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Grober Unsinn mit Methode

Sebastian Seidels „Hamlet for You“ im Sensemble Theater




Verheben wir uns nicht alle ab und zu mal an der großen Weltliteratur? Kapieren wir nicht alle ab und zu mal nicht, was uns der Schriftsteller eigentlich sagen will? Und fürchten wir uns nicht alle ab und zu mal davor, dabei erwischt zu werden, wie wir mal wieder die Pointe überhaupt nicht kapiert haben? Sebastian Seidel zeigt uns, dass wir damit nicht alleine sind – sondern dass im Gegenteil sogar echte Schauspieler echte Probleme damit haben, einen echten Shakespeare auf die Bühne zu bringen.

Man muss allerdings zugeben, dass die beiden Mimen (in diesem Fall darf man sie einmal so nennen), die Seidel in seinem 2006 ur- und am vergangenen Samstag im Sensemble-Theater wiederaufgeführten „Hamlet for you“ sich an Shakespeare versuchen lässt, schon ein bisschen sehr unfähig sind. So engagiert sie sich an eines der berühmtesten Stücke der Dramenliteratur wagen, so phänomenal scheitern sie auch daran – und zwar nicht wegen des komplexen Stoffes, sondern vor allem wegen schauspielerischer Unfähigkeit und narzisstischer Selbstüberschätzung. Jörg Schur gibt dabei den etwas erfahreneren Schauspieler Theo, der sich mit Shakespeare, mit Hamlet, sogar mit der elisabethanischen Aufführungspraxis durchaus auseinandergesetzt hat. Sein Partner Bernhard allerdings, gespielt von Birgit Linner, scheint eher noch nie auf der Bühne gestanden zu haben, geht die Umsetzung aber mit umso mehr Enthusiasmus, Naivität, Spielfreude und kindlich-kindischer Hingabe an. Und für beide ist es von gewissem Nutzen, dass am Bühnenrand die gelbe Reclamausgabe baumelt, mit deren Hilfe gewissen Textunsicherheiten wirkungsvoll abgeholfen werden kann.

Requisiten aus der Mottenkiste

Seidels Bühnenaufbau besteht aus einer sensationell primitiven Drehbühne, deren eine Seite eine Garderobe ist, an der (fast) alles hängt, was Schauspieler so brauchen: Perücken, Umhänge, Masken, Schwerter und – selbstverständlich! – Steckenpferde. Die Requisiten stammen sozusagen aus der Mottenkiste des Theaters und sind primitiver und einfältiger als zu Shakespeares Zeiten. Um 180 Grad gedreht wird aus der Requisitenkammer ein noch spärlicher ausgestatteter dänischer Thronsaal, bestehend aus Stuhl, (Mini-)Weihnachtsbaum und zwei symbolhaft gekreuzten Schwertern, die gegebenenfalls schnell gezückt werden können.

Schlecht schauspielern muss man auch erst mal können – was Schur und Linner in ihren eineinhalb Stunden Hamlet in diesem Genre abliefern, ist grandios. Nur ganz selten werden sie ein wenig zu albern – meistens aber chargieren und grimassieren sie sich auf höchsten Niveau bedenken- und bodenlos schlecht durchs Stück, bekriegen sich in kleinkarierten Eifersüchteleien, streiten darüber, ob man Shakespeare mit einem (selbstverständlich auf unterstem Niveau gecoverten) Karaokesong aufpeppen darf, bringen sich in verschiedensten Rollen hoch zu Ross wie Mann gegen Mann gegenseitig um und reduzieren so den „Hamlet“ auf eine Posse um Mord und Totschlag – bei der auch das Publikum seinen Part zu spielen hat.

Hintergründige Verfremdungseffekte

Und so ist man gezwungen, neben all dem Quatsch doch auch seine Rolle als Zuschauer zu hinterfragen: Sind wir nun Publikum oder spielen wir mit? Und wenn wir willfährig „Verräterin! Verräterin!“ oder „Mörder! Mörder!“ rufen – immer zweimal, weil nur das unserer emotionalen Hochstimmung Genüge tun kann – sind wir dann manipuliertes Plebs oder aufgeklärt mitspielende Durchblicker?

Hatte nicht das Stück schon mit der durchaus hintergründigen Feststellung begonnen, dass wir uns im Theater zunächst einmal angestrengt dumm stellen müssen – indem wir so tun, als ahnten wir nicht, wer da wen hintergeht, als wüssten wir nicht von vorneherein, dass uns ein großes Blutvergießen erwartet, das nicht einmal der Titelheld überleben wird. Seidels Komödientext spielt klug damit, dass das Theater eine Zauberbühne sein kann, auf der zusammenfindet, was nicht zusammengehört, dass Dramenkönig Shakespeare längst vor Brecht virtuos mit Verfremdungseffekten umzugehen wusste, dass sich die Illusion weder von billigen Requisiten noch von schlechten Schauspielern unterkriegen lässt – wenn wir nur Lust haben, mitzuspielen. „Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode“: Seidel hat das berühmte Zitat für seinen Text nicht verwendet – es könnte aber durchaus als Motto über dem Stück stehen.

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