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Respekt, Frau Intendantin!

Zu den DAZ-Artikeln “Schade, Schade” und “Der Eklat kam vor der Generalprobe”

Johannes Kopp

Johannes Kopp


Frau Votteler hat in den vergangenen Jahren ein hervorragendes Gespür dafür entwickelt, was den Augsburger Theaterbesuchern gut tut! Wer sich soviel Vertrauensvorschuss erarbeitet hat, dem kann getrost zugestanden werden, auch im aktuellen Fall die richtige Entscheidung gefällt zu haben.

Hier zeigt sich im Übrigen wieder die permanente Gratwanderung, die leitende Verantwortliche in Kultur und Kreativwirtschaft gehen müssen: auf der einen Seite, den Akteuren maximalen kreativen Spielraum einzuräumen, andererseits den Anforderungen an ihre leitende Funktion gerecht zu werden. Frau Votteler hat hier souverän bewiesen, dass sie dieser Aufgabe gewachsen ist und diese Gratwanderung beherrscht!

Johannes Kopp, PRO AUGSBURG




(Johannes Kopp war von 2007-2009 Vorstandsmitglied bei PRO AUGSBURG e.V. und ist seither im Beirat tätig. Er hat u.a. 16 Jahre an der Hochschule Augsburg Nachwuchs für die Kreativwirtschaft ausgebildet.)



“Die Basis ist die Kunst, ist die Kultur”

Minister Heubisch will sich für die Staats- und Stadtbibliothek einsetzen

Der Bayerische Staatsminister für Wissenschaft, Forschung und Kunst Dr. Wolfgang Heubisch hat auf dem Neujahrsempfang der FDP Augsburg am gestrigen Sonntag zugesagt, sich für ein stärkeres finanzielles Engagement des Freistaats für die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek einzusetzen.

Wolfgang Heubisch bei seiner Gastrede auf dem FDP-Neujahrsempfang

Heubisch unterstrich in seiner 45-minütigen Rede vor 100 Zuhörern im Foyer des Stadttheaters die Wichtigkeit von Investitionen in Kunst und Kultur. Ohne deren Erhalt könne man auf Dauer Investitionen in der Wissenschaft und Forschung vergessen. “Die Basis ist die Kunst, ist die Kultur”, so Heubisch. Deshalb wende er sich strikt gegen jene, die in finanziell schwierigen Zeiten “in der Kunst was wegknapsen” wollen.

Stabi: “Eine Zersplitterung bringt uns alle nicht weiter”

“Ich bin bereit, mich dafür einzusetzen, dass der Freistaat bei der Staats- und Stadtbibliothek mit einer höheren Summe einsteigt”, versprach der Minister in Richtung des Kulturreferenten Peter Grab, der im Publikum saß. Er brauche aber ein klares Konzept. Schnell “irgendeine Summe reinzuschießen”, ohne sich über den mittel- und langfristigen Bedarf klar zu sein, nütze wenig. Er habe deshalb eine Kommission aus hochspezialisierten Fachleuten zur Erarbeitung eines tragfähigen und nachhaltigen Konzepts für die Staats- und Stadtbibliothek eingesetzt. Augsburg gehöre zu den bedeutendsten staatlichen Bibliotheken in Deutschland. “Ich weiß, dass hier unglaublich wertvolle Bestände da sind und dass wir die vollständig sichern müssen. Eine Zersplitterung bringt uns alle nicht weiter. Verehrte Damen und Herren, wir werden das lösen”, versprach Heubisch.

Stadttheater: Sanierung auf Heubischs Prioritätenliste “weit oben”

Auch die Renovierung des Stadttheaters steht auf Heubischs Prioritätenliste “sehr sehr weit oben”. Dies betonte der Minister zum Schluss seiner gestrigen Ansprache. Aus rechtlichen Gründen seien seine Handlungsmöglichkeiten aber eingeschränkt, so Heubisch: “Das muss der Finanzminister lösen, weil der Freistaat nicht Eigentümer ist”. Heubisch versprach aber, sich “mit vollem Nachdruck” einzubringen, “damit wir dieses wundervolle Haus renovieren können und Augsburg dann auch äußerlich eine hervorragende Spielstätte hat”.

Stabi: Die Vorgeschichte



Staats- und Stadtbibliothek

Staats- und Stadtbibliothek


Wegen der ungleich verteilten Betriebskostenlast (die Stadt Augsburg trägt fast eine Million Euro jährlich, der Freistaat gemäß eines Vertrags aus dem 19. Jh. lediglich 18.900 Euro) hatte Finanzreferent Hermann Weber im vergangenen Oktober in den Raum gestellt, die Bestände der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek aufzuspalten, die staatlichen Bestände an den Freistaat zurückzugeben, die städtischen Bestände ins Stadtarchiv zu überführen und die sanierungsbedürftige Immobilie in der Schaezlerstraße zu schließen. Gegen diese “Drohgebärde” des Kämmerers in Richtung Freistaat hatten zahlreiche Wissenschaftler sowie die Oppositionsfraktionen im Stadtrat protestiert. Die Augsburger FDP-Bundestagsabgeordnete Miriam Gruß hatte sich darauf hin mit der Bitte an Heubisch gewandt, die Möglichkeit eines größeren Engagements des Freistaates zu prüfen.


Schade, schade

Kurzkritik zur Nacht: „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“

Von Frank Heindl

Wo alles erlaubt ist und doch die Angst regiert, da wird der Mensch zum Affen: Die Bewohner von Brechts Stadt Mahagonny wappnen sich gegen den Hurrikan. (Foto: A.T. Schaefer)

Regisseurin Tatjana Gürbaca hatte das Weite gesucht, zurück blieb Juliane Votteler mit Erklärungsversuchen. Vielen Premierenbesuchern blieb es aber ein Rätsel, warum die Intendantin das von Gürbaca geplante Schlussbild nicht haben wollte und ob es darüber zum Zerwürfnis hatte kommen müssen. Tatsächlich hätte die geplante Szene mit einer Affenmaske am zum Kreuz stilisierten Baum wohl weniger Skandal gemacht als die Tatsache der zensierten Regisseurin. Die Diskussion über die Vorfälle dominierte die Premierenfeier – schade, denn Gürbacas stark stilisierte Inszenierung mit Kurt Weills immer noch großartiger, emotionsmächtiger Musik hatten teilweise begeistert. Schade auch, dass dem Publikum vorenthalten wurde, was es gerne selbst beurteilt hätte. Mehr dazu am Montag in der DAZ. Und am heutigen Sonntagabend eine weitere Brechtpremiere mit „Mann ist Mann“ bei Dierig.



Der Eklat kam vor der Generalprobe

Warum „Mahagonny“-Regisseurin Tatjana Gürbaca das Stadttheater im Streit verließ

Von Frank Heindl

„Ich finde, das ist eine sehr, sehr gute Inszenierung“, sagte Intendantin Juliane Votteler. „Frau Gürbaca ist eine richtig tolle Regisseurin“, bestätigt Generalmusikdirektor Dirk Kaftan. „Ich habe sieben Wochen mit Herzblut, Kraft und Energie meine Arbeit gemacht“, sagt Regisseurin Tatjana Gürbaca. Und fügt hinzu: „Es tut mir und meinem Team ungeheuer leid, dass diese Arbeit auf den letzten paar Metern zerstört wurde.“ Am Tag, nachdem Gürbaca hingeschmissen und ihre Regie bei Brechts „Mahagonny“-Oper abgegeben hat, ist eine große Traurigkeit in den Erklärungsversuchen aller Beteiligten zu spüren. Trotzdem: Gürbaca hat Augsburg verlassen, will nicht zurückkehren, empfindet auch heftige Enttäuschung und Bitterkeit: „Das fühlt sich ein bisschen an wie eine Fehlgeburt.“

Der Sachverhalt ist schnell dargestellt: Tatjana Gürbaca war vom Theater Augsburg mit der Regie bei Brechts „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ beauftragt worden. Schon vor einem Jahr fing man an, die Inszenierung zu diskutieren. Schon damals, so Votteler, gab es Diskrepanzen in der Auffassung. Am Mittwoch – und damit einen Tag vor der Generalprobe – führten diese zum Eklat: Nach tage- und nächtelangen Diskussionen ließ Votteler einen Teil des Bühnenbilds abbauen und gab bekannt, die Schlussszene werde, da in der Kürze der Zeit keine Alternative zu beschaffen sei, konzertant aufgeführt – ohne szenische Darstellung. „Das Ganze ist an den letzten zweieinhalb Minuten gescheitert“, fasst GMD Kaftan zusammen.

Stein des Anstoßes: ein gekreuzigter Affe

„Der Streit war nicht ideologisch, sondern rein künstlerisch“: Juliane Votteler

„Der Streit war nicht ideologisch, sondern rein künstlerisch“: Juliane Votteler


Beim strittigen Bühnenbild handelte es sich um eine Kreuzigungsdarstellung – am Kreuz hätte nach Gürbacas Vorstellungen ein Affe hängen sollen. Eine zu große Provokation für Augsburgs Publikum und seine Intendantin? „Wenn man Mahagonny ins Programm nimmt, muss man doch wissen, was da kommt“, sagt Gürbaca. „Das ist ja im Text angelegt: Diese etwas windschiefen Vergleiche mit der Bibel sind typisch Brecht, um diese Diskussion kommt man bei ihm nicht rum.“ Ihr sei es „als Regisseurin noch nie um eine platte Provokation um der Provokation willen gegangen“, fügt sie hinzu. In der Tat ist Gürbaca keine „junge Wilde“, die das Theaterpublikum mit billigen Effekten schocken will. Sie hat landauf, landab inszeniert, unter anderem in Graz und Bern, in Regensburg und Berlin, in München und Nowosibirsk, vor drei Jahren auch in Augsburg: Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Mit der nächsten Saison nimmt die 38-Jährige ihre neue Stelle als Operndirektorin in Mainz auf – auch dort hat man wohl nicht nach einer skandalorientierten Provokateurin gesucht, sondern nach einer erfahrenen und erfolgreichen Opernregisseurin mit Ideen.

Das sieht auch Juliane Votteler so. Mit Gürbacas Vorstellungen für die Schlussszene konnte sie sich gleichwohl nicht anfreunden. „Frau Votteler weiß schon seit einem Jahr von dieser Schlussszene. Noch am Tag davor hat sie eigens Kostüme dafür entliehen“, sagt Gürbaca. Und Votteler bestreitet das nicht: „Wir haben doch alle bis zum Schluss geglaubt, dass es eine Lösung geben wird. Wir haben gesagt, wir müssen das probieren, wir müssen uns das ankucken. Ich hab noch nie erlebt, dass man im ganzen intensiven Arbeitsprozess keine gemeinsame Linie findet.“ Am Mittwoch erst sei endgültig klar gewesen, dass es diese Lösung nicht geben werde. „Der Streit“, so Votteler, „war nicht ideologisch, sondern rein künstlerisch.“ Ein Problem dabei: Votteler agiert bei vielen Operninszenierungen nicht nur als Intendantin, sondern, wie bei „Mahagonny“, auch als Dramaturgin. In dieser Rolle sieht sie sich verantwortlich für das Gesamtkonzept. „Die Schlussszene hat mir inhaltlich nicht eingeleuchtet. Ich finde, die Inszenierung führt nicht stringent auf dieses Bild hin. Es erschließt sich kein Zusammenhang mit dem gesamten Stück.“

„Kein Geschrei, kein Streit, einfach keine Einigung“

„Eine richtig tolle Regisseurin“: Generalmusikdirektor Dirk Kaftan

„Eine richtig tolle Regisseurin“: Generalmusikdirektor Dirk Kaftan


Gürbaca sieht ein Problem auch in Vottelers „Arbeitsbelastung als Dramaturgin und Intendantin.“ In der Tat hat die Theaterchefin anstrengende Wochen im Kampf um die Ersatzspielstätte hinter sich – und sich dabei nach Meinung einiger Beobachter gelegentlich zu übertriebener Emotionalität hinreißen lassen. Das wiederum streitet Votteler vehement ab: „Mir sind nicht die Nerven durchgegangen! Es gab in diesen nächtelangen Diskussionen kein Geschrei, keinen Streit. Es gab nur einfach keine Einigung und ich musste reagieren.“

Für Irritationen und einen weiteren Nebenschauplatz hatte zusätzlich gesorgt, dass sich ein Orchestermusiker bemüßigt gesehen hat, die katholische Kirche über die Schlussszene auf der Bühne des Stadttheaters zu informieren. Ein Vorgang, der nach Ansicht aller Beteiligten auch deshalb völlig untragbar ist, weil der Musiker zuvor keine Vorgesetzten informiert, aber eine Kopie seines Schreibens an die Intendanz weitergereicht hatte. Kaftan und Votteler sind sich einig, dass der Denunziant mit Konsequenzen rechnen müsse. Plötzlich aber steht nun der Verdacht im Raum, die Theaterleitung habe aus vorauseilendem Gehorsam vor der Kirche eine strittige Szene gestrichen. „Wir hatten keine Angst vor irgendeinem Skandal!“, sagt Votteler vehement, „den hätten wir doch locker weggesteckt.“ Im Übrigen soll sich die Kirche liberaler als der klagende Musiker gezeigt haben: „Die haben ausgerichtet, dass sie sich da überhaupt nicht einmischen wollen.“

Brecht zeigt, wie Menschen zu Tieren werden

Zensur? Laut Dirk Kaftan wurde mit der Regisseurin sogar diskutiert, statt des Kreuzes eine Projektion auf die Bühne zu bringen: „An dieser Stelle sollte der gekreuzigte Affe hängen – das wurde vom Theater Augsburg zensiert“, hätte das Publikum dann lesen können. Im Programmheft hätten zudem beide Seiten Gelegenheit gehabt, ihre Argumente darzulegen. Gürbaca war das zu wenig: „Die Ablehnung dieser Szene war schockierend für mich, und ich habe in über 40 Produktionen nie etwas vergleichbares erlebt.“ Ihre Interpretation ergebe sich sehr wohl schlüssig aus Brechts Text: Der wolle zeigen, dass die Menschen in einer Stadt wie Mahagonny zu Tieren würden – Jim Mahoney habe sie deshalb am Ende als Affen dargestellt. Gleichzeitig werde dessen Leben von Brecht „immer mehr mit der Leidensgeschichte von Jesus enggeführt.“ Und nach Mahoneys Tod versuchten die in Fraktionen zerstritten Hinterbliebenen, in Mahoneys Namen zu agieren.

Lohnte dieser künstlerische Konflikt den Eklat? Votteler ist überzeugt von der Richtigkeit ihrer Entscheidung: „Frau Gürbaca hat das Recht zu sagen, sie sei in ihrer künstlerischen Aussage beschnitten worden. Ich kann dafür geradestehen.“ Sie habe auch vermeiden wollen, dass man nach der Premiere gezwungen sei, Szenen im Nachhinein zu verändern. „Ich habe mir geschworen, dass so etwas an meinem Haus nie vorkommen soll.“ Am heutigen Samstagabend, bei der Premiere im Großen Haus, wird nun das Publikum entscheiden müssen, ob die Inszenierung auch ohne Gürbacas Schluss funktioniert. Die (Ex-)Regisseurin, die nun auch nicht mehr im Programmheft genannt werden will, bezeichnet das gekürzte Ende als „ein halbes Ding ohne jede Kraft“, während Votteler, wie erwähnt, von einer „sehr, sehr guten Inszenierung“ spricht. DAZ-Leser erfahren mehr in der Nachtkritik – am heutigen späten Abend.



CFS-Debakel: Fanplanung auf der Zielgeraden

Mit großer Mehrheit beschloss der Stadtrat gestern, die Tribünen im Curt-Frenzel-Stadion nach den Vorstellungen der Panther-Fans umzubauen. Nur die Grüne Fraktion stimmte gegen die Beschlussvorlage. Damit findet ein monatelanger Streit um die eingeschränkte Sicht von den neu errichteten Rängen im Augsburger Eisstadion ein vorläufiges Ende.

Dem Abriss geweiht: zu flache Südtribüne im Curt-Frenzel-Stadion

Dem Abriss geweiht: zu flache Südtribüne im Curt-Frenzel-Stadion


Sechs Varianten standen zu Beginn des Tagesordnungspunktes noch zur Debatte: vier vom beauftragten Architekturbüro Hermann+Öttl, der Fanvorschlag als Nummer 5 und eine von der AGS modifizierte Variante 6. Die beiden letztgenannten Lösungen sehen den Teilabbruch und die Neuerrichtung der Tribünen vor. Variante 5, die 6.500 Zuschauerplätze bietet, hat das Problem, eine Befreiung von den Regelungen der Versammlungsstättenverordnung zu benötigen. Die Fluchttreppen dieser Variante sind nämlich mit 25 cm höher als die maximal erlaubten 19 cm. Variante 6, die eine ähnliche Tribünengeometrie aufweist und 6.000 Plätze bietet, umgeht das Problem mit flacheren Treppenstufen, benötigt aber Hunderte von Stahlbügeln, um den Zugang zu Stolperstellen am Übergang zu den Stehrängen zu verhindern.

Nach einer halbstündigen Präsentation der sechs Varianten, bei der die vier Vorschläge von Hermann+Öttl im Schnellgang aussortiert wurden, ging die Sitzung unter Ausschluss der Öffentlichkeit weiter, um rechtliche Themen zu besprechen. Nach Wiederherstellung der Öffentlichkeit gegen 19.30 Uhr brachte OB Kurt Gribl einen Beschlussvorschlag als Tischvorlage ein. Dieser sah die Umsetzung der Fanplanung vor, mit der Maßgabe, der TÜV Südbayern solle die Möglichkeit einer Befreiung für die hohen Treppenstufen prüfen. Sollte eine Befreiung nicht möglich sein, käme automatisch Variante 6 zur Realisierung.

Heftige Kritik der Grünen

Auf Wunsch von Beate Schabert-Zeidler (Pro Augsburg) wurde der Gutachterauftrag auf die Überprüfung der AGS-Bügelvariante ausgedehnt. Außerdem soll die Realisierbarkeit des Eingriffs in den Osthang – bei beiden Varianten nötig – geprüft werden, ein Wunsch von Alexander Süßmair (Die Linke). In der weiteren Aussprache zeichnete sich schnell eine Mehrheit für Gribls Beschlussvorschlag ab. Kritisch äußerten sich die Grünen: Martina Wild bemängelte ständige Kehrtwendungen der Stadtregierung. Mal sollte den Architekten ein Nachbesserungsrecht gewährt werden, statt dessen beauftrage man aber die Fan-Variante. Zunächst sei der C-Wert das Maß der Dinge für gute Sicht gewesen, jetzt sei das wieder relativiert worden.

"Mir ist klar, dass ich mich damit unbeliebt mache": Reiner Erben

"Mir ist klar, dass ich mich damit unbeliebt mache": Reiner Erben


Der Grüne Fraktionschef Reiner Erben kritisierte das Verfahren, das an Vergaberichtlinien und der Geschäftsordnung der Stadt vorbei laufe. Es reiche nicht aus, dass Fans im Stadtrat Vorschläge vorbringen, Applaus bekommen und dann werde nach Mehrheitsmeinung eine Entscheidung getroffen. Erben sah die Stadt an die im April 2009 im Stadtrat beschlossenen 5.350 Zuschauerplätze und die Kosten von 16,2 Mio. Euro gebunden. Beides werde jetzt überschritten. Eva Leipprand sah weiteren Beratungsbedarf.

Bei der anschließenden Abstimmung wurde der Beschlussvorschlag gegen die sechs Stimmen der Grünen mit 53 Stimmen angenommen. Gegenüber der DAZ kritisierte der Grüne Stadtrat Christian Moravcik das gesamte Procedere heftig als “Populismus”. Der Grüne Vorstandssprecher Matthias Strobel zeigte sich entsetzt darüber, wie die Optimierungsvarianten der mit dem Stadionumbau beauftragten Planer Hermann+Öttl präsentiert und abserviert wurden: “Wenn man ein Architekturbüro demontieren will, dann so”.

Nicht TÜV, sondern Bauordnungsamt muss Befreiung erteilen

Zufrieden mit dem Sitzungsverlauf konnte dagegen Architekt Uwe Schlenker sein, der den Fanentwurf präsentiert hatte, da jetzt auch die AGS-Variante mit ihren zahlreichen Stahlbügeln an den Stufengängen gutachtlich geprüft wird. Der Erbauer des Schwenninger Eisstadions steht dieser Lösung kritisch gegenüber: Sie erfülle zwar den Wortlaut der Versammlungsstättenverordnung, nicht erreicht würde aber das allgemeine, höher einzuschätzende Schutzziel der Bauordnung, so der Stadionexperte zur DAZ (siehe Kasten).

Eine positive Bewertung durch den TÜV ist für die beiden Tribünenvarianten allerdings erst die halbe Miete: Wie Dr. Mark Dominik Hoppe, Jurist im Baureferat, gegenüber der DAZ bestätigte, reicht diese allein nicht aus, um bauen zu können. Der TÜV erfülle hier nur die Funktion eines unabhängigen Gutachters. Befreiungen erteile ausschließlich das Bauordnungsamt. Theoretisch könnte also noch der Fall eintreten, dass sowohl die Fan- als auch die AGS-Lösung beim Bauordnungsamt durchfallen. Im Stadtrat herrschte gestern allerdings breite Zuversicht, dass dem Fanvorschlag eine Befreiung erteilt wird. Das TÜV-Gutachten soll in zwei Wochen vorliegen.

Allgemeine Anforderungen gemäß Art. 3 Abs. 1 Bayerische Bauordnung



“Anlagen sind unter Berücksichtigung der Belange der Baukultur, insbesondere der anerkannten Regeln der Baukunst, so anzuordnen, zu errichten, zu ändern und instand zu halten, dass die öffentliche Sicherheit und Ordnung, insbesondere Leben und Gesundheit, und die natürlichen Lebensgrundlagen nicht gefährdet werden. Sie müssen bei ordnungsgemäßer Instandhaltung die allgemeinen Anforderungen des Satzes 1 ihrem Zweck entsprechend angemessen dauerhaft erfüllen und ohne Missstände benutzbar sein.”


Container kriegt die Kurve

Bis Mitternacht diskutierte gestern der Stadtrat über die Beschlussvorlage zum Theatercontainer. Das Ergebnis war eindeutig. Nach Informationen der DAZ wurde der Beschlussvorlage mit 43:11 zugestimmt. Der Auftrag ist damit an die Firma Züblin vergeben. Am Nachmittag entstand im Stadtrat um die Tagesordnung der Container-Entscheidung eine hitzige Diskussion. Dabei ging es um die Aufnahme des SPD-Antrag (Erhalt der Komödie). Finanzreferent Hermann Weber arbeitete anschließend den Grünen-Antrag ab, den Kulturreferent Grab noch am Montag im Werkausschuss für „nicht machbar“ erklärte. Ab 2014 könnte, laut Weber, die Stadt die Sanierung des Großen Hauses und den Neubau sowie die Sanierung der Freilichtbühne angehen. Grob 90 Millionen Euro seien dafür notwendig, davon 30 Millionen Zuschüsse. Die Finanzierung des städtischen Anteils (60 Millionen Euro) müsste über einen Zeitraum von 20 Jahren mit jährlich 3 Millionen Euro laufen, so Weber. Die komplette Sanierung wäre im Jahre 2026 beendet. Der Container bliebe demnach 15 Jahre als Interimsspielstätte hinter dem Theater stehen.



Maxfeste: Grüne plädieren für ein Moratorium

Die Augsburger Grünen plädieren für ein „Maxfest-Moratorium“.



„Dieses Jahr sollte genutzt werden, um die Innenstadtentwicklung neu zu definieren und als Strukturpolitik zu begreifen“, so Matthias Strobel, Vorstandssprecher des Stadtverbandes der Grünen in Augsburg. Die Augsburger Grünen wollen, wie sie gestern per Pressemitteilung erklärten, die Debatte um die Maxstraßenfeste erweitern und nicht nur Sicherheitsaspekte diskutieren. Wie das aktuelle Einzelhandelsgutachten zeige, so Strobel, gebe es eine Notwendigkeit von qualitativen Angebotsergänzungen und Angebotsoptimierungen im Innenstadtbereich. Seit Jahren verliere die Stadt Augsburg Marktanteile in einigen Angebotsbereichen an das Umland und die Gewerbegebiete. „Mit dem Aussetzen des Max-Festes im Jahr 2011 sollte die Zeit genutzt werden um eine nachhaltige Innenstadtentwicklung voranzubringen, die das ganze Jahr über Früchte trägt“.



CFS: “Volle Breitseite”

Eisstadion ab 16.30 Uhr im Stadtrat

“Nicht vor 16.30 Uhr” wird in der Stadtratssitzung am heutigen Donnerstag der Tagesordnungspunkt Curt-Frenzel-Stadion behandelt werden. Die Stadträte sollen dabei “eine volle Breitseite” an Informationen bekommen, auf eigenen Wunsch, wie OB Kurt Gribl der Presse heute vormittag erklärte.

Alle sechs Vorschläge zur Verbesserung der Sicht im Eisstadion (DAZ berichtete) werden von ihren Planern vorgestellt. Sprechen werden die Architekten des CFS, Jürgen Hermann und Stefan Öttl, die AGS und die Prüfer der Fanplanung, Rudolf Reisch und Uwe Schlenker. Die Zuhörer müssen sich auf eine Sitzungsunterbrechung einstellen, so der OB, in der unter Ausschluss der Öffentlichkeit rechtliche Aspekte behandelt werden.



Eine Frage der Prägnanz

Kommentar zur Beendigung des CFS-Debakels

Von Bruno Stubenrauch

Heute stimmt der Stadtrat über die Lösung des Sichtproblems im Curt-Frenzel-Stadion ab. Verlieren werden die Stadionarchitekten Hermann + Öttl. Nicht weil ihre Optimierungsvarianten technisch und gestalterisch schlechter, teurer oder terminkritischer wären. Bei den beiden letzten Punkten könnte sogar das Gegenteil richtig sein. Nein: Der Grund liegt in den menschlichen Genen. Das schon von Konrad Lorenz erkannte Streben nach Prägnanz wird den Tag entscheiden.

“Ein Ausdruck ist prägnant, wenn dieser trotz Kürze einen hohen Bedeutungsgehalt aufweist”, so steht’s in der WikiPedia. Was könnte – bezogen auf das CFS – dieser Definition näher kommen als eine Lösung, die mit “Abriss und Neubau” genial erschöpfend beschrieben ist? Ungleich schwerer tun sich da Hermann + Öttl. Ihre 120 Seiten Papier stehen symbolisch für das Gegenteil, das Antonym zu “Prägnanz”: Umständlichkeit, Weitschweifigkeit. Nicht aus sprachlichem Unvermögen: Lösungsansätze aus einer Vielzahl kleiner Mosaiksteine lassen Prägnanz einfach nicht zu.

Allein das Inhaltsverzeichnis ist eine ganze Seite lang: “Bestandsgebäude und geometrische Abhängigkeiten”, “Konsequenzen durch Anhebung der Eisbahn auf angrenzende Bauteile”, “Studie zur Optimierung der Sichtverhältnisse und Kosten der einzelnen Varianten unter Einbeziehung der Erneuerung der Eisbahn” sind nur einige Zeilen daraus. Welcher Stadtrat möchte sich da noch die restlichen 119 Seiten antun? Der OB bringt schon seit Wochen sein Unbehagen gegenüber den umfangreichen und weitschweifigen – kurz unprägnanten – Optimierungsvorschlägen der Architekten mit dem Antonym “Flickschusterei” zum Ausdruck. Die prägnante Alternative kommt mit drei Worten aus: Abriss und Neubau.



„…dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann“

Brechts Komödie „Mann ist Mann“ ab Sonntag bei Dierig

Von Frank Heindl

Ein bisschen naiv ist er schon, dieser Galy Gay. Und ein bisschen zu gutmütig. So kann es geschehen, dass er, eigentlich zum Fischkauf unterwegs – zunächst einen anderen Namen kriegt, später dann auch ein Gewehr, und am Ende zum Kriegshelden wird. Ein Mensch wird „umgebaut“, so nennt der Autor das und lässt seine Witwe Begbick erklären, der Herr Bertolt Brecht beweise damit, „dass man mit einem Menschen beliebig viel machen kann.“ Am Samstag hat „Mann ist Mann“ bei Dierig Premiere.

Was ist das Individuum, wie viel kann es ausrichten in der Welt der Massen, wie übermächtig ist die Gesellschaft der Klassen? Diese Fragen ziehen sich durchs gesamte Werk von BB, und einige seiner Antworten kann man in „Mann ist Mann“ finden, wo sich der Staat und sein Militär aus dem rechtschaffenen Galy Gay genau den willfährigen Opportunisten zusammenbasteln, den sie brauchen. Und der bei alldem doch bis zum Schluss glaubt, dass alles auch nach seinem Plan passiert. Doch das Ganze ist kein Lehrstück, kein dröges marxistisches Kolleg, sondern eine Komödie: „Es ist ein Lustspiel, und wir behaupten nichts anderes“, sagt Geeske Otten, Dramaturgin am Stadttheater, und betont, dass auch nach den vielen Änderungen, denen Brecht sein Stück im Lauf der Jahre unterzog, „immer noch ein Lustspiel übrig bleibt.“ Die Inszenierung gehe „von den ganz expliziten Wertungen weg“ und bewahre dem Stück jene Offenheit, die in der Erstfassung noch vorhanden war, dann aber reduziert worden sei durch die Änderungen, denen Brecht das Stück unterzog.

Mann ist Mann und Elefant ist Elefant

Der „Lustspielcharakter ohne den mahnenden Zeigefinger hat uns mehr interessiert”, sagt Otten. Für Spaß sorgen Running Gags wie der, dass die schlimmsten Befürchtungen der Protagonisten regelmäßig sofort wahr werden, aber auch die Verwendung von Tautologien, die schon der Titel ankündigt: „Mann ist Mann“, oder, an anderer Stelle, „Elefant ist Elefant“ – hier noch mit dem witzigen Nachsatz: „besonders, wenn er gekauft wird.“

Schauspieldirektor Markus Trabusch ist bei „Mann ist Mann“ als Regisseur eingesprungen für den erkrankten Freo Majer. „Das war happig für ihn“, erzählt Geeske Otten. Trabusch gilt zwar als Brecht-Kenner und dürfte inhaltlich schnell „drin“ gewesen sein – aber sein „eigentlicher“ Job wäre es im Moment, den Spielplan für die nächste Saison vorzubereiten und sich nach Ersatz für diejenigen Schauspieler umzusehen, die im Sommer Augsburg den Rücken kehren werden.

Dramaturgin Geeske Otten und Schauspieldirektor Markus Trabusch letzte Woche bei „Theater extra“ im Foyer des Stadttheaters.

Dramaturgin Geeske Otten und Schauspieldirektor Markus Trabusch letzte Woche bei „Theater extra“ im Foyer des Stadttheaters.


Natürlich wird es „episches Theater“ zu sehen geben: Die Augsburger Inszenierung spart die Brechtschen Verfremdungseffekte nicht aus, auch wenn diese mehr und mehr in die Jahre gekommen sind. Es wird Songs geben, es wird die direkte Publikumsansprache geben, beim Elefantenverkauf werden Schauspieler aus ihren Rollen treten, ein paar Sätze werden sogar in Versen gesprochen. Wozu solche Effekte heute noch dienen können? – Geeske Otten ist skeptisch, was die von Brecht intendierte Wirkung betrifft: „Dass der Zuschauer genau an diesen Stellen zu denken anfängt, glaube ich nicht“ – das heutige Publikum sei ein anderes Theater gewohnt als dasjenige, das Brecht kritisiert hat. Die Dramaturgin geht vielmehr davon aus, dass der Zuschauer nach wie vor Identifikationsmöglichkeiten braucht – und dass Brecht diese zu Genüge eingebaut hat.

Kein Einlass nach Beginn der Vorstellung

Natürlich war auch die „Mann ist Mann“-Premiere im ursprünglichen Spielplan bereits für den Theatercontainer vorgesehen, dessen Zukunft immer noch nicht gesichert ist. Nun spielt man also doch in Dierigs Fabrikhalle. Es gebe Stücke, sagt Geeske Otten, die durchaus davon profitierten, wenn der Theaterraum nicht vorgebe, wo Bühne, wo Zuschauerraum ist – „Mann ist Mann“ gehöre dazu. Bei Dierig wird der Zuschauer, sobald er durch die Eingangstür getreten ist, mitten auf der Bühne stehen – Achtung: Wer zu spät kommt, wird aus diesem Grund nicht mehr rein gelassen! Eine Aufzugstür, die dann genau im Blickfeld der Zuschauer liegt, hat man einfach ins Stück eingebaut – der Ort bleibt „eine abstrakte Bühne, die mit den Materialien vor Ort arbeitet.“

Trotzdem, mehr als eine „interessante Erfahrung“ will auch Otten im Pferseer Ersatzspielort nicht sehen: Die Vorteile des Außergewöhnlichen würde nach wie vor durch mancherlei Nachteile aufgewogen: „Da stehen Säulen im Weg, die kriegt man nicht weg. Die Beleuchtungsmöglichkeiten sind enorm eingeschränkt. Und es gibt keinen Aufenthaltsort fürs Publikum.“ Das Theater werde von Dierig „ganz toll“ unterstützt – „aber vieles geht eben einfach nicht.“ Eine Band wenigstens findet auch bei Dierig Platz – sie wird die Brecht-Songs begleiten und auch damit dazu beitragen, dass das Brechtpublikum neben allerhand zum Nachdenken vor allem seinen Spaß hat. Zum Beispiel auch an Brechts „Zwischenspiel für das Foyer“, das die Augsburger Inszenierung zum Teil mit aufnehmen wird und in dem es gleich zu Anfang heißt: „Wenn Sie nur etwas sehen wollen, was einen Sinn hat, dann müssen Sie auf das Pissoir gehen.“