EM: Das Lächeln am Fuße der Finanzkrise
Nach dem knappen „Ja“ zum Euro hofft das gedemütigte Griechenland auf einen Befreiungsschlag gegen Deutschland.
Von Siegfried Zagler
Ort der Götter: Kretas Südküste (Foto: Thomas Kohler - flickr.com)
„Hätte ich nicht Betty Ryan, ein junges Mädchen, das in Paris im selben Haus wie ich wohnte, kennengelernt, wäre ich nie nach Griechenland gegangen. Eines Abends erzählte sie mir bei einem Glas Weißwein von ihrem Vagabundieren durch die Welt. Ich hörte ihr aufmerksam zu, da ihre Erlebnisse ungewöhnlich waren und sie ihre Reisen bildhaft zu schildern wußte – alles, was sie erzählte, blieb in meinem Hirn haften wie die Meisterwerke eines Malers.“
Eine Welt von menschlichem Format
Das größte literarische Ich aller Zeiten trägt den Namen Miller: Henry Miller, der sein einzigartiges Griechenland-Buch „Der Koloss von Maroussi“ nach einer mehrmonatigen Reise durch Griechenland unter dem Eindruck des Zweiten Weltkrieges niederschrieb und im hellenistischen Lebensgefühl einen glücklichen Anachronismus, eine Art Gegenmodell gegen die Gier und Lüsternheit der unkontrollierbaren Kapitalvermehrung erkennen wollte: „All diese Leute“, Miller bezog sich auf die USA, „waren besessen vom Fortschritt – mehr Maschinen, mehr Leistungen mehr Kapital, mehr Komfort.“ Während die griechische „Welt des Lichts, wie ich sie erträumt und nie zu sehen gehofft hatte“, eine „Welt von menschlichem Format ist.“
Wenn nicht Dichter, dann Feldherr
Griechenland und die Griechen sind nie literarischer und liebevoller beschrieben worden als von Henry Miller, dessen Griechenland noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts existierte - dann kam der Euro. „Die Wiege der Demokratie“ und die Lehre der Kriegsführung, die Dichtung, das Drama und die Idee der Polis, die Vermenschlichung des Göttlichen, das Meer und die ewige Hitze, kurz: die Kunst der Griechen beschäftigt sich von Beginn an ungern mit Kleinkram. Entweder es geht ums Ganze oder um nichts. Wenn nicht Dichter, dann Feldherr – besser: beides.
Griechenlands Fußball ist von der Finanzkrise gezeichnet
Nach drei pingeligen Fragen zur politischen Situation in Griechenland schwoll Michael Tsapatis, Pressesprecher der griechischen Nationalmannschaft, der Hals auf den doppelten Umfang an. Jede Frage bezüglich des kommenden Viertelfinales gegen Deutschland werde beantwortet. Man sei hier, um Fußball zu spielen, nicht aber um politische Statements abzugeben oder um in der Diskussion um die Zukunft Griechenlands ein Wort mitzureden. Dabei macht die griechische Euro-Tragödie selbstverständlich vor der Bühne des Fußballs nicht halt. Tsapatis hätte nur bei den beiden Nationalspielern Grigoris Makos und Nikos Liberopoulos nachfragen müssen. Sie sind beim Traditionsklub AEK Athen unter Vertrag. Der griechische Verband entzog dem sportlich qualifizierten Klub die Starterlaubnis für die Europa League. Mit 35 Millionen Euro Schulden sei man nicht fähig, an einem europäischen Wettbewerb teilzunehmen, so begründete der griechische Verband seine Maßnahmen nach Uefa-Regularien. Laut Medienberichten soll der Gesamtvereins sogar mehr als 100 Millionen Euro Steuerschulden angehäuft haben. Doch der griechische Fiskus ist mit dem Eintreiben der landesweit insgesamt 30 Milliarden Euro ausstehender Steuergelder hoffnungslos überfordert. Neben AEK stehen fünf weitere Vereine aufgrund ihrer desaströsen Finanzlage unter der Fuchtel der Uefa, woraus Transfersperren resultieren: außer griechischen Talenten dürfen sie für die kommende Saison keine neuen Spieler verpflichten. In den Amateurligen konnten viele Mannschaften nicht mehr zu Auswärtsspielen reisen, in den Profi-Ligen Zwei und Drei fielen ganze Spieltage ins Wasser, weil die Spieler wegen ausstehender Gehälter streikten. Der griechische Liga-Alltag ist von einem großen Wettskandal und einem erheblichen Zuschauerschwund sowie Hooligan-Problemen gezeichnet.
Die Götter vermenschlichen die Griechen
„Die Leute warten schon lange auf einen Grund zu lächeln“, so Nationalstürmer Samaras, „den wollen wir ihnen geben.“ Ob ein Sensationssieg gegen den EU-Musterknaben Deutschland mit seinem erheblichen Mehr an „Komfort und Kapital“ nicht doch mehr als ein sportlicher Sieg auf dem Fußballplatz gefeiert würde, entzieht sich allerdings dem Einfluss der sportlichen Protagonisten. „Ein freundlich-spöttisches Lächeln am Fuße der Finanzkrise“ kann man sich allerdings schwer vorstellen. In Griechenland ist ein euphorisch-nationales Klima ausgebrochen, eine beinahe kindliche Lust auf Rache, die sich nicht nur auf den Fußball bezieht: „Wir werden den Deutschen ihr großes Maul stopfen“, so wird die Stimmung in den griechischen Boulevard-Medien kolportiert. Grund genug, um auf Henry Miller zurückzukommen: „Die Tragödie Griechenlands besteht nicht in der Vernichtung einer großen Kultur, sondern in der Verkümmerung einer erhabenen Vision. Irrtümlicherweise sagen wir, daß die Griechen ihre Götter vermenschlichten. Gerade das Gegenteil ist der Fall: die Götter vermenschlichen die Griechen.“
Orpheus schlägt alle
In die Fußball-Sprache übersetzt heißt das, dass die Griechen in der Lage sind, sich göttergleich über die Gesetzmäßigkeiten des Fußballs hinwegzusetzen, wenn sie sich ihrer selbst sicher sind. Alles Menschliche in göttliche Charaktere zu verwandeln, heißt auf griechisch „einen Lauf haben“. Diese Metaphorik fasziniert zwar die Kulturschaffenden („Orpheus schlägt alle“), lässt aber die kühlen Rechner der Wettbüros nicht heißlaufen. 2004 hätte vor der EM ein Zocker für den EM-Sieg der Griechen den hundertfachen Betrag ausbezahlt bekommen. Für einen Sieg der Griechen am morgigen Freitag gegen die Deutschen stehen die Quoten im Schnitt bei zehn zu eins. Beim Zeus: Der Wahn der Götter interessiert die Buchmacher nicht die Bohne.

