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Freitag, 29.7.2016 • Nr. 211 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Genie in kongenialem Rahmen

Abschluss des Jazzsommers: Das Christian-Stock-Trio mit Randy Brecker

Von Frank Heindl

Michael Brecker - Foto: Merri Cyr

Michael Brecker - Foto: Merri Cyr

Ein Konzert mit einem Star wie Randy Brecker muss den Besucher immer auf eine gewisse Weise unbefriedigt lassen. Schon im Alter von 21 Jahren hat dieses Genie die Jazzrock-Band “Blood, Sweat & Tears” gegründet, ein Jahr später spielte er nicht mit irgendwem, sondern in der Bigband von Clark Terry, und seither hat er sich in einer Vielzahl von Stilen getummelt, hat an den verschiedensten Stellen bleibende Einflüsse auf den Jazz hinterlassen und nebenbei noch bei Stevie Wonder und anderen in Rock & Pop mitgemischt, hat zum Beispiel auf Paul Simons “Graceland-Album” dabei mitgeholfen, der “World Music” zum Durchbruch zu verhelfen. Das alles möchte man irgendwie hören an so einem Abend, von allem möchte man Spuren finden in der aktuellen Musik des Stars. Und bekäme man tatsächlich dies alles, so wäre man wohl ebenfalls unzufrieden ob des ungeordneten Sammelsuriums.

Randy Brecker, der mit allen Wassern gewaschene Trompeter, hat sich am Mittwoch im Botanischen Garten einen Teufel um solche Ansprüche geschert. Im Akustikquartett kann man schließlich keinen Funk machen, zu viert geht auch kein Bigbandsound. Dafür gab’s mit dem in extrem guter Verfassung beileibe nicht nur begleitenden Christian-Stock-Trio handfesten, teils funkig, teils boppig angehauchten, immer swingenden, mehr soften als harten Jazz der Spitzenklasse.

Hervorragender Sound im Freien

Es war das letzte Konzert im Botanischen Garten für diese Saison, und deshalb muss spätestens jetzt endlich einmal gesagt werden, wie unglaublich gut das Team um Festivalleiter Christian Stock mittlerweile den Sound im Freien im Griff hat - und zwar ringsum: auch von hinten und von der Seite, wo wegen der hohen Besucherzahlen immer ein großer Teil des Publikums sitzt, hat der Zuhörer keinerlei klangliche Einbußen zu erwarten.

Worauf wir allenfalls fürs nächste Jahr hoffen, das ist ein besserer Flügel. Aber auch dessen klangliche Eigenheiten konnte man schnell vergessen, wenn, wie am Mittwoch, ein As wie Martin Schrack hinterm Instrument saß. Randy Brecker gab gerne und oft die Führung ganz und gar an Schrack ab, der mit umfangreichen und energiegeladenen Soli wie mit rhythmisch-harmonisch außergewöhnlicher Spielfreude sein Soll mehr als erfüllte. Ihm gegenüber brillierte der Extraklasse-Drummer Walter Bittner - ganz wie gewohnt mit der Ausstrahlung eines ruhenden Felsens, aber mit gewaltiger innerer Glut und Raffinesse und einem nicht enden wollenden Vorrat an Einfällen klanglicher wie rhythmischer Art - ein genialer “Musiker am Schlagzeug”, wie Christian Stock ihn vorgestellt hatte. Stock selbst war hart gefordert - meistens spielte er mit enormer Fingerfertigkeit einen immer einfallsreichen, niemals klischeehaften uptempo walking bass, bei Breckers “Dirty Dogs” lieferte er eines der schönsten Bass-Soli dieses Jazzsommers ab.

Atemberaubende Extraleistungen

Brecker selbst schien sich eher zurückzuhalten an diesem Abend. Zu Zeiten des legendären Hal-Galper-Quartetts, als Randy noch mit seinem mittlerweile verstorbenen Bruder Michael zusammenspielte, pflegte bei Konzerten nahezu jedes Stück in einer dem Freejazz zuneigenden Orgie der kollektiven Improvisation zu enden. Eine kleine, winzige Ahnung davon wehte den Zuhörer am Ende von Thelonious Monk’s “Rhythm-a-ning” an - ansonsten blies er seine Trompete fast ein bisschen harmlos. Zwar zeigte Brecker immer wieder in fesselnden Läufen, zu welch atemberaubend schnellen Abfolgen von technisch-harmonischen Extraleistungen er fähig ist, trat aber auch immer sehr rasch zurück ins Glied und überließ seinen - es muss noch einmal gesagt werden: kongenialen Mitstreitern das Feld. Ein mehr als gelungener Abschluss für einen mehr als gelungenen Jazzsommer - wir können’s schon jetzt kaum erwarten, bis es wieder so weit ist …


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