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Stadtrat schickt das Pulvergäßchen auf den historischen Prüfstand

Straßenumbenennungsantrag vertagt

Pulvergäßchen - Karte: OpenStreetMap


Auf Wunsch des Ordens der „Barmherzigen Schwestern“ und zweier weiterer Antragsteller soll der neue Platz, der derzeit an der ehemaligen Rückseite des Alten Hauptkrankenhauses entsteht, „Vinzenz-von-Paul-Platz“ heißen. Der Orden hat das Alte Hauptkrankenhaus von der Stadt erworben und baut das Gebäude aktuell in eine moderne Klinik um. Das an diesem neuen Platz angrenzende Pulvergäßchen solle, so der Wunsch des Ordens, umbenannt werden und ebenfalls den Namen des Schutzpatrons des Ordens tragen. Aus dem Pulvergäßchen soll der Vinzenz-von-Paul-Weg werden. Der Stadtrat stimmte dem ersten Anliegen der „Barmherzigen Schwestern“ zu. Der Straßenumbenennungsantrag, also der „Vinzenz-von-Paul-Weg“, wurde vertagt.

Hobby-historische Science Fiction

Das Pulvergäßchen in den "Historischen Nachweisen über die Ursprungsnamen aller Straßen in Augsburg" von Christoph J. Haid, 1833

Das Pulvergäßchen in den "Historischen Nachweisen über die Ursprungsnamen aller Straßen in Augsburg" von Christoph J. Haid, 1833


Grund dafür war eine mit viel Chuzpe vorgetragene Rede des Stadtrats Rainer Schönberg. Ein Vortrag, der auf einen anonym verfassten Artikel auf der Homepage des „Jüdisch Historischen Vereins“ verwies. Ein Verein, von dem es nicht viel mehr als eben diese Homepage und eine Postfach-Adresse zu geben scheint. Der Artikel ist ein Pamphlet eines Hobbyhistorikers über die Geschichte des Schießpulvers, das nicht in China, sondern möglicherweise in Augsburg erfunden worden sein soll. Und zwar von einem jüdischen Bürger mit grünem Turban namens Tipsiles, der mit seiner Erfindung die damaligen Belagerer in die Flucht getrieben haben soll. Aus dieser Legende sei der Name des Augsburger Pulvergäßchens herleitbar.

Schönberg folgerte daraus, dass das Pulvergäßchen eine große historische Bedeutung habe, die man als Stadt zu pflegen und nicht unter den Teppich kehren dürfe. Schönbergs Vortrag fußte eins zu eins auf den haarsträubenden Science-Fiction-Ausführungen des anonymen Autors auf einer Homepage – und dennoch ließ Schönberg einen leicht irritierten, aber nicht unbeeindruckten Stadtrat zurück. „Herr Süßmair, in Ihrer Haut möchte ich nicht stecken, nun haben Sie die Wahl zwischen Katholizismus und der Erfindung des Schießpulvers“, so OB Kurt Gribl, der den Linken Stadtrat mit dieser Bemerkung hochzog, weil Süßmair kurz davor gegen die Stadt gewettert hatte, da sie beim Innovationspark dafür sorge, dass sich in der „City of Peace“ die Rüstungsindustrie niederlasse.

Das Stadtarchiv soll die historische Relevanz des Pulvergäßchens prüfen

Der Stadtrat hat nun die Verwaltung beauftragt, zu prüfen, ob an der Geschichte mit dem Juden Tipsiles etwas dran ist, um sich nach der Sommerpause erneut dem Umbenennungswunsch der Barmherzigen Schwestern zu widmen. Die Historiker des Stadtarchivs sollen die historische Relevanz des Pulvergäßchens prüfen. Bisher ist nur eine zuverlässige Quelle bekannt. Christoph J. Haid schreibt in seinem Augsburger Straßennamen-Standardwerk aus dem Jahr 1833: „Das Pulvergäßchen hat seinen Namen von der daselbst im Jahre 1398 erbauten Stadt-Pulvermühle, welche der Rath 1434 nahe an das Oblatterthor verlegte. Im Jahre 1749 wurde diese Pulvermühle an die Straße nach Friedberg durch Phil. Jakob Dempfle transferirt.“ Da der Namensgeber des Pulvergäßchens, also die Pulvermühle nur 36 Jahre an dem Ort stand, an den heute das Pulvergäßchen erinnert, ist für das Vermessungsamt „die historische Bedeutung des Pulvergäßchens eher gering“, wie es in der Beschlussvorlage hieß. Man darf gespannt sein, ob sich die Historiker des Stadtarchivs dieser Bewertung anschließen.

» Jüdisch Historischer Verein Augsburg: Wie der Jude Tipsiles in Augsburg das Schießpulver erfand



Die Historizität der Stadt ist ein Wert, der mehr bedeutet als der Umstand, wer gerade besitzt, baut und begehrt

Kommentar von Siegfried Zagler



Das Augsburger Pulvergäßchen ist ein magischer Ort. Viele Jahrzehnte residierte dort ein kleines Amt mit dem zauberhaften Namen „Führerscheinstelle“. Die Adresse „Pulvergäßchen 6“ hat für zehntausende Augsburger eine ähnlich extreme Erinnerungshoheit wie in etwa das erste Auto oder der erste Kuss. Kurt Gribl und Rainer Schönberg haben im Pulvergäßchen vermutlich ihre Mopedführerscheine abgeholt. Damit soll gesagt sein, dass es Orte gibt, die die endlose Kette des zu sich selbst Kommens in ein Muster der Erinnerung gießen. Die Führerscheinstelle im Pulvergäßchen 6 war so ein Ort. Doch darum soll es hier nicht gehen. Ob die Stadt das Pulvergäßchen preisgeben soll oder nicht, darf auch nicht an der Plausibilität von Märchen und Legenden hängen. Das Gässchen mit dem Namen „Pulvergäßchen“ existiert an dieser Stelle seit vielen Generationen und verweist auf ein Gebäude, das vor mehr als 600 Jahren gebaut wurde und nicht mehr existiert. Der öffentliche Verweis auf etwas Vergangenes ist ein Wert, der sehr hoch hängen sollte. Höher jedenfalls als die Frage, wer gerade baut, besitzt und begehrt. Die Stadt Augsburg sollte sich jedem Stein und jedem Jota ihrer Geschichte mit hoher Intensität widmen. Die Historizität dieser Stadt ist nicht nur ihr größtes Kapital, sondern beherbergt auch einen großen Teil ihrer geistigen Ressourcen und somit ein Stück ihrer Identität, weshalb dem Stadtrat Schönberg an dieser Stelle für seine Mär von der Erfindung des Schießpulvers und dem damit verbundenem Aufschub in Sachen Pulvergäßchen gedankt sein soll. Namen von Plätzen und Straßen zeugen nicht nur von dem Bildungsstand und dem Bewusstsein einer Gesellschaft, die diese Namen vergibt, sondern verweisen auf Menschen und deren Taten, also auf etwas, das nicht dem Vergessen preisgegeben werden darf. Dass ein „geistlicher“ Vinzenz-von-Paul-Platz neben einem „kriegerischen“ Pulvergäßchen anflanscht, sollte in der „City of Peace“ genauso auszuhalten sein, wie der schmerzvolle Gedanke, dass von der Forschung in Richtung Verbundfaserstoff Carbon auch die Rüstungsindustrie profitiert.



Stadtrat bringt Sanierung der Maxstraße auf den Weg

Die Maximilianstraße soll nach der Fertigstellung der Umbaumaßnahmen, die am Donnerstag per Satzungsbeschluss vom Stadtrat auf den Weg gebracht wurden, wieder werden, was sie einst war und in gewisser Weise immer noch sein könnte: „Eine der schönsten Straßen Europas“, wie Baureferent Gerd Merkle in der Debatte des Stadtrats zum Bebauungsplan 470 anmerkte.

Aufweitung und hochwertige Materialien: Gestaltungskonzept am Ulrichsplatz

Nach zirka 15 Jahren Diskussion um städtebauliche Maßnahmen, Straßenbahnlinien, Streit um Poller, Aphrodite, Müll und Runden Tischen wegen nächtlicher Krawallgänger, deutschlandweiten Schlagzeilen aufgrund des sogenannten „Dönerverbots“ und zuletzt harten Auseinandersetzungen um die Sicherheitsauflagen eines aus den Fugen geratenen Sauf- und Fressfestes gibt es nun ein „Gestaltungskonzept für die Maximilianstraße sowie Gestaltungsrichtlinien für den Bereich Rathausplatz, Maximilianstraße, Ulrichsplatz“, wie es in der Beschlussvorlage heißt. Die zirka eineinhalbstündige „Debatte“ glich eher einer milden Aussprache über zwei zurückliegende Jahrzehnte, in denen viel über die Maximilianstraße nachgedacht, geplant und gestritten wurde, ohne dass etwas außer der „Käfighaltung“ (Gerd Merkle) für die Gäste der Außengastronomie geschehen wäre. Mit der gestrigen Zustimmung zum Bebauungsplan 470, der sich nur die beiden Stadträte der Linken verweigerten, sind die Weichen für den Umbau der Maximilianstraße endgültig gestellt worden.

Wesentliches Ziel des Bebauungsplans ist eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung mit verträglicher Steuerung der unterschiedlichen Nutzungen wie Handel, Gewerbe und Dienstleistungen einerseits und die Wohnbedürfnisse der städtischen Bevölkerung andererseits. Durch den Ausschluss weiterer Gastronomie und Vergnügungsstätten soll das zentrumsnahe Wohnen vor unverträglichen Belästigungen geschützt werden, ohne dass dabei der urbane, innerstädtische Charakter der Maxstraße verloren geht. Durch hochwertige Materialien und Aufweitungen im Bereich vor den Ulrichskirchen, auf Höhe des Herkulesbrunnen und um den Merkurbrunnen soll eine hohe Aufenthaltsqualität erzielt werden. Der Bebauungsplan schafft außerdem die planungsrechtlichen Voraussetzungen für die Führung einer Straßenbahn im Linienbetrieb.

Historisches Ereignis mit Kopfschmerzen

Für Oberbürgermeister Gribl war der Satzungsbeschluss ein „historisches Ereignis“. Eine Einschätzung, die von der Opposition geteilt wurde, allerdings mit Kopfschmerzen. Die Freien Wähler lieferten noch per Dringlichkeitsantrag einen Strauß Verbesserungsvorschläge nach, der aber – bis auf farbliche Zugeständnisse nicht angenommen wurde. Regina Stuber-Schneider (FW) bemängelte auf überzeugende Weise die Abkehr von der gesperrten zur verkehrsberuhigten Hallstraße, auch wenn der laufende Wettbewerb zur Hallstraße noch nicht abgeschlossen ist. „Die Verkehrsberuhigung ist die Zielvorstellung des Bebauungsplans“, so Stuber-Schneider, die dennoch der Beschlussvorlage zustimmte.

Die Grünen stimmten dem Richtlinienszenario ebenfalls zu, mit den üblichen Schmerzen der Opposition, wie Eva Leipprand ausführte. Der Fraktionschef der SPD, Stefan Kiefer, reihte sich in Reihe der schmerzvollen Zustimmung ein, da es sich um einen Kompromiss handle, den man viel früher hätten haben können. „Der Bürgerentscheid hat uns zwei bis drei Jahre gekostet“, so Kiefer, der die Verwaltung lobte (“ein Kraftakt“) und es gar nicht glauben wollte, dass es „nach den vielen Jahren einen Satzungsbeschluss gibt.“



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