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EM: „Ist der Bundestrainer DAZ-Leser?“

Joachim Löw schwang sich im Viertelfinale gegen Griechenland zu etwas auf, was ihm niemand zugetraut hatte. Er entwickelte den Mut, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen.

Von Siegfried Zagler



Mit spektakulärem Fußball stürmte die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen Griechenland bei der Fußballeuropameisterschaft 2012 ins Halbfinale. Am Ende stand es 4:2 für das DFB-Team. Ein Ergebnis, das nur bedingt die deutsche Überlegenheit widerspiegelt. Mit dem Sieg im Viertelfinale erreichte die deutsche Mannschaft zum vierten Mal in Folge bei den großen WM- und EM-Turnieren das Halbfinale und den 15. Pflichtspielsieg einer Nationalmannschaft in Serie: ein einsamer Rekord.

Erstaunlicher als diese Statistik ist allerdings der Umstand, dass Bundestrainer Jogi Löw im Vorfeld der Viertelfinal-Begegnung das Knirschen der Experten erreicht haben muss. Trotz dreier Siege gegen hochrangige Gegner in der Gruppenphase schwang sich Löw zum ersten Mal seit seiner Inthronisierung im Herbst 2006 zum Cheftrainer der Nationalmannschaft zu etwas auf, was ihm in dieser Radikalität niemand zugetraut hatte. Er entwickelte den Mut, seinen eigenen Verstand zu gebrauchen und stellte die Mannschaft um, und zwar beinahe so, wie es die DAZ in ihrer Löw-Kritik vorschlug. Ob der Bundestrainer DAZ-Leser sei, wollten drei Mailschreiber wissen.

Es war klug, Podolski aus dem Spiel zu nehmen

Möglich wäre es immerhin, doch selbstverständlich darf man davon ausgehen, dass Herr Löw und sein Trainerstab ohne Einflüstern erkannt haben, dass mehr Potential in der Mannschaft steckt, wenn man Podolski als Hemmschuh begreift. Podolski spielt zu statisch, also nach vorne zu unbeweglich und nach hinten zu phlegmatisch. Ganz selten ist aus den Laufwegen des Kölners herauszulesen, ob er mehr tun sollte, als auf der linken Seite mit dem Ball Tempo aufzunehmen. Schnürrle für Podolski war längst überfällig, und Reus für Müller zu bringen, war auch ein kluger Gedanke. Gomez ist ein Spieler, den man außerhalb des Strafraumes kaum anspielen kann, besonders nicht, wenn er frei steht und Zeit hat. Mario Gomez ist ein Spieler, der Zuspiele im Strafraum braucht und einer, der eher stört, wenn man aus dem Mittelfeld heraus dynamisch kombinierend in den gegnerischen Strafraum vorstoßen möchte. Gomez zieht keinen Gegenspieler aus dem gegnerischen Strafraum, sondern alle hinein. Es war klug, ihn gegen die Griechen durch Klose zu ersetzen, zumal Klose es verstand, Räume für Stoßstürmer Marco Reus zu schaffen.

Schwachstelle Boateng

Warum Jerome Boateng weiterhin gesetzt bleibt, bleibt ein Geheimnis des Bundestrainers. Boateng fällt zwar in dem stärksten Kader seit 1972 nicht so auffällig ab wie Podolski, fällt aber für einen Abwehrspieler zu oft in einen verhängnisvollen Sekundenschlaf. Boatengs Antizipationsvermögen ist limitiert und daraus ergibt sich „seine Not“, erst im letzten Moment zu blocken, was ihm irrtümlicherweise nicht selten als Stärke ausgelegt wird. Wenn es vor dem deutschen Tor gefährlich wurde, ging das meist auf die Rechnung von Boateng, der in dieser Mannschaft eine Schwachstelle darstellt.

Tormaschine mit Durchschlagskraft: Gomez

Noch ein Wort zu Gomez. Er ähnelt in seiner robusten Dynamik, seiner Präsenz im Strafraum und seinen technischen Schwächen vielen englischen Stürmern, Jürgen Klinsmann und Fernando Tores. Und wie die zuletzt genannten hat Gomez selbstverständlich die Klasse, um zum Beispiel gegen England mehr bewirken zu können als Klose. Gomez ist ein starker Direktabnehmer, beidfüßig, kopfballstark und zwischendurch zeigt er sogar Raffinesse im Strafraumspiel. Gomez ist ein Phänomen und eine Tormaschine mit Durchschlagskraft, die Klose inzwischen fehlt.

Missverständnis Podolski

Der deutsche EM-Kader ist ein Füllhorn großartiger Variationsmöglichkeiten. Nur in einer Angelegenheit sollte es nach dem Griechenlandspiel keine zwei Meinungen mehr geben: Für Lukas Podolski ist das Turnier vorbei. Sollte Löw tatsächlich ein anderes Fazit aus dem Griechenlandspiel ziehen, ist dem Bundestrainer nicht mehr zu helfen. In 100 Partien für die A-Nationalmannschaft erzielte Lukas Josef Podolski in acht Jahren unter den Bundestrainern Klinsmann und Löw 44 Tore, ohne jemals gegen starke Gegner überzeugt zu haben. Podolski ist ein Lieblingsschüler Löws, also ein Missverständnis, das in erster Linie Klinsmann und Löw geschuldet ist.

„Ich möchte einmal in einer Mannschaft spielen, in der jeder den Ball stoppen kann.“ Dieser Satz stammt von Franz Beckenbauer, der als Spieler und Trainer stets etwas Unerhörtes vor Augen zu haben schien. Etwas, wonach viele streben, das aber die wenigsten erreichen: Perfektion. Ein Verlangen, das dem badischen Gemütsmenschen Löw nicht in die Wiege gelegt wurde, weshalb man durchaus davon ausgehen darf, dass Poldi im Halbfinale wieder den Steinzeit-Linksaußen a la Lothar Emmerich geben darf.