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Samstag, 28.5.2016 • Nr. 149 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Wie Berra das Pfeifen lernt

Gelungene Kinderoper am Stadttheater

Von Frank Heindl

Von den Alten kann man immer noch was lernen - und sei es das Pfeifen. In “Kannst du pfeifen, Johanna”, einem Kinderbuch des Schweden Ulf Stark, ist es eben das Pfeifen, das der Opa den Jungs beibringt - und nebenbei noch eine ganze Menge mehr. Am Mittwoch hatte das Stück am Theater Augsburg Premiere - als Kinderoper mit der Musik von Alexander Stessin.

Ein Blümchen für den selbst ausgesuchten neuen Opa: Von links Opa Nils (Vladislav Solodyagin), Berra (Cathrin Lange) und Ulf (Christianne Bélanger). Foto: A.T. Schaefer.

Ein Blümchen für den selbst ausgesuchten neuen Opa: Von links Opa Nils (Vladislav Solodyagin), Berra (Cathrin Lange) und Ulf (Christianne Bélanger). Foto: A.T. Schaefer.

Berra (gespielt und gesungen von Cathrin Lange, die, die Hände in den Hosentaschen, einen wunderbaren Jungen abgibt) ist ein bisschen neidisch auf seinen Freund Ulf (auch er mit Christianne Bélanger weiblich und trotzdem gelungen besetzt). Ulf nämlich hat einen Opa, der ihn regelmäßig mit Schweinebraten bewirtet und Geld spendiert. Guter Rat ist da nicht teuer: Man kann sich doch einfach einen Opa “aussuchen”, zum Beispiel im Altersheim. Ganz schnell ist einer gefunden (ach wenn’s doch im richtigen Leben auch so einfach wäre …): Der alte Nils (Vladislav Solodyagin) tut sich zwar schwer beim Gehen und hat auch schon ein bisschen Konzentrationsprobleme - aber einen neuen Enkel nimmt er gerne an.

Für den schnellen Wechsel zwischen Kinderwelt und Altersheim (und für mobile Aufführungen zum Beispiel an Schulen) hat Isabelle Kittnar eine kleine Drehbühne entworfen, die dem kindlichen Auge gerade so viel Anregung bietet, dass für die Fantasie trotzdem noch viel Platz bleibt. Ein Bett wird zunächst zum Kaffeetisch, wenn der neue Opa Kuchen spendiert (und zum Abschied auch immer eine Münze), später zur Leiter, wenn die Geschichte ein bisschen abenteuerlich wird. Opa Nils hat sich nämlich an seine Kindheit erinnert: “Kirschen klauen mochte ich am liebsten.” Und so bescheren ihn die Kids zum Geburtstag nicht nur mit Seidenkrawatte und dicker Havanna, sondern auch mit einem nächtlichen Ausflug in “Nachbars Garten”.

Der Drachen fliegt am Ende doch

Nebenbei kommt das Pfeifen ins Spiel: Nils erinnert sich traurig an seine schon gestorbene Frau Johanna, die so schön pfeifen konnte. Und Berra will das nun auch lernen. Als es endlich klappt und er seine neue Kunst vorführen will - ist der Opa nicht mehr da: “Im Himmel” sei er jetzt, erfahren die Jungs. Die Trauer über diese einschneidende Erfahrung meistern die beiden mit den schönen Erinnerungen, die sie an Nils haben - er kommt dann auch auf einem Wolkenfahrrad nochmal vorbei - und indem sie den Drachen fertigbauen, der zuvor nicht fliegen wollte.

Neben der fein die Gegensätze der Protagonisten ausspielenden Musik (an den Instrumenten natürlich Mitglieder der Augsburger Philharmoniker) glänzt die Inszenierung vor allem durch die Spielfreude von Darstellern, Bühnenbild und Regie (Michaela Dicu): Lange und Bélanger sind zwei verspielte, draufgängerische Jungs, die keine Chance zu Balgerei und Kissenschlacht ungenutzt verstreichen lassen, die beim Toben nur haarscharf vor dem am Boden sitzenden Publikum zum Stehen kommen, die nicht nur dem Opa beim Rasieren helfen, sondern sich anschließend auch gleich selbst die Gesichter einseifen. Die Notenpulte der Musiker stellen mittels angehängter Pappschilder Geschäfte dar, unter anderem einen “teuren Herrenladen.” Und auf der am Kirschbaum lehnenden Leiter wird’s nicht nur dem Opa, sondern auch Ulf schnell schwindelig.

Ohne Kitsch und Rührseligkeit

Für die anvisierte Zielgruppe (Kinder ab acht) spielt sich die Konfrontation mit dem Thema Tod sozusagen im Vorübergehen und nicht zu bedrückend ab. Wichtiger ist, dass Ulf und Berra vorher eine tiefe, generationenübergreifende Freundschaft schließen und dabei neben Drachenbauen und Pfeifen auch lernen, dass man mit einem “richtigen” Opa nicht mal unbedingt verwandt sein muss. Und dass hier “nebenbei” große Gefühle ohne Kitsch und Rührseligkeit behandelt werden.

Schade, dass ausgerechnet die Premiere im nur dürftig gefüllten Theaterfoyer stattfand, weil eine Schulklasse nicht aufgetaucht war. Die anwesenden Kinder applaudierten dafür laut und ausdauernd.


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