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Und hinter den Dingen die Welt

Walter Käsmairs Augsburg-Fotografien

Von Siegfried Zagler



Karl Albert Gollwitzer (1839 -1917) war Visionär und Architekt. Seine Bauten waren Kinder ihrer Zeit, seine Visionen – wie der Augsburger Stadt-Hafen mit Anschluss an eine internationale Wasserschifffahrt – kühne Entwürfe, die ihrer Zeit weit voraus waren. Berühmt wurde er durch seine großbürgerlichen Wohnbauten im Stile des Historismus. So zum Beispiel die Bürgerhäuser bei der Blauen Kappe, die – als wären sie nicht tausendmal fotografiert – von Walter Käsmair so abgebildet wurden, als müssten sie neu entdeckt werden. Das Verborgene ist nicht verborgen, wenn man es sehen will. Davon erzählen die neuen Augsburg-Fotografien von Walter Käsmair, der seit einem Vierteljahrhundert im Herbst seinen neuen Augsburg-Kalender für das kommende Jahr vorstellt.

Der 55jährige Berufsfotograf erkundet seit vielen Jahren die Stadt mit obsessiver Genauigkeit. Seit einem Vierteljahrhundert zeigt uns Käsmair ein Augsburg, dessen Historizität in dieser Sorgfalt zu selten gewürdigt wird. Augsburg ist eine atemberaubende Stadt und obwohl sie immer da war und uns ständig umgibt, muss man sich offensichtlich stets ihrer einzigartigen Existenz vergewissern. Augsburg ist bei Käsmair ein Gemälde, das seine Betrachter zur Kontemplation zwingt. Eine Fotografie bildet nicht die Wirklichkeit ab, sondern etwas, das der Fotograf sieht oder zu sehen glaubt. Käsmair ist ein Fotograf, der komponiert. Ihn interessiert nicht allein die aufregende Authentizität eines Objekts, sondern auch die Welt hinter den Dingen. Käsmair komponiert mit der Kamera eine Welt, die sich einem flüchtigen menschlichen Blick nicht offenbart. Sein Sucher ist ein Werkzeug einer Erkenntnisarbeit, die uns beschämt, weil sie uns ahnen lässt, dass hinter dem Sichtbaren eine tiefere Ordnung steckt und uns die Bedeutung dieser Ordnung verborgen bleibt, weil wir die Kunst des Sehens nicht beherrschen.

Der Realismus einer Schwarz-Weiß-Fotografie Käsmairs irritiert deshalb, weil das Bekannte plötzlich nicht mehr vertraut ist und hinter den Dingen eine unentdeckte Welt zu existieren scheint. Wenn man es auf die Spitze treiben will, sind Käsmairs Obsessionen das Gegenstück der „NASA-Fotografie“. Die Bilder des Weltraum-Teleskops „Hubble“ führen uns aus der platonischen Höhle hinaus, während Käsmair uns tief in sie hinein treibt. Die Malerei des Impressionismus bis hin zur Kernspintomographie zeigt nur eins: Die Welt ist Vorstellung – und unsere Stadt ein Abgrund. Wer das nicht ahnt, der sollte sich den Fotografien Walter Käsmairs widmen.

Walter Käsmairs Augsburg-Kalender 2013 ist seit wenigen Tagen in ausgesuchten Augsburger Buchläden erhältlich.



Neue CD: Trios und Sonaten von Leopold Mozart

Das 61. Deutsche Mozartfest findet vom 12. bis 21. Oktober unter dem Motto „Leopold im Spiegel der Zeit“ statt. Jetzt schon führt eine neue CD auf das Thema hin.



Auf der CD sind Leopold Mozarts Solosonaten für Hammerflügel (LMV XIII:1–3) und eine Welt-Ersteinspielung der drei Trios für Hammerflügel, Violoncello und Violine (LMV XI:1–3) zu hören. Für ein authentisches Klangerlebnis sorgt die Pianistin Christine Schornsheim, die auf dem historischen Johann Andreas Stein–Hammerflügel von 1785 spielt, der sich im Augsburger Mozarthaus befindet. Rüdiger Lotter (Barockvioline) und Sebastian Hess (Barockvioloncello) komplettieren das Trio. Die Koproduktion von Oehms Classics, dem Bayerischen Rundfunk und der Deutschen Mozartstadt Augsburg ist ab sofort als Digipack im Handel erhältlich.

Wer – vor oder nach dem Kauf – mehr über die Aufnahme erfahren möchte, der kann im Radio bei BR-Klassik weitere Einblicke gewinnen: Am 2. und 9. Oktober, jeweils von 22:05 Uhr bis 23 Uhr wird dort unter anderem ein Interview mit Christine Schornsheim zu hören sein. Die CD ist über das Kulturamt Augsburg zum Preis von 26,99 Euro incl. Versandkosten zu erhalten: Tel. 324 32 53.



Salafismus in Deutschland

Vortrag der Interkulturellen Akademie

„Zwischen Identitäts-Suche, Abgrenzung und Radikalisierung: Ein Panorama des Neo-Salafismus in Deutschland.“ Unter diesem Titel referiert am kommenden Donnerstag Dr. Marwan Abou Taam von der Humboldt-Universität Berlin.

Salafisten schaffen es, mit ihrer religiös-totalitären Weltanschauung desorientierte Jugendliche zu mobilisieren. Junge Menschen, die unter dem Verlust sozialer Zuordnung leiden und nach Identität und Geborgenheit suchen, fühlen sich von den totalitären Gedanken des Salafismus angezogen. Sie stehen für Rückzug, Identitätssuche und die Angst vor vermeintlichen Sünden. Der Erfolg des Salafismus resultiert daraus, dass er sich als sinngebende gesellschaftliche Formation darstellt, die Widerstand leistet gegen eine zunehmende Entzauberung des Göttlichen. Sie beinhaltet gleichermaßen eine revolutionäre Gedankenwelt gegen die Moderne und all diejenigen, die für die Schwäche des Islam verantwortlich gezeichnet werden und ist eine sich konservativ gebende Ideologie, die die goldene Zeit des Islam beschwört. Diese Gleichzeitigkeit von revolutionärem Chaos und religiös-kultureller Kontrolle übt eine Faszination aus, die viele junge Menschen erreicht. Das salafistische Projekt vermittelt ihnen das Gefühl, Zeitgeschichte zu schreiben, da sie sich aus Sicht des Salafismus nicht nur gegen die vorherrschenden Autoritäten auflehnen, sondern sich auch auf Gottes Seite positionieren. In ihren Kritikern und Gegnern sehen sie Anhänger des Teufels.

Dr. Marwan Abou Taam ist wissenschaftlicher Referent des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz und assoziierter Partner des Projekts „Identitäts- und Abgrenzungsrituale von Menschen mit muslimischem Migrationshintergrund im deutsch-europäischen Innen- und Außenverhältnis (Heymat)“ an der Humboldt-Universität Berlin.

Der Vortrag findet am Donnerstag, 4. Oktober um 19.30 Uhr statt im Assyrischen Mesopotamien Verein, Mendelssohnstraße 21. Eintritt: 5 Euro.