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Wäre ein Kölner Szenario auch in Augsburg möglich?

Warum auch die Stadt Augsburg auf die Vorkommnisse der Neujahrsnacht reagieren muss



Kommentar von Siegfried Zagler

Das Jahr 2016 fing in Sachen Flüchtlingspolitik dramatisch schlecht an. Die Gewaltdelikte in Köln, Hamburg, Stuttgart und Bielefeld veränderten die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland. Eine bisher substanzlose Frage, die bereits in den achtziger Jahren bei geringen Aufnahmezahlen von rechts in den politischen Raum gestellt wurde, wurde über Nacht, durch organisiertes kriminelles Verhalten einer mutmaßlichen Täterschaft aus dem Flüchtlingsspektrum, zu einer brennenden Frage mit Substanz: Hat in Deutschland die Sicherheit im öffentlichen Raum durch die deutlich erhöhte Flüchtlingszuwanderung nachgelassen oder nicht?



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alls die Vorgänge in den angeführten Städten auf besondere Verhältnisse zurückzuführen sind, wie zum Beispiel auf ein individuelles Versagen der Polizei sowie auf speziell an diesen Orten organisiertes Verbrechen, sollte dies von den zuständigen Stellen so beschrieben werden.

Und es besteht das Gebot der Stunde, darauf hinzuweisen, dass in Deutschland die öffentliche Ordnung durch eine liberale Flüchtlingspolitik nach einer chaotischen Neujahrsnacht keine Einbußen erlitten hat. Nachvollziehbar und somit glaubwürdig müssten seit Bekanntwerden der unerträglichen Geschehnisse die kommunalen Behörden offensive Informations- und Überzeugungsarbeit leisten. In Augsburg stehen dafür die  beiden sozialdemokratischen Referenten Dirk Wurm (Ordnungsreferent) und Stefan Kiefer (Sozialreferent) in der Pflicht. Dass sie noch keine Stellungnahme abgeben haben, ist ihnen nur dann nicht anzukreiden, falls in den kommenden Tagen noch eine folgen sollte. Die öffentliche Ordnung ist in einer Demokratie eines der höchsten Güter. Nimmt das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung ab, muss das zwar nicht heißen, dass die Sicherheit im öffentlichen Raum tatsächlich nachlässt, aber die Ängste und Zweifel der Bevölkerung sind ernstzunehmen. Nicht nur, weil Demokratien das Risiko zu minimieren haben, dass – wie in Frankreich – rechtspopulistische Strömungen Aufwind erhalten, sondern einfach auch deshalb, weil nur Rechtsstaatlichkeit die Menschenrechte garantiert. Die größte Errungenschaften der zivilen Geschichte wäre ein zerbrechliches Gut, würde man Aussetzer wie in Köln und anderswo mit Achselzucken quittieren.

Wäre ein Kölner Szenario auch in Augsburg möglich? Hat sich durch die Verdoppelung der in Augsburg lebenden Flüchtlinge im vergangenen Jahr (zirka 3.400 Personen) an der Sicherheit im öffentlichen Raum etwas verändert – oder ist in Augsburg der öffentliche Raum genauso sicher wie vor dem Jahreswechsel?

Falls letzteres der Fall sein sollte, wovon man ausgehen sollte, dann sollten beide Referenten erklären, welcher Sachstand sie zu dieser Auffassung kommen lässt. Hätten aber die Sexualdelikte und andere Verbrechen im vergangenen Jahr in Augsburg signifikant zugenommen, wäre es interessant zu erfahren, wie unsere Behörden diesen Anstieg begründen und was sie dagegen unternehmen wollen.

Unabhängig davon, zu welchen gesicherten Erkenntnissen die zuständigen Referate kommen, ist festzuhalten, dass in jedem Fall Gefahr in Verzug ist. Aktuell geht nämlich in den sozialen Netzwerken die Pegida-Front zum Angriff über, wie das erschütternde Beispiel des ehemaligen Augsburger CSU-Ordnungsreferenten Willi Reisser veranschaulicht, der auf seiner Facebookseite jegliche Zurückhaltung aufgegeben hat und im sarkastischen „Rechtsaußen-Tonfall“ nicht nur über „Gutmenschen“ und die Grünen herzieht, sondern so tut, als wäre die Sicherheitsfrage längst beantwortet: „Vor dreißig Jahren wollten Grüne den Sex mit Kindern legalisieren! Heute reden ihre Frontleute die Sexualstraftaten von Flüchtlingen schön! Respekt vor den Grünen! Sie finden immer wieder Leute, die doof genug sind…“ Reisser mokiert sich über die Art, wie sich seiner Auffassung nach Moslems auf öffentlichen Toiletten verhalten und nimmt eine verängstigte Bevölkerung wahr, indem er zum Beispiel beschreibt, dass er im Wald zwei Joggerinnen mit einem Fahrradfahrer als Begleitung gesehen habe, woraus er folgende Erkenntnis schöpft: „Unsere Freiheit wird bereits heute bundesweit real eingeschränkt durch die Anwesenheit von moslemischen Sexualstraftätern in Deutschland!“

Nun sollte man Rechtsanwalt Reisser politisch nicht viel ernster nehmen als er Ende der Neunziger das Pferseer Hochwasser, das seine politische Karriere beendete. Doch Reisser steht mit seinen fremdenfeindlichen Ergüssen für einen Trend, der sich rasend im Netz verbreitet und sich zu einem Kanon formiert, der zu französischen Verhältnissen führen könnte.

Ordnungsreferate gibt es in Deutschland auch deshalb, weil man gerade in der kommunalen Daseinsfürsorge mit kleinen Gestaltungseinheiten die schwierige Balance zwischen gelebter Liberalität und dem Ruhe- und Sicherheitsbedürfnis im öffentlichen Raum auszuloten vermag. Dirk Wurm wurde bisher von verschiedenen Seiten der Verwaltung in seiner Eigenschaft als Ordnungsreferent ein gutes Zeugnis ausgestellt. Nun ist er zum ersten Mal als Politiker gefordert. Letzteres gilt auch für Sozialreferent Stefan Kiefer, der für den sozialen Frieden in der Stadt verantwortlich ist.



Ein großartiger Film – und was ein Augsburger damit zu tun hat

Michael Hehls Verleihfirma bringt “Je suis Charlie” nach Deutschland



Von Sophia Winiger

Hehl

Engagierter Verleiher mit Augsburger Wurzeln: Michael Hehl (Foto: Sophia Winiger). 


Nach der Vorstellung von “Je suis Charlie”: Die Regisseure, Vater und Sohn Leconte, positionieren sich für die Publikumsfragen vor der Leinwand des Thalia-Kinosaals. Neben ihnen fällt ein lebhafter junger Mann ins Auge, schwarz und sportlich gekleidet, ein dunkler Schal reicht ihm fast ins Gesicht. Er moderiert, dolmetscht, schaltet sich in die Diskussion ein, mimisch und verbal, meist schneller als die Befragten selbst reagieren (können). Michael Hehl, 30, ist Geschäftsführer von „Temperclayfilm“; seine Firma hat „Je suis Charlie“ in die deutschen Kinos gebracht. Und nebenbei ist er Augsburger.

Als eine muslimische Schülerin in der Diskussion vehement die Mohammed-Karikaturen angreift, sagt er ihr, dass er ihren Mut bewundere. Michael hat als Schüler wohl selbst viel Mut, oder Trotz, bewiesen: 45 Verweise habe er sich im Laufe seiner Schulzeit am Stefan-Gymnasium eingehandelt, erzählt er. Jetzt können die Lehrer ihn aber schwerlich als Taugenichts betrachten: „Je suis Charlie“ ist bereits der achte internationale Film, den er seit der Gründung seiner Produktions- und Verleihfirma vor vier Jahren in die Kinos gebracht hat. Vorher waren es unter anderem „White Shadow“, eine Ryan Gosling-Produktion und Venedigs bester Debütspielfilm 2013, sowie der mexikanische Film „Heli“, der auf dem Cannes-Festival 2013 den Preis für die beste Regie erhielt.

Als die Diskussion vorbei ist, schüttelt er einigen vorbeigehenden Schülern die Hand. Jetzt gibt es Mittagessen mit den Regisseuren im Kaffeehaus nebenan. „Ich habe schon immer gerne Geschichten erzählt, mit zwölf habe ich meine ersten Kurzgeschichten geschrieben.“ Wenn Hehl spricht, wirkt er energisch, überzeugt, er gibt zweifellos gerne Dinge preis. „Dass ich etwas mit Filmen machen wollte, das wusste ich schon in meiner Kindheit. Ich habe Rollenspiele geliebt damals.“ Im Sitzen verschränkt er die Arme weit vor der Brust, gibt sich betont lässig.

Die Filmhochschule empfand er als einengend

Sein Interesse am Austausch mag wohl auch die Wurzel seines Erfolgs sein. So entstand zum Beispiel ein Film, den er selbst gedreht hat: 2006 trifft er im Privaturlaub auf einen kurdischen Familienvater. Sie lernen sich beim Schwimmen kennen, verständigen sich mit Händen und Füßen – „so sind wir miteinander warmgeworden.“ Das Leben des Fremden beeindruckt Hehl: Im türkischen Osten arbeitet der als Kind mit gefälschtem Pass auf den Feldern des Vaters, als Zwölfjähriger zieht er alleine nach Istanbul, mit 18 legte er eine Karriere als Profiboxer hin, verfällt später in zermürbende Arbeitslosigkeit. 2007 besucht Michael den neuen Freund in Istanbul, saugt das Lebensgefühl dieser Stadt mit allen Sinnen auf. Sie fasziniert ihn derart, dass er einen Dokumentarfilm dreht. 2008 versucht er sich an einem Regiestudium an der Münchner Filmhochschule – und bricht es nach sechs Monaten ab. „Die lassen dich keine eigenen Ideen haben, sondern drücken dir nur ihre Vorstellungen auf“, so sein Urteil.

Dass er dagegen ein Selfmademan ist, betont er gerne. Nach dem Abitur dreht er während des Zivildienstes erste Kurzfilme, danach macht er Praktika und Assistenzen, bei ARD, ZDF, constantin film. In dieser Zeit habe er „viel Dreck gefressen.“ Und sich nach einer Weile gefragt: „Brauche ich überhaupt noch ein Studium, wenn ich monatlich 3000 Euro auf die Hand bekomme?“ Ja, beschließt er, als er eine unglückliche 50-jährige Regieassistentin beobachtet. Ab 2009 studiert er Theaterwissenschaften an der Uni München. Not macht kreativ, das stimmt auch für Michael Hehl. Als er keinen Verleiher für seinen Dokumentarfilm findet, wird er sein eigener – „Temperclayfilm“, zuvor nur Produktionslabel, wird zum Kinoverleih. Heute beschäftigt Michael Hehl als Geschäftsführer drei Mitarbeiter, darunter auch seine Verlobte. „Hauptberuflich ist sie Lehrerin, aber was für eine! Die ist eine richtig toughe Frau.“ Wenn ihn etwas stolz macht, weitet sich das verschmitzte Gesicht zu einem Grinsen, und er blickt um sich, nach Erwiderung suchend.

Augsburg-Führung mit den „Charlie“-Regisseuren



Sein schwerster Rückschlag? –  „Das ist eine gute Frage.“ Vergangenen Juni hat ihn sein damaliger Geschäftsführer im Stich gelassen. „Wenn du plötzlich alles alleine machen musst, dann ist das schon hart.“ Aber man wächst an solchen Dingen. Den größten Erfolg erhofft er sich von seinem nächsten Projekt: „Der Wert des Menschen“, ein Film des Franzosen Stéphane Brizé, kommt am 17. März in die Kinos. Doch jetzt umsorgt Michael Hehl erst mal die beiden „Charlie“-Regisseure: Nach dem Essen brechen die drei, geführt von Hehls Mutter, auf zu einem Spaziergang durch die Augsburger Innenstadt. Ein bisschen Tageslicht auffangen, bevor die Abendvorstellung beginnt.



Charlie Hebdo hautnah

Die Regisseure Daniel und Emmanuel Leconte stellten im Thalia ihren Dokumentarfilm über das Attentat vor

Von Frank Heindl

Am Freitag und Samstag zeigten die französischen Regisseure Daniel und Emmanuel Leconte ihren Dokumentarfilm „Je suis Charlie“ in drei Vorstellungen im Thalia-Kino und diskutierten danach mit dem Publikum – eine deutschlandweit einmalige Veranstaltung und ein bemerkenswerter, teils herzzerreißender, teils mit seinem Pathos über das Ziel hinausschießender Film.

Am 7. Januar 2015 überfielen zwei islamistische Attentäter die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und töteten elf Anwesende. Schon im Jahr 2007 hatte das Magazin im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gestanden, als französische Islamverbände es wegen des Nachdrucks dänischer Mohammed-Karikaturen verklagt hatten. Das Pariser Gericht sprach die Zeitschrift vom Vorwurf der Beleidigung frei, Daniel Leconte drehte einen Film über die Vorgänge. Aus dieser Zeit stammt die Freundschaft der Lecontes (Daniel und Emmanuel sind Vater und Sohn) zu den Karikaturisten von „Charlie Hebdo“. Und auf dieser Freundschaft zu den Ermordeten resultierte der Ansporn, unmittelbar nach dem Anschlag mit einem neuen Film zu beginnen.

Der Überfall habe ganz Frankreich getroffen, verkündet bedeutungsschwer und von höchst pathetischer  Musik unterstützt der Off-Kommentar der Regisseure, und zwar „ein Frankreich, das an nichts mehr zu glauben schien.“ Dieser Halbsatz und dieses Pathos geben die Marschrichtung der Dokumentation vor: Den Lecontes geht es um die großen Dinge – nicht nur um Pressefreiheit und die Freiheit der Kunst, sondern um Demokratie, Menschenrechte, die Errungenschaften von Aufklärung und französischer Revolution. Und es gelingt ihnen tatsächlich, das  Pathos der großen Worte glaubhaft mit den Bildern der betroffenen Menschen zu koppeln.

Manche Szenen machen starr vor Schreck

Ihr Interview mit der Zeichnerin Coco ist geradezu herzzerreißend. Sie, die eigentlich ihre Tochter aus dem Kindergarten abholen wollte, öffnete, mit der Kalaschnikow der Attentäter im Rücken, den Mördern die Tür zu deren Opfern, überlebte selbst unverletzt, während ihre Freunde und Kollegen bestialisch niedergemetzelt wurden. Zuzusehen wie Coco, wenige Wochen nach dem Attentat, vergeblich gegen die Tränen kämpft, ist auch ein Jahr nach dem Anschlag nicht leicht. „Ich wurde zerrissen“, sagt sie. Der Buchhalter Eric Portheault lag hinter seinem Schreibtisch, als im Nebenzimmer gemordet wurde – erschütternd die Schilderung, wie sein Hund, quasi Augenzeuge, zu ihm herüberkam und sich ohne einen Laut auf Portheaults Gesicht legte, als wollte er ihn nicht nur schützen, sondern ihm auch jenen Anblick ersparen, den er später dem Filmteam nicht beschreiben mag aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen.

Die Ermordeten zeigt der Film sowohl in privaten Videos, etwa beim Karaoke-Singen oder bei einem Busausflug, als auch in früheren Interviews. Es ist einem als Zuschauer, als lernte man diese fröhlichen, engagierten, streitbaren und streitenden Menschen tatsächlich ein wenig kennen, und es macht nahezu starr vor Schreck, dass sie getötet wurden wegen ihres unnachgiebigen Beharrens auf jenen Werten, die unsere freiheitliche Gesellschaft ausmachen.

Ernsthafte Bekenntnis zu Freiheit und Zivilisation

Doch mittels des Pathos ihrer Bilder schaffen es Daniel und Emmanuel Leconte auch, den Zuschauer aus dieser angstvollen Erstarrung schnell wieder zu lösen. Denn gegen die Bilder der Toten und der Traumatisierten stellen sie solche der öffentlichen Reaktionen: Tausende und Abertausende Franzosen, die in den Tagen danach zur Place de la République strömten, um millionenfach „Je suis Charlie!“ zu skandieren. Und erstmals wird einem klar, dass zumindest diejenigen, die dort auf der Straße waren, ihre Präsenz nicht als billige Solidaritätsgeste à la Facebook verstanden, und auch nicht nur als Protest gegen die primitive Dummheit der Islamisten – sondern als Bekenntnis: zu Demokratie, Freiheit, Menschenrechten, Zivilisation.

Weiterer Verdienst des Films: Die Regisseure sorgen sich nicht nur um „Charlie Hebdo“. Zwei Tage nach dem Attentat auf die Redaktion überfiel am 9. Januar 2015 ein weiterer Islamist einen jüdischen Supermarkt und tötete vier Menschen. Dass dies kein Zufall war, dass im Gegenteil Antisemitismus immer dort zu finden ist, wo sich Menschenverachtung und Intoleranz ausbreiten, zeigen die Lecontes unmissverständlich.

Für Augsburger Schüler eine Musterstunde in Staatsbürgerkunde

Die erste Aufführung des Films in Augsburg fand im Thalia-Kino am Freitagvormittag vor Schulklassen statt. Bei der anschließenden Diskussion mit den Regisseuren im Publikum: Eine junge Muslimin, die die „Charlie Hebdo“-Karikaturen als „unverschämt“ empfand. Was nun stattfand, könnte als Paradebeispiel dienen für eine Unterrichtseinheit in Staatsbürgerkunde an jeder Schulform. Genaue Fragen der Schüler, leidenschaftliche Plädoyers der Regisseure. Der Prophet darf unter keinen Umständen abgebildet werden – und schon gar nicht sein Hintern! – Die Lecontes verstehen die Betroffenheit, aber: In unserer Zivilisation gelten nicht die Gesetze einzelner Religionen, sondern die des Staates. Und diese stehen über den Gesetzen Gottes. Warum karikiert „Charlie Hebdo“ nur den Islam? – Das stimmt nicht! Im Gegenteil haben sich in 15 Jahren nur etwa drei Prozent der Cartoons dem Thema Islam gewidmet. Informiert euch! Glaubt nicht einfach alles, was andere behaupten! Wo endet die künstlerische Freiheit? – Sie hat eine Grenze nur dort, wo sie gegen Gesetze verstößt. Und natürlich ist es nicht erlaubt, Hass zu säen oder gegen Minderheiten zu hetzen.

Kleiner Wermutstropfen bei der anschließenden Diskussion im kleinen Kreis im Caféhaus: Auf Nachfrage verschärfen die Regisseure noch ihre schon im Film anklingende Kriegsrhetorik. Wer dabei gewesen sei, ob Polizisten, Zeugen, Hinterbliebene, Krankenhauspersonal, der bestätige: es sei „wie im Krieg“ gewesen. Dass ein im Verteidigungsrausch plötzlich geeintes Frankreich nun die Lösung im Zurückschlagen sehen will, bevor über Handlungsoptionen nachgedacht wird – das mag man nicht unbedingt befürworten. Da siegt dann schon wieder, ganz am Schluss, das nationale Pathos über die aufgeklärte Vernunft. Dabei hatte Emmanuel Leconte doch mit Leidenschaft und durchaus einleuchtend erklärt, was die eigentliche, befreiende und bemerkenswerte Medizin sei, zu der „Charlie Hebdo“ geraten habe: „Sie haben gesagt: Was wir brauchen ist weniger Ernsthaftigkeit und mehr Lässigkeit. Sie haben gesagt: Man kann über alles lachen.“ Die Geschichte, wie “Je suis Charlie” in die deutschen Kinos kam, finden Sie hier.

Foto: Die Regisseure von „Je suis Charlie“: Emmanuel und Daniel Leconte (Foto: Frank Heindl).



Volksmusik – und dann doch was ganz anderes

Ein Genuss: Zwirbeldirn im Parktheater

Von Frank Heindl

Ein großer Chor, ein kleines Orchester: Wenn man mit geschlossenen Augen einfach nur lauschte, konnte man in Zweifel geraten, ob man wirklich nur dieses kleine Quartett aus dreimal wahlweise Geige oder Bratsche plus einmal Bass hörte – oder ob sich den vier „Zwirbeldirn“-Musikern am Samstag auf der Bühne des Parktheaters plötzlich noch weitere Kollegen hinzugesellt hatten.

Nachdem Zwirbeldirn anno 2008 den Fraunhofer Volksmusik-Preis erhalten haben, waren sie zum Beispiel öfters im Bayerischen Rundfunk zu Gast – und schon waren die Konzerte der Band kein Geheimtipp mehr. Ende 2014 kam dann Walter Steffens Musik-Doku „Bavaria Vista Club“ über zeitgenössische bayerische „Volks“-Musik in die Kinos. Und im vergangenen Sommer ein Auftritt auf dem Oberammergauer „Heimatsound“-Festival. Jetzt schwärmen viele für Zwirbeldirn und nehmen sie als einen Beweis mehr dafür, dass Volksmusik modern, witzig, virtuos – und sogar jung sein kann. Kein Wunder also, dass das Parktheater gut besucht war.



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ächstes Mal allerdings müsste es eigentlich brechend voll sein. Denn was die Geigerinnen bzw. Bratschistinnen Evi Keglmaier, Maria Hafner und Sophie Meier-Rastl nebst dem Mann im Bunde, Simon Ackermann am Bass, an Humor und Einfallsreichtum auf die Bühne bringen, wird nur durch eines getoppt: ihre Musikalität. Man darf da ruhig von Klangschönheit sprechen, von hervorragenden Arrangements, von trefflicher Übereinstimmung aus Wort und Klang.

Wenn die Stimme ironisch nach oben kippt …



Wer das Glück des Autors dieser Zeilen hatte, die Vier schon mal auf ganz kleiner Bühne erlebt zu haben, durfte zunächst ein bisschen skeptisch sein. Das große Parktheater erfordert deutliche Verstärkerhilfe und ist ob seiner sehr halligen Akustik nicht gerade einfach zu beschallen. Das machte das Textverständnis mitunter etwas anstrengend, für die Zuordnung einzelner Klänge zur betreffenden Geigerin reichte nicht das Hinhören, da musste man schon auch genau schauen. Trotz dieser Einschränkung waren spätestens nach dem dritten Stück alle Einwände beseitigt: Der in Tempo und Intonation perfekt getroffene Eingangsjodler hatte ja schon gezeigt, wozu die drei Frauen fähig sind, getoppt wurde er dann von einem wunderbaren „hoch drom auf der Oim“, wo der Gesang immer beim Wort „hoch“ ganz automatisch in die Kopfstimme kippte – und damit einen Eindruck verschaffte von der perfekt unaufdringlichen, subtilen Ironie, mit der das Quartett seine Interpretationen ausstattet. Ein bisserl Schauspielerei gehört natürlich auch dazu, zum Beispiel wenn die Damen mit grimmigem Blick und ganz mannsbildmäßig „a Bier will i ham“ singen und mit dieser Forderung nicht mal vor dem Herrgott halt machen. Schön, wie da durch weibliche Übernahme „typisch“ männlichen Verhaltens ein Klischee gleichzeitig bedient und ironisiert wird! Und apropos: Der Name Zwirbeldirn stammt, laut per Videobeweis festgehaltener Auskunft (https://www.youtube.com/watch?v=kThCUJh115M), vom schwipsbedingt fehlerhaft ausgesprochenen Zirbenschnaps.

Willy Michl ist dabei und Friedrich Ani auch

Man könnte vom Hundertsten ins Tausendste kommen beim Schwärmen von diesem Abend: Wie schön etwa Evi Keglmaier ein – eher ernsthaft-sozialkritisches – Gedicht des (Krimi-)Autors Friedrich Ani vertont und arrangiert hat: Zuerst wird der Gesang „über Stuberl und ihre Bewohner“ einzig von einer den Off-Beat zupfenden Geige begleitet, und nachdem der Bass endlich mal die Eins betont hat, zupft die zweite Geige erst mal ein Solo. Und wie unglaublich schön, zart und melodiös das „Katmandu“-Lied von Willy Michl daherkommt, ganz unironisch endend in einem herrlichen Chor über ein nepalesisches Mantra. Überhaupt ist es jedes Mal ein musikalisches Erlebnis, wenn sich diese drei Stimmen aus einem ganz „gewöhnlichen“ Unisono in einen dreistimmigen Satz entfalten, der sich dank der Akustik des Parktheater, siehe oben, wie ein vielfach besetzter Chor anhört!

Auch Instrumentales gab es zu hören, aus Finnland, aus Mazedonien und von sonstwo im Osten. Und Ausflüge in den Blues, über Niederbayern („der Niederbayer wenn den Blues hat, der schweigt und geigt“) und Trinidad (Money is King) bis, ja echt, gell: in die USA (Black Eye Blues) – immer schön gegeigt, herrlich gesungen und meist ganz nah am Jodeln und mittendrin zwischen Volksmusik und etwas dann doch irgendwie ganz anderem. Eher klassisch kam das „Jagerstüberl“ daher: Textlich sehr einfach gehalten („Jagerstüberl, Jagerstüberl“), gesanglich ein bravourös juchzendes Jodeln. Fesselnd war diese Konzert, hinreißend und einfach schön bis zur Zugabe mit dem gnadenlos wunderbaren Vers vom Mond, der überm Giesinger Berg scheint. Schluss also mit dem Streit, was diesen Stil eigentlich ausmacht, wo die alte endet, wo die neue beginnt: so muss Volksmusik!

Foto: Loses, aber wohltönendes Mundwerk, virtuos an gestrichenen und gezupften Saiten: Zwirbeldirn auf der Bühne des Augsburger Parktheaters (Foto: Frank Heindl).