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DAZ-Archiv vom 9. März 2017 • www.daz-augsburg.de

Nachtrag zu Brechts „Maßnahme“ vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise

Glanz und Elend des Gegenwartstheaters waren in dem von Selcuk Cara für das Brechtfestival 2017 inszenierten Lehrstück Bertolt Brechts „Die Maßnahme“ zu erleben.

Von Dr. Helmut Gier

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(c) brechtfestival

Pathetische Momente durch sakral anmutende Choreographien sowie stimmliches und körperliches Verausgaben, großartige Musik, aufdringliche Symbolik (Schlauchboot und Weihrauchfass), die verfremdende Konfrontation der Werke großer Autoren mit den Werken anderer großer Autoren (die Lesung von Dostojewskis „ Der Großinquisitor“) rufen starke Eindrücke hervor und bleiben nicht ohne Wirkung. Wir sind damit allerdings am Gegenpol dessen angekommen, was sich Brecht selbst als Aufführungsstil für sein Lehrstück vorstellte: „Die dramatische Vorführung muß einfach und nüchtern sein, besonderer Schwung und besonders „ausdrucksvolles“ Spiel sind überflüssig.“

Mit der „Maßnahme“ hat sich der Regisseur ein besonders sperriges und umstrittenes Stück für die Eröffnung des Brechtfestivals 2017 ausgewählt. 1930 verfasst wurde es nach dem Stalinismus lange Zeit als Rechtfertigung für die Säuberungen und Liquidierungen dieser Epoche missverstanden. Nachdem seine Aufführung bis 1997 untersagt war, ist es heute eine herausfordernde Aufgabe, ein aktuelles, nicht nur historisches Interesse aus diesem wichtigen Werk Brechts herauszuschälen. Der Regisseur ist dabei der Gefahr nicht entgangen, den Bedeutungsgehalt der „Maßnahme“ allzu unvermittelt auf die gegenwärtige Weltlage, im wesentlichen die Flüchtlingskrise, hinzubiegen.



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