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Modular: Den Geist von X-Large aus der Flasche gelassen

Vor wenigen Tagen überraschten der Stadtjugendring und Richard Goerlich, der Popkulturbeauftragte der Stadt Augsburg, die Öffentlichkeit mit der Vorstellung eines neu entwickelten Modularfestivals. Mit dem neuen Konzept wandelt das Jugendfestival dennoch auf alten Pfaden.

MODULAR-Festival 2011: Teil des Rahmenprogramms der Frauen-WM

MODULAR-Festival 2010: Nun ein Teil des Rahmenprogramms der Frauen-WM


Als Teil des Rahmenprogramms der Frauen-WM wird das Festival nicht wie bisher im April, sondern im Sommer während der Frauen-WM stattfinden. Nach zwei erfolgreichen Reihen Modular hat in erster Linie Richard Goerlich das Festival neu erfunden und dafür jede Menge Kritik einstecken müssen.

Kritisiert wurde das neue „Modularge“ von Seiten der Workshopmacher und ehemaliger Modularteilnehmer. „Sie beklagten fehlenden Respekt für ihre Arbeit von Seiten der Veranstalter und belegten ihre Position mit unzureichenden Präsentationsmöglichkeiten im neuen Festivalkontext“, wie es in Jürgen Kannlers „a-guide“ heißt. Bereits während des Modularfestivals 2010 warf die Kulturpark West gGmbH als Veranstaltungspartner den Bettel hin. Andere Auguren sagen, dass der Kulturpark-West von Brandmiller, Goerlich und der Stadt für 2011 ausgebootet wurde. Für das neue Konzept sind federführend Richard Goerlich und der neue Festivalleiter Stefan Sieber verantwortlich, die gemeinsam mit dem Stadtjugendring den alten X-Large-Geist aus der Flasche ließen: „Wir versuchen, große und bekannte Bands nach Augsburg zu holen“ so Stefan Sieber, der mit dem Clubkonzept „automatic music“ seit neun Jahren gut im Geschäft ist und nicht nur in der Elektroszene über gute Kontakte verfügen soll.

“Ein Festival mit Anspruch und Strahlkraft”

Von vielen kleinen Clubveranstaltungen und dem Kulturpark West zieht es Goerlich und den Stadtjugendring zurück in die Weiten des Öffentlichen Raums der Innenstadt. Dort sollen wegen des Rahmenprogramms der WM bereits die Bühnen für bekannte auswärtige Bands und Augsburger Bands stehen. Vom 30. Juni bis 2. Juli soll das neue Festival mit „Anspruch und Strahlkraft“ (OB Gribl), ein neues Zielpublikum aus Augsburg und der Region locken. Laut Sieber soll das neue Modular trotz des Open-Air-Charakters kein reines Musikfestival werden, da an einigen „Modularmodulen“ festgehalten werden solle. Dazu zählen die Workshops sowie die Veranstaltungsreihe „Puppet on a String“, die Arbeit mit den Jugendszenen und die Kreativmesse.

“Das ist nicht unser Ansatz für ein Jugendkulturfestival”

Susanne Fischer: "Dem neuen Konzept stehen wir sehr skeptisch gegenüber"

Susanne Fischer: "Dem was bisher bekannt wurde, stehen wir sehr skeptisch gegenüber"


„Dem was bisher bekannt wurde, nämlich einer Einbettung von Modular in das Rahmenprogramm der FIFA Frauenfußball – WM mit Open Airs und großer Party in der Innenstadt, stehen wir sehr skeptisch gegenüber. Das ist nicht unser Ansatz für ein Jugendkulturfestival in Augsburg, wie er von Seiten der Politik mit dem Stadtjungendring im Jahr 2008 ausgehandelt wurde“, so die Stadträtin Susanne Fischer (SPD) in einer Pressemitteilung vom 21. September. Laut Fischer könne man so nicht mit einem städtisch bezuschussten Projekt verfahren. Die Augsburger SPD will aus diesem Grund für die kommende Stadtratssitzung am 30. September wissen, ob das umgeschriebene Konzept überhaupt noch bezuschusst werden soll. Aus der Sicht von Fischer fehlt den Machern dazu das politische Mandat. „Die SPD Fraktion hat daher einen Antrag gestellt, der genau dies für die kommende Sitzung des Stadtrates einfordert”, so Fischer. Richard Goerlich sieht das genauso: “Wir haben am Montag ein Update zum aktuellen Planungsstand gegeben – mehr nicht. Den Rest entscheiden ohnehin Ausschüsse und Stadtrat.”



“Man greift nur denjenigen an, der den Ball hat”

Interview mit Richard Goerlich

In die Augsburger Kulturszene ist Bewegung gekommen. Aber es ist nicht die Ersatzspielstätte für das Stadttheater im Anflug, sondern ein neues Jugendfestival im Rahmen der Frauenfußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr. Der programmatische Arbeitstitel: “Modularge” ist selbsterklärend. Eine Kreuzung zwischen zwei hoch akzeptierten Marken im Augsburger Festivalsektor: X-Large und Modular. Nach der Vorstellung der Pläne sind die Projektentwickler der neuen Marke schwer in die Kritik geraten, allen voran der Popkulturbeauftragte der Stadt Augsburg, Richard Goerlich, der im DAZ-Interview mit zwei großen Denkern der Kulturgeschichte kontert: Boris Groys und Bruce Lee.

Richard Goerlich: "Für mich gibt es kein altes und neues Konzept"

Richard Goerlich: "Für mich gibt es kein altes und neues Konzept"


DAZ: Herr Goerlich, Sie stehen derzeit aufgrund des veränderten Modularfestivals unter Beschuss. Die DAZ reicht Ihnen den kernigsten Kritikpunkt unverblümt weiter: Wurde das Modularfestival, einem gelungenen Rahmenprogramm der Frauen-WM zuliebe, durch einen auf oberflächliche Effekte abzielenden Event ersetzt?

Goerlich: Ich wundere mich ein bisschen: Niemand außer dem WM-Büro und seinen Mitarbeitern sowie dem WM-Steuerungskreis kennt den aktuellen Stand des neuen, von mir und meinem Team konzipierten WM-Rahmenprogramms. Niemand außer mir, Kulturreferent Grab und dem Stadtjugendring weiß, was genau das Modularkonzept sein soll, bis auf die Tatsache dass wir Open Air gehen wollen. Trotzdem wird in der Stadt gemutmaßt und es werden Gerüchte gestreut, dass sich die Balken biegen. Wir haben mit der Pressekonferenz am vergangenen Montag aus Gründen der Transparenz ein Update zum aktuellen Planungsstand gegeben – mehr nicht. Den Rest entscheiden doch ohnehin Ausschüsse und Stadtrat!

DAZ: Der Stadtjugendring hat vom Stadtrat ein anderes Konzept des Modularfestivals genehmigt bekommen. Ist es nicht ein wenig “wild drauf los marschiert”, ohne politisches Mandat eine dergestalt gravierende Umgestaltung vorzunehmen und das Festival mit einer anderen Leitung auszustatten?

Goerlich: Den ersten Teil der Frage müssen Sie dem Stadtjugendring stellen. Aus meiner Sicht: Workshops und Partizipation verbleiben und werden mit dem neu gegründeten Jugendhaus-Kombinat sogar gestärkt! An anderer Stelle wird halt was verändert. Was ist daran denn so schlimm? Fanden denn wirklich alle das Modular, so wie es war, einhundertprozentig super? Ich habe eine Menge anderer Stimmen gehört. Zudem frage ich mich, warum in der Augsburger Kulturlandschaft immer negativ antizipiert wird, anstatt mal zu sagen: Mensch, da sind ein paar neue Köpfe im Spiel, schauen wir mal was die drauf haben! Könnte ja sogar gut sein!

DAZ: Ist das neue Konzept der Frauen-WM geschuldet? Anders gefragt: Geht Modular nach 2011 wieder zum alten Konzept zurück?

Goerlich: Wie gesagt –für mich gibt es kein altes und neues Konzept. Es gibt Vorschläge für Modifikationen und Verbesserungen. Diese und die Open-Air-Veranstaltungen sollen bleiben, solange wir dies vom Stadtrat genehmigt bekommen. Dies gilt  für 2012 und auch für 2013. Es ist doch ein gutes Zeichen der Politik, dass es weiterhin ein solches Festival mit einem starken städtischen Zuschuss geben soll. Ich kenne Städte, da wurde zuerst an Jugend- und Popkultur gespart! In Augsburg nicht – gute Sache, oder etwa nicht? Man verzichtet sogar darauf, dass man es aus Gründen politischer Eitelkeit umbenennt und bestärkt die Marke Modular. Warum sagt denn niemand mal: Das ist doch ein positiver Schachzug, gut für Augsburg!

DAZ: Welche konzeptionellen Leitlinien verfolgt das 2011er Modular denn nun genau?

Goerlich: Auch diese Frage gebührt eigentlich dem Stadtjugendring und dem neuen künstlerischen Leiter. Aus meiner Sicht: Partizipation, hohe künstlerische-popkulturelle-jugendkulturelle Qualität, größere Zielgruppenansprache, ein Festival für alle. Oder, um es mit dem Kunsttheoretiker Boris Groys zu sagen: „Die Grenze zwischen Hochkultur und Massenkultur aufzuheben bedeutet nicht länger, vor der Massenkultur zu kapitulieren, sondern einen Mittelweg zu finden, der erlaubt, oberflächliche Unterhaltung ebenso zu vermeiden wie elitäre Wirkungslosigkeit.“ Das ist der Plan!

DAZ: Boris Groys klingt gut. Ein anderer Plan verlangt andere Köpfe. Ist Sebastian Kochs deshalb ausgebootet worden?

Goerlich: Wir alle würden gerne mit Kochs, dem höchster Respekt für seine Arbeit gebührt, weiterarbeiten und haben die Position des künstlerischen Leiters nie als Ausbootung verstanden. So jemand gab es mit Markus Mehr im ersten Modularjahr schließlich auch. Ich verstehe deswegen das ganze Gezeter nicht. Stefan Sieber ist ein national angesehener Künstler, ein finanziell unabhängiger, erfahrener und offener, herzensguter Mensch, der Augsburg in diesem Bereich nur gut tun kann. Es tut mir leid für ihn, dass er so in die Schusslinie geraten ist. Augsburg sollte sich freuen, dass sich ein so hochkompetenter Mann für die Sache engagiert.

DAZ: Wie erklären Sie sich die Anfeindungen aus einem Teil der “Szene” und der Rathausopposition?

Goerlich: Ich sehe das sportlich und zitiere in diesem Falle Bruce Lee: “Wenn du kritisiert wirst, dann musst Du irgend etwas richtig machen. Denn man greift nur denjenigen an, der den Ball hat.” Zudem bekomme ich stark positives Feedback aus vielen, vielen anderen Teilen der „Szene“, so dass ich jeden Tag mit sehr viel Freude an meine Arbeit gehe. Angriffe unter der Gürtellinie ignoriere ich. Jeder in Augsburg, der mit mir zusammenarbeitet, weiß, dass ich diese Arbeit sehr ernst nehme und meine Entscheidungen und Projekte immer fundiert begründe und theoretisch hinterlege.

DAZ: Herr Goerlich, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview fand per zeitnahen Mailaustausch statt.

Fragen: Siegfried Zagler