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Stark: „Sommernachtstraum“ im Stadttheater

Verworrene Verhältnisse: Christoph Mehler gelingt in Augsburg eine mitreißende Shakespeare-Inszenierung

Von Frank Heindl



Noch am Tag zuvor, beim Lesen des Stücks, der heimliche Gedanke: Wäre doch schön, mal wieder einen Shakespeare zu sehen, der dem wunderbaren Text Vorrang einräumt vor der Interpretation. Und dann ein Premierenabend im Großen Haus, der ein genaues Gegenteil dieses – zugegeben: etwas zweifelhaften – Wunsches lieferte: Ein „Sommernachtstraum“ auf der Metaebene, eine Deutung, die sich nur eine oder zwei der vielen Geschichten herauspickt, die der große Engländer in dieser Komödie erzählt. Und die dabei doch – ins Schwarze? – nun ja: jedenfalls in eines der möglichen Ziele trifft.

Schon klar – wer den Sommernachtstraum auf die Bühne bringen will, muss sich entscheiden: Für eine von  unzählbar vielen Deutungen; für eine von den, wie gesagt, vielen Geschichten, die der Autor anbietet; auch für einen Ort in der facettenreichen Inszenierungsgeschichte des Stücks; und nicht zuletzt für eine Aufführungsdauer: Die ungekürzte Fassung würde unzumutbare sechs Stunden in Anspruch nehmen.

Regisseur Christoph Mehler hat sich in diesem Koordinatensystem deutlich verortet: Zum Einen mit einer Entscheidung für den erotischen Kern des Sommernachtstraums, für Entfesselung von Liebeslust und Begierde in der mythischen Dichte jener Mittsommernacht, in der Elfen und Geister ihr (Un-)Wesen und mit den Menschen Schabernack treiben. Zum Anderen für die Parodie dieser – teilweise drogeninduzierten – Geschehnisse und ihrer triebgesteuerten Protagonisten durch die zur Schauspielerei hochgradig unbegabte Handwerkertruppe, die jenes für Shakespeare so typische „Spiel im Spiel“ liefert, in dem die Rahmenhandlung hinterlistig kommentiert, ironisiert, durch das sie in Frage und in andere Zusammenhänge gestellt wird.



Schneller Sex und Zauberdrogen


Während am athenischen Königshof Theseus und Hippolyta ihre Hochzeit vorbereiten, fliehen Lysander und Hermia in die Wälder, weil die Obrigkeiten ihre Verbindung nicht gutheißen. Hermia ist Demetrius versprochen, der ihnen in den Wald folgt und wiederum verfolgt wird von Helena, die ihn liebt, die er aber nicht ausstehen kann. Die dunkle Abgeschiedenheit der athenischen Forste gibt Anlass und Gelegenheit für ein paar schnelle Sex-Nummern, bevor die Verhältnisse noch verworrener werden: Im Walde treiben nämlich auch Elfen ihr Unwesen, die in beinahe ebenso komplizierte Liebeshändel verstrickt sind und sich außerdem im Mischen von den Geist verwirrenden Tränken auskennen. Ihre antiken Zauberdrogen sorgen dafür, dass sich nun jeder Betroffene in genau den unsäglich verliebt, den er beim Aufwachen erblickt – notfalls in einen Esel.

In diesem Zauberwald wird alles Eins: Die sex- und vergnügungssüchtige Athener Jugend, deren ahnungslose und ebenso vereinigungs-versessenen Eltern, die alles „geil“ findenden Elfen. Und auch die Schauspieler: Eine Schar sich maßlos überschätzender Handwerker, die ebenda ein aufs Schrecklichste zusammengeschustertes Theatermachwerk proben, die vor Dummheit strotzen und die doch der festen Überzeugung sind, mit der geplanten Vorführung vor dem König zu Geld kommen zu können. Eine Wald-Gesellschaft also, die in vielerlei Hinsicht mehr oder weniger der unseren ähnelt.

25 Rollen für sieben Schauspieler

Regisseur Mehler greift zu mehreren Tricks, um die Gemeinsamkeiten der Handelnden deutlich zu machen: Er lässt an die 25 Rollen von genau sieben Schauspielern darstellen und die Szenen nahtlos ineinander übergehen, gut 90 Minuten lang und ohne Pause. Das bewirkt eine gewisse – und gewiss beabsichtigte – Unübersichtlichkeit: Wer ist jetzt gerade wer? Die Bühne ist ein zunächst ausgangsloser, nach hinten sich verengenden, grauer und völlig leerer Schacht (Bühne und Köstume: Jennifer Hörr), der, apropos inszenierungsgeschichtliche Verortung, auch als Reminiszenz an den für den Sommernachtstraum maßgeblichen Regisseur Peter Brook verstanden werden könnte (bei ihm war’s ein leerer weißer Raum). Außerdem verschärft die Regie noch Shakespeares Jargon: Schon der Autor lässt die verliebten Athener in einfachsten Versen leiern und Phrasen dreschen – Mehler setzt prollige Sprechweise, derbe Sprüche und zotiges Auftreten obendrauf. Und schließlich besetzt er auch die Frauenrollen mit Männern – so werden fürs Publikum aus Liebesverirrungen auch noch Gender-Wirren.

Dieses Durcheinander und die teils sehr deutlichen Sex-Szenen waren einigen Zuschauern zu viel – nicht wenige verließen während des Stücks die Vorführung, während eine andere Fraktion ihrer Begeisterung mitunter per Szenenapplaus Luft machte. In der Tat war die schauspielerische Leistung fulminant. Gegen die These, dass man einer Schwulenkomödie beiwohnte, spricht zum Beispiel die Leistung von Sebastian Baumgart und David Dumas, die ihre Frauenrollen, wie drastisch sexuell auch immer, so differenziert zu deuten wissen, dass keine Spur von „Männer-in-Frauenkleidern“-Peinlichkeit aufkommen kann, sondern, im Gegenteil, ein Gender-übergreifendes Gefühl entsteht: Eigentlich doch völlig nebensächlich, ob es um Mann/Mann, Frau/Frau oder Mann/Frau geht!



Die Antwort auf unsere Fragen – ein Schulterzucken




S
hakespeares Komik aufzufrischen gelingt Mehler auch durch andere Feinheiten der unfeinen Art: Etwa, wenn im Zug der fortschreitenden Verwirrung die Reaktion anfangs der Helena, später von immer mehr Beteiligten sich auf ein sprachlich stark reduziertes, dafür umso öfter wiederholtes „Häh?“ beschränkt. Am Ende senkt sich, vielleicht etwas zu schnell und unvermittelt, ein mit Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“ bebilderter Vorhang vor dem Geschehen und die depperte Schauspielertruppe darf ihre himmelschreiend primitive Sicht auf das ewige Liebesproblem darlegen: Zwei Tote innerhalb weniger Minuten sind da zu verbuchen, was den Beweis dafür liefern könnte, dass ein deftiger Sinnesrausch dann doch die bessere Lösung, eine Komödie auf jeden Fall dem Drama vorzuziehen ist.

Wie wir das jetzt alles interpretieren sollen? Ist’s der Elf Puck oder König Theseus (beide: Anton Koelbl), der stumm und bewegungslos das Publikum lange auf Antwort warten lässt?  Fragen bleiben schließlich: Kann diese Inszenierung verstehen, wer den Text nicht kennt? Wurde Shakespeare zu sehr „verrätselt“? Und warum spricht der Narr aus „Was ihr wollt“ das Schlusswort?  Puck/Theseus sagt nichts, zuckt nur mit den Achseln – Licht aus. Das könnte auf Shakespearisch heißen: Wir haben die Fragen gestellt, die Antworten müsst ihr finden. Viel Applaus und danach viele angeregte Diskussionen über einen starken, mit- und bisweilen hinreißenden, in jedem Fall sehenswerten Shakespeare.

Foto oben:  Mann oder Frau – ist das denn wichtig? Hauptsache zupackend! Alexander Darkow als Demetrius, David Dumas als Helena und Tjark Bernau als Lysander.

Foto unten: Tolle Schauspieler spielen dämlich-unfähige Schauspieler: Von links Sebastian Baumgart, Gregor Trakis, Klaus Müller, Alexander Darkow, Tjark Bernau, David Dumas; im Hintergrund Anton Koelbl als Puck (Fotos: Kai Wido Meyer).



Warum Frauke Petry im Rathaus sprechen soll

Würde Frauke Petry im Rathaus sprechen, entspräche dies der Integrität der Friedensstadt Augsburg – Petrys Ausgrenzung würde diese Integrität eher in Frage stellen.

Kommentar von Siegfried Zagler

Die AfD war von Beginn an eine rechtspopulistische Partei, die – Lucke hin oder her – keine Alternative zu was auch immer darstellte. Nach ihrem Essener Parteitag im vergangenen Sommer ist die AfD sukzessive zu einem rechtsextremen Monster mutiert, also zu einem Parteiapparat verkommen, der sich kaum noch ziert, die Rhetorik eines völkischen Nationalsozialismus zu verwenden. Höcke, Gauland, von Storch und Petry wären, würden sie „normalen“ Parteien angehören, längst in ein Ausschlussverfahren verwickelt. Doch in einer Partei, in der mächtige rechtsextreme Schaltkreise im Parteiapparat den Ton angeben, muss niemand, der die Sprache der Unmenschlichkeit anschlägt, mit einem Ausschlussverfahren rechnen.

Die steigenden Umfragewerte der AfD auf Bundes- und Landesebene kommen deshalb einer Katastrophe gleich. Und sie kommen dem Schreiber dieser Zeilen wie eine Heimsuchung einer wiederkehrenden Krankheit vor, gegen die man sich bereits immunisiert wähnte. Eine schwerwiegende Krankheit, deren Bekämpfung zu den wichtigsten Aufgaben der politischen Kaste zählt. Das gilt für die Bundes-, Landes- und Kommunalpolitik wie für die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, die sich mit demokratischem Selbstbewusstsein auf vielen Ebenen den kruden rassistischen und menschverachtenden Reden von Höcke, Gauland, von Storch, Petry und Co. entgegenstellen.

So zeigt und bildet sich die Integrität und die Lebendigkeit der Friedensstadt Augsburg, indem ein Bündnis des bürgerschaftlichen Engagements und fast alle Rathausparteien zu einer Art Gegenrede in Form einer Mahnwache auf dem Rathausplatz aufrufen. Auch die geplante Gegenveranstaltung des Stadtrats im Goldenen Saal ist ein wirkungsvolles Zeichen gegen den Aufmarsch des rechten Randes einer Gesellschaft, die immer weniger den Rezepten und Lösungsfindungsprozessen der bürgerlichen Parteien vertraut, wenn es zum Beispiel um die Flüchtlingskrise geht.

Mit dem Versagen der Politik bezüglich der Flüchtlingskrise ist der Aufwärtstrend der AfD hinreichend erklärt – und die These, dass die AfD wieder in den unbedeutenden politischen Raum verschwindet, wenn es einen Europäischen Kanon in Sachen Flüchtlingspolitik geben würde, ist nicht viel mehr als ein Allgemeinplatz.

Es kommt also nicht darauf an, ob man die Bundesvorsitzende der AfD als Rednerin im Augsburger Rathaus verhindern kann oder nicht, sondern darauf, ob die Gegenveranstaltungen ein Erfolg werden oder nicht. Mit juristischen Winkelzügen und Einschüchterungsversuchen eine Rede einer umstrittenen Person verhindern zu wollen, entspricht genau dem Gegenteil davon, was eine Friedensstadt ausmachen sollte. Petrys Aussagen zum Schusswaffengebrauch sind obszön und liegen außerhalb jener Grenze, die von fortschrittlichen und liberalen Staaten zu ziehen sind – und dennoch werden diese Aussagen eben in diesen Staaten durch die Meinungsfreiheit gedeckt – gerade noch, sollte man hinzufügen. Das Recht auf Meinungsfreiheit ist eines der höchsten Rechte und  mit der Würde des Menschen unantastbar.

Das Augsburger Rathaus als sakralen Ort der Kontemplation, als heiligen Hügel der städtischen Identität und als Weihe der Friedenspreisträger zu mystifizieren, um gegenüber dem grobkörnigen Gedöns einer Frau Petry eine moralische Keule schwingen zu können, ist eine bodenlose Strategie der Stadt, weil sie eine Strategie der Schwäche ist. Wenn man davon absehen könnte, dass im Oberen Fletz des Rathauses, wo der Stadtrat tagt, beim Ringen um Entscheidungen geflucht, gelogen, diffamiert, gefeixt, gelacht und gefeiert wird, wie das in allen freien politischen Räumen üblich ist, dann könnte man die OB-Segnung des Augsburger Rathauses zum heiligen Tempel der konfliktfreien Zusammenkunft mit einem Lächeln quittieren, weil sich ein Oberbürgermeister damit selbst zum Hohepriester dieses Tempels erklärt hätte, also zu einer geistigen Führungsfigur, die als moderner Leviathan nicht nur die materiellen Entscheidungen im Sinne der Stadt trifft, sondern auch als Pontifex Maximus für den Seelenfrieden der Gemeinde zuständig ist.

Kurt Gribl war schlecht beraten, seine ursprüngliche Position nach dem Petry-Interview des Mannheimer Morgen zu revidieren. Petry im Oberen Fletz sprechen zu lassen, um sie mit ihren eigenen Waffen zu schlagen, wäre ein politisches Agieren aus der Position der Stärke gewesen. So aber agiert Kurt Gribl aus der schwachen Position eines geistigen Denkmalschützers heraus. Eine Position, die die politische Stadt schwächer dastehen lässt als sie ist. Eine angeblich zu schützenden Integrität der Stadt Augsburg vorzuschieben, um eine persona non grata von dem Ort fernzuhalten, an dem sie am besten gestellt und entlarvt werden könnte, befördert nur eine Partei. Die Augsburger AfD wird durch diese Form der Dämonisierung und der damit entstehenden zusätzlichen öffentlichen Aufmerksamkeit nicht nur weitere Prozentpunkte aus dem rechten Spektrum hinzugewinnen, sondern auch potentielle Wähler aus der bürgerlichen Mitte. Mit dem Instrument der Ausgrenzung entfernt man nicht nur die AfD von der Plattform der Demokratie, sondern untergräbt auch die Grundpfeiler unserer demokratischen Kultur.