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Wie der Orient im Exotismus verloren ging

Vladimir Ivanoff sprach über Orientalismus in der Musik

Von Frank Heindl

Die Minarette, die die Reisenden des 16. Jahrhunderts im Orient erblickten, erschienen ihnen von Anfang an von einem Fehler behaftet: Kirchtürme seien das, so schilderten es die Touristen der frühen Neuzeit, doch in Ermangelung von Glocken müssten die Kleriker der Muslime stündlich von da oben herunterschreien. Dass die westliche Wahrnehmung des Orients schon in ihren ersten Anfängen auch vom Klang geprägt war, und dass sie stets mit einem – wenig objektiven – Vergleich mit dem von zu Hause Gewohnten einherging, zeigte Vladimir Ivanoff am Mittwochabend mit einem spannenden Vortrag in der Stadtbücherei.



Ivanoff ist der Leiter und Initiator des Ensembles „Sarband“, das auf Hansi Ruiles „Festival der 1000 Töne“ geradezu ein Abonnement hat: Seit an die 20 Jahren ist sein Ensemble in wechselnden Besetzungen regelmäßig in Augsburg zu hören gewesen. Schon in den Anfängen war Ivanoff ein Experte für arabische Musik, mittlerweile ist er ein weltweit gern gehörter Star mit einem einzigartigen Repertoire und dem erklärten Ziel, seinem Publikum die gemeinsamen Wurzeln orientalischer und westeuropäischer Musik darzulegen. Sein lebendiger, mit Beispielen auch aus Musik und Bildender Kunst angereicherter, frei gehaltener Vortrag dreht sich um das Stichwort „Orientalismus“ – dem Thema also, wie sich der westliche Blick auf den Orient im Laufe der Jahrhunderte geändert hat.

Ivanoffs Urteil ist drastisch: Der durchschnittliche Gebildete habe im 18. Jahrhundert einen weit besseren Einblick in die Welt des Orients gehabt als heutzutage. Wie es dazu kam, konnte Ivanoff schnell deutlich machen: Eine Unzahl von Reiseberichten überschwemmte nämlich in der Frühen Neuzeit Europa – Ivanoff hat an die 3.000 davon selbst gelesen. Zwar war der Blick auf die rätselhaften Länder Arabiens immer ein europäischer Blick voller Missverständnisse – doch war das ursprüngliche Interesse ein weit weniger von Vorurteilen getrübtes als heutzutage. Während in der Folge Kunst, Literatur und Musik auf der einen Seite den Orient imitierten, wurde dieser auf der anderen Seite immer klischeehafter, vorurteilsbeladener rezipiert. Das habe, so Ivanoff, so lange angehalten, bis der Orient im Westen nur noch eine „Projektionsfläche für Fantasien“ gewesen sei. In das märchenhafte Morgenland verlegte der Europäer all jene Wünsche und Phantasien, die „zuhause“ nicht erlaubt oder moralisch verpönt waren: In die pornographischen Orientliteratur des 19. Jahrhunderts etwa habe der Westen seine unerfüllten erotischen Wünsche verlegt, in äußerst drastischen wie brutalen Gemälden wie beispielsweise Henri Regnaults „Hinrichtung ohne Urteil“ habe er heimlich seine sado-masochistischen Phantasien ausgelebt.

In der Musik verwandelte sich der Gebetsruf des Muezzin in ein zwar noch fremdartig tönendes, aber doch stark geglättetes Exotikum – in der Komposition „Le désert“ von Félicien César David vom Anfang des 19. Jahrhunderts beispielsweise endet er in einem geradezu banal „schönen“ Dur-Akkord. Und das, obwohl David den Orient vier Jahre lang erforscht hatte – zu seinem Reise-Equipment gehörte ein zwischen zwei Kamelen aufgehängter Konzertflügel, auf dem David an Ort und Stelle einheimisch Melodien nachspielte und notierte. Zu Ende des 19., erst recht zu Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich ist der Orient im Westen „am Ende“: Nord-Afrika ist kolonialisiert, die Türkei geschwächt, am Bosporus will man so westlich wie nur möglich sein. So verbietet die Türkei den Männern ihren traditionellen Kopfschmuck, den Fez, und propagiert den Zylinder. Die Janitscharen, deren Militärmusik der Westen jahrhundertelang imitiert hatte, werden verjagt und ermordet, in der Türkei musiziert das Militär jetzt westlich, der türkische Sultan Abdulaziz, hoch gebildet und ein Kenner der klassischen türkischen Musik, komponiert eine streng westeuropäische Barcarole.

Und in Westeuropa kann man nun, so Ivanoff, „auf den Orient hundertprozentig verzichten“ – man hat sich einen eigenen geschaffen, der mit der Realität überhaupt nichts mehr zu tun hat. Maurice Ravel etwa komponiert seine „Shéhérazade“, in der Chromatik und Pentatonik einen Musikstil schaffen, den es im Orient nie gegeben hat. Der Exotismus des beginnenden 20. Jahrhunderts sei, so drückt Ivanoff es aus, „etwas, was exotisch ist, aber gar keinen Ort mehr hat.“ Kein großer Schritt mehr also zu Rudolfo Valentino, dem Frauenheld des frühen 20. Jahrhunderts, der seine Karriere als „Scheich von Arabien“ beginnt. Ein guter Film, wie Ivanoff betont, aber ein weiterer Schritt auf dem Weg der Klischeebildung, ein weiterer Ort, an dem westlichen Phantasien die Realität und das Interesse an ihr überlagern. 1999 schließlich dreht Joel Schumacher den Film „8mm“ mit Nicolas Cage in der Hauptrolle, in dem es um so genannte „Snuff-Videos“ gibt, Filme, in denen echte Morde aufgezeichnet und an perverse Kunden verkauft werden. Jedesmal, wenn Cage als Polizist einen der Orte betritt, an denen diese Filme gehandelt werden, ertönt aus dem Off klassische arabische Musik. „Das Ende des Orientalismus“, so resümmiert Ivanoff, „ist seine völlige Vermarktung.“ Schon Mozart habe ja in der „Entführung aus dem Serail“ mittels mehrstimmiger türkischer Perkussion „einen riesen Kasperlekrach“ im Sinn gehabt und keineswegs eine „echte“ orientalische Stimmung – das immerhin ist nie so aufgeführt worden, wie der Komponist es gewollt hat.

Das „Ensemble Sarband“ führt im Rahmen des „Festivals der 1000 Töne“ unter anderem Maurice Ravels „Shéhérazade“, aber auch Kompositionen und Klaviermusik der türkischen Sultane, von Callisto Guatelli Pascha und von Franz Liszt am kommenden Samstag, 6. November um 20 Uhr im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses auf. Die Karten kosten 20 Euro.

Das Festival der 1000 Töne beginnt am heutigen Samstag sowie am Sonntag, mit den Klezmernächten in der Synagoge.



Störfall in Gundremmingen

In einer Augen-zu-und-Durch-Aktion hat die Bundesregierung das Gesetzespaket zum Ausstieg aus dem Atomausstieg beschlossen. Bis zu 14 Jahre länger als vorgesehen sollen Deutschlands Atomkraftwerke in Betrieb bleiben. Im Vorfeld dieses umstrittenen Gesetzes gab es in Gundremmingen einen Störfall, der – so die Grüne Landtagsabgeordnete Christine Kamm – der Aufsichtsbehörde verspätet gemeldet wurde.

„Mit der üblichen Beschwichtigungsrhetorik teilten die Betreiber den schon früher entdeckten Störfall erst am Donnerstag mit“, so Kamm gestern in einer Pressemitteilung. Im Meiler B des Atomkraftwerkes sei einmal mehr „zumindest ein undichtes Brennelement entdeckt worden“, weshalb die Betreiber den Meiler am kommenden Sonntag abschalten werden. Der Gundremminger Reaktor berge im Fall undichter Brennelemente die Gefahr, dass austretende hochaktive und gefährliche Spaltprodukte in den nicht-nuklearen Bereich der Anlage übergehen könnten und damit Beschäftigte und das Umfeld des Reaktors radioaktiv verseuchen könnten, so Kamm, die Informationspolitik der Betreiber und das verzögerte Abschalten als „unverantwortlich“ bezeichnete. – „Eine Gefährdung des Personals oder der Umgebung ist nicht zu befürchten“, so die Stellungnahme der Betreiber.