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Lokalkolorit zum Abschluss

Brechtfestival, Nachtrag 1: „Augsburger Kreidekreis“ und „Misuk“

Von Frank Heindl

Zum Ausklang am Sonntagabend holte das Brechtfestival seinen Namensgeber noch einmal ganz nah heran. Zwar hatte die Inszenierung der frühen Erzählung vom „Augsburger Kreidekreis“ überhaupt nichts mit dem Festivalthema „Brecht und die Politik“ zu tun, dafür umso mehr mit der Heimholung des Autors in die Stadt, die, so die These von Festivalleiter Joachim Lang, lange Zeit von ihrem „berühmten Sohn“ nichts wissen wollte.

Regisseur Benjamin Brückel (links), Festivalleiter Joachim Lang (Mitte) und wissenschaftlicher Berater Jan Knopf (rechts) beim Publikumsgespräch im Anschluss an den „Augsburger Kreidekreis“. Foto: Nina Hortig / Brechtfestival.

Regisseur Benjamin Brückel (links), Festivalleiter Joachim Lang (Mitte) und wissenschaftlicher Berater Jan Knopf (rechts) beim Publikumsgespräch im Anschluss an den „Augsburger Kreidekreis“. Foto: Nina Hortig / Brechtfestival.


Der „Augsburger Kreidekreis“ handelt im 30jährigen Krieg, lang ist’s her, und hat auch gar nicht viel Lokalkolorit zu bieten – mit Ausnahmen einiger Ortsnamen, bei denen der Augsburger aufhört: In der Stadt selbst beginnt die Geschichte, sie setzt sich fort in Großaitingen und Mering und endet schließlich wieder in der, naja, Brechtstadt. Die 1948 im Rahmen der „Kalendergeschichten“ erstmals erschienene Erzählung hatte Brecht allerdings schon 1944 in das Drama „Der kaukasische Kreidekreis“ umgearbeitet und ihr damit den historischen und geografischen Bezug wieder genommen.

Regisseur David Brückel (von ihm stammt auch die Inszenierung der „Maßnahme“ von 2011, die in diesem Jahr wiederholt wurde) hat den Goldenen Saal als Veranstaltungsort sinnig in seine Konzept einbezogen, nutzt vor allem gekonnt die Lichtverhältnisse im anfangs fast völlig dunklen Saal. Auch mit Musik aus der Zeit des 30jährigen Krieges illustriert er die Geschichte der katholischen Magd Anna, die in den Wirren der Religionskriege ein protestantisches Kind vor katholischen Soldaten rettet. Später fordert die protestantische Mutter das Kind zurück – sie braucht es, um ihr Erbe durchzusetzen. Der schlitzohrige Richter inszeniert nun den berühmten, aus der Bibel bekannten Test mit dem Kreidekreis – allerdings mit neuer Anwendung: Nicht die Mutter bekommt das Kind, die stärker an ihm zieht, sondern diejenige darf es behalten, die nachgibt, um es nicht zu verletzen.

Zum endgültigen Ausklang Musik von Misuk

Die Rolle des Kindes stellt die Schauspielertruppe, der für die Probenarbeit nur eine Woche zur Verfügung stand, mit einem kleinen Akkordeon dar – das Instrument kann atmen, quietschen, man kann daran ziehen, und doch ist es ein Brechtscher Verfremdungseffekt, steht nicht für ein bestimmtes, sondern für jedes Kind. Brückel verwendet wörtliche Rede nur dann, wenn sie in der Erzählung vorkommt, sodass die Personen von sich selbst meist in der dritten Person reden – auch dies eine Methode aus Brechts Werkzeugkoffer. Die politische Forderung allerdings, die Brückel ans Ende der Erzählung gestellt hat, stammt nicht aus dem Augsburger, sondern aus dem kaukasischen Kreidekreis: „dass da gehören soll, was da ist, denen, die für es gut sind.“ Man hörte die Botschaft allerdings auch in Augsburg gerne – starker Applaus für eine fast zu sinnlich-gefühlvolle, aber mit einfachen Mitteln relativ viel erreichende Inszenierung.

Am späten Sonntagabend gab es dann im Unteren Fletz noch die allerletzte Veranstaltung des Brechtfestival 2012: Die Band „Misuk“ um die Sängerin Eva Gold stellte ihr Album „Misuk“ vor. Die Stimmung war gut, wenngleich die Band sich wohl mehr Publikum gewünscht hätte. Zu hören waren vor allem Stücke, die die Band bereits in den vergangenen Jahren im Rahmen von Brechtfestival und City of Peace präsentiert hatte: Neue Kompositionen für alte Brechtsongs, rhythmisch klar, durchsichtig arrangiert und instrumentiert. Nun liegen sie als CD vor – eine gesonderte Besprechung dazu folgt demnächst in der DAZ.



Brecht: „Wahrnehmung des Festivals hat dramatisch nachgelassen“

Die Stadtratsfraktion der Augsburger Grünen hat sich gestern für ein neues Konzept in Sachen Brechtfestival ausgesprochen.

Verena von Mutius

Verena von Mutius


„Die Herangehensweise von Herrn Lang ist legitim, aber ausgereizt. Die Resonanz in Augsburg, aber vor allem die überregionale Wahrnehmung des Festivals hat dramatisch nachgelassen“, so die kulturpolitische Sprecherin der Grünen Verena von Mutius, die in einer Pressemitteilung der Grünen dafür plädierte, „für die nächsten drei Jahre in enger Zusammenarbeit mit dem Theater ein neues inhaltliches Konzept zu erarbeiten.“

Mit dem Verlauf des diesjährigen Festivals ist die Grüne Fraktion unzufrieden. Festivalleiter Joachim Lang habe versucht, in vielen Veranstaltungen zu fragen, wie Brecht politisch einzuordnen sei. Diese Frage könne ein Aufhänger sein, aber in einem Festival mit dem Motto „Brecht und die Politik“ sollte es darum gehen, was Brecht in der heutigen Politik zu sagen hätte. „Dazu kam vom Festival an sich kaum Input“ so von Mutius.

Verlängerung ohne ein vorliegendes Konzept

Im Widerspruch zu Peter Grab bewerten die Grünen die Einbindung der jüngeren Generationen: „Gerade junge Menschen waren beim Festivalprogramm kaum sichtbar und auch das Angebot für Kinder ist ausbaufähig.“ Fraktionschef Reiner Erben kritisierte die Beschlussempfehlung des Kulturausschusses. Es sei falsch, so Erben, dass Herrn Lang eine Verlängerung um weitere drei Jahre angeboten werden soll, ohne dass dieser überhaupt ein Konzept vorgelegt habe. Es sei richtig, dass das Theater zum Mittelpunkt weiterer Brechtfestivals werden solle, in diesem Zusammenhang müsse dann allerdings die Frage geklärt werden, ob eine Festivalleitung noch notwendig sei.



Huldigung und kritische Reflexion

Brechtfestival, Nachtrag 2: Wessen Welt ist die Welt?

Von Frank Heindl

Wessen Welt die Welt sei, hatte man mit Brecht schon Anfang vergangener Woche im Saal der Stadtwerke gefragt – einer der wenigen Abende des Brechtfestival mit dem Untertitel „Brecht und die Politik“, an dem es wirklich um den politischen Dichter Brecht ging.

Das Konzept der Vortragsabends war so einfach wie erfolgreich: keine langen Debatten über, sondern Texte von Brecht gab es zu hören. Michael Friedrichs moderierte und führte mit wenigen Worten in die Entstehungsgeschichte der vorgetragenen Texte ein, das Duo Isabell Münsch (Sopran) und Geoffrey Abbot (Klavier) spielte und sang, Stadttheater-Schauspielerin Judith Bohle trug Gedichte vor und der deutsch-türkische Kültürchor intonierte ebenfalls ein paar Songs.

Schön, dass auf diese Weise auch einmal der kritisch-agitatorische Brecht zu Wort kam, mit knappen, klaren Texten, die zur Veränderung aufrufen. „Meine Herren, das ist sehr schwierig“ – so ausweichend erklärt der Arbeitgeber im gleichnamigen Gedicht von 1930 die Arbeitslosigkeit. Doch in der letzten Strophe schallt ihm eine klare Antwort entgegen: „Unsere Arbeitslosigkeit geht nicht eher weg, eh ihr nicht arbeitslos geworden seid.“ Friedrichs ordnetet die Texte mit wenigen Anmerkungen – und oft unter Zuhilfenahme von Karikaturen und Zeichnungen – schlüssig in den zeitlichen Kontext ein und klärte auf, wo Brecht seine Anregungen her hatte. Und schnell kam dann der Dichter selbst zu Wort, mit prägnanten Gedichten und Songs, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließen.

War das Leben wirklich „schlimmer als die Pest“?

Was war denn das für eine Zeit, in der Brecht seine Gedichte schrieb? Wenn er in „Mein Sohn, was immer aus dir werde“ eine Mutter ihrem Ungeborenen erzählen lässt, auf das Kind warte „ein Leben, schlimmer als die Pest“ weckt das regelrecht die Lust nach soziologischen Daten: War es denn wirklich so schlimm? Arbeitslosigkeit, Kindersterblichkeit, Durchschnittseinkünfte, Kohlen-, Kleidungs-, Lebensmittelpreise in der Zeit der Weimarer Republik, in Deutschland, in Russland – auch das wäre ein Thema, dessen sich die Auseinandersetzung mit Brecht einmal annehmen könnte – und sollte. Aus solchen Daten würde der Wunsch noch verständlicher, der am Ende der „Vier Wiegenlieder“ steht: „dass es auf dieser Welt nicht mehr zweierlei Menschen gibt“. Und solche Informationen würden manche Diskussion über die Rolle Brechts als Kommunist oder Gesellschaftskritiker in ein anderes, helleres Licht stellen.

Gegen Ende erklang auch das „Solidaritätslied“, 1931 für den Film „Kuhle Wampe“ entstanden. Aus dem Text Lied stammte der Titel der Veranstaltung: „Wessen Welt ist die Welt?“ In der Zeit seiner Jugend, hatte Moderator Michael Friedrichs vorher erklärt, habe es zum guten Ton gehört, auf diese Frage laut mit „Unsere!“ und in die Höhe gereckter Faust zu antworten. Geoffrey Abbott haut in die Tasten beim „Vorwärts und nicht vergessen“ – der Song stampft und treibt trotz der wechselnden Metren, Isabell Münschs Stimme mischt sich klar und herausfordernd in den Vortrag des Kültürchors. Doch als die besagte Frage am Ende erklingt, tönt aus dem Publikum nur eine einzige, zaghaft-schüchterne Frauenstimme mit der richtigen – der falschen? – Antwort: „Unsere …“

„Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront“

Die Verhältnisse haben sich geändert, heute singt und hört man Brecht anders als zu seiner Zeit. Andersrum vergessen jene, die ihn heute in politische Raster sortieren wollen, leider oftmals, dass man ihn zu seiner Zeit eben auch anders hören und singen musste als heutzutage. Und dass Brecht deshalb anders sprechen, dichten und auftreten musste als es unserem ach so befriedeten Zeitalter angemessen erscheint. Ganz zum Schluss, beim Einheitsfrontlied, sangen dann sogar Teile des Publikums mit: „Reih dich ein in die Arbeitereinheitsfront, weil auch du ein Arbeiter bist“. Das dürfte vor allem historische Reminiszenz, sentimentale Erinnerungsseligkeit und Huldigung an den großen Dichter gewesen sein. Dank des Rahmens aber, den Michael Friedrich bot, wurde es auch kritische Reflexion. Das war mehr, als sich von einem Großteil des Festivals sagen lässt.



Maximilianmuseum und H2 vorübergehend geschlossen

Wegen des Abbaus der Sonderpräsentation “Kleine Welten” bleiben im Maximilianmuseum ab sofort Teile der Goldschmiedeabteilung (Felicitas-Saal), das Sparda-Bank-Forum sowie die Welserhalle voraussichtlich bis 22. Februar geschlossen. Ab Donnerstag, 23. Februar, ist der Festsaal mit der Abteilung für Gold- und Silberschmiedekunst dann wieder ohne Einschränkungen geöffnet.

Ebenfalls zeitweise geschlossen bleibt das H2 – Zentrum für Gegenwartskunst im Glaspalast. Hier wird gerade die Sonderausstellung von Benjamin Appel “Auf einen Baum gefallen” eingerichtet, die ab 10. März für Besucher geöffnet ist. Die Staatsgalerie Moderne Kunst ist von der Schließung im H2 nicht betroffen, jedoch wird der Eintritt während der Umbauphase um die Hälfte reduziert.