DAZ - Unabhängige Internetzeitung für Politik und Kultur
DAZ-Archiv - www.daz-augsburg.de

Der Mauerfall – bedeutungslos

„Kein Schiff wird kommen“ in Dierigs Fabrikhalle

Von Frank Heindl

Sohn besucht Vater, Vater nervt, kann nichts recht machen, Sohn reist wieder ab. Man könnte die Handlung im ersten Teil von Niels-Momme Stockmanns Stück „Kein Schiff wird kommen“ in ein paar Halbsätzen wiedergeben. Doch dann wäre man in eine der Fallen getappt, die das Stück dem Zuschauer stellt. Man hätte die Doppelbödigkeit des Textes übersehen und die Doppelbödigkeit der Handlung, man wäre auf die einfache Sprache hereingefallen, ohne das raffinierte Spiel zu durchschauen, dass Stockmann mit dem Publikum treibt: Lange lässt er kaum ahnen, was da unter der Oberfläche brodelt.

Die erste Ebene von „Kein Schiff wird kommen“ ist die des Vater-Sohn-Konfliktes. Die beiden nerven sich, und im ersten Teil hat Stockmann die gegenseitige Bereitschaft, auf jede noch so unwichtige Bemerkung mit höchster Verärgerung zu reagieren, wunderbar überspitzt karikiert. Noch darf man lachen.

Doch der Sohn ist nicht nur Sohn, sondern auch Schriftsteller, besucht seinen Vater auf der heimatlichen Insel Föhr als recherchierender Stückeschreiber. Auch wenn Stockmann, der Autor, nicht selbst auf Föhr geboren wäre und sein Stück keinerlei autobiographischen Bezug hätte, wäre doch deutlich, dass hier die zweite Ebene des Stücks zu finden ist: Ein Bühnenautor erzählt aus dem Nähkästchen, berichtet schonungslos aus der Werkstatt des Schreibens.

Im Vordergrund sinnlose Streitereien – im Hintergrund die tote Mutter. Christine Diensberg, Ulrich Rechenbach und Martin Herrmann in Niels-Momme Stockmanns „Kein Schiff wird kommen“

Im Vordergrund sinnlose Streitereien – im Hintergrund die tote Mutter. Christine Diensberg, Ulrich Rechenbach und Martin Herrmann in Niels-Momme Stockmanns „Kein Schiff wird kommen“


Der Sohn will über den Fall der Mauer schreiben. Das birgt Probleme: Er weiß nichts über das Thema (daher die Fahrt zum Vater), es interessiert ihn nicht die Bohne und hat seiner Ansicht nach auch für sonst niemanden Bedeutung, aber Verleger und Intendanten wollen ausschließlich zu diesem Thema ein Stück von ihm. Aber da ist noch ein weiteres Thema, das beide, Vater wie Sohn, meiden: die Mutter. Sie ist tot, wird nur flüchtig erwähnt – und ist doch permanent anwesend. An dieser Stelle wagt die Inszenierung von Regisseur Ramin Anaraki einen – folgerichtigen – interpretatorischen Eingriff in Stockmanns für dramaturgische Kniffe weit offenen Text: Auf der kleinen Bühne in Dierigs Fabrikhalle geistert die tote Ehefrau und Mutter (Christine Diensberg) mal blass und mit leerem Blick, mal in freudiger Anteilnahme, schon von Anfang an zwischen Vater und Sohn herum, mischt sich in deren Gespräche und Gedanken ein.

Wie auf der Therapeutencouch

Zum Thema wird sie erst später werden. Zunächst muss der Sohn frustriert und zornig abreisen, muss Anflüge von Paranoia erleben, sich schlaflos, gehetzt und mit wirrem Blick fühlen „wie ein Schwein in einer Arena von Augen“ – beobachtet und handlungsunfähig. Und muss schließlich, wie auf der Couch des Therapeuten, wieder ganz zum Sohn, zum Kind werden, muss „„Papa, ich brauch deine Hilfe“ rufen und noch einmal nach Föhr und in die eigene Vergangenheit fahren.

Ulrich Rechenbach hatte schon in der ersten Hälfte fasziniert – durch seine Verwandlung in einen unreifen, quengelnden und dauergenervten Jungschriftsteller, der in Gegenwart des Vaters mit schweren Komplexen zu kämpfen hat. Nervös reibt er seine Hände an den Oberschenkeln, um sie dann wieder tief in den Hosentaschen zu verstecken, trippelt von einem Fuß auf den anderen, putzt die Brille, fummelt am Verschluss der Bierflasche, blickt ruhelos umher und sieht doch nie den Vater (Martin Herrmann) an. Nun, im zweiten Teil, muss er ganz Kind werden, muss verstört und mit wachsendem Furor ein Trauma nacherleben, sich mit dem Wahnsinn und fürchterlichen Sterben seiner Mutter konfrontieren. Mit betörender Präzision und permanenten Präsenz gelingt es ihm – fast auf Tuchfühlung mit dem Publikum – in den gehetzten, verletzten, gequälten Blicken des Kindes jenen zappeligen, unreifen Erwachsenen zu spiegeln, der er noch wenige Szenen vorher war – ein überwältigender Einstand für den 28jährigen Neuling im Ensemble des Stadttheaters.

Der Sohn und Schriftsteller auf Tatjana Kautschs Bühne: Im abgeschlossenen und doch leicht zu öffnenden Kubus wohnt die verdrängte Vergangenheit

Der Sohn und Schriftsteller auf Tatjana Kautschs Bühne: Im abgeschlossenen und doch leicht zu öffnenden Kubus wohnt die verdrängte Vergangenheit


Dass der Sohn-Schriftsteller gegen Schluss des Stücks eine Erfahrung macht, die für ihn selbst Relevanz hat, aber – in seinen Augen – für niemanden sonst, ist eine der Fallen, die Stockmann seinem Publikum gestellt hat. Sein Stück plädiert für das Gegenteil, seine Antwort auf die Frage nach der Relevanz ist eine, die der von ihm erschaffene Schriftsteller ahnt, aber nicht geben kann und will: Dass das persönlich Erlebte bedeutsamer sein kann als das historisch Gewordene. Dem Sohn diente die Erkundung der Vergangenheit dazu, den Tod der Mutter zu verdrängen, in der Wiederkehr des Verdrängten aber zeigt sich, dass das historisch „Wichtige“ daneben völlig bedeutungslos wird, dass eine entscheidende Wende im eigenen Leben wichtiger ist als der Fall einer noch so dicken Mauer, von dem man nur aus dem Fernsehen weiß.

Das ist ein höchst individualistischer Kommentar zu den Feiern um 20 Jahre Einheit, über den man trefflich streiten könnte. Aber so ist, hintenrum, der Fall der Mauer doch auch eines der Themen von „Kein Schiff wird kommen.“



Brecht, Döner, Kurzfilme

Gegen Klischeevorstellungen: Deutsch-türkische „Kültürtage“ mit vielfältigem Angebot



Wer dem bayerischen Ministerpräsidenten Seehofer zuhört, könnte zu der Ansicht kommen, dass es in der Türkei und anderen islamisch geprägten Ländern eine Kultur in unserem Sinne gar nicht gibt. Dass dies ein ebenso so krasses wie dummes Vorurteil ist, dass es viele Unterschiede, aber auch viele Parallelen gibt zwischen den christlich und den islamisch geprägten Kulturen, auf jeden Fall aber eine gemeinsame Basis, auf der man sehr wohl und gut miteinander umgehen und voneinander lernen darf – das kann man anhand der Augsburger „Kültürtage“ einmal mehr erfahren, die am Mittwoch, 13. Oktober beginnen.

Die deutsch-türkischen „Kültürtage“, über die die Grüne Bundestagsabgeordnete Claudia Roth die Schirmherrschaft übernommen hat, erstrecken sich über einen Zeitraum von mehreren Wochen bis zum 21. November. Beginn ist am morgigen Mittwoch mit einer Ausstellung in der Neuen Galerie im Höhmannhaus (Maxstraße 48, Eröffnung am Dienstagabend). Hier zeigen die Augsburger Künstler Fikret Yakaboylu und Fatos Kutlucan eine Auswahl ihrer Werke. Fato Kutlucan malt moderne und orientalisch und vor allem Frauenmotive, Fatos Kutlucan arbeitet mit eher unkonventionallen Techniken. Unter anderem präsentiert er ein 500 Meter langes „Friedensband“, eine Collage, an der viele Menschen beteiligt waren.

Doch es geht nicht nur um die Bildende Kunst bei den Kültürtagen. Am 4. November etwa findet in der Stadtbücherei die Veranstaltung „Frauen an die Macht“ statt, in der es um die Frauenbewegungen in Deutschland und der Türkei geht – umrahmt wird das Ganze von türkischer Musik. Am 7. November gibt es im Café Viktor (Hartmannstraße 1) deutsch-türkisches Kabarett: „Döner mit Sauerkraut“ nennt sich der Abend, und der Titel lässt annehmen, dass es auch um die Klischeevorstellungen gehen wird, die Deutsche wie Türken voneinander haben.

Türkische Lyrik auf deutsch und Brecht auf türkisch

Auch der Begriff „türkische Lyrik“ dürfte wenig in das Klischee von Seehofer/Sarrazin und anderen passen. Sie wird an dem Ort präsentiert, den man für den Hort der deutsch Hochkultur halten könnte: im Stadttheater. „Aus der Vielzahl türkischer Lyriker soll hier mit einer kleinen Auswahl die große Vielfalt der türkischen Poesie gezeigt werden“, verspricht das Programm. Es wird in deutscher und türkischer Sprache vorgetragen. Auch „Film-Kültür“ wird es geben: Am 9. November zeigt das Liliom zwei türkische Kurzfilme – im Anschluss stehen die Filmemacher zur Diskussion zur Verfügung. Und wer nach Verbindungen zwischen Augsburg und der Türkei sucht, der wird – mal wieder – bei Bertolt Brecht fündig: Der Dramatiker gilt als einer der meistgelesenen deutschen Dichter in der Türkei. „Merhaba Brecht“ heißt es deshalb am 14. November bei Hempels (im Annapam, Bäckergasse 29) – es gibt Texte von Brecht auf Deutsch und Türkisch. Mal sehen, ob Sauerkraut und Döner vielleicht doch zusammenpassen…

Das gesamte Programm mit vielen weiteren Veranstaltungen gibt’s in Lang- und Kurzversion zum Download bei kueltuertage-augsburg.de.



Staats- und Stadtbibliothek: Gegenwind für Grab und Weber

Die Pläne der Stadtregierung, die Staatsbestände der Universität Augsburg zu übergeben oder gar nach München abzugeben und die städtischen Bestände in den Räumen der Shed-Hallen auf dem AKS-Gelände unterzubringen (DAZ berichtete), haben nicht nur für Unverständnis in der betroffenen Fachszene gesorgt, sondern stoßen nun auf breite Gegenwehr aus der Kultur- und Wissenschaftsszene. Dr. Barbara Rajkay und ihre Mitstreiter haben gestern eine Website ins Netz gestellt, deren Macher das Ziel verfolgen, „aktiv gegen die Pläne der Stadtregierung zur Zerschlagung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg vorzugehen“. „In keiner der zahlreichen vorausgegangenen schweren Krisenzeiten (Dreißigjähriger Krieg, französische Revolutionskriege, Erster und Zweiter Weltkrieg) sei ihre Existenz je in Frage gestellt worden“. Weiter im Text heißt es: „Diese identitätsstiftende Institution darf unter keinen Umständen zerstückelt werden. Sie ist Ausdruck eines jahrhundertealten kommunalen Selbstbewusstseins und Grundlage unseres kulturellen Gedächtnisses“. Der gesamte Text ist unter www.rettet-die-stabi.de nachzulesen.



Bestattungsgebühren steigen

Gegen die Stimmen der vier SPD-Stadträte beschloss der Umweltausschuss am gestrigen Montag eine Anhebung der Friedhofsgebühren.

Umweltreferent Rainer Schaal – für das Friedhofswesen zuständig – bezeichnete die Maßnahme zwar als unpopulär, er wolle aber seinem Nachfolger „nicht die Funktion des Insolvenzverwalters“ hinterlassen. Als kostenrechnende Stelle sei das Friedhofswesen gesetzlich verpflichtet, „das was es kostet, durch Gebühren hereinzubekommen“. In den Jahren 2007 bis 2010 sei eine Unterdeckung von insgesamt 2,1 Mio. Euro aufgelaufen. Gemäß der gestern beschlossenen neuen Gebührensatzung steigen die Gebühren für Erdbestattungen im Einzelgrab ab 2011 um 16 Prozent von derzeit 859 auf 1000 Euro, Feuerbestattungen werden 150 Euro (bisher 90 Euro) kosten. Die Gebühren für diverse Einzelleistungen werden im Schnitt um 25 Prozent angehoben. Unverändert bleiben die Grabrechtsgebühren, die im Schnitt bei 40 Euro jährlich liegen.



Stadttheater erhält eine Nennung bei der Auszeichnung der „opernwelt“



Das internationale Opernmagazin „opernwelt“ hat das Theater Augsburg in der Kategorie „Opernhaus des Jahres“ nominiert. In der jährlichen Auszeichnung erhielt das Musiktheater des Augsburger Stadttheaters eine Nennung vom Münchner Merkur. Kritiker Markus Thiel sieht das Haus „als Modellfall für Stadttheater in Finanznöten“. – „Ein hoch ambitioniertes, nie zeigefingerndes Programm von der Kulinarik (Don Carlos) über Vernachlässigtes (Der ferne Klang) bis zur ironischen Selbstbespiegelung (I hate Mozart), das musikalisch immer, regietechnisch meistens befriedigt“. Die meisten Nominierungen bekam das Theater Basel, das somit zum Opernhaus des Jahres gekürt wurde.