Preisgerichtsempfehlung
Die Entwicklung eines Mobilitätskonzeptes und die Qualifizierung der stadträumlichen Situation für die gesamte Innenstadt über einen städtebaulichen Wettbewerb sind neu. Umfang und Komplexität der Aufgabe sowie die besonderen interdisziplinären Anforderungen haben zu einer geringen Teilnahme geführt. Dennoch wurden die zentralen Fragen an den Wettbewerb beantwortet.
Die Jury empfiehlt der Stadt Augsburg, die in allen prämierten Arbeiten unterstellte Reduzierung der motorisierten Individualverkehrs (MIV) aktiv zu betreiben. Das erfolgt in Kombination des weiteren Ausbaus des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV), der Verbesserungen der Bedingungen für die Nahmobilität zu Fuß und dem Fahrrad, der Rücknahme von Verkehrskapazität in der Innenstadt, und auf den Zufahrtsstraßen innerhalb des im Wettbewerb vorgeschlagenen Innenstadtrings namentlich in der Nord-Süd-Achse von Fuggerstraße und Schaezlerstraße und in Ost-West Richtung im Straßenzug Grottenau – Karlstraße - Leonardsberg und in der Bahnhofstraße, sowie durch die Weiterverfolgung der geplanten Entlastungsstraßen im Westen und im Norden der Innenstadt.
Hierzu geben die prämierten Arbeiten Hinweise, die weiter zu entwickeln und über die quantitativen Auswirkungen auf die Belastungen im MIV zu prüfen sind. Auch Tempo 30 in der gesamten Umweltzone sollte geprüft werden.
Für den weiteren Ausbau des ÖPNV empfiehlt die Jury die Umsetzung aller fünf Maßnahmen der Mobilitätsdrehscheibe Augsburg. Mit Ausnahme der direkten Führung der Fußgänger in die Verteilerebene, überzeugen die im Wettbewerb aufgezeigten Abweichungen von der Tunnellösung am Bahnhof und die Umorientierung des ÖPNV-Netzes vom Stern zum Gitter mit dezentralen Umsteigepunkten die Jury nicht. Die zum Teil erheblichen Abweichungen führen nicht zu erkennbarem Zusatznutzen im ÖPNV-System.
Eine denkbar höhere stadträumliche Qualität am Königsplatz durch Auflösung des zentralen Umsteigepunktes hat der Wettbewerb nur in Ansätzen aufgezeigt. Der Siegerentwurf zeigt jedoch, dass auch bei Beibehaltung der zentralen Umsteigehaltestelle stadträumliche Verbesserungen möglich sind. Unabhängig davon soll der Kennedyplatz als zweitwichtigster Umsteigepunkt im ÖPNV System entwickelt werden.
Die Jury empfiehlt die Grundhaltung, der mit dem 1. Preis ausgezeichneten Arbeit zur Grundlage der Weiterentwicklung des Innenstadtkonzeptes zu machen und folgende Einzelmaßnahmen und Ideen zu verfolgen:
- Die Konzentration des noch verbleibenden motorisierten Individualverkehrs (MIV) in Nord-Süd-Richtung auf die Schaezlerstraße, ist in ihren Auswirkungen auf die Randnutzungen der Straße und auf die Verkehrsabwicklungen am Knotenpunkt Halderstraße/ Hermanstraße quantitativ zu überprüfen.
- Der Übergang über die Schaezlerstraße im Zuge der wichtigen Ost-West-Achse zwischen Bahnhof und Altstadt ist gestalterisch und betrieblich für Fußgänger und Radfahrer zu optimieren.
- Die Dreieckshaltestelle am Königsplatz kann in der zeitlichen Abfolge der Maßnahmen nicht in die Fahrbahn der Konrad-Adenauer-Allee verschoben werden, solange die Fuggerstraße am Königsplatz noch nicht für den MIV unterbrochen werden kann. Die Jury empfiehlt die zügige Umsetzung der Dreieckshaltestelle auf dem Königsplatz auf der Basis des ursprünglichen Konzeptes in bestmöglicher Anpassung an den neuen Vorschlag unter Beachtung der wirtschaftlichen Zwänge.
- Die dreieckige Öffnung des Königsplatzes zur Altstadt wird begrüßt; sie ist auch vor einer Unterbrechung der Fuggerstraße für den MIV realisierbar.
- Die Maximilianstraße soll vom ÖPNV – Betriebsgleis befreit werden; dafür wird die Führung der Straßenbahn im Graben befürwortet.
- Der Straßentunnel nördlich der Innenstadt im Siegerentwurf ist unrealistisch; er ist gleichwohl nicht Voraussetzung für die vorgeschlagenen Maßnahmen in der Innenstadt.
- Bäume im Straßenraum sind entsprechend der Bedeutung einer Straße, ihrer Breite und ihrer historischen Herkunft zu entwickeln; so scheiden Bäume im Straßenzug Grottenau - Karlstraße bis zum Graben aus.
- Die Umgestaltung der Bahnhofstraße in ihrer Funktion als wichtigster Verbindung für Fußgänger und Radfahrer zwischen Bahnhof und Altstadt zu einem verkehrsberuhigten Geschäftsbereich mit sanfter Trennung zwischen Fahrbahn und Seitenräumen wird begrüßt. Hier eröffnet sich in Fortführung über den Königsplatz ein großes Potenzial für eine attraktive und nutzungsorientierte Gestaltung des öffentlichen Raumes.
- Am westlichen Vorplatz des Bahnhofs wird eine massive Bebauung der Hangkante ebenso kritisch gesehen wie die bloße Lochvariante. Die Verkürzung des Tunnels durch Ausbildung eines Taschenplatzes in der Hangkante ist richtig. In diesem Sinne kann auch eine Tunnelverlängerung im Osten nicht überzeugen.
- Eine direkte Führung der Fußgänger in die Verteilerebene des Tunnels ist für den Zugang zu Fernbahn und Stadtbahn günstig und sollte deshalb weiter verfolgt werden. Der vorgeschlagene Mittelbahnsteig im Straßenbahntunnel ist unrealistisch.
- Die von der Stadt Augsburg geplanten Entlastungsstraßen sollten Stadtstraßencharakter erhalten und sich selbstverständlich in Straßen- und Stadtstruktur einfügen.
- Eine Straßenbahnführung über die Hörbrotstraße westlich des Bahnhofs wird erheblichen Widerstand bei den Anwohnern erzeugen; es sollte daher die Linienführung über die Rosenaustraße bevorzugt werden.
Zum weiteren Vorgehen wird die Entwicklung eines Zeit- und Stufenplans empfohlen. Die Überarbeitung und Umsetzung der vorgeschlagenen und weiter entwickelten Maßnahmen soll ein Beirat begleiten, dem auch externe Fachleute angehören.
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