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Brechtfestival: Alles ein bisschen retro hier?

Das Programm fürs Brechtfestival ist da – und war auch früher schon da!

Von Frank Heindl

Es sind noch sechs Wochen bis zur Eröffnung des Brechtfestivals 2016,  aber bereits am gestrigen Donnerstag stellten die Veranstalter in Rahmen einer Pressekonferenz das Programm vor, das unter dem Motto „Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl?“ die Zeit nach Brechts Rückkehr aus dem Exil ins Visier nehmen soll. Die Präsentation im Rathaus und eine erste Durchsicht des Programmheftes lassen vermuten, dass Festivalleiter Joachim Lang für seine letzte Veranstaltungsreihe keine Veränderungen an seinem üblichen Konzept vorgenommen hat. Ohne die vielfältig-kleinteiligen Veranstaltungen der „Langen Brechtnacht“ mitzuzählen, kommt man auf rund 35 Veranstaltungen  im gewohnten Mix: Diskussionen, Vorträge, Musik und Theater. Neu allerdings: Das Theater Augsburg ist nicht mit einer eigenen Inszenierung dabei.

Bevor es am Sonntag mit einer „Brechtrevue“ des Berliner Ensembles losgeht, feiert das Stadttheater mit einer ganz anderen Produktion ins Festival hinein: Am Samstagabend zeigt man im Großen Haus eine Operettenpremiere – die Csárdásfürstin. Auch an dieser Kooperationsunwilligkeit mag es gelegen haben, dass Intendantin Juliane Votteler erstmals bei der Verkündung des Programms  nicht zugegen war. Ihr Vertreter Oliver Brunner wurde in dürren Worten willkommen geheißen, pflichtgemäß statteten Lang und seine Pressesprecherin Susanne Meierhenrich Dank dafür ab, dass das Theater wieder der wichtigste Spielort ist – die Hälfte der Veranstaltungen verteilen sich auf Großes Haus, Brechtbühne, Theaterfoyer und Hoffmannkeller.

Süffisante Grabenkämpfe auf dem Abstellgleis



Neben der „Revue“ unter dem Titel „Es wechseln die Zeiten“ – sie soll einen „Spaziergang durch das poetische und musikalische Werk des B.B.“ präsentieren – sind während  des achttägigen Festivals zwei weitere größere Produktionen zu sehen: eine konzertante Aufführung der Dreigroschenoper des „Ensemble Modern“ und, am Schlusstag des Festivals, „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ als Gastspiel des Deutschen Nationaltheaters Weimar. Von Juliane Vottelers einstiger Idee, wichtige ausländische Produktionen zu zeigen, ist leider nicht der leiseste Ansatz übriggeblieben. In feinem Spott bezeichnet die Augsburger Intendantin in ihrem Programmheft-Grußwort das, was Festivalleiter Lang als Revue ankündigt, schlicht als „Liederabend“ – man darf sich über einen süffisanten Kleinkrieg zwischen zwei Protagonisten amüsieren, die sich noch nie grün waren. Und deren gemeinsames Schicksal es ironischerweise ist, dass die Stadt sie auf beschädigende Weise aufs Abstellgleis geschoben hat.

Ob aus solchen Grabenkämpfen ein gutes Brecht-Programm erwachsen konnte, wird man so richtig erst in ein paar Wochen erfahren. Vorerst darf man beim Blättern im Programmheft (wie immer mit in ihrer Zusammenstellung hübsch-sinnlosen Aufklebern ausgestattet),  ein paar Hoffnungen hegen, vor allem aber skeptisch sein: An der Vortragsreihe könnte der Beitrag von Andreas Zinn interessant sein – jedenfalls ist der Ankündigungstext kurios und tendenziell unverständlich, was kein Schaden sein muss. Jan Knopf wird wohl wieder vom Hundertsten ins Tausendste geraten, Michael Friedrichs ist für Augsburg zuständig und Alfred Dümling widmet sich den Nationalhymnen der ehemals zwei deutschen Staaten. Mitreißend geht anders, aber auch dröge Themen gehören zur Aufarbeitung literarischer Heroen.

Thomas Thieme im Doppelpack

Thomas Thieme hatte sich einst in Augsburg den Baal zur Brust genommen, im vergangenen Jahr den Galilei – diesmal werden beide Veranstaltungen im Doppelpack noch einmal angeboten, XXL nennen die Veranstalter diese Verpackungsgröße und das erinnert ein bisschen an Sonderpreise beim Möbelhändler. Die Gegenüberstellung von Frühwerk und Exilstück könnte trotzdem fruchtbar sein, weil Thieme für Qualität spricht. Musikalisches Highlight in diesem Jahr: Element of Crime. Was die Band mit Brecht zu tun hat? Sie hatte mal acht Brechtsongs im Repertoire, derzeit leider nur noch einen, will sich aber möglicherweise „noch mehr überlegen“, so Kurator Girisha Fernando. Womöglich spannend, weil kontrovers: Helmut Koopmanns Vortrag über „Späte Deutschlandbilder“, in dem es um die Erzfeindschaft zwischen Brecht und Thomas Mann geht. Von Koopmann weiß man immerhin, dass er sich schon früher viel überlegt hat zu diesen Dichtern.

Tolle Schauspieler erzählen von ihren Erfahrungen im Umgang mit dem großen Dichter

Gab’s da nicht immer mal ‘ne Podiumsdiskussion beim Brechtfestival? – Genau, die gibt’s auch dieses Jahr: Zum Thema „Brecht und Augsburg“ diskutieren lokale Experten im Theaterfoyer, und sie werden sich wahrscheinlich bemühen, Dinge zu sagen, die auf den vergangenen Festivals noch nicht gesagt wurden. Man muss befürchten: Sie werden scheitern. War da nicht immer mal wieder die Brecht-Enkelin Johanna Schall auf dem Festival? – Genau, diesmal erzählt sie etwas über ihren Vater, der seinerseits unter Brecht Schauspieler am Berliner Ensemble war. Und traten da nicht immer mal wieder ganz tolle Schauspieler auf beim Brechtfestival? – Richtig, die kommen jetzt auch alle nochmal wieder: Thomas Thieme, Meret Becker, Dominique Horwitz. Diesmal in den Goldenen Saal. Und erzählen  „von ihren Erfahrungen im Umgang mit dem großen Dichter.“ Alles ein bisschen retro hier? Aber es ist ja nun schon Sonntagnachmittag, 6. März. Und am Abend ist dann endlich mal Theater im Großen Haus, nämlich der Arturo Ui. Und dann ist das Brechtfestival wieder mal rum. Schade. Oder?

Foto: Festivalleiter Joachim Lang bei der Programm-Pressekonferenz im Rathaus (Foto: Frank Heindl).