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Brechtfestival: Mackie Messer zum Mitsingen

Das Ensemble Modern überrascht das Augsburger Publikum mit einer mitreißenden konzertanten Interpretation der Dreigroschenoper

Von Halrun Reinholz

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Dreigroschenoper konzertant und ohne Kitsch und Schnörkel: das Frankfurter Ensemble Modern mit dem Jungen Vokalensemble Schwaben im Großen Haus


Dreigroschenoper konzertant? Angesichts der Vielfalt an Veranstaltungen zum Brechtfestival war das nicht meine erste Priorität. Doch die Neugier trieb mich doch ins Große Haus, wo H(einz) K(arl) Gruber mit dem Frankfurter Ensemble Modern und dem Jungen Vokalensemble Schwaben einen schnellen Parcours durch Brechts wohl bekanntestes Werk dirigierte. Die Produktion war für die Salzburger Festspiele entstanden und wurde 1999 auch auf CD aufgenommen. Seit 2000 tourt HK Gruber mit seinen Künstlern durch die Lande – aber von Überdruss ist nichts zu spüren. Frisch und routiniert wirkten die Musiker, allen voran der Dirigent, der auch die Gesangspartien des Peachum übernommen hatte. An seiner Seite Mrs. Peachum ( Anke Vondung) sowie Michael Laurenz als Macheath zwischen Polly (Ute Gfrerer) , Jenny (Sona McDonald) und Lucy (Winnie Böwe). Der Schauspieler Hannes Hellmann erzählte die Handlung der Oper linear anhand der dargebotenen Songs. Zwar litt dadurch die Vielschichtigkeit des originalen Geschehens und viele Aspekte fielen unter den Tisch, doch die zwischenmenschlichen Verwicklungen kamen über die Lieder deutlich zur Geltung. Mit Witz und Spielfreude zogen die hervorragenden Sänger alle Register ihres Könnens und das in Augsburg wohlbekannte Junge Vokalensemble unter der Leitung von Andrea Huber gab den passenden Hintergrundchor dazu. Eineinhalb Stunden Dreigroschenoper ohne Kitsch und Schnörkel gaben dem Zuschauer das Gefühl, die sehr bekannten Songs von Brecht mit der Musik von Kurt Weill quasi als Konzentrat  ganz neu und ursprünglich zu hören. Das lag sicher auch an der Begeisterungsfähigkeit des Teams und vor allem des Dirigenten. Als Zugabe gab es noch einmal die Ballade von Mackie Messer – für alle zum Mitsingen.

Ein klarer Beweis dafür, dass es im Theater nicht immer auf aufwendige Inszenierungen ankommt.

Foto: Nina Hortig (Brechtfestival)



Brechtfestival: 200 Teilnehmer beim „Lieblingsbrecht“

Kinder können besser Brecht als die Erwachsenen



Von Frank Heindl

„Verschaff dir Wissen, Frierender“ – auch junge Flüchtlinge trugen in der Brechtbühne vor.

„Verschaff dir Wissen, Frierender“ – auch junge Flüchtlinge trugen in der Brechtbühne vor.


Die hatten Präsenz, die hatten Engagement – die hatten was zu sagen! Von den Kindern und Jugendlichen, die sich in der Brechtbühne für das Programm „Mein Lieblingsbrecht“ was hatten einfallen lassen, hätte sich so manche „erwachsene“ Präsentation was abschauen können!

Das Organisations-Team hatte Schüler, Eltern und Lehrer aufgerufen, im Theater ihr Lieblingsstück von Brecht zu präsentieren, und was da kam, haute die Organisatoren schon mal zahlenmäßig fast um: 200 Teilnehmer wollten in in der Brechtbühne auftreten und die Veranstalter gerieten heftig in die Bredouille, weil die dortige Bühne nur für maximal 50 Personen zugelassen ist. So bedurfte es zunächst eines ausgeklügelten Organisationsplans, damit alle hübsch nacheinander an die Reihe kamen – ein Hälfte der Akteure musste in der Theaterkantine waren, während die anderen ihr Können zeigten.

„Sagt der Baum zu den Blättern: Ich geh!“

Witz, Spiellust, Engagement: Jugendliche des Jungen Theaters Augsburg

Witz, Spiellust, Engagement: Jugendliche des Jungen Theaters Augsburg


Die Bläsergruppe von Maria Stern begann mit einem für eine Schulband schon ganz schön vertrackten Arrangement von „Mackie Messer“. 23 Schülerinnen – von der Drummerin ganz links bis zur Tubistin ganz rechts ein Team, das hörbar was gelernt hat im Bigband-Unterricht. Einfach, aber vor allem einfach verblüffend, was anschließend Rose Maier Haids Kunstschule Friedberg abgeliefert hatte: Keine Livepräsentation, sondern ein Kurzfilm erwartete das Publikum. „Sagt der Baum zu den Blättern: Ich geh!“ Dieser kurze Brecht-Spruch soll ja wohl bedeuten: Manches geht einfach nicht, in diesem Fall kann der eine nicht ohne den anderen. Aber da hat der Dichter ganz offensichtlich die Kunst unterschätzt – denn die macht’s möglich: Im Friedberger Video kurvte der Baum munter und offenbar ferngesteuert im Atelier hin und her – während die Blätter einfach irgendwo hängen blieben. Auf witzige Weise wurde da dem Dichter Paroli geboten, zeigten die jungen Künstler frohgemut, wie man die Dialektik auch mal austricksen kann.

„Lob des Lernens“ – für Kinder wichtig, für Flüchtlinge das A und O. Karla Andrä (Fakstheater) hatte mit einer Übergangsklasse der Mittelschule Bobingen die Präsentation des gleichnamigen Gedichtes einstudiert, und was einem da an Spiellust, Bühnenpräsenz und überbordendem Engagement geradezu entgegensprang – teilweise von Schülern, die vor einem halben Jahr noch kein Wort Deutsch gesprochen haben! – machte fast sprachlos. „Verschaffe dir Wissen, Frierender! Hungriger, greif nach dem Buch: es ist eine Waffe. Du musst die Führung übernehmen.“ Da machten sich Geflohene selbst Mut – mit einem Gedicht, das genau dafür geschrieben wurde.

Einfach, chorisch, verschmitzt



Ebenfalls vor Bühnenpräsenz und Spielfreude übersprühend: Der Jugendclub des Jungen Theaters Augsburg, geleitet von Dagmar Franz-Abbott, der in verspielter Frische, unverkopft und fröhlich das lehrreiche Brechtsche Alphabet auf die Bühne brachte. Für jeden Buchstaben eine kurze, prägnante Szene. Und wenn, beim Buchstaben F, das ferngesteuerte Ford-Auto nicht so will, wie‘s vorgesehen war, dann half man selbstbewusst und flapsig mit ein paar Schubsern nach. Auch die Schüler der Kapellenschule hatten es mit dem Lernen: „Ich habe gehört, ihr wollt nichts lernen.“ Sarkastisch nimmt sich Brecht im Gedicht solcher Verweigerungshaltung an: Man sei ja eh schon Millionär, die Führer (und hoch den rechten Arm!) wüssten schon, wo’s langgehe, schließlich stünden in den Büchern die allzeit gültigen Wahrheiten. Ganz einfach, ganz chorisch und ganz verschmitzt bringen die Schüler das rüber bis zur leise angefügten Pointe: „Freilich, wenn es anders wäre, müsstest du lernen.“

Engagierte Darstellung statt Selbstdarstellung

Man kann nicht alle Präsentationen im Einzelnen schildern, man darf aber auch die kleinen Aussetzer nicht unerwähnt lassen: Ein achtjähriges Mädchen, das, stimmlich maßlos überfordert, die Seeräuber-Jenny vorsingt und dabei die Textstelle „Und an diesem Mittag wird es still sein am Hafen / Wenn man fragt, wer wohl sterben muss. / Und dann werden Sie mich sagen hören „Alle!“ / Und wenn dann der Kopf fällt, sage ich „Hoppla!“ – eine solche Darbietung darf schlichtweg nicht sein. Man mag nicht in der Haut der Organisatoren stecken, aber hier hätten sie besser nein sagen sollen – mehr aus Fürsorge dem Kind als dem Publikum gegenüber. Nicht derart an der Grenze zum Geschmacklosen, aber darstellerisch ähnlich überfordert: Zwei Schülerinnen, die das „Eifersuchtsduett“ aus der Dreigroschenoper zum Besten gaben. Solche Szenen erfordern mehr als gute Stimmen (über die sie verfügen) – vielleicht ein bisschen Lebenserfahrung, vielleicht ein paar Jahre mehr Reife. Gerade die Präsentationen der jüngeren Kinder zeigten ja, dass man Können und Interpretationsvermögen auch an viel einfacheren Szenen und Gedichten zeigen kann, ohne dabei banal oder künstlerisch „weniger wertvoll“ zu erscheinen.

Und jetzt alle: Anmut sparet nicht noch Mühe…

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...Ja, man darf Brecht auch pfeifen: Die Kinderhymne gab's mal weniger ergriffen und dafür umso packender


Als gelungener Schluss durfte dann der ganze Saal singen. Ein Kinderchor von Maria Stern stimmte die Kinderhymne an, die wir gerne genau in dieser Version als Nationalhymne hätten: Erst mal pfeifen, das nimmt das Pathos raus, und dann alle zusammen. Das Publikum hatte vorher Textkarten bekommen und stimmte noch etwas zaghaft ein – das muss beim nächsten Mal besser werden, die Erwachsenen dürfen ruhig noch ein bisschen üben!

Insgesamt und trotz kleiner Ausrutscher: Eine erhellende Veranstaltung – gerade auch im Hinblick auf das „Preopening“ von Sonntag (DAZ berichtete: http://www.die-augsburger-zeitung.de/?p=50256), wo die wenigsten Vorträge der Erwachsenen an das heranreichten, was so viele Kinder „spielend“ schafften: Einen Text von Brecht mit einer persönlichen Aussage zu verbinden und engagiert  darzustellen, ohne selbstdarstellerisch zu wirken. Von Kindern also gerne mehr!

———————————Fotos: Frank Heindl.



Brechtfestival: „Die Vorgehensweise der Regierungskoalition ist unerträglich“

Der Linke Stadtrat Otto Hutter wirft der Stadtregierung die Ausschaltung des Kulturausschussses vor.

Die Vorgänge in Sachen Brechtfestival zeigten auf, dass der Kulturausschuss seiner Aufgabe als beratendendes Gremium nicht gerecht werde, so Hutter, der bereits im im Dezember-Stadtrat 2014, als es in nichtöffentlicher Sitzung darum ging, den gegenwärtigen Festival-Leiter Joachim Lang ein weiteres Jahr zu verpflichten, die intransparente Entscheidungsfindung kritisierte. Anstelle einer inhaltlichen Vorberatung im zuständigen Kulturausschuss hätten Bernd Kränzle und Ex-Stadtrat Karl-Heinz Schneider ihre Köpfe zusammengesteckt und rein machtpolitisch ausgekocht, wie sie ihre jeweiligen Fraktionen hinter sich bringen könnten. „Die Vorgehensweise der Regierungskoalition aus CSU, SPD und Grünen ist unerträglich. Kulturpolitische Weichenstellungen sind im zuständigen Kulturausschuss zu treffen, nicht in einem Gremium, das es offiziell gar nicht gibt, wie dem sogenannten “Koalitionsausschuss”, und auch nicht im Ältestenrat“, so Hutter gestern via Pressemitteilung.

Es sei die Aufgabe des Kulturausschusses, kollegial zu beraten und nicht einfach mit der Mehrheit der

Otto Hutter

Otto Hutter


Regierungskoalition abzunicken, was in Hinterzimmern ausgekungelt und dann dem Kulturausschuss lediglich vorgetragen worden sei. Deshalb habe Hutter im Kulturausschuss am 16. Februar 2016  gefragt, wann der Kulturausschuss endlich über die Leitung des Brecht-Festivals 2017 beraten wolle. „Von Kulturreferent Weitzel kam keine Antwort.“

Hutter fordert, dass „die Kungelei beendet wird”. Die Frage nach der Zukunft des Brecht-Festivals sei zunächst im Kulturbeirat zu behandeln, was den Vorteil einer breiten, nichtparteigebundenen Beteiligung habe, so Hutter. Dann müsse aufgrund der Empfehlungen des Beirats im Kulturausschuss beraten werden, und erst dann dürfe der Stadtrat eine Entscheidung treffen.

Auf diesen drei Ebenen wäre auch der Kulturreferent gefragt. „Der Kulturreferent müsste eigenständig Vorstellungen entwickeln und die Gremien aufgrund seiner Kompetenz inhaltlich überzeugen. Sich nur in die Machtverhältnisse zu fügen und dann als Lautsprecher der Koalition zu fungieren, ist zu wenig“, so Hutter.

Gestern tagte der Kulturbeirat, der eine Sondersitzung zum Brechtfestival abhielt. Die Protagonisten der erneuten Lang-Offensive waren nicht anwesend. Bernd Kränzle, Margarete Heinrich (in Vertretung von Karl-Heinz Schneider) und Thomas Weitzel fehlten entschuldigt. CSU-Fraktionschef Kränzle ließ dem Beiratsvorsitzenden Peter Bommas eine Nachricht zukommen, dass längst nicht entschieden sei, wie es 2017 mit dem Brechtfestival weitergehen werde. Der Kulturbeirat wird dem Stadtrat empfehlen, 2017 ein Brechtfestival ohne Festivalleiter durchzuführen.