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Freitag, 26.8.2016 • Nr. 239 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Hoffmanns Erzählungen

Künstler scheitert an den Frauen – doch diese machen die Aufführung sehenswert

Von Halrun Reinholz

Mit Jacques Offenbach assoziiert man schnell den Can-Can-seligen Orpheus in der Unterwelt. Hoffmanns Erzählungen dagegen basieren auf romantisch-mystischen Geschichten des Schriftstellers E.T. A. Hoffmann, die sich weniger der Heiterkeit des Lebens, sondern dessen marginalen Abgründen verpflichtet fühlen. Auf Wunsch von Jacques Offenbach haben Jules Barbier und Michel Carrié im Jahr 1851 dennoch versucht, Geschichten von Hoffmann zu einem Opernlibretto zu verweben, in dem es um das Scheitern des Haupthelden (Hoffmann selbst) an den Frauen und damit an der Liebe geht. Siegreich ist letztlich die Muse, die den Künstler stattdessen uneingeschränkt für die Kunst erhalten kann.

Wie schwierig es ist, diesen krausen romantischen Stoff operntauglich (und damit im Paris des 19. Jahrhunderts publikumswirksam) zu gestalten, zeigt die Entstehungsgeschichte mit zahlreichen Fassungen, Anpassungen und Veränderungen. In Augsburg entschied sich Regisseur Jim Lucassen für die Ausgabe von Michel Kaye und Jean-Christophe Keck.

Die Rahmenhandlung bildet das Warten auf die Operndiva Stella (in der Augsburger Aufführung als Opernfoyer gestaltet). Hoffmann spricht mit seinen Freunden dem Wein und dem Bier zu und schwärmt von Stella. Rückblickend erzählt er seine Erlebnisse mit drei anderen Frauen: Olympia, Antonia und Giulietta, die für ihn in der Figur der Stella verschmelzen. Die drei Geschichten füllen die drei folgenden Akte. Olympia ist eine mechanische Puppe, was Hoffmann wegen einer magischen Brille nicht erkennt. Antonia ist eine Sängerin, bei der das Singen eine tödliche Krankheit auslöst, der sie wegen ihrer zwanghaften Leidenschaft für das Singen nicht entgehen kann. Giulietta schließlich eine Edelkurtisane, die (in Augsburg in drei Frauenfiguren aufgesplittet) Hoffmann Liebe vorgaukelt, um ihm schließlich im Auftrag des teuflischen Dapertutto sein Spiegelbild zu stehlen. Den teuflischen Gegenspieler gibt es in jeder der Geschichten, er wird auch in der abschließenden Rahmenhandlung Stella für sich gewinnen.

Eine schwierige Regieaufgabe, die Jim Lucassen nur bedingt befriedigend löste. Nett die Idee mit dem Opernfoyer. Witzig die „Puppen-Werkstatt“ des Coppelius, die wie eine Schönheitsklinik aufgezogen wird. Ein guter Einfall auch der Bogen zur heutigen Kunst in der Antonia-Episode: Der Hausdiener Franz (schwerhörig wegen der Kopfhörer, die er pausenlos trägt), begleitet seine Arie mit der E-Gitarre (hervorragend komisch: Christopher Brusietta), die Mutter aus dem Jenseits (Kerstin Descher) tritt im 50er Jahre Outfit vor ein Mikrofon und schließlich wird eine ganze Jazz-Combo gemimt. Doch sind all diese Ansätze zu punktuell, um das ganze Konzept zu tragen. Hoffmann ist hier kein Dichter, sondern bildender Künstler mit Malerkittel, der immer wieder an einer undefinierbaren Figur bastelt. In der von mir besuchten Aufführung war die Zweitbesetzung Eric Fennell weder darstellerisch noch stimmlich als roter Faden der Handlung überzeugend. Sein teuflischer Gegenspieler (Lindorf/Coppelius/Dr. Miracle/Dapertutto) Ricardo López hatte deutlich mehr Profil.

Allein aber für die Frauenstimmen lohnt es sich, die Aufführung nicht zu verpassen. Allen voran die Muse, die sich in Niklausse verwandelt, um den Künstler vor den Frauen zu schützen, ist mit Christianne Bélanger hervorragend besetzt. Neben der muttersprachlichen Kompetenz bringt sie auch eine gute stimmliche und darstellerische Präsenz auf die Bühne, inklusive komischer Qualität. Feenhaft fragil und stimmlich hervorragend Cathrin Lange als mechanische Puppe Olympia mit der bekanntesten Arie der Oper „Les oiseaux dans la charmille“, die sie gleichsam wie ein Vogel zwitschert. Adréana Kraschewski erwies sich als gute Wahl für die Rolle der Antonia. Die freischaffende Sopranistin war bereits in der letzten Spielzeit als Arminda in La Finta Giardinera zu Gast und überzeugte auch hier ohne Einschränkungen mit starker stimmlicher Präsenz. Schließlich in bewährter hoher Klangqualität Sally du Randt als Giulietta. Neben Vladislav Solodyagin als Krespel, Giulio Alvise Caselli im mehreren Rollen und einigen anderen bekannten Namen des Hauses trat auch der diesjährige Eleve am Musiktheater Georg Festl als Luther in Erscheinung.

Die gut dreieinhalb Stunden dauernde Aufführung verlangte den Zuschauern dennoch einiges an Geduld und Sitzfleisch ab. Mehr Personenführung und Bewegung auf der Bühne hätte da Abhilfe schaffen und die Längen überbrücken können. Dafür wurden die Zuschauer mit sehr einfallsreichen Kostümen (Silke Willrett) belohnt, besonders auffällig das Outfit der (drei) Giulietta(s). Das Publikum spendete dem Team unter der musikalischen Leitung von Lancelot Fuhry freundlichen, aber nicht frenetischen Applaus.

Fotos: A.T. Schaefer


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