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Brecht hoch drei, Brecht mal zwei

Bluespots Productions zeigten im Brechtfestival zwei Inszenierungen mit unterschiedlichem Niveau

Von Frank Heindl



Ausgezogen, die Augsburger Theaterwelt zu revolutionieren, sind die in der Szene stadtbekannten Pichler-Zwillinge, ihres Zeichens Regisseurinnen und Gründer des Ensembles „Bluespots Productions“, beim einstmals revolutionären Brecht angekommen – und damit auf den Brettern und Bühnen, die etabliertes Theater machen. Wobei sich die Produktionsbedingungen für „Bluespots“ natürlich noch nicht so darstellen wie für die Großen. Immerhin: Man ist auf dem Weg zu den Fleischtöpfen, sprich: städtischen Subventionen schon ein gutes Stück vorangekommen. Mal sehen also, ob sich das auch fürs Publikum lohnt.

Osaka, Chicago, Augsburg: dreimal Ja + dreimal Nein = Brecht³

Schon vor gut einer Woche zeigte die eine Hälfte des Zwillingspaars, Leonie Pichler, ihre Produktion in der Brechtbühne, ein ambitioniertes Projekt unter dem Titel „Brecht³“. Der organisatorische Aufwand war beträchtlich: Ensembles aus Japan (Osaka), den USA (Chicago) und Deutschland (Augsburg) spielten die Brechtschen Lehrstücke vom Jasager und vom Neinsager. Die Aufführung fand dreimal statt – in Augsburg mittags um zwölf, abends um acht und morgens um drei Uhr, in jedem Land gab’s demzufolge eine Abendvorstellung um 20h Ortszeit. Und die jeweils zwei parallelen Aufführungen von den anderen Enden der Welt wurden per Internet und Video-Livestream übertragen. (mehr …)



FCA: Ach Europa

Am morgigen Sonntag duellieren sich in der Fußbundesliga in der Mercedes-Benz-Arena zu Stuttgart (15.30 Uhr) mit dem VfB Stuttgart und dem FC Augsburg zwei Mannschaften, die wenig Gemeinsamkeiten vorzuweisen haben.

Von Siegfried Zagler

Die einen sind erfolgreich und seit sieben Spielen unbesiegt (vier Siege, drei Remis). Dabei blieben sie auswärts vier Mal in Folge ohne Niederlage (0:0 bei der Hertha, 1:0 beim HSV, 1:1 in Frankfurt und 2:2 in Dortmund). Ihre Heimsiege fuhren sie überlegen mit solider Dominanz ein. Aktuell befinden sie sich auf Platz neun in der stärksten Liga Europas. Sie haben noch alles in der Hand. Noch steht ihnen die Möglichkeit offen, sich für die Europa League zu qualifizieren. Sie befinden sich 12 Punkte von einem Abstiegsplatz entfernt und der Abstand nach Europa beträgt zwei Punkte.

Die anderen kommen bereits die ganze Saison nicht richtig in Tritt und befinden sich aus ihrer Sicht  in einer schweren Krise; schließlich verloren sie von den zurückliegenden sieben Spielen sechs (!). Ein Aufwärtstrend ist nicht erkennbar, zuletzt hagelte es vier Niederlagen in Folge. Allerdings spielten die anderen dabei nicht unbedingt schlecht, denn drei der letzten vier Gegner waren Hochkaräter (Bayer, Bayern, Wolfsburg), was allerdings nichts daran ändert, dass ihnen das Abstiegsgespenst am Hosenbein knabbert. Von einem möglichen Sturz in die Zweite Liga sind sie zwei Punkte entfernt, von einem direkten Abstiegsplatz drei Punkte.

Die Tabelle schummelt nicht

Die einen sind die Augsburger, die anderen die Stuttgarter. Nein, es handelt sich um keinen Scherz oder um eine dumme Verwechslung. Sportberichterstatter sprechen bei außergewöhnlichen Konstellationen wie in diesem Fall von „umgekehrten Vorzeichen“. Der Augsburger Trainer Markus Weinzierl sagte auf der „Vor-dem-Spiel-Pressekonferenz“, dass die Tabelle zwar nicht lüge, aber manchmal am Schummeln sei. Diejenigen aber, die von richtigen Einschätzungen im hohen Maß profitieren, nämlich die Wettbüros, sehen ein Fußballspiel weder historisch noch romantisch. Für sie schummelt die Tabelle nicht und für sie ist Name nichts als Schall und Rauch. Für die Buchmacher zählt nur die Wirklichkeit auf dem Platz. Und deshalb ist für sie der FC Augsburg in Stuttgart Favorit.

Rechts haben die Augsburger ein Übergewicht

Die Tabelle schummelt nicht

Der FCA darf von Europa träumen


Setzt man also auf einen FCA-Sieg in Stuttgart springt dabei weniger heraus, als bei einem Wetteinsatz für einen Stuttgarter Sieg. Für die Buchmacher sind auch Serien von untergeordneter Relevanz. Der FCA ist Favorit, aber das Spiel ist völlig offen. Und zwar deshalb, weil beide Mannschaften, solange die Stuttgarter Vedad Ibisevic und Mohammed Abdellaou ein Schatten ihrer selbst sind, personell auf gleichem Niveau agieren. Hat jedoch einer von den beiden Stuttgartern Topstürmern einen guten Tag, ist der VfB schwer zu nehmen. Links müssen Tobias Werner und Ostrzolek Harnik in den Griff bekommen. Rechts haben die Augsburger mit der Kampfmaschine Hahn und dem feinen Technik-Verteidiger Verhaegh vorne wie hinten alles im Griff und somit ein leichtes Übergewicht. In der Mitte agieren die Augsburger in der Abwehr wie im Mittelfeld seit Monaten wie eine Topmannschaft. Im Strafraumspiel liegt bei den Augsburgern der Hund begraben. Doch auch hier könnte sich beim FCA einiges zum Besseren entwickelt, schließlich hat man mit Milik, Bobadilla und Ji nun auch Strafraumspieler im Kader, die ein Spiel lesen können, in die Schnittstellen der Abwehr gehen und Torgefährlichkeit ausstrahlen. Noch lässt die Abstimmung mit den neuen Strafraumspielern zu wünschen übrig.

Augsburg ist in einer Position, wo das Träumen erlaubt ist

Beim FCA ist Jan Moravek wieder einsatzbereit. Torhüter Hitz wird verletzungsbedingt wieder von Manninger ersetzt. Beim VfB fehlt Kapitän Christian Gentner, der an einem Muskelfaserriss im Oberschenkel laboriert.

„Ach Europa“, so distanziert und zugleich verträumt wie einst Hans Magnus Enzensberger in seinen Reiseberichten (1987) mit der Option EU umging, darf der FCA möglicherweise bald nicht mehr mit der Option „Europa League“ umgehen. Falls man bei den Schwaben im Ländle gewinnen sollte, muss man sich am folgenden Wochenende die Nürnberger zur Brust nehmen, um dann den Aufbruch zu neuen Ufern zu träumen. Der FC Augsburg steht in der Tabelle genau dort, wo er hingehört. Er ist in einer Position, wo das Träumen erlaubt ist.



Wie an Fäden dem Schicksal und der Revolution entgegen

Brechtfestival: „Die Mutter“ in einer Inszenierung aus Italien

Von Frank Heindl

Die bisher möglicherweise verblüffendste Inszenierung des diesjährigen Brechtfestivals lieferte am vergangenen Sonntag das italienische Ensemble des Teatro Elicantropo aus Neapel und sein Regisseur Carlo Cerciello: Die Truppe machte keine Anstalten, Brechts „Mutter“ (nach dem Roman von Maxim Gorki) irgendwie zu aktualisieren. Stattdessen versetzte sie sich und das Publikum zurück in eine Zeit der radikal „brechtischen“ Inszenierung.



Die Mutter – das ist Pelagea Wlassowa die, um ihren Sohn vor dem gefährlichen Umgang mit den russischen Bolschewiken zu schützen, selbst das Flugblattverteilen übernimmt und in der Folge nicht nur zur überzeugten Kommunistin, sondern zur erfolgreichen Agitatorin wird. Brechts Text strotzt von Propaganda, vor Gedichten und Songs wie dem „Lob des Kommunismus“ (mit der Musik von Hanns Eisler), vor – aus heutiger Sicht – drastischer Identifikation mit der Revolutionspolitik der russischen Kommunisten, mit leninistischer Theorie und der Diktatur des Proletariats. Und Cerciello setzt dieses Programm getreu der Brechtschen Vorlage um. (mehr …)