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Bundestag: Alexander Süßmair ist drin

Augsburg ist in der kommenden Legislaturperiode mit fünf Bundestagsabgeordneten in Berlin vertreten. Wie der Bundeswahlleiter am heutigen 28. September 2009 um 3.35 Uhr im Rahmen des vorläufigen amtlichen Endergebnisses bekannt gegeben hat, zieht die Partei DIE LINKE mit 76 Abgeordneten, darunter sechs Abgeordnete aus Bayern, in den 17. Deutschen Bundestag ein. Damit hat es für den Augsburger Stadtrat Alexander Süßmair, der auf Platz 6 der bayerischen Landesliste kandidiert hat, genau gereicht. Ob Süßmair weiter sein Stadtratsmandat ausüben wird steht noch nicht fest. Das soll im Kreisverband Augsburg beraten werden, so Süßmair zur DAZ. Nachrücker im Stadtrat wäre der 47-jährige Soziologe Benjamin Clamroth.

» Gewählte Landeslistenbewerber in Bayern

» Bundestag: Süßmair in guter Hoffnung



Pro Augsburg: Basis meldet sich zu Wort

Sachlich, mit offenem Visier und mit ungewöhnlicher Schärfe wurde am 17. September im Extra-Stüberl der alten Hasenbrauerei in einer öffentlichen Versammlung des Vereins die politische Arbeit der Stadtratsfraktion von Pro Augsburg kritisiert.

Zirka 50 Mitglieder des Vereins, der komplette Vorstand sowie die Stadtratsfraktion trafen sich zu einer Aussprache, die in erster Linie von den Aussagen von Karl Heinz Englet in der DAZ gekennzeichnet war. Peter Grab war terminlich gebunden und stieß erst zur Versammlung, als sich diese gen Ende neigte.

In seiner Eingangsrede bezeichnete der 2. Vorstand des Vereins, Rolf Neuburger, Karl Heinz Englet als spiritus rectus Pro Augsburgs, der aufgrund seiner Sportlerkarriere gewohnt sei, einzeln zu kämpfen. Englet habe wie im Sport versucht, seine Interessen im Alleingang durchzusetzen. Die unsäglichen Pressemeldungen um Karl Heinz Englets Aussagen hätten dem Ganzen massiv geschadet. Bei all den Verletzungen in der Fraktion gebe es nur eine Lösung: Alle müssten zurückstecken und bereit sein zu verzeihen. Man müsse sich die Hände reichen, beschwor Neuburger die Kontrahenten.

“Mich hat bis jetzt niemand gefragt, was ich von ku.spo halte”

In der anschließenden offenen Aussprache kamen Inhalte zur Sprache, die man in einer offenen politischen Veranstaltung in Augsburg von einer Partei nie zu hören bekommen hätte. Rolf Rickert bezeichnete die Fraktion ohne Profil als Appendix der CSU. Johannes Kautz zitierte die Pressemeldung der Fraktion, „erschöpfter Englet“, die ihn an seine Jugend in der DDR erinnere. Petra Domberger bemängelte, dass die Fraktion in einem zu starken Korsett stecke. Das Auftreten von Peter Grab sei insgesamt enttäuschend. Ku.spo sei entsetzlich. „Mich hat bis jetzt noch niemand gefragt, was ich von ku.spo halte.“ Insgesamt agiere die Fraktion zu abgehoben und ohne Bindung zum Verein, man dürfe das, was die Fraktion mache, als Pro Augsburg-Mitglied nicht nur aus der Presse erfahren.

Alle Beiträge von der Basis bekamen starken Applaus, was Johannes Althammer ein wenig in Rage brachte. Er bezeichnete die Vorwürfe als ungerecht und verwies auf die Arbeitskreise von Pro Augsburg, wo jeder mitmachen könne. “Wenn ich bei Peter Grab oder Beate Schabert-Zeidler anrufe, dann bekomme ich immer zeitnah einen Termin.“ Wenn man wirklich konstruktiv mitwirken wolle, dann müsse man eben aktiv sein und nicht nur Zeitung lesen. Auch Althammer bekam starken Applaus. Beate Schabert-Zeidler, die – sichtlich mitgenommen – bemüht war, die Wogen zu glätten, verwies auf die zirka 150 Stadtratsanträge und Verwaltungsvorgänge, die in den vergangenen 16 Monaten von der Stadtratsfraktion von Pro Augsburg initiiert worden seien. Es stimme einfach nicht, “dass wir kein eigenes Profil entwickelt hätten“. Auch Schabert-Zeidler bekam für ihren Beitrag Applaus.

“Für diese Kulturpolitik bin ich nicht angetreten”

Dass es innerhalb der Bürgervereinigung mit der kommunikativen Struktur nicht stimmt, belegte Fraktionsmitglied Prof. Harzmann eindruckvoll. Harzmann hielt mitten in der Aussprache eine 15 Minuten lange Tischrede, in der er die CSU im Allgemeinen und Bernd Kränzle sowie Horst Seehofer im Speziellen angriff: „Die Umwandlung des Zentralklinikums, das geht gar nicht. Wie soll das gehen?“ Noch während der Rede wurde Harzmann angefeindet. Später wurde Harzmanns Auftritt als konkretes Beispiel dafür verwendet, wie abgehoben die Fraktion sei.

Karl Heinz Englet bekräftigte seine Kritik an Peter Grabs Kulturpolitik und bezog die Kulturkoordinatorin Iris Steiner, die ihre Aufgaben nicht mache, mit ein. „Für diese Kulturpolitik bin ich nicht angetreten.“ Zum Schluss der Versammlung wurde der Fraktion von einigen Mitgliedern nahegelegt, die Kommunikation nach außen wie nach innen zu verbessern und in der Fraktion mittels Mediation wieder Schulterschluss herzustellen.

» Der Kommentar: Pro Augsburg unter Druck



Pro Augsburg unter Druck

von Siegfried Zagler

„Bürger machen Politik“, mit diesem Slogan hat Pro Augsburg erfolgreich Wahlkampf geführt. Dass nach der Wahl in dieser Hinsicht nicht viel geschehen ist, haben aufmerksame Beobachter der lokalen Politszene längst notiert. Monatelang war nach der Wahl die Homepage verwaist und die Stadtratsfraktion wie der Pro Augsburg-Vorstand waren mit dem politischen Tagesgeschäft dergestalt beschäftigt, dass man offensichtlich sogar vergaß, den eigenen Verein in die politische Mitgestaltung einzubinden. Es gibt bis auf den heutigen Tag kein Sachprogramm, weder auf Mitgestaltung zielende Onlinevernetzung noch regelmäßige Sprechstunden der Fraktionsmitglieder.

Wer mit dem Slogan „Bürger machen Politik“ aus dem Beinahe-Nichts mit sechs Sitzen in den Stadtrat einzieht, sollte sich schleunigst darum bemühen, Strukturen zu schaffen, die auf Bürgerbeteiligung abzielen. Das ist bisher nicht geschehen. Dieses Versäumnis ist mehr dem Vorstand denn der Fraktion geschuldet. Pro Augsburg steht nicht nur wegen den Unstimmigkeiten innerhalb der Fraktion unter Druck: Die eigenen Mitglieder meutern. Wenn sich aus dem brisanten Abend im Hasenbräustüberl etwas Übereinstimmendes zusammenfassen lässt, dann der Umstand, dass sich die Mitglieder, der Vorstand, die Fraktion in Zukunft eine bessere Kommunikationsstruktur des gesamten Pro Augsburg-Dampfers wünschen. Nach innen wie nach außen. Karl Heinz Englet ging eindeutig als Punktsieger aus der Standortbestimmung hervor. Mehr als ein Gemütswert ist diese Feststellung allerdings nicht. Die Veranstaltung liegt elf Tage zurück. Bisher wurden weder die eigenen Mitglieder noch die Öffentlichkeit darüber informiert. Das ist kein gutes Zeugnis für eine Partei, die gern Bürgerinitiative wäre.



Sehenswert, ernüchternd, niederschmetternd

Zwei Augsburger Inszenierungen: “Das harte Brot” und “Prinz Friedrich von Homburg”

Von Frank Heindl

Zwei Premieren an zwei aufeinander folgenden Tagen zeigte Augsburgs Stadttheater am vergangen Wochenende. Zwei Inszenierungen, die, jede auf ihre Weise, bestrebt sind, das enorme Potenzial zweier sprachgewaltiger Texte auszuloten, zwei Aufführungen, deren Interpretationen so miteinander verwoben sind, dass sie hier in einem Artikel besprochen werden sollen. Zwei Kritiken also und eine Zusammenfassung:

1. Schachmatt dem Gefühl – Paul Claudels “Das harte Brot”

Kampf ums Geld mit tödlichem Ausgang: Louis (Michael Stange, links), Lumir (Judith Bohle) und Turelure (Martin Herrmann)

Kampf ums Geld mit tödlichem Ausgang: Louis (Michael Stange, links), Lumir (Judith Bohle) und Turelure (Martin Herrmann)


Mit einem permanent strömenden Vorhang aus Wasser teilt Bühnenbildnerin Rita Hausmann den Spielraum der Komödie in Vorder- und Hintergrund. Und in diesen Vorhang blendet Markus Trabuschs Inszenierung den Halbsatz “der waare werth” quasi als Überschrift hinein. Gemeint war damit am Freitag in der Komödie wohl Karl Marx, der am Jahrhundertwerk seiner fundamentalen Kapitalismuskritik genau zu der Zeit arbeitet, als Claudels Personen sich einen mörderischen Kampf liefern – um Erbe und Vermächtnis, um Liebe und Unabhängigkeit und letzten Endes doch immer nur um Geld. Den wahren “werth der waare” will Marx definieren, und eines seiner Ergebnisse ist, dass sich im Zeitalter des heraufkommenden Kapitalismus auch Gefühl und Weltanschauung käuflich darstellen, dass das Individuum immer hoffnungsloser der immer schnelleren Zirkulation von Geld und Ware unterworfen wird, dass im Industriezeitalter aller Wert zur Ware wird.

Den alten Turelure (Martin Herrmann), geil, geizig, grausam, halten zwei Begierden am Leben: der Hunger nach jungen Frauen und der Durst nach Geld. Seine Gier macht nicht Halt vor den Besitzungen des eigenen Sohnes in Afrika, ja nicht einmal vor dessen Verlobter Lumir (Judith Bohle). Die ist gekommen, um Schulden einzutreiben, die sie in den polnischen Freiheitskampf investieren will. Und trifft auf Turelures jüdische Geliebte Sichel (Miriam Wagner), der es um die Sicherung der eigenen Zukunft geht – am liebsten als Erbin des (noch) höchst lebendigen Patrons. Ein Mordplan ist schnell geschmiedet; ausführen soll ihn Turelures Sohn Louis (Michael Stange), der just im rechten Moment erscheint – ebenfalls, um Geld aufzutreiben. Ein Thriller bahnt sich an, eine Familientragödie, eine Farce auch.

Auf der Strecke bleibt das Menschliche

Jeden Teilnehmer der verzwickten Intrige treiben mehrere Motive, jede Weiterentwicklung wird zunächst durch viele taktische Hemmnisse erschwert. Turelure wird zwar wenig später tot sein – der Profit der Intriganten allerdings wird sich in Grenzen halten. Alle sind sie nämlich Gefangene eines Systems gefühlskalter Egoismen, einer Folge rational erscheinender Handlungsantriebe, eines Beziehungsgeflechts, in dem alle Beweggründe auf materialistische Vor- und Nachteile ausgerichtet und von diesen beherrscht sind. Auf der Strecke bleibt, naturgemäß, alles Menschliche.

“Ich bin allein auf dieser Welt”, sagt Lumir. “Ich bin ganz allein”, weiß auch Sichel. “Ich habe kein Vaterland”, konstatiert Louis. “Mir machen nur die Optimisten Angst”, keift Turelure. Während man offiziell mit einem gemeinsamen Essen das Klischee der “glücklichen Familie” zelebriert, herrscht vollkommene emotionale Leere, nicht einmal der Hass ist echt, keiner ist mehr als eine Schachfigur im Spiel der anderen. Stellvertretend für alle Ideale wird der Ort der Handlung, ein altes Kloster, in eine Fabrik umgebaut; ein abgehängtes Kruzifix wartet in der Ecke auf seine Entsorgung – “das war doch mal die Hoffnung der Menschheit”, bemerkt jemand; und die Begriffe “katholisch” und “Religion” erscheinen beliebig wie Möbel: die ideologische Grundausstattung des modernen Bürgers, die bei Bedarf gerne durch Zeitgemäßeres ersetzt wird.

Der bewusst eiskalten Technik und Sprache des Stücks folgt Markus Trabuschs Inszenierung genau – und womöglich zu weitgehend. Die Schauspieler sind hier nicht nur füreinander Schachfiguren im Intrigenspiel – auch der Zuschauer vermag nicht wesentlich mehr in ihnen zu erkennen. Wenn Lumir vom polnischen Freiheitskampf spricht, wirkt das merkwürdig blutleer; wenn Turelure sich vor Alter und Tod fürchtet, sieht man nur die Angst, nicht mehr Mitmischen zu können; wenn Sichel ihr Ausgegrenztsein als Jüdin bedauert, so scheint das nur eine weitere Finte zu sein, um Louis herumzukriegen. Die viel tiefere Tragik der Handelnden, dass Egoismus und Geldgier Gefühle wie Einsamkeit und Angst nicht auslöschen, sondern sie nur unter die Oberfläche spülen, diese Tragik wird kaum mehr als angedeutet. Einen wie Turelure will diese Inszenierung gar nicht recht ernst nehmen: Seine Hässlichkeit in einer merkwürdig molièrhaften Maske degradiert ihn zum alten Trottel, der nicht sterben will. Dass einer weiterleben will durch sein Vermächtnis, dass er seine grauenhafte Todesangst doch nur verstecken mag durch das Grapschen nach Weiberröcken und das Füllen der Geldtruhen, dass hinter dem Wert der Ware der wahre Wert nicht verschwunden, nur verschüttet ist – das findet nicht den gebührenden Rang.

2. Staatstreu bis zur Vernichtung – Heinrich von Kleists “Prinz Friedrich von Homburg”

Sieger und doch am Boden: Louis (Michael Stange) mit Sichel (Miriam Wagner)

Sieger und doch am Boden: Louis (Michael Stange) mit Sichel (Miriam Wagner)


Schon einen Tag später stand im Großen Haus am Kennedyplatz mit Heinrich von Kleists “Prinz Friedrich von Homburg” ein nicht minder gewichtiges, nicht minder schwieriges, nicht minder sprachgewaltiges Stück auf dem Programm. Kleists klassischer, in Verse gebundener Sprache begegnete Regisseur Jan Philipp Gloger mit dem Willen zu werkgetreuer Bearbeitung – die notwendigen Kürzungen fanden behutsam statt, Kleist durfte Kleist bleiben, im Vorfeld schon hatte Gloger dessen “extrem genaue Sprache” gelobt, die es ermögliche, das Unvorstellbare begreifliche zu machen.

Kleists Prinz von Homburg (André Willmund) müht sich redlich, seinem ihm freundschaftlich verbundenen Dienstherrn, dem Kürfürsten von Brandenburg (Klaus Müller), ein treuer Diener und militärischer Gefolgsmann zu sein. Durch sein beherztes Eingreifen gelingt es denn auch, in der wichtigen Schlacht von Fehrbellin die gegnerischen Schweden zu schlagen. Allein, die Befehle hatten anders gelautet, hatten dem Prinzen Stillhalten verordnet. Wegen dieses Fehlverhaltens sieht sich der Kurfürst verpflichtet, den siegreichen Prinzen zum Tod zu verurteilen. Der verliert in der Haft und angesichts des bereits für ihn ausgehobenen Grabes alle Fassung und fleht ringsum auf Knien um Gnade, während des Kurfürsten Unnachgiebigkeit für Aufruhr im Offizierskorps sorgt. Wenn der Prinz das Urteil ungerecht finde, so die Antwort des Fürsten, dann genügten zwei Worte, und er werde es aufheben. Mit weißer Kreide gibt er das dem Prinzen an der Bühnenwand schriftlich – und sorgt so für eine verblüffende Wendung: Zum Nachdenken gebracht, glaubt von Homburg nun eine höhere Gerechtigkeit im gnadenlosen Urteil zu erkennen. Freiwillig will er – und zum Entsetzen seiner Umgebung – das Urteil akzeptieren und so das “heilige Gesetz des Krieges verherrlichen”.

Am Abgrund der Anarchie

Bühnenbildnerin Marie Lotta Roth hat den Riss, der nach dem Urteil durch Homburgs Weltbild geht, in Form eines schroffen, breiten und tiefen Loches großartig direkt auf der Bühne versinnbildlicht. Der Schlund symbolisiert aber nicht nur Homburgs Grab und die Grausamkeit der kurfürstlichen Kriegsjustiz, sondern die Absurdität des Krieges schlechthin. In dieses Loch stürzen sich die schlachtbegeisterten Kämpfer, aus ihm hieven sich, staubig und stöhnend, die Überlebenden empor, über ihm hängt, am “seidenen” Faden, das Leben Homburgs mit all seinen hinfälligen Träumen, in ihm soll auch seine Liebe zu Prinzessin Natalie (Karoline Reineke) zugrunde gehen – zeitweise droht es gar, die Regentschaft des Kurfürsten in den Abgrund der Anarchie zu ziehen. Soll denn die ganze Kriegsgesellschaft kippen?

Das ist ganz und gar nicht die Absicht Heinrich von Kleists. Sein Stück lässt den Staat und seine Büttel allerdings eine ganze Weile heftig um ihr Dasein zappeln. In den Kostümen von Karin Jud gelingt das eher schlecht – alle Handelnden, auch die Frauen, sind in enge Militäruniformen gezwängt, die genau so wenig Bewegungsfreiheit lassen, wie ihnen militärisches Amt, Staatstreue und historische Situation zugestehen. Zudem hat Jan Philipp Gloger die Bewegungen seiner Schauspieler stark stilisiert, erlaubt ihnen nur selten ein kurzes Heraustreten aus dem eng geschnürten Gefühlskorsett, mit dem Schlacht und Ehr, Brandenburgs Gloria und die Liebe zum heil’gen Vaterlande ihre emotionale Bewegungsfreiheit einschränken. Wehe, wenn sich da doch eine Gefühlswallung herauswagt – man würgt und windet sich, sieht sich verstohlen um und zwängt, peinlich berührt und krampfhaft bemüht, Mimik, Gestik und jede persönliche Regung zurück in militärische Maskerade und zackigen Schritt, während im Hintergrund Leichen aufgereiht werden.

Was da alles unter der Knute militärischer Disziplin und uniformierter Enge verborgen gehalten wird, das offenbart erst Glogers großartige Schlussszene. Kleist nämlich lässt den Kurfürsten unter dem Eindruck, den des Prinzen Einsicht auf ihn macht, nun doch begnadigen und stellt so auch die Einigkeit unter seinen Offizieren wieder her. Der zuvor in Aussicht genommene Friedensschluss mit den Schweden wird auf der Stelle aufgekündigt, ein neuer Waffengang unter Teilnahme des Prinzen beschlossen. Heiraten könnte der nun, sein wieder gewonnenes Leben feiern und sorgsam hüten – doch nein, es drängt ihn und die Seinen zu neuer Schlacht.

Und Regisseur Gloger lässt seine Militärs, die sich doch kurz zuvor noch wie vernunftbegabte Menschen verhielten, nun in fanatisiertes Kriegsgebrüll ausbrechen, sich zum ersten Mal die Uniformjacken vom Leib reißen -darunter aber kommen nicht Menschen zum Vorschein, sondern zu Kriegsmaschinen deformierte, mordlüsterne Landsknechte. “Ins Feld! Ins Feld! Zur Schlacht! Zum Sieg! Zum Sieg! In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!” – in barbarisch-widerlicher Kriegslust geht es der Vernichtung entgegen.

3. Geld und Militär: zwei Maschinerien der Vernichtung

Immer am Rand des Abgrunds: Prinz Friedrich von Homburg (André Willmund, hinten), Graf Hohenzollern (Tjark Bernau) ...

Immer am Rand des Abgrunds: Prinz Friedrich von Homburg (André Willmund, hinten), Graf Hohenzollern (Tjark Bernau) ...


Zwei gewinnbringende Theaterabende, zwei Stücke, zwei Regisseure, einige Unterschiede. Markus Trabusch hat mit Claudels “Das hartes Brot” den Versuch unternommen, kapitalistische Gefühlskälte unterm Mikroskop und unter “Idealbedingungen” zu zeigen. Er zeigt die Oberfläche der Claudelschen Charaktere, seziert sie nicht. Das mag der Betriebskälte des Versuchs entsprechen, die Herangehensweise mag sagen wollen: Der Frühkapitalismus vernichtet die Gefühlsbeziehungen der Menschen, also habe Gefühle in diesem Zusammenhang auch uns Zuschauer nicht zu interessieren. Dieser Gedanke wäre radikal und der Regisseur wäre für die Radikalität der Umsetzung zu loben. Die Methode erzeugt aber beim Zuschauer auch das Gefühl, um einen wesentlichen Teil betrogen worden zu sein: Trabuschs Inszenierung zeigt nicht, was da zerstört wurde (und wird). So jämmerlich wirken seine Figuren, dass man Mitleid kaum noch an sie verschwenden mag.

... und Prinzessin Natalie von Oranien (Karoline Reineke)

... und Prinzessin Natalie von Oranien (Karoline Reineke)


Während es bei Trabusch/Claudel ums Geld und die entstehende bürgerliche Gesellschaft geht, zeigen Gloger/Kleist eine andere Vernichtungsmaschinerie: Der Staat und sein Militär verlangen (und erhalten) absolute Unterordnung und die Augsburger Inszenierung zeigt, um welchen Preis diese zu haben ist. Sie zeigt, wie staatliche Grausamkeit Schmerzen erzeugt und deren Leugnung erzwingt, dass Gefühle auch dort sind, wo sie geleugnet werden, wo nur Macht und Waffen sprechen wollen. Und sie zeigt, wie die Unterdrückung dieser Gefühle Menschlichkeit und Menschen vernichtet. Zwei sehenswerte, ernüchternde, niederschmetternde Theaterabende.



FCA kommt gegen TuS Koblenz über eine Punkteteilung nicht hinaus

In einer besonders in der ersten Halbzeit schwachen Zweitligapartie konnte der FCA in der Liga zum dritten Mal zu Hause nicht gewinnen und musste sich gegen die kampfstarken Koblenzer mit einem 1:1 Unentschieden zufrieden geben. Aufgrund der ersten Halbzeit, in der TuS Koblenz den Ton angab, ohne sich allerdings gefährliche Torchancen zu erspielen, darf man die Reporter-Phrase der „gerechten Punkteteilung“ bemühen.

schmerzlich vermisst: Wirbelwind Traore

schmerzlich vermisst: Wirbelwind Traore


FCA-Trainer Jos Luhukay veränderte die Aufstellung – trotz des überzeugenden Auftritts der Mannschaft im mitreißenden Pokalspiel gegen Freiburg – auf vier Positionen. Reinhardt, da Costa, Schindler und Thurk begannen für Hegeler, Bellinghausen und Torghelle, die alle auf der Bank saßen. Der gegen Freiburg vom Publikum frenetisch gefeierte Traore war aufgrund muskulärer Probleme nicht im Kader. Patrick Mölzl, der gegen Freiburg noch als Sechser überzeugen konnte, spielte in der Viererkette auf der linken Seite und konnte zusammen mit Marcel Ndjeng im Spiel nach hinten wie nach vorne überzeugen. Alle anderen Feldspieler, inklusive der seit Wochen überzeugende Thurk, spielten am gestrigen Sonntagnachmittag leicht unter Form.

Warum Luhukay das Spielsystem veränderte und die Mannschaft sehr defensiv nur mit einer Spitze beginnen ließ, erschloss sich durch den Spielverlauf nicht. Der FCA wirkte in der ersten Halbzeit schlafmützig und kam bis zur 36. Minute zu keiner echten Torchance. In der 24. Minute war die erste Ecke und in der 28. Minute der erste Torschuss zu notieren. In der 36. Minute konnte man die ersten Pfiffe in der mit knapp über 12.000 Zuschauern abermals nicht zufriedenstellend gefüllten impuls arena vernehmen. Als hätte er Verständnis für das Leid der FCA-Fans, bediente Elton da Costa Michael Thurk in der 37. Minute mit einem feinen Pass, den Thurk aber nicht richtig unter Kontrolle brachte, und dadurch die erste potentielle Torchance in der ersten Halbzeit vergab. Der FCA lag bereits ab der 11. Minute im Rückstand. Stefan Bucks katastrophalen Rückpass in unbedrängter Position konnte Shefki Kuqi mühelos erlaufen. Kugi tanzte Jentzsch aus und verwandelte sicher. Shefki Kuqi war der agilste Angreifer in den Reihen der auswärts schwachen Koblenzer, die erst am siebten Spieltag – eben in Augsburg – ihren ersten Auswärtspunkt einfuhren.

Im zweiten Durchgang setzte Luhukay auf das bewährte Offensivsystem mit zwei Spitzen und brachte mit Torghelle (für Buck) den zweiten Stürmer. Folgerichtig spielte der FCA gefährlicher nach vorne und im Lauf der Zeit bestimmten die Augsburger das Geschehen im Mittelfeld. Eine Reihe von Freistößen aus dem Halbfeld waren die Konsequenz. Dennoch wäre die Partie wohl entschieden gewesen, hätte Simon Jentzsch in der 61. Minute mit einer großartigen Aktion nicht den Kopfball von Kuqi aus kurzer Distanz pariert. Einer der vielen „Freistoßflanken“ des FCA führte schließlich in der 68. Minute zum Ausgleich. Thurk konnte mit langem Bein eine weite Flanke aus ruhender Situation in den Strafraum der Koblenzer verwerten. TuS-Torhüter Yelldell verhinderte mit einer reaktionsschnellen Abwehr fünf Minuten später die Führung des FCA. Ndjengs scharfer Flachschuss aus acht Metern hätte ein wenig placierter geschossen die Entscheidung zu Gunsten des FCA sein können, der es in der zweiten Halbzeit nicht verstand, sein spielerisches Übergewicht in zwingendes Strafraumspiel umzumünzen. Im Angriff mangelte es vor dem Strafraum an Kreativität und der Leichtfüßigkeit Traores, um die notwendige Lücken in die Abwehr der Koblenzer zu reißen.

“Eintrittspreise nach unten korrigieren”

Experte unter den Edelfans: Bernd Kränzle

Experte unter den Edelfans: Bernd Kränzle


„Der FCA hat zwar in der zweiten Halbzeit gut gespielt, aber nicht so überzeugend und druckvoll wie gegen Freiburg.“ So kommentierte CSU-Fraktionschef Bernd Kränzle die Leistung des FCA auf der Haupttribüne. Das kreative Spiel nach vorne habe er am meisten vermisst. Traore, der am Mittwochabend mit seinen Dribblings und langen Sprints die spielprägende Persönlichkeit gewesen sei, habe im Spiel nach vorne sehr gefehlt, so Kränzle, der seit 50 (!) Jahren Mitglied des BCA/FCA ist. Bernd Kränzle ist nicht ganz so wild bei der Sache wie sein Stadtratskollege Alexander Süßmair, der mit seinem Fanclub im M-Block singend unter den Fans steht, aber dafür ist Kränzles FCA-Affinität nachhaltiger. Seit mehr als fünfzig Jahren hält sich Augsburgs CSU-Legende am Wochenende auf Augsburger Fußballplätzen auf. Er hat bei den Schwaben noch Kurt Haseneder bewundert. „Einer der besten Stürmer, die Augsburg je hatte!“ Kränzle spricht gern über die alten Zeiten, ist aufgrund seiner Fußballverrücktheit einer der wenig beredten Zeitgenossen der frühen Augsburger Fußballhistorie und gehört somit zu den unterhaltsamsten und kompetentesten Experten unter den Edelfans auf der chronisch schwach besetzten Haupttribüne. „Es ist wirklich schade, dass das Augsburger Fußballpublikum noch nicht so ganz mitzieht.“ Der FCA sei schließlich spielerisch so stark wie seit ewigen Zeiten nicht mehr. Die zu frühen Anstoßzeiten, der Marktsonntag und die Bundestagswahl könnten die Gründe dafür gewesen sein, dass gestern wieder weniger Zuschauer als erhofft den Weg ins Stadion fanden. Kränzles Tipp: „Vielleicht sollte man auch die Eintrittspreise nach unten korrigieren.“



Bundestagswahl: So hat Augsburg gewählt

Die Bundestagswahl 2009 ist gelaufen, die Augsburger haben gewählt. Wie im Bund hätte auch in Augsburg Schwarz-Gelb eine stabile Mehrheit. Die Wahlbeteiligung in Augsburg blieb mit 66 Prozent um fünf Punkte hinter der im Bund zurück. Während die SPD weiter im Abwärtstrend liegt, hält der Aufwärtstrend bei den Linken und vor allem bei der FDP an.

Die letzten vier Wahlen in Augsburg



Aus Augsburg ziehen Christian Ruck (CSU), Heinz Paula (SPD), Claudia Roth (Grüne) und Miriam Gruß (FDP) in den Bundestag ein. Für Alexander Süßmair (Die Linke) wird es noch spannend. Sein Einzug nach Berlin hängt wegen des komplizierten Wahlrechts vom Abschneiden seiner Partei in den anderen Bundesländern ab.

Die DAZ hat am frühen Wahlabend im Oberen Rathausfletz einige Politikerstimmen eingefangen:

  • OB Dr. Kurt Gribl, CSU:

    Es ist eigentlich noch zu früh, wir haben erst die ersten paar Ergebnisse. Es zeichnet sich ab, dass man eine schwarz-gelbe Mehrheit zu Stande bringt, das halte ich für richtig. Von daher sehe ich, dass der Abend gut läuft.
  • Christian Moravcik, Stadtrat Die Grünen:

    Ich habe mit einer großen Koalition gerechnet. Schwarz-Gelb ist schon bitter.
  • Matthias Strobel, Grüner Vorstandssprecher:

    Wir haben ein Ergebnis – für die Grünen gesprochen – besser denn je, ein Zeichen, dass unsere Ziele wie Klimaschutz angekommen sind. Trotzdem zeichnet sich mit Schwarz-Gelb Politik ab, die den Atomausstieg, den Sozialbereich und den Bildungsbereich aushebeln wird.
  • Karl-Heinz Warschun, FDP-Ortsverbandsvorsitzender Innere Stadt:

    Wir sind total überwältigt, wir haben im Wahlkampf das letzte gegeben, wir freuen uns, dass das Ergebnis so klar ausgefallen ist.
  • Rose-Marie Kranzfelder-Poth, FDP-Stadträtin:

    Ich bin froh, dass wir aus dem Tal der Tränen heraus sind. Letztendlich hat sich die Geduld und Hartnäckigkeit ausgezahlt.
  • Bernd Kränzle, Vorsitzender der Augsburger CSU-Fraktion:

    Es zeichnet sich eine schwarz-gelbe Mehrheit ab. Was mich nicht freut ist, dass wir in Bayern mit 41 Prozent deutlich schlechter liegen als bei der vorhergehenden Bundestagswahl.
  • Alexander Süßmair, Stadtrat Die Linke:

    Ein super Ergebnis in Augsburg, die 8 Prozent freuen mich sehr. Das Bayerische Ergebnis ebenso, da liegen wir über den Erwartungen. Die schwarz-gelbe Regierung verlangt eine saftige Oppositionsarbeit.
  • … auf die Frage, ob er sich bei diesem Ergebnis Chancen für den Bundestag ausrechne:

    Das hängt von den Wahlergebnissen in den anderen Ländern ab. Ein Mandat im Bundestag würde eine große Umstellung in meinem Leben bedeuten.
  • … auf die Frage, ob er dann Stadtrat bleiben würde:

    Das werde ich dann mit dem Kreisverband Augsburg beraten.
  • Harald Güller, MdL SPD:

    Das Wahlergebnis bedeutet eine schwere Niederlage. Man muss in den nächsten Jahren das Vertrauen zurückgewinnen. Alles Negative in der großen Koalition ist uns zugerechnet worden. Die Agenda 2010 ist auch ein Grund für das verschwundene Wählervertrauen.
  • Stefan Kiefer, Vorsitzender der Augsburger SPD-Fraktion:

    Man muss jetzt die Krise als Chance begreifen. Die Wähler haben eine klare Entscheidung gegen die große Koalition getroffen.


SPD: Umzug von Büchern der Staatsbibliothek ist keine Lösung

Die Augsburger SPD bezeichnet die Verlagerung von 50.000 Bänden der Augsburger Staats – und Stadtbibliothek nach München (die DAZ berichtete) als „naiv und undurchdacht“.

Mit dieser Maßnahme sei Augsburg nicht geholfen, da diese „Scheinlösung“ ein großes Manko habe. „Viele dieser Bücher werden nie wieder nach Augsburg zurückfinden“, so der kulturpolitische Sprecher der SPD, Frank Mardaus, der seine Befürchtung damit begründet, dass sich viele Bücher im Besitz des Freistaates befinden und somit seitens der Stadt kein Eigentumsanspruch geltend gemacht werden könne. Darüber hinaus sei nicht zu erkennen, dass Kulturreferent Peter Grab „sich über die langfristigen Aufgaben für die Augsburger Kultur und Geschichte im Klaren ist und dafür einsetzt“.

„Eine Lösung ist nicht in Sicht“

Die SPD bezweifelt in ihrer Pressemitteilung vom vergangenen Freitag nicht „die Notwendigkeit, die Bücher andernorts aufzubewahren, bis die statische Sicherheit gewährleistet ist und der Umbau der Bibliothek abgeschlossen ist“, kritisiert aber, dass dies außerhalb Augsburgs geschehe. “Während in der neuen Stadtbücherei derzeit kaum mehr DVDs und wenig Bücher ausleihbar sind, platzt die Staats- und Stadtbibliothek aus allen Nähten.“ Es sei versäumt worden, so Frank Mardaus, eine verbesserte Zusammenarbeit beider Bibliotheken zu forcieren wie etwa in Berlin, wo es eine Fusion zwischen den beiden Bibliotheksgattungen gegeben habe. Für Mardaus werde mit der Zusage des bayerischen Wissenschaftsministers Wolfgang Heubisch, 50.000 Bände der Staats- und Stadtbibliothek nach München zu nehmen, der Stadt Augsburg auch deshalb nicht geholfen, da dadurch die Raum- und Erhaltungsprobleme nicht gelöst werden. Die Pflichtaufgabe der Staatsbibliothek alle Neuerscheinungen des Bezirks zu archivieren sei gewicht- und volumenmäßig eine kaum zu bewältigende Aufgabe. Wie die Bibliothek in Zukunft dieser Aufgabe nachkommen solle, bleibt für Mardaus unklar. „Eine Lösung ist nicht in Sicht.“