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Freitag, 25.4.2014 • Nr. 115 • Jahrgang 6 • www.daz-augsburg.de
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Länge: 36 Bilder. Drehzeit: 12 Sekunden

Volker Gerlings Daumenkino-„Filme“: eine poetische Sensation

Von Frank Heindl

Viele Filme, meistens nur eine Person zeigend, bestehend aus 36 Bildern, hergestellt in jeweils zwölf Sekunden – das sind Volker Gerlings Daumenkinos. Es sind künstlerische Preziosen voller Poesie, voller Leben, voller Aussagekraft – minimale Mittel, maximale Wirkung. Am Sonntagabend stellte der Fotograf, Kameramann und Berufswanderer seine schwer zu beschreibenden Werke vor.

Volker Gerling mit Projektionsapparat vor einem Foto aus einem Daumenkino.

Daumenkino: jeder kennt das: Man bindet einen kleinen Stapel (meist gezeichneter) Bilder zu einem kleinen Büchlein – und wenn man dann die Seiten schnell unterm Daumen abblättern lässt, entsteht die Illusion von Bewegung, entsteht ein kleiner Film. Vor 20 Jahren begannen Gerlings zaghafte Versuche, Daumenkinos mit dem Fotoapparat herzustellen – heute lebt er von dieser Kunst. Von den Fotografien und von den Geschichten, die er dazu erzählt – beides gehört untrennbar zusammen.

Denn Gerling hat irgendwann begonnen, mit seiner eigenen Daumenkinoausstellung durch die Welt zu wandern. Im Sommer schnallt er sich einen Rucksack mit Zelt und Kochausrüstung auf den Rücken und ein Küchentablett vor den Bauch. Mit diesem Bauchladen wandert er quer durch Deutschland, mit Abstechern beispielsweise in die Schweiz, nennt sich selbst ein wanderndes Museum und verlangt für dessen Besichtigung keinen Eintritt. Wem seine Daumenkinos gefallen, der darf anschließend Geld in seine Sammelbox werfen oder ein Daumenkino kaufen. Große Kunst für 20 Euro.

Einmal pro Woche lohnt sich der Griff zur Kamera

Wenige Menschen fotografiert Gerling auf seinen Reisen. Etwa einmal die Woche, so erzählt er, begegne ihm ein Mensch, dessen Geschichte ihn interessiere und der Lust habe, sich fotografieren zu lassen. Dann legt Gerling einen Schwarzweißfilm in seine analoge Nikon ein, justiert die Belichtung so, dass im Dauerbetrieb etwa 3 Fotos pro Sekunde entstehen, und hält den Finger auf dem Auslöser gedrückt, bis der Film durch ist. 12 Sekunden dauert die Prozedur, und die Fotos, die in dieser knappen Viertelminute entstehen, lassen etwas aufleuchten, was man in schnellen Filmen nur sehr selten zu sehen bekommt.

Bei seinen Veranstaltungen präsentiert Gerling die Daumenkinos vor einem Projektor, der sie formatfüllend auf die Leinwand überträgt. Das Wunder beginnt schon, bevor das Daumenkino läuft: Sobald Gerling das erste Foto auch nur berührt, beginnt es zu leben. Die geringste Bewegung vermittelt dem Zuschauer das Gefühl, einen Film zu sehen. Wenn der Künstler dann sein Daumenkino in Bewegung setzt, ist man jedes Mal aufs Neue überrascht, wie viel Poesie, wie viel Beobachtung, wie viel Seele in 36 Bildern Platz finden. Die Serie „Alter Mann mit Krawatte“ etwa. Gerling erzählt, er habe den Iraner kennengelernt, als der versuchte, sich von einem im Irak erlebten Bombenanschlag zu erholen, unter dessen Schock er immer noch stand. Er hatte dort den Einheimischen ein selbst konstruiertes Gerät zur Stromgewinnung mittels Sonnenenergie installiert. In die Kamera blickt ein kluger, aber verstörter Mann. Doch als die Kamera nicht aufhört zu fotografieren, als die laute alte Nikon ein Klicken nach dem anderen hören lässt, da taucht, wie von einem Windhauch bewegt, ein stilles, verträumtes Lächeln auf in diesem Gesicht, und noch einen kurzen Windhauch später hat es sich schon wieder unter schüchtern niedergeschlagenen Augen versteckt. Zwölf Sekunden, 36 Fotos – und der Zuschauer glaubt, in die Seele dieses Mannes geblickt zu haben. Gerling berichtet, der Iraner sei drei Monate nach den Aufnahmen gestorben.

Gedrosseltes Tempo, poetische Ruhe

Das überraschte Lächeln in der Mitte der Fotoreihe haben viele der Daumenkinos gemeinsam. Und es ist jeweils dieses Lächeln, das so viel über die Fotografierten verrät. Mal schlägt es um in fröhliches Lachen, mal in verblüfftes Erstaunen, mal nutzt eine junge Frau die Zeit, um sich ihr T-Shirt über den Kopf zu ziehen und barbusig zu posieren. Die einzigen, die stillhalten, sind Kinder: Die Gabe, vorurteilsfrei und gedankenlos einfach abzuwarten, was geschieht, geht offensichtlich mit zunehmendem Alter verloren.

Schade, dass Gerling nur einen Abend in Augsburg weilte –am Montag hatte er schon seine nächste Vorstellung in Hamburg. Man hätte ihn gerne weiterempfohlen, man hätte gerne den sicher einzigartigsten Abend des Augsburger Filmfestes mit noch viel mehr Menschen und Freunden geteilt, und man hätte auch gerne selbst die Chance ein zweites Mal genutzt, inmitten all der schnellen Bilder (nicht nur des Filmfestes) das Tempo zu drosseln und diese poetischen Sekunden-Miniaturen in ihrer sensationellen Tiefe auf sich wirken lassen.

Volker Gerlings Daumenkinos kann man ausschnittsweise im Internet ansehen und dort auch bestellen: www.daumenkinographie.de.

» Fotokünstler und „Daumenkinograph“ Volker Gerling im Gespräch


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