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Abstrus, unglaubwürdig, klischeehaft …

… und genau deshalb ein wunderbares Stück: „Die Kunst der Komödie“ im tim

Von Frank Heindl

So sehen Theaterdirektoren und Präfekten eben aus: Klaus Müller und Anton Koelb, klischeehaft lebensecht

So sehen Theaterdirektoren und Präfekten eben aus: Klaus Müller und Anton Koelb, klischeehaft lebensecht


Was soll das Theater und wozu braucht’s überhaupt Schauspieler? Solche Fragen können nur Politiker stellen. Was tun, wenn das Theater keine Bühne hat? Solche nervtötenden Fragen können nur Theaterleute Politikern stellen – zumal in Augsburg. Am Augsburger Theater macht man sich seit geraumer Zeit ein Vergnügen daraus, auf die prekäre räumliche Situation nicht nur in den Sitzungen des Kulturausschusses, sondern auch in möglichst vielen Stücken immer wieder ironisch hinzuweisen – man könnte vermuten, dass die Wahl auf Eduardo de Filippos Stück „Die Kunst der Komödie“ möglicherweise allein aufgrund seines ersten Aktes fiel, in dem aus Anlass einer abgebrannten Spielstätte ausführlich über das Theater räsoniert wird. Schließlich wurde am Ausweichort Textilmuseum gespielt.

Der neue Präfekt de Caro hat seinen ersten Arbeitstag im Provinzkaff. Sein Büro ist malade, doch Sekretär Franci bemüht sich redlich, alles herzurichten. Tjark Bernau gibt den Adlatus zwischen dumm und dreist und schafft es spielend, viele Minuten lang das Publikum zu fesseln, ohne auch nur ein Wort zu verlieren – noch bevor das Stück überhaupt richtig begonnen hat. Der Schmutz aus den Schubladen wird konsequent unter den Teppich, nun ja, geschmiert. Die Heizkörper bringt er zum Heizen, auch wenn das Verlängerungskabel an jeder Seite eine Dose hat – glücklicherweise gibt es ein passendes Gegenstück mit zwei Steckern. Zwischendurch stolpert Fanci mal über Leitungen, bricht mal durch eine morsche Leiter, und so ist dieses Intro mitunter auch eine Lektion darüber, wie kompliziert-einfach Slapstick funktionieren kann, wenn er gut getimet ist: Für diese ersten zehn Minuten scheint das Publikum in dem Moment gewonnen, als auf Franci unerwartet ein Regal voller Aktenordner herunterbricht – kein billiger Lacher, sondern eine präzise inszenierte Schrecksekunde, deren Plötzlichkeit sich kein Lachmuskel entziehen kann. Nun kann der Präfekt (Klaus Müller) kommen.

Körperliche Qualen zum Ergötzen

So und nicht anders kleiden sich nun mal italienische Geistliche: Daniel Flieger, wiederum mit Klaus Müller

So und nicht anders kleiden sich nun mal italienische Geistliche: Daniel Flieger, wiederum mit Klaus Müller


Der trifft mit verbundenem Finger ein, verbrennt sich wenig später die Hand an einer heißen Kaffeetasse und wird im Folgenden zum Ergötzen des Publikums noch viele auch körperliche Qualen zu leiden haben – gleich mehrere running gags hat der Autor de Filippo seinem Text eingepflanzt, und sie funktionieren großartig. Zunächst allerdings muss der Leiter der örtlichen Theatertruppe (Anton Koelbl) empfangen werden, dürfen die beiden über Sinn und Zweck des Theaters und der Schauspielerei diskutieren und darüber, was einen guten Text ausmacht. Die Positionen sind ein bisschen altbacken und theoretisch, das zieht sich ein bisschen. Doch das kann im zweiten Akt voll und ganz verziehen und vergessen werden, weil es ihn sozusagen intellektuell vorbereitet hat. Denn der Präfekt hat den Theatermann hinausgeworfen und dieser hat gedroht, er werde seine Schauspieler vorbeischicken.

Wer also sind nun die allesamt ziemlich abgedrehten Typen, die anschließend dem neuen Bürgermeister ihre Aufwartung machen? Schauspieler oder echte Menschen oder beides in einem? Der Arzt (Martin Herrmann) jedenfalls übertreibt gehörig – sowohl, was sein Anliegen, als auch was sein Auftreten anbelangt. Einerseits weiß er zu gut Bescheid, andererseits verwendet er zu viele Metaphern aus dem Theaterleben. Noch unglaubwürdiger scheint der Geistliche (herrlich überdreht: Daniel Flieger), der anschließend nicht nur das frisch hergerichtete Büro rücksichtslos verschmutzt, sondern auch mit haarsträubenden Geschichten aufwartet – während es sich die nächste Besucherin (Olga Nasfeter) schon unterm Tisch bequem macht. Dann kommt auch noch eine Bäuerin (Judith Bohle) – und am allermeisten chargiert und übertreibt schließlich der Apotheker (Erich Payer), der nicht nur leichenblass, sondern wenig später wirklich tot ist. Oder vorgibt, tot zu sein. Oder wie jetzt?

Leicht durchschaubar kompliziert

Und wenn ein Apotheker sich vergiftet, dann genau so: Erich Payer, umgeben von Judith Bohle (links) und Olga Nasfeter (rechts), im Hintergrund Tjark Bernau als Sekretär

Und wenn ein Apotheker sich vergiftet, dann genau so: Erich Payer, umgeben von Judith Bohle (links) und Olga Nasfeter (rechts), im Hintergrund Tjark Bernau als Sekretär


Dieser zweite Akt liefert alles, was eine gut konstruierte Komödie braucht: Die Gags jagen sich, die Hauptperson wird permanent gequält, die Geschichte ist abstrus und unglaubwürdig, und es gibt natürlich keine psychologisch ausgearbeiteten Charaktere, sondern klar einzuordnende Typen. Dazu tragen die Kostüme von Ann Poppel bei: Der Künstler sieht wie das Klischee eines Künstlers aus, die Bäuerin hat Zöpfe, der Arzt ein nobles Auftreten, der Sekretär eine wichtige Krawatte, der Präfekt trägt eine schwarze Brille und eine Mantel mit Pelzbesatz – so leicht durchschaubar kann die Welt sein.

Und so kompliziert! Denn die Frage, ob nun Schauspieler die Präfektur bevölkern oder die ganz normalen Verrückten, sie bleibt offen: Könnten nicht auch die Uniformen der herbeigerufenen Carabinieri aus der Requisitenkammer des Theaters stammen? Im Vorraum loopt ein Video den italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi in Ausübung seines Amtes. Aber ist der nun ein Schauspieler, der den Politiker gibt, oder ein Politiker, der die Schauspielerei perfektioniert hat?

Nur eines ist sicher: Als der Theatermann im Stück gebeten wird, sich in die Rolle eines Ministers zu versetzen, seine Ressorts seien „Sport und Theaterwesen!“ – und als dieser „Minister“ dann antwortet, aber vom Sport habe er doch gar keine Ahnung: Das ist eindeutig Komödie, sowas kommt in Wirklichkeit nicht vor!

Fotos: Nik Schölzel



Die ganze Wahrheit – in der Stadtbücherei



Im „Literarischen Salon“ hat Buchhändler Kurt Idrizovic im Oktober Norbert Gstreins Buch „Die ganze Wahrheit“ vorgestellt. Am heutigen Dienstag präsentiert der Autor selbst sein Werk. Der Verleger Heinrich Glück lernt in Gstreins Roman die junge Dagmar kennen und lässt sich wegen ihr scheiden. Doch Dagmar ergreift immer stärker Besitz von seiner Existenz – und von seinem Buchverlag. Die Figur der Dagmar ähnelt in vielen Belangen und auch in ihrem Hang zur Esoterik der umstrittenen Suhrkamp-Chefin Ulla Unseld-Berkéwicz. Gstrein zeichnet das Porträt einer Frau, die nur an ihre eigene Wahrheit glaubt. Und damit auch das Bild seiner Ex-Chefin – denn Gstrein war Lektor bei Suhrkamp und entspricht damit stark dem literarischen Ich seines Romans.

Norbert Gstrein ist 1961 geboren, lebt in Hamburg und Berlin und hat unter anderem den Alfred-Döblin- und den Uwe-Johnson-Preis erhalten. Gstrein liest aus seinem Roman am heutigen Dienstag, 30. November um 19.30 Uhr in der Neuen Stadtbücherei.



CFS-Debakel: Junge Liberale fordern Tribünenneubau

Die Jungen Liberalen Augsburg-Stadt fordern, die Tribünen des Curt-Frenzel-Stadions wegen mannigfaltigen Fehlern, die das Sichtfeld im Stadion erheblich einschränken, neu zu bauen.



“Nachdem die Panther und die Fans jetzt schon monatelang zum Narren gehalten werden, muss endlich Schluss sein”, so der Vorstandsvorsitzende der Jungen Liberalen Augsburg-Stadt und AEV-Fan Philipp Pehmer in einer Pressemitteilung der vergangenen Woche. Architekt und Projektleitung würden die Fans, die Augsburger Panther und die Stadt mit der “fadenscheinigen Begründung” hinhalten, die Tribüne wäre noch nicht voll ausgebaut. Das Gutachten von Dr. Stefan Nixdorf bestätige aber, dass selbst dann, wenn die Tribünen gänzlich ausgebaut sind, nicht die ganze Eisfläche sichtbar sein werde. “Zwar kann, denke ich, die Anhebung der Eisfläche einen positiven Sichteffekt bewirken, doch auch dadurch wird der Winkel auf den Tribünen nicht steiler”, so Pehmer weiter. “Daher kann eigentlich nur ein Neubau der Tribünen folgen, wenn man ein Schmuckkästchen und keine Bauruine für die nächsten 20 Jahre haben möchte.”