Die Augsburger Zeitung

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Freitag, 1.7.2016 • Nr. 183 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Grandioser Auftakt für den neuen Jazzclub Augsburg

Augsburger Jazzmusiker bieten vier Stunden Hochklasse-Jazz im „tim“

Von Frank Heindl

Ute Legner musste „erst mal Luft holen“ angesichts des bis auf den letzten Platz besetzten großen Saales im Textilmuseum. In der Tat mochte es zunächst verblüffen, wie viele Jazzfans sich von der Ankündigung anziehen lassen hatten, ein neuer Augsburger Jazzclub habe sich gegründet und veranstalte ein erstes Konzert mit allen namhaften Augsburger Jazzkünstlern. Doch schon die erste halbe Stunde hätte auch den misstrauischsten Skeptiker überzeugt. Und nach vier Stunden Musik und 30 Minuten Pause machte sich um halb eins keineswegs Erschöpfung breit, sondern das Bewusstsein, dass Augsburg auf seine einheimische Jazzszene stolz sein kann.

Begonnen hatte alles mit dem satten Sound der Big-Musikwerkstatt-Band und ihrem fetten Bläsersatz aus je vier Trompeten und Posaunen sowie fünf Saxophonen. Das blies erst mal die Freitag-Abend-Müdigkeit hinweg und ließ mit umwerfenden Soli von Wolfgang Lackerschmid (Vibrafon) und Daniel Eberhard (Akkordeon) auch gleich mal durchscheinen, dass in dieser Stadt Solisten zuhause sind, die gleichzeitig auch Stars ihres Genres sind oder noch zu werden im Begriff sind.

Dass sich die Augsburger Szene bisher schwer tat, mit ihren Pfunden zu wuchern, war einer der Anlässe zur Gründung des nun klanggewaltig an die Öffentlichkeit getretenen neuen Jazzclubs. Es fehle an Vernetzung, an Wirkung nach außen, an Nachwuchsförderung und pädagogischen Angeboten, an regelmäßigen Auftritten, an einem Ort, wo regelmäßig Jazz stattfinde – also praktisch an allem, was eine lebendige Jazzszene ausmacht. Der nun gegründete Jazzclub Augsburg e.V. will diesen Missständen – oder wenigstens einigen von ihnen – abhelfen. Das nächste und wichtigste Projekt nach dem Eröffnungskonzert: Ein Jazzclub muss her, in dem so oft wie möglich Jazz zu hören ist. Zwar ist mit dem „Striese“ in der Altstadt ein Ort gefunden, an dem vorläufig das ambitionierte Konzertprogramm des Jazzclubs mit internationalen Gaststars stattfinden kann. Doch das genügt dem Verein nicht: „Augsburg hat unheimlich viele Keller“, sagt der Vorsitzende Sascha Felber und gibt damit der Hoffnung Ausdruck, dass irgendwann ein Nachfolger des legendären „underground“ gefunden wird, in dem sich vor vielen Jahren die Szene traf. Außerdem will man dem Nachwuchs ein eigenes Festival widmen – unter Umständen nicht in Augsburg, sondern im Umland: als mögliches Beispiel wurde Blumenthal genannt.

Von Avantgarde bis Tradition

Neben dem Eröffnungs-Konzert hat der Jazzclub übrigens schon ein weiteres sehr hörenswertes Ereignis zustande gebracht: Auf der Doppel-CD „jazzclubsounds volume 1“ sind die meisten der am Freitagabend im „tim“ aufgetretenen Musiker zu hören – und noch ein paar weitere. Wer beim Konzert war, kann hier vieles nochmal nachhören – wer nicht da war, sollte sich die CD unbedingt zulegen. Weitere Silberlinge sollen folgen – zukünftig möglicherweise auch unter thematischen Gesichtspunkten, etwa Jazz von jungen Augsburger Musikern.

Dass Jung & Alt vieles zum Augsburger Jazz beizutragen haben, zeigte das Eröffnungskonzert jedenfalls in aller Deutlichkeit. Da gab es so avantgardistisch-hochmoderne Ensembles wie „Bataillon Modern“, deren „aberwitzige Improvisationskunst“ (Ute Legner) ebenso verblüffte wie ihre ausgefuchsten Kompositionen und Arrangements – was sich da zeitweilig fast swingmäßig anhörte, wurde im nächsten Moment hochartifiziell in hochgradig komplexe Rhythmen zerhäckselt. Und da gab es so an der Tradition orientierte Bands wie die „All Swing Band“ mit ihrem Pianisten Hal Bauerfeind, einem Urgestein des Augsburger Jazz. Bauerfeind lernte die Kunst des Improvisierens in den 50ern an einem Hamburger Gymnasium, emigrierte in die USA und kam von dort als Zivilangestellter der Army nach Augsburg. Er hat fünf Generationen Augsburg-Jazz erlebt und teilweise mit ausgebildet und leitet noch immer die „Jazz-Babies“ am St-Anna-Gymnasium. Eines der unvergleichlichen Attribute des Jazz nicht nur in Augsburg: dass ein Mann, der in Zeiten des Cool Jazz groß wurde, nun mit Vertretern von damals noch völlig unvorstellbaren Stilen auf derselben Bühne steht, von allen respektiert, wenn nicht verehrt.

Von traumwandlerisch schön bis „echt abg’fahrn“

Doch zwischen Avantgarde und altem Swing tut sich noch viel mehr in Augsburg. Das Uli Fiedler Trio etwa, das mit einem wunderbaren, unvergleichlich sanften Stück aus dem neuen Album „frizzante“ das Publikum in Bann zog mit einem traumwandlerisch schönen Gitarrensolo (Josef Holzhauser) und einem geradezu edel-schönen Thema (Stefan Holstein an der Klarinette). Oder die sensationellen „Mufuti Four“ mit ihrem „Crooner“ Christopher Kochs: Der spielte einmal mehr Sinatra junior und fiel damit sogar in diesem Viel-Generationen-Konzert völlig aus der Zeit. Dass er seinen Job diesmal sogar nahezu unironisch erledigte – es könnte die subtilste Form von Ironie gewesen sein, wer weiß…

Oder Stefan Holstein und Januar Kiesewetter, die mit schrägen Arrangements und irrsinnigen Improvisationen sogar dem (nach der Pause dazugestoßenen) OB Kurt Gribl ein verblüfftes „des is echt abg’fahren!“ entlockten. Und natürlich nicht zu vergessen Augsburgs derzeitiger Superstar: der Pianist und Echo-Gewinner Tim Allhoff. Vor ein paar Wochen erst hatte er auf der Brechtbühne sein neues Trio-Album vorgestellt, nun wagte er sich als „kleinste Besetzung des Abends“ solo auf die Bühne. Und improvisierte in einem hinreißenden, sehr langen und zu keiner Sekunde ermüdenden Monolog eine zum Weinen schöne Hommage an die Beatles: „Blackbird“ tauchte da plötzlich aus den Strudeln Allhoffscher Virtuosität auf und versank wieder darin, später leuchtete „She’s leaving home“ auf und es herrschte atemlose Spannung im Saal angesichts eines Künstlers, der in seiner Arbeit spürbar sein Innerstes nach außen kehrt. Allhoff sollte dringend ein Soloalbum aufnehmen – und wenn nicht alles täuscht, arbeitet er schon daran: Auf der Jazzclub-CD ist er mit einer weiteren Arbeit über eine Ikone der Rockmusik vertreten: Kurt Cobains „Smells like teen spirit“ interpretiert er dort kongenial.

Finale mit allen Sängerinnen des Abends

Gegen Mitternachts jedenfalls war im tim noch keiner müde. Den Schluss machte die Big-Musikwerkstatt-Band, und wunderbarerweise kamen zu Dizzy Gillespies „Night in Tunesia“ noch einmal alle Sängerinnen des Abends zusammen auf die Bühne: Ute Legner, Barbara Frühwald und Andrea Rother von „Swing Alive“, Stefanie Schlesinger, die mit Wolfgang Lackerschmid unter anderem einen Text von Markus Lüppertz interpretiert hatte, die wunderbare Alexandrina Simeon, die mit ihrem Quintett musikalische Eindrücke vom Schwarzen Meer aufgelesen hatte, und Cynthia Byrne, die mit ihrer Band „Valéu“ brasilianische Tunes klischeefrei ins Zeitgenössische transferiert und ein Stück mutigerweise einzig mit furchterregendem Klageheulen illustriert hatte.

Um halb eins war Schluss, früher gegangen waren nur diejenigen, die auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen waren. Im Jazzclub hat man sich nun ein paar Tage Pause verdient, als Jazzfreund aber hofft man, dass der Verein fleißig bei der Sache bleibt und bald neue Events auf die Bühne bringt. Wenn sie nur halb so gut sind wie der Eröffnungsabend, reicht’s immer noch für fulminante Erfolge.

Alles Wichtige über den Jazzclub inkl. Mitgliedsantrag zum Downloaden sowie über die im November startende Konzertreihe im Striese:
http://jazzclub-augsburg.de/.

Herbert Heims Fotos vom Konzert am Freitag auf Facebook:
https://www.facebook.com/media/set/


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