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Dienstag, 24.5.2016 • Nr. 145 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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FCA muss in Darmstadt punkten!

Der FC Augsburg trifft am heutigen Samstag (15.30 Uhr) in der 26. Runde der Fußballbundesliga am Böllenfalltor in Darmstadt auf den SV Darmstadt 98. Bei den Lilien handelt es sich um sogenannte „echte Aufsteiger“.

Von Siegfried Zagler

„Unechte Aufsteiger“ wären zum Beispiel der 1. FC Nürnberg, Freiburg oder auch RB Leipzig, also Vereine, die entweder die nötigen Geldgeber oder aufgrund ihrer Geschichte und ihres Umfelds bereits Strukturen haben, die einen Aufstieg ins Oberhaus entsprechend „verarbeiten“ könnten. Die Darmstädter, die mit dem niedrigsten Zweitligabudget (5 Millionen Euro) und den wenigsten geschossenen Toren aller Zeiten (44) in der vergangenen Saison in die Bundesliga aufstiegen, starteten mit ihrem Kader der „Gescheiterten und Gestrandeten“ (Frankfurter Rundschau) sehr gut in die Saison, schlitterten aber in der Rückrunde in das untere Drittel der Tabelle. Acht Punkte aus acht Spielen lautet die Rückrundenbilanz der Lilien, die seit fünf Spielen sieglos sind und alle acht Punkte der Rückrunde auswärts einfuhren.

Die Darmstädter verbindet demnach mit dem FCA nicht nur der gemeinsame Punktestand (26), sondern auch der Sachverhalt, dass beide Teams im Spiel nach vorne kaum Torchancen erspielen. Die Darmstädter gehören zu den kampfstärksten Mannschaften der Liga. Mit taktischer Disziplin, Laufstärke und mannschaftlicher Geschlossenheit und einem Trainer (Dirk Schuster), der immer genau zu wissen scheint, wie er seine Mannschaft einzustellen hat, verblüfften die Hessen die Fachwelt und zeigten durchgehend auswärts auch gegen Topklubs großartige Vorstellungen.

Für den FCA gilt, dass er, falls er in Darmstadt nicht gewinnen sollte, endgültig mit beiden Beinen im Abstiegskampf steckt, dem man sich nach einem sensationellen Zwischenspurt (von Spieltag 12 bis 17) schon entronnen wähnte. Doch die schlechten Gewohnheiten der Augsburger rissen in der Rückrunde den FCA wieder in den Keller: Keine Anspielstationen für die Abwehrspieler, die im Spielaufbau sofort überfordert sind, wenn sie schnell angelaufen werden. Zu schneller Ballverlust im Mittelfeld, eine zu große Fehlpassquote und kein Umschaltspiel bei Balleroberung. Die Außenverteidiger des FCA  sind nach vorne zu unentschlossen, zu langsam und halten zu selten die Außenpositionen, da sie zu oft Löcher in der Mitte verteidigen müssen, die entstehen, weil weder Mittelfeld noch Sturm in der Rückwärtsbewegung diszipliniert und entschlossen verteidigen. Kurzum: Die Probleme, die der FCA zu bewältigen hat, sind keine Kaderprobleme, also keine Qualitätsprobleme wie bei den Darmstädtern, da der Kader der Augsburger durchaus bundesligatauglich ist, sondern Probleme in der Abstimmung zwischen den Mannschaftsteilen. Das wiederum ist Trainersache. FCA-Trainer Markus Weinzierl verliert deshalb beim Augsburger Anhang in rasender Geschwindigkeit jenen hohen Kredit, den er sich in den vergangenen drei Jahren erarbeitet hat.

„Jetzt weiß er wieder nicht, wen er rausnehmen soll“, so spottete lautstark der unbekannte Tribünen-Nachbar des Schreibers dieser Zeilen, als im vergangenen Heimspiel gegen Leverkusen Tobias Werner zum Einwechseln an der Außenlinie bereitstand und Weinzierl zwei eindeutige Wechselgelegenheiten ausließ. Zustimmendes Gelächter war die Folge. Das Publikum hat ein feines Gespür dafür, ob die Mannschaft alles aus sich herausholt oder nicht. Beim FCA weiß inklusive Trainer auch nach 25 Runden in dieser Saison niemand, was man von der Mannschaft halten soll. Gegen Gladbach liefert sie ihr bestes Saisonspiel ab, um wenige Tage später in Hoffenheim eine grottenschlechte zweite Halbzeit abzuliefern. Gegen Leverkusen dann eine 100-prozentige Steigerung zum Schlechten hin. Selbst Glücksgöttin Fortuna scheint sich beim FCA unsicher, ob sie ihn begünstigen soll oder nicht. Nach einer 3:0 Führung gegen eine verunsicherte Bayer-Truppe, die keineswegs dem Spielverlauf entsprach oder auf irgend eine Art und Weise erarbeitet oder gar verdient gewesen wäre, folgten ein Torwartfehler, ein Eigentor und ein Handelfmeter für Leverkusen und somit ein 3:3 Unentschieden der skurrilen Art.

Sinnbild des Grauens: Alexander Esswein (Foto: Siegfried Kerpf)

Sinnbild des Grauens: Alexander Esswein (Foto: Siegfried Kerpf)

Der FCA hat bisher aus den acht Spielen der Rückrunde sieben Punkte geholt und dabei in der Bundesliga insgesamt selten überzeugt, sondern oft Spiele abgeliefert, die grauenvoll waren. Ein Sinnbild dieses Grauens gibt Alexander Esswein ab, der mit seinem Auftreten insgesamt den Eindruck vermittelt, als sei er gedanklich nie richtig im Spiel. Wie bei vielen Jugendspielern hat man bei Esswein das Gefühl, dass er das Spiel immer noch nicht vollumfänglich verstanden hat. In der Rückwärtsbewegung dauert es viel zu lange, bis er hinter den Ball kommt. Ist das aber gerade noch  rechtzeitig geschehen, setzt er seine Gegenspieler nur alibimäßig unter Druck. In der Vorwärtsbewegung antizipiert Esswein zu wenig. Er bietet sich selten dort an, wo man einen Ball durch die Schnittstellen stecken könnte, rennt sich zu oft an der gegnerischen Abwehr fest und flankt nicht selten zu überhastet ins Nichts. Gegen Leverkusen zeigte Esswein in der Relation eine gute Leistung, weil er mit seinem bloßen Talent, mit dem Ball hohes Tempo aufnehmen zu können, der Einäugige unter den Blinden war. Die Versprechung, die man mit der Verpflichtung Essweins seitens des FCA verband, nämlich Torgefahr aus der Tiefe des Raums entwickeln zu können, hat der talentierte Mr. Esswein nicht eingelöst. Auch wenn  Essweins Entwicklung zwischendurch erkennbare Ausschläge nach oben zeigt, bleibt der ehemalige Jugendnationalspieler eine ewige Versprechung. Schwerer wiegen allerdings, will man die prekäre Situation des FCA erklären, der Leistungsabfall Altintops, die verletzungsbedingte Formschwäche T. Werners und der Ausfall des Langzeitverletzten Callsen-Bracker, der im Grunde von seiner inneren Haltung her, das Gegenstück zu Esswein abbildet: Callsen-Bracker spielt(e) immer am oberen Limit. Vieles hängt in der Schlussgeraden der Saison auch davon ab, wie sich die Formkurven der Schlüsselspieler Baier und Bobadilla entwickeln, die zuletzt an Verletzungen laborierten.

Gegen die zu Hause schwächelnden Darmstädter muss der FCA alles auf die Sieg-Karte setzen. Die Darmstädter sind ein respektabler Gegner, aber in ihrem Stadion im Spielaufbau genauso einfallslos wie der FCA in der WWK Arena. Deshalb ist der FCA, der wieder auf Bobadilla zurückgreifen kann, am heutigen Samstag Favorit.


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