DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
DAZ-Archiv - www.daz-augsburg.de

Brechtfestival: „Hier entstand große Literatur“

Überwältigendes Interesse an der Führung im Bleichviertel, wo Brecht seine Jugend verbrachte

Von Halrun Reinholz

SPD-Führung mit 220 Teilnehmern durch das Historische Brechtviertel - hier an der Kanalstraße. Von hier aus sieht man zur ehemaligen Hartmannschen Gartenlaube, wo Brecht die ersten Theaterstücke aufführte. Anna Einweck, die sich hier 16-jährig in den Stadtbach stürzte, war wohl Vorbild für Brechts Gedicht "Vom ertrunkenen Mädchen".


Lange vor dem Beginn der Führung sammelten sich bereits Menschentrauben an der Kahnfahrt, und das bei Kälte und Nieselregen. Der Historiker Thomas Felsenstein, so stand es im Programm zum Brechtfestival, wollte eine Führung durch das Viertel anbieten, in dem Brecht seine Jugend verbracht hat. Dass die SPD Veranstalter dieses Angebots war, hätte in Zeiten des Kommunalwahlkampfes im Programm fairerweise Erwähnung finden müssen. Es führte dann so eine Art Triumvirat, das sich die Themenschwerpunkte aufteilte: Thomas Felsenstein lieferte an jeder Station die historischen Fakten, Christian Gerlinger (Ortsvereinsvorsitzender der SPD im Stadtteil) die Insider-Details und Stadtratskandidat Frank Mardaus war für die künstlerische Gestaltung in Form von literarischen Belegen und passenden Brecht-Zitaten zuständig.

Die wahre Heimat Bertolt Brechts

Bei aller historischen Sachlichkeit galt es natürlich, eine Botschaft zu vermitteln. Nämlich die, dass das Bleichviertel die wahre Heimat Bertolt Brechts war – nicht etwa das Brechthaus in der Altstadt, das für Touristen so etikettiert wird. Augsburger und vor allem Brecht-Kenner wissen das natürlich, dennoch sind viele Details der Verflechtungen zwischen der Familie Brecht und dem Viertel um die Kahnfahrt unbekannt – dem wurde hier (auch ganz explizit als Beitrag zur Diskussion über die Zukunft des Brecht-Hauses) abgeholfen. Während es wider alle Gerüchte keinerlei Belege dafür gibt, dass Brecht jemals ein Ruderboot an der Kahnfahrt gemietet hat, sind andere Gebäude und Plätze dem Leben und Werk des Dichters eindeutiger zuzuordnen. Die Tour führte  natürlich zu dem Haus der Haindlschen Stiftung in der Bleichstraße, in dem die Familie Brecht zwei Wohnungen bewohnte und wo die berühmte Mansarde dem jungen Dichter und seinem Freundeskreis die Möglichkeit zu kreativem Miteinander bot. Hier soll der „Baal“ entstanden sein. Aber es führte auch zu Häusern, wo Freunde Brechts gewohnt hatten – Rudolf Hartmann in der Müllerstraße in einem Haus mit Hinterhof und Pflaumenbaum (sic!), Georg Pfanzelt („Orge“) in der Klauckestraße. Frank Mardaus las aus den Erinnerungen des Brecht-Bruders Walter, Christian Gerlinger verriet Details wie dieses, dass Brecht in der Dachmansarde dem flüchtigen Räterevolutionär Georg Prem 1919 Zuflucht gewährt hatte. Und dass es gar nicht einfach war, dem Augsburger Dichter in seiner Heimatstadt eine Straße zu widmen. Im Bleich-Viertel wurde schließlich die Frühlingstraße nach ihm benannt. Sachkundig knüpfte Thomas Felsenstein die Fäden zur allgemeinen Historie des nicht sehr feinen Vorstadt-Viertels der freien Reichsstadt und auch zu seiner heutigen Entwicklung in Richtung „stadtnahes Wohnen im Grünen“. Selbst eine auf Brecht spezialisierte langjährige Stadtführerin im Publikum gab zu, einiges dazugelernt zu haben.

Großes Interesse am Thema Brecht

Auf die schätzungsweise gut 200 Interessenten an der Führung war man begreiflicherweise nicht vorbereitet, deshalb musste kräftig improvisiert werden. In Ermangelung eines Megaphons suchte man erhöhte Plätze auf – Treppenabsätze, zur Not auch mal Mülltonnen. Entsetzte Blicke begleiteten die Menschenmasse aus Fenstern, wo schnell mal Rolläden herabgelassen wurden. Das zeigt aber nur: Das Führungsangebot traf offenbar den Nerv der Augsburger. Brecht ist, muss man wohl schließen, als „einer von uns“ in der Stadtgesellschaft angekommen. Diesen Eindruck vermittelt das Brechtfestival mittlerweile insgesamt – man geht hin, man spricht davon. Viele Veranstaltungen sind hoffnungslos ausverkauft. Und an Angeboten wie der Führung im Brechtviertel besteht Bedarf. Die Veranstalter nahmen es mit Wohlwollen zur Kenntnis und versprachen eine Neuauflage. Die muss nicht bis zum nächsten Brechtfestival warten, bei angenehmeren Temperaturen und ohne Regen könnte die Tour noch viel spannender sein.



Brechtfestival: Brecht und die Wilde Bühne

Im Hoffmannkeller wird der Zeitgeist der wilden Zwanziger in Berlin heraufbeschworen



Von Halrun Reinholz

Brecht kam nach Berlin in eine Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs nach dem Ersten Weltkrieg, eine Zeit, in der Sinnlichkeit und Frivolität neben politischer Radikalisierung auf beiden Seiten das Stadtbild prägten. Die wilden Zwanziger eben. Ein Abbild dieser Zeit bot Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“: Eine von einer arbeitslosen Opernsängerin gegründeten Kabarettbühne, auf der im Genre der musikalischen Revue pazifistische Gesellschaftskritik in einer von Militarismus geprägten Zeit und spielerische Lust an der Kunst aufeinandertrafen. Beteiligt waren verschiedene Texter, Komponisten und Sänger (vor allem Sängerinnen) – auch Bertolt Brecht gehörte dazu. Michael Friedrichs hat für das diesjährige Brechtfestival, das dieser Zeitspanne gewidmet ist, ein Programm zusammengestellt, das ein Stück der Atmosphäre dieser Bühne vermitteln soll.

Hochkarätiges im Kellertheater

So ähnlich wie im Hoffmannkeller, bemerkt der auch als Moderator fungierende Friedrichs, müsse es auch in der “Wilden Bühne” ausgesehen haben. Womit man bereits eingetaucht wäre in die Keller-Stimmung. Hilfreich die Bilder, die Friedrichs mit Erklärungen an die Wand wirft (wenn sie auch zuweilen seltsame Zeichnungen auf die Gesichter der in ihrem Weg stehenden Sänger malen). Die Stimmung machen aber die Musiker: Der als Brecht-Lieder-Kenner in Augsburg bestens eingeführte Geoffrey Abbott am Piano hat als Verstärkung den begnadeten Saxophonisten Kay Fischer mitgebracht. Die Sänger sind wohlbekannt: Isabell Münsch, klassisch ausgebildete Sopranistin und Brecht-Spezialistin gleichermaßen, verwundert in diesem Rahmen nicht. Der Bariton Stefan Sevenich jedoch, ehemaliges Mitglied des Augsburger Opernensembles mit ausgeprägtem komödiantischen Talent, ist im Brecht-Kontext bisher noch nicht aufgefallen. Das Zusammenspiel funktioniert jedoch hervorragend. Mit wenigen Handgriffen verwandelt sich  Isabell Münsch vom mondänen Vamp in eine puppenhafte Marionette und Sevenich kann seine Spielfreude ausleben in der verzweifelten Eifersucht auf den „Tangogeiger“ oder wenn er seinen „Körper schwarz bepinseln“ lassen will. Brecht kommt immer wieder vor, wird jedoch flankiert von anderen zeitgenössischen Textern (Tucholsky, Wedekind) und Komponisten (Hanns Eisler, Kurt Weill, Friedrich Hollaender), sodass bei allem Ernst gesellschaftskritischen Hintergrunds ein insgesamt vergnügliches Panorama entsteht. Enthusiastischer Applaus im ausverkauften Keller.



Gute Chancen für die Greenhorns

Das Rennen ist entschieden. Die Parteien und Listen, die sich nach dem Ablauf der Frist für die Unterstützerlisten für die kommende Kommunalwahl qualifiziert haben, sind bekannt. Welche Politik ist von den Neulingen zu erwarten? Wie sind ihre Chancen?

Von Siegfried Zagler

Wahlkampf mit OB-Kandidaten im Augustanasaal auf Einladung der Vertretung der Bayerischen Architektenkammer in Schwaben

Was von der CSM zu erwarten ist, ist nicht schwer einzuschätzen. Die von der CSU abgesplitterte Gruppierung hat sich in den vergangenen Jahren im Stadtrat ein Profil erarbeitet und stellt dieses auch deutlich im Wahlkampf dar. Anders verhält es sich mit den anderen Neulingen, die – soviel vorab – gute Chancen haben, in das Augsburger Stadtparlament einzuziehen.

Fangen wir mit der ÖDP an. Die Augsburger ÖDP hat einen soliden Frontmann namens Pettinger. Christian Pettinger ist bei der ÖDP auf Listenplatz eins und OB-Kandidat der christlich ausgerichteten Ökopartei. Die Möglichkeit, dass Pettinger den Sprung in das Stadtparlament schafft, ist vorhanden, die Chancen stehen sogar gut. Das neue Auszählverfahren nach Hare-Niemeyer macht es möglich. Wäre bereits bei der Kommunalwahl 2008 nach Hare-Niemeyer ausgezählt worden, wäre die ÖDP nicht aus dem Stadtrat geflogen. Von 2002 bis 2008 saß mit Gabi Thoma eine ÖDP-Stadträtin am Tisch der Regenbogenregierung. Und so ist es auch nicht überraschend, dass sich Pettinger politisch viel näher bei der SPD als bei der CSU sieht, wie er in einem Gespräch mit der DAZ erklärte. Die ÖDP könnte Stimmen aus allen politischen Lagern gewinnen und möglicherweise Nichtwähler an die Wahlurnen ziehen. Mehr als ein Sitz ist für die ÖDP allerdings nicht zu erwarten.

Die AfD könnte vom Niedergang Pro Augsburgs profitieren



Von drei Sitzen plus x geht Thomas Lis aus. Thomas Lis ist Frontmann der Augsburger AfD, die sich in Augsburg, so Lis, in keinem Fall auf der rechten Seite des Parlaments wähnt. Lis hat bei der letzten Kommunalwahl die Grünen gewählt und sieht die Augsburger AfD ebenfalls näher bei Rot-Grün als bei der CSU. Lis ist ein politisches Greenhorn, das sich derzeit professionell und mit hohem Aufwand in die politische Stadt einarbeitet. Die AfD scheiterte bei der zurückliegenden Bundestagswahl nur knapp an der Fünf-Prozent-Hürde. In Augsburg lag die AfD über fünf Prozent. Das kommunalpolitische Profil ist bei der Augsburger AfD noch ziemlich unscharf. Dass ein AfD-Erfolg bei der Augsburger Kommunalwahl einen Rechtsruck des Stadtrates bedeuten würde, ist nicht zu befürchten. Lis kommt nach eigenen Angaben mit Stefan Kiefer und Reiner Erben gut klar, hat aber kein Faible für die CSU. Die AfD zog bei der Bundestagswahl einen besonders hohen Stimmenanteil vom konservativen Lager und von der FDP ab, setzte aber auch viele Nichtwähler in Bewegung. Das könnte sich bei der Augsburger Kommunalwahl leicht verzerrt wiederholen: Die AfD könnte vom Niedergang Pro Augsburgs und der speziellen Situation der Augsburger CSU profitieren.

Die Verdienste der Polit-WG

Die Polit-WG hat sich bereits bei der Qualifikation zur Kommunalwahl große Verdienste erworben, indem sie dafür sorgte, dass die Augsburger Piratenpartei an der Hürde von 470 Unterstützerunterschriften scheiterte. Wäre die Polit-WG nicht angetreten, hätten die Schwadroneure um Fritz Effenberger die notwendige Unterschriften-Anzahl wohl eher erreicht. Viel mehr lässt sich über die Polit-WG nicht sagen. Ihr Wählerpotential ist bei jungen Protestwählern zu verorten. Ein bisschen cool, ein bisschen Künstler, gut ausgebildet oder in der Ausbildung befindlich, handelt es sich dabei um eine Wähler-Gruppe, denen die Grünen zu spießig und die Piraten dann doch zu technokratisch und zu verbohrt daher kommen. Die Liste der Polit-WG besteht aus lokalpolitischen „Super-Greenhorns“, denen die langen Strecken der Ebenen eines Stadtrates sehr mühevoll vorkommen könnten. Die Kraft der Polit-WG könnte darin bestehen, dass sie mit einem speziellen Wahlkampf ein Protestwählerpotential für sich einnehmen könnte. Der Anteil der Nichtwähler liegt bei Kommunalwahlen über 50 Prozent. Davon könnten alle Neulinge profitieren, nicht nur die Polit-WG, der die DAZ einen Sitz im Augsburger Stadtrat zutraut.