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Die Csárdásfürstin: Tanz auf dem Vulkan an der Zeitenwende – etwas mehr Paprika hätte dabei nicht geschadet

Mit dem Triumphzug der Musicals scheinen die Operetten etwas ins Abseits gedrängt, doch immer wieder werden auch an renommierten Häusern Operetten inszeniert, ja selbst von „Renaissance“ war schon die Rede. In Augsburg hat man sich in dieser Spielzeit Emmerich Kálmáns Csárdásfürstin vorgenommen – eine „moderne” Operette sozusagen, die erst im Dunstkreis des Ersten Weltkriegs 1915 uraufgeführt wurde.

Von Halrun Reinholz

Ein betont schlicht-graues Bühnenbild im ersten Akt

Die „Csárdásfürstin“ ist eine Varietésängerin, in die sich ein junger Adliger verliebt hat. Die Standesschranken sprechen selbstverständlich gegen die Ehe, weshalb es viele Verwicklungen und eine überraschende Auflösung hin zum Happy-End gibt. Dazwischen viele musikalische Ohrwürmer, mehr oder weniger (je nach Alter des Publikums) bekannt. Eine gut gemachte, leichte Unterhaltung erwartet man da wohl. Zumal der Regisseur Otto Pichler eigentlich vom Tanz kommt und auch für die Choreographie zeichnete. Das merkte man sehr, um es gleich vorweg zu sagen. Die Tanzszenen waren einfallsreich und dynamisch. Nicht originell, aber effektvoll die „Engelsflügel“ beim Liebesduett „Habt euch lieb“, die das Liebespaar schließlich wie in einer Wolke umhüllen. Ja, die große Geste passt zur Operette – wie übrigens auch zum Musical. (mehr …)



Brechtfestival: Lyrik zwischen Elektroniksamples

Ein phänomenales Konzert mit Isabell Münsch



Von Frank Heindl



Das ist jetzt aber schon ein bisschen naiv – diese zuckersüße, zarte Kinderstimme, gesungen von einer Blondine im weißen Minikleidchen, die sich selbst ach so lieb auf der akustischen Gitarre begleitet und dabei so verträumt-sehnsüchtig guckt, dass in älteren Kritiker-Herren Vatergefühle wach werden. Und dann setzt noch die Melodica ein! Die Melodica!

Man bekommt nicht viel Zeit, solche gedanklichen Schnellschüsse abzuwägen im Konzert eines Trios um die Sängerin Isabell Münsch. Kay Fischer, als experimentierender Saxophonist bekannt, ist mit dabei, und Markus Mehr, der sich mit einer E-Gitarre hinter einem enormen Tisch voller Elektronik-Equipment versteckt. „Nach Hause kommen“ heißt das Programm, es fand statt am Montag in der Brechtbühne. Und während man sich gerade darüber klar werden will, dass Bertolt Brechts „Friedenslied“, zu dem diese naive Kinderstimme erklingt, halt eben auch ein bisschen ein naives Kinderlied voll frommer Wünsche ist – da geht’s dann erst richtig los.

Von Brecht zu Hilde Domin und zurück



Nahtlos fließt die Musik hinüber ins Gedicht „General, dein Tank ist ein starker Wagen“, und nun stellt sich das “Stimmchen” nicht nur Panzern und Bombern in den Weg, sondern auch einem gewaltigen Gegenwind aus elektronischem Sound, aus Techno und Dance, die laut den Gesang überlagern, der mittlerweile keiner mehr ist, eher ein Schreien, und aus dem naiven Stimmchen ist eine höhnende Provokation geworden: Hey, General! Der Mensch, den du immer noch brauchst für deine Pläne, „er hat einen Fehler: Er kann denken.“

Die Loops und Schnipsel, die Markus Mehr mal filigran vernetzt, mal wuchtig zu massiven Klangwänden clustert, ähneln bunten, dunkel getönten abstrakten Gemälden – sie lenken die Assoziation, verbinden, was nicht zusammengehört, leiten von Brecht zu einem klug danebengestellten Gedicht von Hilde Domin hinüber. „Man muss den Atem anhalten, bis der Wind nachlässt“, rät die Dichterin, und wie selbstverständlich schnauft eine Ziehharmonika tief und menschlich dazu und das Kind von vorhin singt ein schüchternes „Nanananana“. Spätestens jetzt haben wir’s verstanden: auch das ist Brecht. Das naive Kind, das da singt und den Menschen Frieden wünscht, und der wütende Antifaschist, der dem General Flüche entgegenschleudert – sie sind eins, sie sind Brechtsche Lyrik. Und mithilfe von jeder Menge Elektronik ist diese Vertonung Brechtscher Lyrik weit moderner, weit zeitgemäßer als es die Musik von Eisler und Weill und Dessau heute noch sein kann, auch wenn Markus Mehrs Verfremdungen oft auf deren Kompositionen basieren.

Eingestampfte abendländische Kultur und dem Wahnsinn nahe Kälte



Zum zentralen Motto-Gedicht des diesjährigen Brechtfestivals, zu Brechts „Rückkehr“, geschrieben 1943 und phantasierend von den Bomberschwärmen, denen der Dichter bei seiner Heimkehr folgen will und wird, von Feuersbrünsten, die ihm vorausgehen sollen und werden – zu diesem Gedicht baut Mehr enorme, todesselige Klangwände. Nicht aus Metal-Musik oder ähnlich Martialischem – sondern aus Fragmenten von bis zur Unkenntlichkeit verarbeiteten Klavierkonzerten und Orchesteraufnahmen, aus eingestampfter abendländischer Kultur sozusagen, aus deren mörderischem Brausen nun der Dichter seine Rückkehr ankündigt und seine Zweifel formuliert, wie er doch die Vaterstadt finden solle, und „wie empfängt sie mich wohl?“

Das „Lied einer deutschen Mutter“ singt dann Lotte Lenya von einer alten Schallplatte, begleitet nur von Kay Fischers Bassklarinette, und den Text von „Ich, der Überlebende“ spricht eine kalte Computerstimme zu fröhlich orientalischen Klängen – so mag es sich anfühlen, wenn Schuldgefühle auf Lebenswille treffen, wenn Salka Viertel dem Brecht posttraumatisch von ihrem unentschuldbaren Überleben während der Massenhinrichtungen berichtet: es mag sich anfühlen wie eine dem Wahnsinn nahe Kälte. Und dann ist da wieder Isabell Münschs weit zurückgenommene, zum „Stimmchen“ reduzierte Stimme, die die „Bitten der Kinder“ singt und deren zerbrechliche Naivität man nun erst richtig zu deuten weiß: Als verstörtes, angstvolles Wimmern darf man sie verstehen, und vielleicht sollte man auch Brechts großes Gedicht so lesen: Als kindliches Weinen über die Unwirtlichkeit des Lebens, ach bitte-bitte, liebe Erwachsene: „Die Häuser sollen nicht brennen. Die Mütter sollen nicht weinen.“ Ein sinnlos-verzweifeltes Flehen, während draußen Häuser brennen und drinnen Mütter weinen. Dass Bassquerflöte, Gesang und ein hermetisch verstörendes Sample solch eine Fülle von Assoziationen erzeugen können, war das eine besondere Erlebnis dieses Konzertes. Die zweite Überraschung bestand darin, wie sich auf solche Weise neue und tiefe Zugänge zu Bertolt Brechts Lyrik vermitteln. Der von Isabell Münsch und Michael Friedrichs konzipierte, phänomenale Abend wird bei vielen Zuhörern lange nachhallen.