüge, die Brecht in faszinierender Detailgenauigkeit und Recherchegründlichkeit in seinen „Ui“ eingebaut hat, einfach zu ignorieren. Dann ist es gar nicht wichtig, dass mit dem schwächlichen Dogsborough Hitlers Wegbereiter Hindenburg gemeint war, dass Herr Dullfeet jenen österreichischen Kanzler meinte, der den „Anschluss“ seines Landes ans „Reich“ befürwortet, Zwang dabei aber eher abgelehnt hatte. Dass Roma für Ernst Röhm steht, ein enger und langjähriger Vertrauter Hitlers, den dieser in der Konsolidierungsphase der NSDAP kurzerhand ermorden ließ, um die eigene politische Linie endgültig durchzusetzen.



Verschnaufpause bei Shakespeare


Dies alles ist funktioniert nicht nur bei Nazis so, sondern auch bei allen anderen Gangsterbanden dieser Welt und, in mannigfaltigen Abwandlungen, selbstverständlich auch überall dort, wo Politik, Macht und wirtschaftliche Interessen ad hoc und mit Gewalt durchgesetzt werden. Und das zeigte Christian Friedel in seiner One-man- plus One-woman-Show sehr genau. Die Frau an seiner Seite ist die ebenso wandel- wie wunderbare Schauspielerin Lisa Wagner. Sie tritt in vielerlei Rollen auf und darf dafür nur jeweils kurz mal die Perücke wechseln, sie brilliert vor allem als Schauspiellehrerin, bei der Ui am Beispiel einiger Textstellen aus Shakespeares „Julius Caesar“ lernt, wie man schreitet, spricht und sitzt, wenn man die Massen in den Griff kriegen will. Grundrezept: Die „große Geste“ und ein griffiger Refrain: „Brutus ist ein ehrenwerter Mann“ – beides bei Shakespeare zu finden und von Brecht effektvoll auf den Ui angewandt, der auf diese Weise vom polternden Rüpel zum rüpelnden Staatsmann wird und, am Vorbild Hitler orientiert, genau aus dieser feinen Nuancierung seinen Gewinn schlägt.



F
riedel hat neben Lisa Wagner auch noch seine Band “Woods of Birnam“ mitgebracht – der Bandname ist ebenfalls ein Shakespeare-Zitat. Sie unterstützt Friedel beispielsweise dabei, das Stück mit einem grellen Schrei zu eröffnen und dann immer wieder Druck zu machen, wenn die Situationen eskalieren – und das ist oft, denn Friedel hat den Ui als permanente Eskalation inszeniert. Die Schauspielunterrichts-Szene ist denn auch nur eine kleine burleske Verschnaufpause zwischen Intrigen und Morden, zwischen Hallen-(bzw. Reichtags-)brand und Freundesverrat. Kaum eine Stunde ist vergangen, als Ui, von Sieg zu Sieg geeilt, schon seinen Anspruch auf alle relevanten Städte Nordamerikas hinausbrüllt, seinen Anspruch auf die Weltherrschaft mithin – und auch das tut er nicht nur als Ui, sondern auch als Hitler, nicht nur als Chef des Karfiol-(=Blumenkohl)-Trusts, sondern auch als ideeller Gesamtkapitalist. Zwischendurch kam er uns mit seiner blödsinnigen Schreierei auch ein bisschen wie Donald Trump vor. Aber das gehört hier wohl eher nicht hin.  Viel Applaus für das Musiker-Schauspieler-Team und einen tollen Brechtabend.



Lange Brechtnacht: Sophie Hunger begeistert

Ein beeindruckendes Konzert weit abseits des Gewöhnlichen



Geht Sophie Hunger nicht so oft ins Theater? Ihren Begrüßungsworten ans Augsburger Publikum könnte man das entnehmen – sie gab sich die Musikerin durchaus beeindruckt vom gediegenen Ambiente des Großen Hauses: „Gestern waren wir in einem Bunker. Das ist jetzt hier ganz anders. Entsprechend werden wir heute auch viel schöner spielen.“

Von Frank Heindl



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„Schön spielen“ ist natürlich ein weiter Begriff – und gar schon bei dieser schwer definierbaren Musik der 32jährigen Schweizerin und ihrer ebenso außergewöhnlichen Band. Rock ist das eigentlich nicht – dafür ist es oft zu filigran, zu schwebend, zu abstrakt. Pop schon gar nicht – auch weil die Arrangements zu diffus, zu unklar, zu offen sind: Von wegen Grundform AABA – war da jetzt ein Refrain oder war das eine einzige durchkomponierte Strophe? Und für Jazz ist es dann doch wieder zu eindeutig, zu melodisch, zu direkt.

Ein Spezialist für kuriose Gitarrensoli

Auch in ihrem Auftreten lässt Hunger viele Möglichkeiten offen: So „einfach“ wirkt sie, so sympathisch ungeschminkt natürlich, dass man erst mal auf die Singer/Songwriter-Masche hereinfällt, wenn sie mit umgehängter Akustikgitarre anfängt. Aber dann läuft sie zum Flügel rüber um dort nur ein paar wenige tiefe Töne heftig anzuschlagen, und wenig später drischt sie martialisch auf eine E-Gitarre ein – und schon ist das Bild von der schüchternen Susan-Vega-Nachfolgerin gründlich zerstört. Wobei ihre mitunter eher ungelenk-zurückhaltende Körpersprache mit Sicherheit nicht das ist, was man auf der Musical-Akademie lernt … Das Ganze hat System: Denn nicht zu verorten ist vor allem auch Lead-Gitarrist Geoffrey Burton. Er sprüht vor Überraschungen, ist ein Spezialist  für kuriose Solo-Einfälle, für nicht-eingängige Improvisationsteile und merkwürdige Geräusch-Einsprengsel, kann unvermutet in deftigen Rock’n‘Roll kippen und ebenso schnell wieder raus schliddern aus dem dazugehörigen Harmonieschema. Nicht Pop, nicht Jazz, nicht Rock – Sophie-Hunger-Stil entsteht in eben dieser Mixtur und ist damit ein sehr eigenständiges Markenzeichen.

Uneindeutig, aber eindeutig faszinierend

Zur Band gehören auch noch Simon Gerber an Bass und Klarinette, Alexis Anerilles an Tasteninstrumenten und Flügelhorn sowie der Schlagzeuger Alberto Malo. Fünf Musiker also nur, die ein schwer definierbares, aber äußerst homogenes Ganzes ergeben und mit ihrem Sound eine durchsichtig-dichte Hülle schaffen für Sophie Hungers Texte, für die der Begriff Poesie nicht zu hochgegriffen ist. Das zu erkennen, hätte es keines Brecht-Gedichtes bedurft, Hunger rezitiert aber doch eines: “Baals Lied” mit dem erotisch eingängig-eindeutigen Strophenschluss „ich liebe das“. Was die Musikerin davon hält, lässt sie allerdings offen, wirft das Bändchen lässig in die Ecke und singt weiter – „Supermoon“ und, als Zugabe, den Text vom „Niemand“, ebenso uneindeutig wie das ganze Konzert, aber doch eindeutig faszinierend.

Foto: Von wegen Singer-Songwirter-Klischee: Hunger beherrscht viele Klangfarben. (Foto: Frank Heindl)



Unfassbar! FCA verspielt 3:0-Führung

Der FCA wurde am 25. Spieltag seinem Ruf als Aufbaugegner für schwächelnde Teams einmal mehr gerecht. Am Ende der dritten englischen Woche in Serie mussten sich die Augsburger mit einem 3:3 Unentschieden gegen Bayer Leverkusen zufrieden geben, das seine letzten drei Spiele allesamt verloren hatte. Nach dem Dreierpack von Ja-Cheol Koo wähnten nicht wenige der 27610 in der WWK-Arena die Werkself aus Leverkusen k.o., doch durch einen katastrophalen Auftritt in der letzten halben Stunde ließ sich der FCA den schon sicher geglaubten Sieg noch aus den Händen nehmen und riss seine Fans aus allen Träumen von Höherem.

Von Udo Legner



Not gegen Elend – diesen Eindruck vermittelten die Startformationen der beiden Teams. Bei Bayer Leverkusen fehlten neben den gesperrten Hernández, Chicharito und Trainer Schmidt, der sich gleich nach Spielbeginn als Spion auf den Weg nach Spanien zum nächsten Gegner in der Europaliga machen durfte, verletzungsbedingt Roberto Hilbert, Stefan Kießling, Kevin Kampl und Lars Bender. Auf Augsburger Seite fielen neben Morávek und Feulner auch Klavan und Bobadilla aus, die sich beim Abschlusstraining bzw. beim Aufwärmen unmittelbar vor Anpfiff eine Verletzung zugezogen hatten.

So stellte FCA-Coach Markus Weinzierl seine Elf nach der 1:2 Auswärtsniederlage gegen die TSG Hoffenheim auf vier Positionen um. In der Defensive begannen Hong und Max statt Klavan und Stafylidis und für Raúl Bobadilla und Halil Altintop liefen Alexander Esswein und Daniel Baier auf, der nach einem Haarriss im Sprunggelenk wieder fit war. (mehr …)