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Ein Orchester aus Stimmen

Gewaltig: Cornelius Cardews „Great Learning, Paragraph 7“ im Goldenen Saal

Von Frank Heindl

Was passiert hier, was singen die da, wie funktioniert das, wie ist das organisiert? Wer sich ohne entsprechende Vor-Informationen am Sonntagabend im Goldenen Saal „The Great Learning, Paragraph 7“ des britischen Komponisten Cornelius Cardew anhörte, der war lange Zeit mit vielerlei Fragen beschäftigt und möglicherweise dadurch stark von der wunderbaren Musik abgelenkt, die den weiten Saal strahlend durchflutete – es wurde nur gesungen, doch manchmal glaubte man, ein ganzes Orchester zu hören.

Titelseite des Programmheftes zu „The Great Learning“ mit Foto des Komponisten Cornelius Cardew.

Titelseite des Programmheftes zu „The Great Learning“ mit Foto des Komponisten Cornelius Cardew.


Stellen wir also im Rückblick das Unwichtigste an den Anfang, die Frage nach der Art und Weise, wie dieses unglaubliche Chorwerk organisiert wird, und stellen wir gleich eingangs fest: Es funktioniert viel einfacher, als es sich anhörte. Cornelius Cardew hat einen zentralen Satz aus dem Paragraph 7 des Werks „Das große Lernen“ des chinesischen Philosophen Konfuzius (er lebte im sechsten und fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung) zu Musik gemacht: Wenn es an den Wurzeln nicht stimme, besagt dieser Satz, könne nicht gut regiert werden. Das wirklich Solide werde sich gegen das Banale durchsetzen, Schund könne sich nie als solide etablieren – „das passiert einfach nicht.“ Cardew zerlegt diesen und einen Schlusssatz in 18 Abschnitte. Seine Sänger betreten die Bühne und konzentrieren sich auf einen inneren Ton, den sie sich zunächst nur vorstellen. Wenn der Dirigent den Einsatz gibt, singen alle ein „if“ (“wenn”) mit ihrem jeweils eigenen Ton.

Zu Beginn ein gigantischer Cluster

Da nur die wenigsten Menschen über ein absolutes Gehör verfügen, kommen in diesem kollektiven „if“ nicht nur die 12 Halbtöne der westlichen Tonskala vor, sondern auch eine Vielzahl von Zwischentönen – der erste Eindruck des Hörers ist also ein gigantischer Cluster mit enormer Reibung. Die (schwierige!) Aufgabe der Sänger und Sängerinnen des Chores besteht nun darin, sich beim Singen ihres Tones nicht von den Nachbarn beeinflussen zu lassen – also nicht nach und nach in irgendeine Art von Harmonie einzuschwenken, sondern am eigenen Ton, an der eigenen Stimme festzuhalten. Jeder singt das vorgegebene Wort so lange, wie sein Atem reicht, schließt dann eine Pause an, die ebenso lang sein sollte, und wiederholt das Wort so oft, wie es der Komponist vorgibt – zwischen fünf und 17 mal werden die Worte wiederholt, manche sollen ein- oder mehrmals laut gesungen werden. Da jeder Sänger unterschiedlich lange Luft hat, sind die einen früher mit ihrem Wort fertig als andere und beginnen daher früher oder später als andere mit dem nächsten. So entsteht nach und nach zusätzlich zur musikalischen auch eine textliche Divergenz – jeder Teilnehmer befindet sich an einer anderen Stelle der Partitur, jeder ergänzt seinen persönlichen Ton auch mit seinem individuellen Rhythmus. Außerdem ordnet Cardew an, dass die Sänger sich, sobald sie mit einem Wort „fertig“ sind, an eine andere Stelle des Raumes begeben – es herrscht also auch ein beständiges „Bäumchen wechsle dich“ im Goldenen Saal, ein Streben mal weg von der Mitte (wo alles begann), dann wieder dorthin zurück.

Und dabei entsteht ein wahres musikalisches Wunder: Mal klingt der Gesang eher harmonisch, mal komplett dissonant, mal singen zufälligerweise alle leise, mal gibt es viele laute Töne, es wabert und hallt, schwillt an und verebbt, es entstehen unglaubliche Schwingungen, manchmal sirrt der Saal regelrecht, immer wieder vermeint man Instrumente zu hören, die ganz offensichtlich nicht vorhanden sind, eine Oboe, Geigen, ein ganzes Orchester von weit her – es ist zauberhaft und bezaubernd, großartig und gewaltig, ganz und gar traumhaft, was die Stimmen des Jungen Vokalensembles der Schülerakademie Schwaben (Leitung: Andrea Huber), sowie des Basilikachors und des Gospelchors von St. Ulrich und Afra (Leitung: Peter Bader) entstehen lassen.

Den Mut zum eigenen Ton lernen

Repräsentativster Ort des Regierens: der Goldene Saal

Repräsentativster Ort des Regierens: Veranstaltungsort Goldener Saal


Und es dauert. Denn das Stück hat keine Sätze, keine Haltepunkte, keine definierten Unterbrechungen, sondern wogt dahin, auf und ab, und wenn man es dann doch aufgegeben hatte, verstehen zu wollen, was da passierte, dann konnte man hingerissen in diesen Klängen versinken – und irgendwann ein bisschen erschrocken feststellen, dass zwei Stunden vergangen waren – und da dauerte es noch weitere dreißig atemberaubende Minuten.

Auch er habe, erzählt anschließend der Dirigent John Tilbury, immer wieder die Augen geschlossen und sei überrascht gewesen, welche Klänge er vernommen habe. Zwei Tage lang hatte der den Augsburger Sängern und Sängerinnen Cardews Kompositionsidee nahegebracht. Proben im klassischen Sinne könne man das Stück nicht, stattdessen gelte es den Teilnehmern Mut zu machen zu ihrer eigenen Stimme und ihrem eigenen Ton – um den gehe es in Cardews Komposition genau wie im Lehrtext des Konfuzius. Nur wenige kennen Cardews Werk so genau wie der 75-Jährige aus London, den Ute Legner von „Mehr Musik“ eigens für diese Veranstaltung des „Festivals der 1000 Töne“ engagiert hatte. Tilbury war mit Cardew eng befreundet, war zu dessen Lebzeiten sein Pianist (Cardew starb 45jährig bei einem Autounfall), betreut seither unter anderem Cardews Werk und hat den „Paragraph 7“ nicht nur unzählige Male gehört, sondern das Stück auch oft selbst dirigiert. Im Goldenen Saal habe er manchmal elektronische Musik zu hören geglaubt, sagt Tilbury „but much better, much more living“ – aber eben viel besser, viel lebendiger. Das Stück sei eben jedes Mal anders.

Ein sakral anmutendes Werk – am richtigen Ort

Dass einem dabei Cardews Werk nahezu sakral anmutet, wird dem Komponisten bewusst gewesen sein. Den Veranstaltern schien es gerade aus diesem Grund wichtig, das Konzert nicht in einer Kirche abzuhalten. Denn das Thema von Cardew/Konfuzius ist ein weltliches – es geht um gutes Regieren, es geht um die Feststellung, dass dieses nur stattfinden kann, wenn die Wurzeln gesund sind. Wo hätten diese Aussagen mehr Berechtigung als am repräsentativsten Ort des Regierens, den Augsburg zu bieten hat: im Goldenen Saal mit seiner historischen Bedeutung und seiner Lokalisation im Rathaus. Man muss aber kein Konfuzius-Anhänger sein, um Cardews Werk genießen zu können. Unabhängig von jeder philosophischen Interpretation gilt: Selten war man noch am Tag nach einem Konzert auf solch eine besondere Art, nun ja, es schreibt sich schwer hin, muss aber trotzdem gesagt sein: ergriffen.



FCA: „Wir haben Fehler gemacht“

Im Rahmen seines gestrigen Auftritts im Augsburger Presseclub waren von Walther Seinsch erstmalig selbstkritische Töne hinsichtlich der Einkaufspolitik des FC Augsburg zu vernehmen.



In der Zeit nach dem Aufstieg in die Bundesliga sei man zu zögerlich gewesen und habe zuwenig Bereitschaft zum Risiko gezeigt, so FCA-Präsident Seinsch. Zwar sei die Mannschaft relativ nah dran, um die Liga halten zu können, aber in der Kreativ-Qualität würden noch Spieler fehlen. „Am Geld habe es nicht gelegen“, so Seinsch, der gestern prognostizierte, dass der FCA in der kommenden Transferphase sehr aktiv sein werde. „Man hätte Geld gehabt, um Spieler, die im unteren Viertel der Gehaltsskala der Ersten Liga liegen, verpflichten zu können“, so Seinsch, der aufgrund einer Depression in der heißen Transferphase nach dem Aufstieg nicht im operativen Geschäft tätig war. FCA-Manager Andreas Rettig nannte damals das zögerliche Agieren auf dem Transfermarkt „wirtschaftliche Vernunft“.

Walther Seinsch 2009 mit Horst Seehofer (Foto: Gaby Zweck)



Haushalt: „30 Minuten kostenlos parken oder Jugendarbeit?“

Von Siegfried Zagler

Die Stadtratsfraktion der Augsburger Grünen hat gestern via Pressemitteilung das Vorhaben der Stadtregierung, dem Stadtjugendring im Rahmen der Haushaltskonsolidierung 110.000 Euro zu streichen, als „völlig falschen Ansatz“ bezeichnet und dem Stadtjugendring politische Unterstützung bei seiner Protestaktion („Lass dich nicht streichen“) angekündigt. Finanzreferent Hermann Weber hat mit einem Offenen Brief „an alle Unterzeichner der Aktion Lass dich nicht streichen“ ebenfalls reagiert.

„Es zeugt von falschen Schwerpunktsetzungen, wenn die aktuelle Stadtregierung ausgerechnet bei der Jugendarbeit spart. Das dient nicht der Zukunftsfähigkeit. Die Jugendarbeit ist in Augsburg schon jetzt unzureichend ausgestattet“, so der Grüne Fraktionschef Reiner Erben. Die Stadt müsste die Verwaltungsstrukturen verschlanken und eine ernsthafte Aufgabenkritik angehen, und dabei „ihre unsinnigen Prestigeprojekte einstampfen“, so Christian Moravcik, Finanzpolitischer Sprecher der Grünen. Darüber hinaus weisen die Grünen darauf hin, dass im Rahmen einer nationalen Studie des PROGNOS-Instituts Augsburg bei den Ausgaben für Jugendarbeit in einem Vergleich von 40 Städten auf dem letzten Platz gelandet ist.

Sparen bei der Jugendarbeit dient nicht der Zukunftsfähigkeit

"Falsche Schwerpunktsetzungen": Christian Moravcik

"Falsche Schwerpunktsetzungen": Christian Moravcik


Ohne Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich sowie bei Präventionsprojekten seien gemäß der von den Grünen erstellten Sparliste Einsparungen über 8 Millionen Euro möglich. „Die Kürzungen beim Stadtjugendring sind bei richtiger Schwerpunktsetzung nicht nötig. Wir haben Alternativen aufgezeigt, jetzt muss die Stadtregierung zeigen, was ihnen wirklich wichtig ist, 30 Minuten kostenlos parken oder die Jugendarbeit!“, so Moravcik, der von „falschen Schwerpunktsetzungen“ seitens der Stadtregierung spricht.

Sparen bei der Jugendarbeit diene nicht der Zukunftsfähigkeit, zumal nach Auffassung der Grünen die Jugendarbeit in Augburg „schon jetzt unzureichend ausgestattet ist.“

„Viel zu lange haben wir alle ein Stück Zukunft aufs Spiel gesetzt“

"Kein Mensch will euch die Zuschüsse streichen": Kämmerer Hermann Weber

"Kein Mensch will euch die Zuschüsse streichen": Kämmerer Hermann Weber


„Liebe Kinder und Jugendliche“, so Finanzreferent Hermann Weber in seinem Schreiben, in dem Weber mit vorauseilendem Einverständnis es „gelungen“ findet, wenn sich die Jugend zusammen mit dem Stadtjugendring bei der politischen Diskussion zum Gelingen eines Haushalts beteilige. „Kein Mensch will Euch die Zuschüsse streichen. Es geht im städtischen Haushalt darum, dass wir die städtische Entwicklung im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten verantwortungsvoll fördern“, so Weber, der die städtische Jugend darauf hinweist, dass sie es wäre, die die Konsequenzen zu tragen hätte, wenn sich die Kommunen immer weiter verschulden würden.

„Wohin das führt, sehen wir derzeit in Griechenland, in Italien, in Spanien und in gewisser Weise auch in deutschen Kommunen“, so Weber, der gegenüber den Jugendlichen keinen Hehl daraus macht, dass die Stadt aus seiner Sicht in der Vergangenheit von einer gewissen Sorglosigkeit geschlagen schien: „Viel zu lange haben wir alle sorglos ein Stück Zukunft aufs Spiel gesetzt und dabei vergessen, dass die Schulden irgendwann auch zurück gezahlt werden müssen.“

» Der Offene Brief von Hermann Weber (pdf, 52 kB)



SPD Augsburg für gemeinsamen Wahltermin 2013

Für die terminliche Zusammenlegung der Landtags-, Bezirks- und Bundestagswahl im Herbst 2013 setzt sich die Augsburger SPD-Stadtratsfraktion – unterstützt von den Augsburger SPD-Landtags- und Bundestagsabgeordneten – ein.

"Das Einsparpotenzial sollte auf jeden Fall genutzt werden": Dr. Stefan Kiefer

"Das Einsparpotenzial sollte auf jeden Fall genutzt werden": Dr. Stefan Kiefer


Die SPD hat gestern die Verabschiedung einer Resolution durch den Stadtrat beantragt, die Bayerische Staatsregierung möge für die Bundes- und Landtagswahlen einen gemeinsamen Wahltermin festlegen. “Das spart dem Land und auch der Stadt Millionen”, so der Fraktionsvorsitzende Dr. Stefan Kiefer. Die Kosten für die Landtagswahl 2008 hätten sich nach Auskunft der Bayerischen Staatsregierung auf gut 13 Millionen Euro, die Kosten für die Bundestagswahlen auf ca. 11,4 Mio. Euro belaufen. Bei einer Zusammenlegung der Wahltermine wie in den Jahren 1994 und 1998 wären beträchtliche Einsparungen an Steuergeldern möglich. Auch für die Stadt Augsburg würde dieses Vorgehen Einsparungen bei den Aufwandsentschädigungen für die Wahlhelferinnen und Wahlhelfer mit sich bringen.

Nach den gesetzlichen Vorgaben müssen die nächsten Landtagswahlen – gleichzeitig die Bezirkswahlen – zwischen dem 1. September und den 24. November 2013, die nächsten Bundestagswahlen zwischen dem 1. September und dem 27. Oktober 2013, jeweils an einem Sonntag oder gesetzlichen Feiertag stattfinden. Den Tag für die Wahl des Landtags setzt die Staatsregierung spätestens fünf Monate vor dem Wahltag fest. Ein gemeinsamer Wahltermin mit der Bundestagswahl ist gesetzlich nicht ausgeschlossen.



Neue CSM legt ihre Leitlinien fest

Auf einer moderierten Klausurtagung am vergangenen Wochenende hat die kürzlich von der CSU abgespaltene Neue CSM-Fraktion Leitlinien und Kernpunkte ihrer Politik festgelegt.

"Wahrheit, Klarheit, Vollständigkeit": Finanzreferent Hermann Weber zum Haushalt 2012

"Wahrheit, Klarheit, Vollständigkeit": Finanzreferent Hermann Weber zum Haushalt 2012


“Konzentration auf wesentliche Aufgaben und konsequente Anwendung des Subsidiaritätsprinzips – dies ist einer der Kernpunkte der Neuen CSM-Fraktion”, so die Fraktionsvorsitzende Claudia Eberle gestern in einer Pressemitteilung. Jeder solle die Aufgabe wahrnehmen, die er am besten könne: “Die Verwaltung verwaltet, die Wirtschaft wirtschaftet”, fasste Kämmerer und Fraktionsmitglied Hermann Weber den Punkt zusammen.

Für den städtischen Haushalt 2012 müsse – neben der Ausgeglichenheit – “strikte Wahrheit, Klarheit und Vollständigkeit” das Ziel sein. Die im Haushaltsentwurf vorgeschlagene Erhöhung der Gewerbesteuer sei maßvoll. Damit könne die Stadt attraktiver gestaltet, die Erreichbarkeit optimiert und die Arbeits- und Lebensqualität verbessert werden.

Bekenntnis zu Innovationspark und Mobilitätsdrehscheibe

Klar bekennt sich die Neue CSM zu den Augsburger Großprojekten Innovationspark und Mobilitätsdrehscheibe. “Das Konzept Forschung, Entwicklung sowie Produktion an einem Standort kann ein Markenzeichen für Augsburg werden”, so das Statement zum Innovationspark. Die Mobilitätsdrehscheibe mit ihren Verbesserungen für Pendler und Reisende am Hauptbahnhof und einer behindertengerechten Gestaltung sei unabdingbar für Augsburg werde vorbehaltlos unterstützt. “Immer noch mehr neue Wettbewerbe” dürften das Projekt allerdings – trotz damit verbundener Perfektionierung im Detail – “nicht immer teurer und vielleicht nicht mehr bezahlbar” machen.

Weitere Leitlinien der Neuen CSM sind die Erhaltung der medizinischen Versorgung auf höchstem Niveau, die Bildung, die Energiewende, eine lebendige Innenstadt, die Sicherung des friedlichen Zusammenlebens in der Stadt, die Stärkung des Messe- und Kongress-Standorts, die Förderung des Breitensports sowie eine Prioritätensetzung bei der Förderung der Kultur.

Eigene Liste zur Kommunalwahl 2014 geplant

Die Fraktionsmitglieder der Neuen CSM planen ihre politische Zukunft offensichtlich über 2014 hinaus. Eine gemeinsame Liste mit der CSU soll es bei der nächsten Kommunalwahl aber nicht geben. Eine solche sei “derzeit nicht vorstellbar”, heißt es in der gestrigen Pressemitteilung. Statt dessen beabsichtigt die Neue CSM die Gründung einer eigenen Wählervereinigung. Eine solche ist nach Bayerischem Kommunalwahlrecht Voraussetzung, um für den Stadtrat kandidieren zu können.