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Wohin mit Augsburgs historischen Schätzen?

Knapp fünfzig Prozent der Bücher der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek gehören nach groben Schätzungen dem Freistaat Bayern, der sich nach Vorstellungen von Finanzreferent Hermann Weber genau mit diesem Anteil an den Unterhaltkosten der historischen Kladden beteiligen soll.

Etwas Genaues weiß man nicht, aber dafür gibt es unbestätigte Pläne der Stadtregierung und eine handvoll Gerüchte sowie einen SPD-Antrag, der bei der kommenden Sitzung des Kulturausschusses für klare Verhältnisse sorgen soll. Der Leiter der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek, Helmut Gier, spricht von „Barbarei“ und der kulturpolitische Sprecher der SPD, Frank Mardaus, von „Zerschlagung“. Finanzreferent Hermann Weber nennt es „Kostenbeteiligung“.

Fegen eine Aufspaltung der Staats- und Stadtbücherei: Dr. Frank Mardaus

Gegen eine Aufspaltung der Staats- und Stadtbücherei: Dr. Frank Mardaus


Es geht nach Informationen der DAZ um Folgendes: Die Stadtregierung verhandelt aktuell mit der Staatsregierung um eine „Modifizierung“ eines Vertrages zwischen der Stadt Augsburg und dem Königreich Bayern aus dem Jahre 1897, der bis heute Bestand hat. Obwohl ein großer und täglich größer werdender Teil des Bücherbestandes dem Freistaat gehört, bestreitet die Stadt fast im Alleingang den Unterhalt. Mit einem jährlichen Betrag von 18.900 Euro beteiligt sich bislang der Staat. Diese Kostenverteilung geht auf den Vertrag aus dem Jahr 1898 zurück, der eine jährliche Verteilung der Aufwendungen für die Bibliothek für beide Seiten festlegte: 2.000 Reichsmark für das Königreich, 9.000 Reichsmark für die Stadt. Laut Weber beträgt der Kostenanteil der Stadt heute zirka eine Million Euro, während der Freistaat lediglich die 2.000 Reichsmark in Euro umgemünzt hat. Dies solle sich, wenn es nach dem Willen der Stadt geht, in Zukunft ändern.

Die Bayerischen Bücher sollen in der Universität verortet werden

"Der Freistaat soll sich mit 50 Prozent an den Unterhaltskosten beteiligen": Finanzreferent Hermann Weber

"Der Freistaat soll sich mit 50 Prozent an den Unterhaltskosten beteiligen": Finanzreferent Hermann Weber


Die Verhandlungsposition der Stadt ist dabei nicht aussichtslos, da der mehr als einhundertjährige Vertrag eine Klausel beinhaltet, die eine Anpassung in beiderseitigem Einvernehmen vorsieht. Darauf poche man nun gegenüber dem Ministerium, denn es bestehe inzwischen ein krasses Missverhältnis in der Deckung der Kosten für die im Besitz des Freistaates stehenden Bücher. Die Ideallösung Webers sieht vor, dass sich der Freistaat mit 50 Prozent an den Unterhaltskosten des Gesamtbestandes beteiligt. Weber verfolgt dabei den Plan, dass der Freistaat eben genau jenen Anteil der wertvollen Buchbestände, die in seinem Besitz sind, „betreuen“ soll. Der neue Standort der bayerischen Bücher solle, so Weber, in der Augsburger Universität verortet werden. Der Augsburger Anteil der Staats- und Stadtbibliothek wird nach Webers Plänen zusammen mit den Archivalien des Stadtarchivs in den restaurierten Shed-Hallen des Textilmuseums untergebracht.

Was aus den beiden frei werdenden Häusern des Stadtarchivs in der Fuggerstraße und der Staat- und Stadtbibliothek der Schaezlerstraße werden soll, ist derzeit noch offen. Den Titel „Staatsbibliothek“ erhielt das Haus in der Schaezlerstraße deshalb, weil die Bestände der Bibliothek nach der Säkularisierung und Mediatisierung anfangs des 19. Jahrhunderts in das Eigentum des bayerischen Staates übergegangen sind. Dieser verpflichtet die Bibliothek seit 1987, von jedem im Regierungsbezirk Schwaben erscheinenden Druckwerk (auch Zeitungen) ein Exemplar zu archivieren. Nicht zuletzt aus diesem Grund ist der Bestandzuwachs außer Kontrolle geraten und die Statik des Hauses gefährdet. Pläne zum Ausbau des Dachgeschosses bestehen seit vielen Jahren, scheiterten aber immer wieder an den hohen Investitionskosten von 4,4 Millionen Euro. Mit dem neuen „Bücher-Verteilungsplan“ könnte die Stadt dieses kostspielige Vorhaben abblasen.

„Die Staats- und Stadtbibliothek ist wesentlicher Bestandteil der geschichtlichen Identität und des Erinnerungsvermögens der Stadtgesellschaft“

Die unrenovierten Shed-Hallen

Die unrenovierten Shed-Hallen


Der Widerstand gegen die städtischen Pläne, die in einer „Dienstbesprechung“ am Donnerstag bekannt wurden, hat sich allerdings bereits formiert. Ulrich Hohoff, der Leiter der Universitätsbibliothek, sieht keinen Platz für die zirka 250.000 Bücher und den riesigen Medienbestand, der sich seit 1987 angesammelt hat, in „seiner“ Bibliothek. Die Augsburger SPD wird den Kulturausschuss am 18. Oktober qua Antrag dazu auffordern, sich nachhaltig gegen eine Aufspaltung der Staats- und Stadtbücherei einzusetzen und die Verwaltung zu beauftragen „die bereits begonnenen oder noch geplanten Aktivitäten zur Veränderung, Umwandlung oder Einschränkung der Staats- und Stadtbibliothek Augsburg sofort einzustellen“. Außerdem soll die Verwaltung dafür Sorge tragen, dass „die bereits beschlossenen Maßnahmen zur Sicherung und Förderung des bisherigen Standortes umgesetzt“ werden.

„Die Staats- und Stadtbibliothek ist eine der ältesten Kultureinrichtungen der Stadt Augsburg sowie eine der größten und ältesten Stadtbibliotheken in Deutschland. Sie ist wesentlicher Bestandteil der geschichtlichen Identität und des Erinnerungsvermögens der Stadtgesellschaft“. Die Pläne der Stadt, die „eine Aufspaltung in einen städtischen und einen staatlichen Anteil ins Auge fassen“, würden auch für die wichtigen Einrichtungen Stadtarchäologie und Stadtarchiv große Nachteile haben. „Dagegen gilt es sich mit Nachdruck zur Wehr zu setzen“, so die Augsburger SPD in ihrem gestern eingereichten Antrag.



Stadtrat beschließt Ratsbegehren

Der Augsburger Stadtrat hat in seiner gestrigen Sondersitzung mit großer Mehrheit beschlossen, dem Bürgerbegehren für einen Tunnel am Königsplatz ein Ratsbegehren entgegen zu setzen.

Die Fragestellung des Ratsbegehrens ist nach langer juristischer Findungsphase und wochenlangen politischen Verhandlungen in eine verständliche Formel gegossen worden: „Sind Sie dafür, dass der Königsplatz jetzt ohne Tunnel und mit einer vorsorglichen Entlastungsstraße in Süd-Nord-Richtung (Achse Konrad-Adenauer-Allee/ Fuggerstraße) gebaut wird?“

OB Dr. Kurt Gribl: "Vorsorgliche Entlastungsstraße ist nicht mehr als ein zusätzlicher Pflasterbelag"

OB Dr. Kurt Gribl: "Vorsorgliche Entlastungsstraße ist nicht mehr als ein zusätzlicher Pflasterbelag"


Die Grüne Stadtratfraktion stimmte der Beschlussvorlage nicht zu, ebenso der Linke Benjamin Clamroth sowie Rainer Schönberg (Freie Wähler). Die Grünen – auf dem Boden des Bebauungsplans 500 stehend – stören sich an der „vorsorglichen Entlastungsstraße“, die ihrer Auffassung nach nicht der Philosophie des Siegerentwurfs des Ideewettbewerbs entspricht, die Linken, weil sie weder vom Bebauungsplan 500 (mit oder ohne Entlastungsstraße) noch vom Bahnhofsumbau überzeugt sind und Rainer Schönberg, weil er wohl denkt, dass der Tunnel immer noch die weniger schlechte Lösung sei als die Verwaltungsplanung. Das Ratsbegehren wie das Tunnelbegehren konterkariert nach Schönbergs Verständnis den Bürgerentscheid 2007.

„Für die politische Konsensbildung notwendig“

Die Befürchtung der Grünen, dass die nachträglich hinzugefügte „vorsorgliche Entlastungsstraße“ eine neue Standardisierte Bewertung erforderlich mache, entkräftete OB Kurt Gribl damit, dass die „vorsorgliche Entlastungsstraße“ nicht mehr als ein zusätzlicher „Pflasterbelag“ und somit nicht „Gegenstand einer normal regulierten Verkehrsabwicklung“ sei, weshalb die Entlastung nicht in die Standardisierte Bewertung einzugehen habe. Im Lauf der Debatte, die sich in erster Linie um die Definition der „vorsorglichen Entlastung“ drehte, räumte Gribl ein, dass diese nachträgliche Maßnahme zur politischen Konsensbildung für das Ratsbegehren notwendig geworden war. Damit war nicht nur die SPD gemeint, die dem Ratsbegehren geschlossen zustimmte, sondern auch die in Sachen Bebauungsplan 500 zerstrittene CSU-Fraktion. Die Kritiker der Verwaltungsplanung zum Kö-Umbau sehen den Not-Bypass über den Königsplatz als einzige Chance, um Staus und Schleichverkehr durch die Stadtviertel zu vermeiden, während die B-Plan-500-Befürworter in der vorsorglichen Entlastungsstraße nicht mehr sehen als „einen Feuerlöscher, den man hat, aber nie braucht“, wie es die Fraktionschefin von Pro Augsburg, Beate Schabert-Zeidler, formulierte.

„Das Ratsbegehren zeigt, dass die Stadtregierung von ihren Plänen nicht sehr überzeugt ist“

Bernd Kränzle definierte Schabert-Zeidlers „Feuerlöscher“ als einen „Durchbruch, über den der Stadtrat im Bedarfsfall entscheidet“. SPD-Chef Kiefer, der die Kö-Umbaupläne der Stadtregierung (ohne Eventual-Bypass) noch vor wenigen Wochen im großen DAZ-Interview rigoros ablehnte – und dabei die Abwägung zwischen Tunnel und B-Plan 500 als ein Abwägen zwischen Pest und Cholera bezeichnete – zeigte sich über die politische Wendung hin zum Bypass zufrieden, zumal die Zusatzanträge der SPD zur „vorsorglichen Entlastung“ Gehör fanden. „Falls der Verkehr an der Kaiserhofkreuzung nicht klappt, werden wir was machen müssen“, so Kiefer, der keinen Hehl aus seiner Überzeugung macht, dass die Kaiserhofkreuzung gemäß Bebauungsplan 500 nicht funktionieren werde.

Das Ratsbegehren zeige, dass die Stadtregierung von ihren eigenen Plänen wohl nicht allzu überzeugt zu sein scheine, lästert die Bundestagsabgeordnete und Kreisvorsitzende der Augsburger FDP Miriam Gruß in einer eiligen Pressemitteilung nach dem Stadtratsbeschluss zum Ratsbegehren. „Immerhin opfert man nun genau den Part, der vorher stets als Kern des Projekts bezeichnet wurde, um die SPD und eigene Abweichler ins Boot zu holen“.



Nicht die, sondern eine Wende

Premiere bei Dierig: die erste Theaterproduktion in der Ausweichspielstätte

Von Frank Heindl

Auf einem Schiff beginnt das Stück, auch wenn der Titel behauptet, kein Schiff werde kommen. Am morgigen Sonntag, 10. Oktober hat um 19 Uhr das erste Stück der diesjährigen Theatersaison Premiere. Eine Premiere ist das auch in anderer Hinsicht: Zum ersten Mal zeigt das Stadttheater eine Produktion Stück im Ausweichquartier: „Kein Schiff wird kommen“, wird auf dem Pferseer Dierig-Gelände inszeniert – nicht aus freien Stücken, wie das noch bei der „Weber von Augsburg“-Produktion in der vergangenen Saison der Fall war, sondern der Not gehorchend, weil die Komödie in der Altstadt nun endgültig geschlossen ist und noch immer keine Nachfolgebühne zur Verfügung steht.

Mit dem sehnsüchtig erwarteten Container, der für eine Übergangzeit von wohl mindestens zehn Jahren auf dem Parkplatz hinter dem Großen Haus platziert werden soll, wird es wohl noch eine Weile dauern – frühestens im Frühjahr 2011 wird das Metallgehäuse beziehbar sein. Aber auch bis dahin wird glücklicherweise Theater gespielt – schon eine Woche nach dem „Schiff“ werden die „Sonny Boys“ die Bühne betreten, ebenfalls in Dierigs traditionsreichen Industriehallen.

Am Sonntag jedenfalls steht uns mit „Kein Schiff wird kommen“ des 29jährigen Nils-Momme Stockmanns ein sehr moderner Stoff bevor. Stockmann gilt derzeit als der junge Autor der deutschen Theaterszene, die Fachzeitschrift „Theater Heute“ hat ihn zum „Nachwuchsautor des Jahres“ gekürt, der „shooting star“ verkauf tatsächlich seine Texte schon, bevor er sie geschrieben hat. Ein reiner Modeautor also? Ein Blick in den vielschichtigen Text lässt eine Vielschichtigkeit erkennen, die einer geschickten Inszenierung viele Möglichkeiten bietet. Vorbilder sind rar – das Stück wurde erst im Februar in Stuttgart uraufgeführt, die Kritiker sprechen von einem „pointenreichen, klug aufgebauten“ Stück.

Wende-Recherche auf der Insel Föhr

Im Vordergrund erzählt es sarkastisch die Geschichte eines jungen Theaterautoren, der unter enormem Erfolgsdruck steht. Man wartet auf sein neues Produkt und fordert Themen, die dem Zeitgeist entsprechen. Derzeit wünscht der Verlag ein Stück zum Thema Wiedervereinigung. Der Autor, den dieses Thema nicht im Geringsten interessiert, reist mit Rechercheplänen zu seinem Vater auf die Insel Föhr, wo die üblichen Vater-Sohn-Konflikte aufbrechen, wo aber auch ein Thema zunächst auffällig vermieden wird: die Mutter. Sie wird erst spät zum Thema werden – vielleicht zum eigentlichen Thema des Stücks.

Unterschiedliche Ebenen, wechselnde Sprachstile, verschiedene Orte

Man darf gespannt sein, wie die Augsburger Inszenierung die verschiedenen Ebenen des Stücks gewichtet. Der Neuling am Stadttheater, Ulrich Rechenbach, wird den jungen Autor und Sohn spielen, Martin Herrmann gibt den Vater, Christine Diensberg jene Mutter, die eigentlich nur noch in den Erinnerungen der beiden Männer existiert – und daher als junge Frau dargestellt wird. „Ein großes Thema“ werde da „im Kleinen verhandelt“, sagt Regisseur Ramin Anaraki, eine Herausforderung sieht er auch in der Umsetzung der „nahezu narrativen“ Passagen und der Tatsache, dass die Geschichte „radikal aus der Perspektive der Hauptfigur“ erzählt werde. Schauspieler Martin Herrmann reizt an Stockmanns Text, „dass er zwischen Orten und Zeitebenen hin und her flutscht“ und „übergangslos zwischen Umgangsjargon und lyrischer Sprache wechselt.“ Es sei, so fasst Anaraki seine Sicht zusammen, „ein Stück nicht über die, sondern über eine Wende.“

Die Premiere von „Kein Schiff wird kommen“ am kommenden Sonntag bei Dierig ist ausverkauft. Weiter Aufführungen am 22., 23., 26, und 27. Oktober. Die November und Dezember-Termine gibt’s auf der Homepage des Stadttheaters unter „Spielplan“.



Regierung von Schwaben entlastet Tobias Schley

CSU-Stadtrat Tobias Schley hatte unlängst schlechte Presse. Er habe zuviel Geld für die Abschiedsparty seines Ex-Chefs Gerhard Leypoldt, Gründer der politisch umstrittenen Augsburg AG, ausgegeben – von 16.000 Euro war die Rede. Schleys Tätigkeit – nach der Abwicklung der Augsburg AG – bei der „Messe Augsburg ASMV GmbH“, sorgte für den Vorwurf, dass Schleys hauptberufliche Tätigkeit laut Gemeindeordnung nicht mit seinem Stadtratsmandat vereinbar sei. Nicht nur in der SPD, sondern auch in den eigenen Reihen wurde in diese Richtung gegrummelt. Eine anonyme Strafanzeige beförderte das Mutmaßen über Schley zum „Fall Schley“. Schley hatte daraufhin die Regierung von Schwaben als zuständige Aufsichtsbehörde gebeten, zu überprüfen, ob diese Vorwürfe zutreffend seien. „Auf Grundlage der von der Stadt Augsburg übermittelten Ausführungen und Unterlagen kommen wir zu dem Ergebnis, dass ihre Berufstätigkeit mit Ihrem Stadtratsmandat vereinbar ist“. Die Unvereinbarkeitsbestimmung komme im „Fall Schley“ nicht zum Tragen, da Schleys Arbeitnehmerstellung wesentliche Merkmale der Position eines leitenden Angestellten vermissen lässt, so die Regierung von Schwaben in einer Mail an Schley.