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DAZ-Archiv vom 20. Juli 2010 • www.daz-augsburg.de

Jean Stein: Social Entrepreneurs in der Kapuzinergasse

Das soziale Kunstprojekt Jean Stein ist zu Ende. Nach zehn Wochen endete am Sonntag am frühen Morgen das womöglich aufregendste Experiment, das es jemals in der von aufregenden Experimenten nicht gerade überschäumenden Stadt Augsburg gegeben hat.

Von Siegfried Zagler

Sozial Entreneure in der Kapuzinergasse: Georg Heber, Manfred Hörr, Daja Zachow, Ivo Mannheims

Social Entrepreneurs in der Kapuzinergasse: Georg Heber, Manfred Hörr, Daja Zachow, Ivo Mannheim (Foto: Fijalkowski)

Zirka 15.000 Besucher, Gäste und Mitmacher folgten in den vergangenen zehn Wochen dem Ruf der federführenden Organisatoren Georg Heber, Ivo Mannheim, Daja Zachow und Manfred Hörr in das „Labor der Träume“. Sehr bescheiden geschätzt, da die Teilnehmer bei der Eröffnung am 1. Mai „Stuhlgang“ und der Abschlussveranstaltung am vergangenen Samstag „Il Vicolo del Cappuccino“ nicht mitgezählt wurden. „Labor der Träume“ klingt ein wenig fellinesk: „Plattform für alles Rätselhafte, insbesondere Musik“, ist die bessere Umschreibung von Jean Stein, das von Beginn an als vorübergehendes Projekt geplant war. Über Facebook haben 1600 „Freunde“ das Geschehen in der ehemaligen Gaststätte mit Biergarten in der Kapuzinergasse 15 begleitet und unterstützt.

Fast jeden Abend gab es Konzerte, die fast immer ausverkauft waren. Dazwischen standen sehr gut besuchte literarische Lesungen, ein philosophisches Duett „über die Gelassenheit“ mehrere Poetry-Slams und Vorträge aller Art im Programm, wobei „das Programm“ von jenen geschrieben wurde, die es auf die Bühne brachten. Die Bands aus St. Petersburg, Paris, Bern und anderswo wurden natürlich gebucht. Bei den Konzerten verlangten die Macher Eintritt, was nur deshalb bemerkenswert ist, weil die Gastronomie ohne feste Preise auskam. Die Gäste gaben in die „Spendekasse“, was sie wollten. Am Ende des Tages war nach Auskunft der Initiatoren immer der Vergabe angemessen viel Geld in der Kasse. „Viele Köche verderben den Brei“, bei Jean Stein lächelte man darüber. Beinahe jeden Tag wechselten die Koch-Projekte und die Speisekarte. Kochen konnte, wer wollte. Die Abrissimmobilie wurde von zirka 40 Leuten im April bemalt, „und selbst da haben wir uns nicht eingemischt“, so Initiatorin Daja Zachow, die Jean Stein am ehesten als „Social Entrepreneurship“ betrachtet. Also eine unternehmerische Tätigkeit, die sich innovativ, pragmatisch und langfristig für einen positiven wie nachhaltigen Fortschritt einer Gesellschaft einsetzt. Man will in dieser Unternehmensform nicht den Gewinn maximieren, sondern einen nachhaltigen Nutzen für alle generieren, ohne dabei auf öffentliche Gelder angewiesen zu sein.

“Jeder Mensch ist ein Künstler”

Daja Zachow: "Nicht den Gewinn maximieren, sondern einen Nutzen für alle verfolgen"

Daja Zachow: "Nicht den Gewinn maximieren, sondern einen Nutzen für alle verfolgen" (Foto: Fijalkowski)

Joseph Beuys’ berühmtestes Zitat wurde oft als Beweis für die vermeintliche Beliebigkeit zeitgenössischer Kunst angeführt. In der Fortsetzung gibt das Zitat allerdings Aufschluss über die Wittgensteinsche Dimension in der Beuys’schen Philosophie: “Damit sage ich nichts über die Qualität. Ich sage nur etwas über die prinzipielle Möglichkeit, die in jedem Menschen vorliegt. Das Schöpferische erkläre ich als das Künstlerische, und das ist mein Kunstbegriff.“ - „Jeder Mensch ist ein Künstler“, lautet das Zitat.

Die Spur, die Jean Stein in den vergangenen zehn Wochen in die Stadt gelegt hat, hat sich in die Köpfe der Gäste, Besucher und Mitmacher gebrannt: Nur einen Steinwurf vom hemdsärmligen Klimbim der monokulturverslumten Maxstraße enfernt, hat sich durch die Mitarbeit von Freunden, Gleichgesinnten und einem virulenten Netzwerk ein öffentliches Kulturprojekt entwickelt, dessen Erfolg auf ein ungeheures kulturelles Defizit in dieser Stadt verweist. Ein Projekt, dessen Fortschreibung eben genau aus diesem Grund in Stein gemeißelt scheint.


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